Der Musikpavillon im Platzspitzpark

Der Haupttreffpunkt der offenen Drogenszene der Stadt Zürich

Autorin: Kristina Slavkovic

Platzpromenade 5, 8001 Zürich (Karte)

Abbildung 1: Musikpavillon 1989.

Der Musikpavillon wurde in den 90ern zum Haupttreffpunkt der öffentlichen Drogenszene der Stadt Zürich. Am Musikpavillon spielte sich das ganze Elend der Drogenszene ab: Hier übernachteten die Drogenabhängigen, hielten sich im Winter warm und spritzten sich ihre tägliche Dosis.1

Abbildung 2: Musikpavillon aktuell.

Die Geschichte des Ortes

Der grosse grüne Platz, der sich von der Einmündung des Flusses Sihl in die Limmat bis hinauf zur Stadt erstreckt, diente den Leuten der Stadt Zürich schon seit dem Mittelalter als Weideland, Schiessplatz und Ort für Festlichkeiten. Der Platzspitzpark selbst wurde in den 1780er Jahren erstellt.2

1883 wurde der Musikpavillon aufgrund der Schweizerischen Landesaustellung durch die Gebrüder Koch erstellt. Er bildete schon immer einen berühmten Treffpunkt am Platzspitzspark aufgrund seiner Auffälligkeit. Die Architektur des Musikpavillons nimmt sich ein Beispiel an die grossen Ingenieurbauwerke zu dieser Zeit (an Stahl- und Gusseisenkonsruktionen in Fabriken, Brücken und Bahnhöfen). Im Unterschied zu den grossen Ingenieurbauwerken ist der Musikpavillion selbst mit Bauschmuck verziert (mit Metallrosetten, Tragestützen in die Dachkonstruktion etc).3

In den Jahren 1892 bis 1898 wurde das Landesmuseum vom Architekten Gustav Gull hinter den Bahnhof auf dem Areal erbaut, wo zuvor eine kleinere Halle der Landesaustellung stand. Der Musikpavillon, der heute noch steht, stand nicht immer an der selben Stelle. Dieser wurde verschoben, da der Pavillon in Kombination mit dem Springbrunnen den Park abschnitt. Im Zeitraum von 1992 bis 1993 wurde der Platzspitzpark renorviert, da Teile des Parkes durch die Drogenszene schwer beschädigt worden waren, somit war der Park für dieses Jahr für die Öffentlichkeit unzugänglich.2

Historischer Kontext

Im Jahr 1980 entstand in einer Fabrik, welche sich im Zentrum von der Stadt Zürich befand, das autonome Jugendzentrum (AJZ). Das AJZ gründeten Jugenliche, während den Zürcher Jugendunruhen, nach dem sogenanntem „Opernkauskrawall“. Im Velauf der Zeit nutzten vermehrt Alkoholabhänige und Drogensüchtige das AJZ als Unterschlupf, die ersten „Fixerräume“ enstanden.4

Im Allgemeinen nahm seit den frühen 70er Jahren der Konsum von illegalen Substanzen und besonders von Heroin in Zürich stetig zu.5

Im Jahr 1982 riss die Stadt Zürich den Gebäudekomplex aufgrund von illegalem Handel und Drogenkonsum ab. Aufgrund dessen verschob sich die Drogenszene auf die öffentlichen Plätze in Zürich. Die Polizei hatte nun vermehrt die Aufgabe, die Drogenabhängigen von diesen Plätzen fern zu halten. Die Verfolgungen der Drogenabhängigen nahm ihr Ende mit der Entstehung der „Needle-Parks“.4

Die Schliessung des Platzspitzes war im Jahr 1992. Das Drogenproblem der Schweiz wurde jedoch dadurch nicht gelöst, sondern vielmehr verschoben. Die Drogenszene war fortan in den Kreisen 4, 5 und 6 vertreten, was enorme Belastungen der Bewohner/Bewohnerinnen in diesen Quartieren zufolge hatte.5

Medizinhistorische Bedeutung

Der Musikpavillon ist medizinhistorisch von Bedeutung, da sich um ihn herum die offene Drogenszene breit gemacht hatte. In und um den Musikpavillon übernachteten die Drogenabhängigen und hielten sich im Winter warm. Der Musikpavillon steht heute noch und wurde bis zum heutigen Stand dreimal sarniert (1992, 2011 und 2020).6,7

