Das Sanitätskorps der Stadt Zürich

Sanitätsdienst zu Zeiten, in denen der Krankenwagen gefüttert werden musste.

Stadthausquai 17, 8001 Zürich (Karte)

von Tim Russenberger

Schutz und Rettung Zürich ist aktuell die grösste zivile Rettungsgesellschaft der Schweiz. Von den Anfängen ist heute nicht mehr viel sichtbar.

Gründungsgeschichte
Abb. 1: Sanitätsposten am Müsterhof beim Nordturm der Fraumünsterkirche, dem Fraumüsteramt, 1897.

Kurz vor der Jahrhundertwende wurden medizinische Notfälle und Transporte in der Stadt Zürich von der Polizei geregelt. Mit dem Anschluss weiterer zehn Gemeinden an die Stadtgemeinde Zürich 1891, äusserte sich der Wunsch nach einer zentralen Institution, welche sich unabhängig von der Polizei um diese Angelegenheiten kümmerte. So wurde am 1. Januar 1893 das Sanitätskorps der Stadt Zürich gegründet. Dieses war dem Gesundheitsinspektorat unterstellt und bestand aus 14 Sanitätern.

Die erste Wirkungstäte des Sanitätskorps war das alte Fraumünsteramt, welches limmatseitig an das Fraumünster angebaut war. In Art. 94 der städtischen Verordnung von 1894 waren die Aufgaben des Korps niedergeschrieben. Krankentransporte, Desinfektion, sanitarische Wohnungskontrolle und Lebensmittelkontrolle. Als Hilfsmittel waren acht Krankendroschken und eine Leichendroschke verfügbar. Mit diesen pferdebetrieben Droschken wurden im Jahr 1894 insgesamt 1086 Kranke und 65 Leichen transportiert. Als Vergleich: Schutz und Rettung Zürich führte im Jahr 2015 über 35’000 Einsätze aus.

Abb. 2: Pferdedroschke des Sanitätskorps für einen Transport im Einsatz, 1893.

„Krankentransporte, Desinfektion, sanitarische Wohnungskontrolle und Lebensmittelkontrolle“

Frauenfelder 1999, Sanität Zürich.
Ausbildung und Personal

Was 1893 mit 14 Mann begann, war schon wenige Jahre später ungenügend, um alle Aufgaben zu erfüllen. 1896 stockte man auf 19 Mann auf. Diese teilten sich einen Arbeitstag wie folgt auf.

AufgabeAnzahl
KrankentransporteZwei Schichten à 5 Mann
Desinfektion4 Mann
Wohnung und Gewerbehygiene2 Mann
Lebensmittelkontrolle3 Mann
„Schichtplan 1896“ 1

Die Anforderungen an die Sanitätsmänner waren zur Gründungszeit folgende.

„Art. 3. Zur Aufnahme in das Sanitätskorps sind erforderlich:

  1. Der Besitzt des Aktivenbürgerrechts und ein guter Leumund;
  2. Körperliche Befähigung zum Sanitätsdienst;
  3. Alter von 20-35 Jahren;
  4. Zweijähriger Sekundarschulbesuch oder entsprechende Kenntnisse, namentlich im Lesen, Schreiben und Rechnen.“2

Diese Anforderungen galten von 1894-1927.

1894 legte der Chef der Sanität weitere Schwerpunkte der Ausbildung fest, welche jeder Sanitätsmann beherrschen sollte. Dieselben wurden auch geprüft.

  1. Menschliche Organe. Art und Zweck derselben.
  2. Über Ohnmachten, Erstickungstod, Scheintod, Verbrennung, Epilepsie, Geisteskranke, etc., sowie über Art der Krankentransporte.
  3. Sowie über die Handhabung der Lebensmittekontrolle, Milchinspektion, Wein, Brotkontrolle, Wurstwaren & Spezereierhebungen.
  4. Praktische Übungen der verschiedenen Transporte und Verbände.

Anhand dieser Punkte mussten sie eine praktische und theoretische Prüfung bestehen, nach erhaltener Instruktion.

Die Jahresbesoldung wurde 1894 auf 1600-2500CHF festgelegt. Sie wurde nach Leistung und Dienstalter festgesetzt.

1,2 Frauenfelder 1999, Sanität Zürich.

Abb. 3: Jubiläumsflyer 125 Jahre Sanität Zürich
Berufskleidung der Sanitäter

Auch heute setzt man bei Blaulichtorganisationen auf einheitliche Einsatzkleidung. Eine solche sollte es auch für das Sanitätskorps geben. Das Budget belief sich auf 150CHF pro Mann und Jahr.

3„Dieselbe hat zu bestehen in:

  1. Einer blauen Mütze, ähnlich derjenigen des Polizeikorps, aber ohne Passepoil; an der Stelle letzterer Auszeichnung hat ein „S“ mit dem Zürcher Wappen zu treten,
  2. Einer blauen, mittels Hornknöpfen bis an den Hals geschlossenen Serge-Joppe mit umgelegtem Kragen.
  3. Einer aus gleichen Tuche angefertigten Hose ohne Passepoil,
  4. Einer naturfarbenen, leinenen Bluse mit Zug oder Gurt.“

Eine Passepoil ist eine wulstartige Verstärkung der Kleidung an Rändern oder Nähten.

Die Serge-Joppe ist vergleichbar mit dem heutigen Oberteil des Tenue A der Schweizer Armee.

