Der Ehgraben im Niederdörfli

Zwischen den Gebäuden Schifflände 30 / 32 bis zur Oberdorfstrasse 25 / 27 (Karte)

von Marah Ruepp

Zwischen den Gebäuden Schifflände 30 und 32 im Zürcher Niederdorf versteckt sich eine unauffällige braune Holztür. Durch sie gelangt man in einen unterirdischen Tunnel. Dieser ist heute sauber, gut beleuchtet und schlängelt sich, immer enger werdend, bis zur Oberdorfstrasse, wo man ihn durch ein knapp 50 Zentimeter breites Türchen wieder verlassen kann. Kaum einer würde ahnen, dass dieser „Geheimort“ eine ziemlich übelriechende Vergangenheit hat. Denn noch bis vor etwas mehr als 100 Jahren diente das Gässchen noch als sogenannter Ehgraben. Wie der Ehgraben mit der Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens Zürichs zusammenhängt, davon handelt dieser Blogeintrag.

Was war ein Ehgraben?

Falls Sie sich je gefragt haben, was im Spätmittelalter mit den kleinen und grossen Geschäften der Bewohnerinnen und Bewohner Zürichs geschah, so liefert diese enge Gasse einen bildhaften Eindruck. Bis ins 19. Jahrhundert befanden sich an den Hinterseiten zweier gegenüberliegender Häuserreihen sogenannte „Ehgräben“. Der Name leitet sich vom mittelhochdeutschen ê(we), „Gesetz“, ab. Ein Ehgraben war demnach definiert als „rechtsgültiger Grenzgraben“ zwischen zwei Häuserreihen, in welchen sich die Latrinen entleeren konnten. Flüssiges floss durch das natürliche Gefälle in die Limmat ab. Festes wurde von Stroh gebunden und abwechselnd von den Anwohnern eingesammelt. Lange fand der menschliche Stuhl Anwendung in der Landwirtschaft als Dünger.

Abb. 1.: Der Ehgraben vor und nach der Kloakenreform, Zeichnung: Oliver Lüde
Abb. 2.: Die Ehgräben zwischen den Häuserreihen, Zürich, Datum unklar
Ein neuer Blick auf Hygiene

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts veränderten sich die allgemeinen Vorstellungen von Hygiene. Während zum Beispiel öffentliche Gemeinschaftslatrinen lange Zeit zur Normalität gehörten, begann man vermehrt Scham und Peinlichkeit diesbezüglich zu verspüren. Zudem war in dieser Zeit der Glaube weit verbreitet, dass sogenannte „Miasmen“, von verseuchter Erde aufsteigende, faulige Gerüche, Krankheiten auslösen könnten.

Im Zuge der Industrialisierung verdreifachte sich die Bevölkerung der Zürcher Altstadt beinahe. Hinzu kamen die rasch wachsenden Arbeitervorstädte Oberstrass und Aussersihl. Es entstanden Probleme bei der Entsorgung von Fäkalien und Brauchwasser. Im Herbst 1855 begannen Ärzte, Bautechniker und Ingenieure erstmals, über eine Reform des Entsorgungswesens zu diskutieren. Zu einer grossen Veränderung kam es aber noch nicht.

Abb. 3.: Abtransport des Stadtmists, Zürcher Schifflände um 1820, Zentralbibliothek Zürich
Die Zürcher Choleraepidemie von 1867

Am 30. Juli 1867 verbreitete sich in Zürich die Cholera. Bereits zwanzig Jahre zuvor kam es zu einigen kleineren Ausbrüchen, jedoch handelte es sich nun um die stärkste je in der Schweiz aufgetretene Choleraepidemie. Man versuchte, die Ansteckungen mit bekannten Massnahmen zu bekämpfen, die bisher bei der Eindämmung von Epidemien geholfen hatten: Isolation von erkrankten Haushalten, Desinfektion der betroffenen Wohnhäuser und Säuberung öffentlicher Plätze. Sogar ein Weinverbot wurde diskutiert. Doch durch die grosse Bevölkerungsdichte entpuppten sich sie Massnahmen als wirkungslos. Das öffentliche Gesundheitswesen war überfordert. Ein Zeitzeuge beschrieb die Situation wie folgt:

Wer im Herbst 1867 Zürich besuchte, der glaubte sich in ein grosses Sterbehaus versetzt. Verstummt war Sang und Lust in der lebensfrohen Stadt, verödet und still die Strassen, die öffentlichen Lokale standen leer, und wo früher herrliche Musik das Ohr ergötzte, das geschäftige Treiben der Börse die Tonhalle-Säle belebte, da erblickte das Auge Bett an Bett gereiht der Lazarette stummen Jammer.