Im Allgemeinen hatte man in der Schweiz erhöhte HIV- und Hepatis-Infektionen aufgrund der offenen Drogenszene, welche sich am Platzspitzpark selbst 1985 aufgrund des Spritzenverbots verschlimmerte. Dieses Verbot fand jedoch nach einem Jahr sein Ende und die Stadt errichtete eine Spritzenabgabestelle am Platzspitz. Zu Beginn der 90er Jahre stieg der Drogenkonsum und -handel nur noch mehr, da zu dieser Zeit ein starker Preisabfall auf dem Drogenmarkt sich ersichtlich machte. Der Gebrauch an Spritzen stieg zu Spitzentagen bis zu 15 000 am Tag und es starben jährlich bis zu 400 Menschen an den Folgen des Konsums.1

Meine Interpretation

Es ist sehr eindrücklich, dass eine grosse, offene Drogenszene so zentral in Zürich entstand. Ein Musikpavillon ist im allgemeinen dazu da, um Feste und Konzerte abzuhalten, und könnte daher auch eine postive Assoziation darstellen. Es ist sehr widersprüchlich, dass der Hauptreffpunkt der offenen Drogenszene an solch einem Ort enstand, welcher normalerweise als ein „glücklicher Ort“ angesehen wurde. Andererseits könnte man die offene Drogenszene in Zürich nicht ausschliesslich als negativ ansehen, denn der Platzspitzpark war damals enorm berühmt und gewann weltweit in den Medien an Bedeutung. Deswegen könnte man auch damit argumentieren, dass die Stadt Zürich oder allgemein die Schweiz damit einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hatte. Denn die Schweiz hatte fortan nicht mehr versucht, die ganze Drogenproblematik unter den Tisch zu kehren und hatte somit in der Öffentlichkeit ein Statement gesetzt.

Literaturverzeichnis

1B. Kieser (o. J.), Die offene Drogenszene in Zürich (abgerufen am 21.11.2022).

2J. Rohrer-Amgerg (1994), Platzspitz Zürich = Le “Platzspitz“ de Zurich= Platzspitz Zurich, Anthos. Zeitschrift für Landschaftsarchitektur 33/1, .S. 16–20. https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=ant-001:1994:33::330#27

3Stadt-Zuerich. (o. J.), Musikpavillion im Platzspitzpark, Platzpromenade 5, Abgerufen am 21.11.2022 von https://www.stadt-zuerich.ch/hbd/de/index/staedtebau/archaeo_denkmal/denkmal/objekte/musikpavillon_platzspitzpark_platzpromenade_5.html.

4D. Meili. (2007), Vom Zürcher Platzspitz zur Heroinverschreibung – oder: Die progressive Drogenpolitik der Schweiz. Suchttherapie 2007; 8(2): 50-56. https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-2007-981666?update=true&ERSESSIONTOKEN=x2Bxxap8FRLbXrizx2FSX9XxxNWhjbWPFjBule-18x2dvCH9cq67rCDXMEftOGFLIQx3Dx3D5GxxlyCmdViO9jTBmLFsx2BsAx3Dx3D-d4x2FrgR0Sqp5KUK8uh7Xqkwx3Dx3D-6gOkCCiAjjGoRkJFX2VU8gx3Dx3D.

5B. Kieser (o. J.), Die offene Drogenszene in Zürich, Abgerufen am 21.11.2022 von https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/stadtarchiv/bilder_u_texte/geschichte-vor-ort/Offene-Drogenszene.html.

6M. Huber. (2019), Zürich saniert Platzspitz-Pavillon für eine Million Franken, Abgerufen am 21.11.2022 von https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich-saniert-platzspitz-pavillon-fuer-eine-million-franken-604237142796.

7H. Hubacher. (2019), Musikpavillon als Schandmal, Abgerufen am 21.11.2022 von https://www.bazonline.ch/musikpavillon-als-schandmal-860619898960.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Musikpavillon 1989, Quelle: G.Vogler. (1989). Nur saubergekämmt sind wir frei (S. 123). Herausgegeben von Verena Stettler im eco-verlag.

Abbildung 2: Musikpavillon aktuell, Quelle: Kristina Slavkovic, Bild ist enstanden am 15.11.2022.