3 Frauenfelder 1999, Sanität Zürich.

Abb. 4: Sanitätsposten in der Spitalgasse
Wie Technologie den Krankentransport veränderte

Der Transport der Kranken und Leichen erfolgte ab Gründung bis 1911 durch Pferdefuhrwerke. Diese waren mit Holzrädern ausgerüstet, welche keine dämpfenden Eigenschaften besassen. Besonders auf den gepflasterten Strassen der Zürcher Innenstadt erschwerte das holprige Fahrverhalten die Arbeit. 1899 wurden die ersten Droschken mit Gummirädern ausgestattet, sodass bis 1910 vier der neun Droschken umgerüstet wurden. 1910 transportierte man bis 25 Personen am Tag was mit neun Pferdedroschken kaum mehr zu bewältigen war. Aus diesem Grund wurden 1911 die ersten Elektromobile der Firma Tribelhorn angeschafft, was zur stetigen Ablösung der tierisch betriebenen Droschken führt.

Die Elektromobilität, welche heute wieder in aller Munde ist, leistete sich anfangs des 20. Jahrhundert ein Kopf an Kopf Duell mit dampf- und benzinbetrieben Fahrzeugen, um die Vorherrschaft im Strassenverkehr. Auch der Schweizer Elektropionier Johann Albert Tribelhorn leistet mit seinen Elektromobilen einen Beitrag, zu der frühen Geschichte strombetriebener Fahrzeuge. So produzierte seine Firma vorallem Nutzfahrzeuge wie etwa Krankenwagen.

Der Tribelhorn Krankenwagen kostete 11’931 CHF. Rund zwöf Pferdestärken sorgten für eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h. Die Reichweite betrug 60-90 Kilometer. Der Transport vollzog sich nun ruhiger, ohne Abgase und rascher. Die Dauer der Transporte konnte dadurch etwa um die Hälfte gesenkt werden, auch weil man die Wagen nicht mehr bespannen musste. Zusätzlich vollzog sich der Startvorgang einfacher. Ohne Kurbeln oder schmutzige Hände wie dies bei den Benzinmotoren zu dieser Zeit üblich war. Die Pferdedroschken und Elektromobile waren sehr spartanisch ausgerüstet. Sie besassen meist nur eine Bahre, Decken, Verbände und Schienen.

Das alte Fraumünsteramt

Der Gründungsort im alten Fraumünsteramt wurde von 1893-1897 betrieben. Der Umzug erfolgte aufgrund eines Erweiterungsbaus des angrenzenden Verwaltungsgebäudes von 1898-1900. Dabei wurde das alte Fraumünsteramt komplett abgerissen. Beim 1900 fertiggestellten Bau handelt es sich um das heutige Stadthaus. Deshalb zog das Sanitätskorps am 20. November 1897 in der Gerberstrasse 1. ein. Die Droschkenhaltestelle/Stall wurde am Löwenplatz eingerichtet.

Viele Transporte brachten die Patienten in das nahegelegene Kantonsspital Zürich (heute USZ). Das Sanitätskorps brachte jedoch auch „Geisterkranke“ in die Psychiatrische Klinik Burghölzli. Diese ist vom Standort Gerberstrasse ca. 4.5 Kilometer entfernt. Die Standortstrategie deutet darauf hin, dass man mit einem Zentralen Startpunkt, alle Stadtteile in einer angemessenen Zeit erreichen konnte.

Abb. 7: Stadthaus neben dem Fraumünster, 2022.
Abb. 8: Stadtplan von Zürich ca. 1900. Auf der Karte eingezeichnet sind die ersten Standorte des Sanitätskorps.
Das Junge Kapitel der Frauen im Einsatz

Die Arbeit als Sanitäter war in Zürich sehr lange Männersache. Die Führung vertritt lange die Meinung, dass Frauen Physisch und Psychisch nicht genügend leistungsfähig sind. 1996 wurde eine neue objektive Beurteilung der Fähigkeiten eingeführt, welche erstmals auch Frauen am Aufnahmeverfahren teilnehmen liess. 1997 starteten die ersten drei Frauen mit ihrer Tätigkeit als Sanitäterinnen durch.

Video zum Jubiläum 125 Jahre Sanität Zürich (2018)
Bildquellen

Abb. 1: https://baz.e-pics.ethz.ch/catalog/BAZ/r/51651/viewmode=infoview
Abb. 2/3/4: Schutz und Rettung Zürich
Abb. 5/6: https://www.uetikermuseum.ch/
Abb. 7: Foto Tim Russenberger
Abb. 8/9/10: https://www.stadtplan.stadt-zuerich.ch/zueriplan3/stadtplan.aspx#route_visible=true&basemap=Z%C3%BCrich+um+1900&map=&scale=64000&xkoord=2682494.760309708&ykoord=1246805.4073702474&lang=&layer=&window=&selectedObject=coordinate2683903_1247458&selectedLayer=&toggleScreen=1&legacyUrlState=&drawings=

Literatur

Frauenfelder, Thomas: Dissertation Sanität Zürich (1893-1994). Zürich 1999.
Uetiker Museum. (2012), Tribelhorn, Erste Elektrofahrzeuge vom Zürichsee, Abgerufen am 05.12.2022 von https://www.uetikermuseum.ch/ausstellungen.php?objekt_nr=981.