Traugott Koller, zit. nach Craig (1988), aus: Condrau, F.: Demokratische Bewegung
Einfluss der politischen Unruhen

Nicht nur gesundheitlich steckte die Zürcher Bevölkerung in einer Krise. Es wurde über eine Revision der Kantonsverfassung und weitere wirtschaftliche und politische Reformen diskutiert. Angeführt wurden die Unruhen von einer radikal-demokratischen Opposition, welche den grossen Einfluss und die Vorherrschaft der liberalen Führungselite kritisierte. Auffällig war im Jahr 1867, dass die Choleraepidemie vermehrt in öffentlichen Versammlungen als politisches Argument aufgegriffen wurde. So sprach Karl Bürkli, ein führender Demokrat, in einer seiner Reden:

Unter System verstehe ich den verderblichen Einfluss der Interessenwirschaft (…). Das System, wie die Cholera, ist nicht mit Händen zu greifen, aber man spürt es in allen Gliedern.

Salomon Bleuler-Hausheer: Aktenstücke aus der Zürcher Revisionsbewegung, zit. nach Decurtis u. Grossmann (1993), aus: Condrau, F.: Demokratische Bewegung

In den Arbeitervorstädten Oberstrass und Aussersihl forderte die Cholera auffällig viele Opfer, während die Oberschicht vermehrt aus der Stadt flüchtete. Auch diese Tatsache verhalf der demokratischen Bewegung zu breiterem Zuspruch.

Die Kloakenreform

Man kann also annehmen, dass sowohl die Choleraepidemie als auch die politischen Unruhen treibende Faktoren in der Revision des Abwasser- und Entsorgungssystems waren. Denn obwohl die Pläne dafür bereits seit 1855 diskutiert wurden, wurde die sogenannte „Kloakenreform“ im August 1867 nun innert kürzester Zeit verordnet und durchgeführt.

Die offenen Ehgräben wurden überdacht und mit Nischen ausgestattet. Durch Fallrohre aus den Latrinen gelangten die Abfälle in Kübel. Dort konnte Flüssiges durch ein Sieb in Kanalrohre versickern. Die Eimer wurden vom ebenfalls neu geschaffenen städtischen Abfuhrwesen eingesammelt und gereinigt. Im Ehgraben im Niederdörfli sind diese Nischen noch bis heute gut sichtbar.

Abgeschaut hatte man sich dieses System von Paris. Es ist anzunehmen, dass der Wunsch, als moderne Stadt international mit den grossen Metropolen mithalten zu können, ebenfalls ein wichtiger Hintergedanke bei der Durchführung der Kloakenreform war.

Weitere Entwicklung im 20. Jahrhundert

Schon kurz nach der Einführung des Kübelsystems wurde jedoch über alternative Lösungen nachgedacht. Das Einsammeln der Kübel war sehr umständlich, kostenaufwändig und wenig hygienisch. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte man ein Schwemmsystem, das die Kübel ablöste. 1926 nahm die erste Kläranlage, das Werdhölzli, ihren Betrieb auf.

Abb. 7. : Kübelwäscherei beim heutigen Hardhof, um 1905, ETH Festschrift
Video 1.: Durchschreitung des Ehgrabens im Zeitraffer, Marah Ruepp
Bildquellen

Abb. 1: Ehgraben, Stadt Zürich, https://www.stadt-zuerich.ch/hbd/de/index/staedtebau/archaeo_denkmal/archaeo/geschichte/a_fenster/ehgraben.html (12.12.2023)

Abb. 2.: Ehgraben, Open Data Stadt Zürich, https://www.bing.com/images/search?view=detailV2&ccid=2pTkTfit&id=5FD25756BA008AE8B3D964B138D4351ED89A0691&thid=OIP.2pTkTfitXuM9xDqktwSnJgAAAA&mediaurl=https%3A%2F%2Fwww.gis.stadt-zuerich.ch%2Fzueriplan_docs%2Fgeocat%2F7ba709c2-4dd0-4aa5-8042-8342c4a5d32a.png&cdnurl=https%3A%2F%2Fth.bing.com%2Fth%2Fid%2FR.da94e44df8ad5ee33dc43aa4b704a726%3Frik%3DkQaa2B411DixZA%26pid%3DImgRaw%26r%3D0&exph=222&expw=300&q=ehgraben+stadt+z%c3%bcrich&simid=608004285504489645&form=IRPRST&ck=D10A5D9C311AE102CDD66060FCB01480&selectedindex=2&itb=0&vt=4&sim=11 (12.12.2023)


Abb. 3.: Darstellung aus Zentralbibliothek Zürich, gefunden auf: Stadt Zürich, https://www.stadt-zuerich.ch/hbd/de/index/staedtebau/archaeo_denkmal/archaeo/geschichte/a_fenster/ehgraben.html (12.12.2023)

Abb. 4.: Tiefbauamt Zürich, Baugeschichtliches Archiv, https://baz.e-pics.ethz.ch/catalog/BAZ/r/210880/viewmode=infoview/qsr=kanalisation%20 (12.12.2023)

Abb. 5: Ehgraben bei der Schifflände, Fotograf unklar, https://www.britishresidents.ch/event-pro/round-table-and-the-ehgraben/ (12.12.2023)

Abb. 6: Ehgraben bei der Schifflände, Fotos von Marah Ruepp, 24.10.2023

Abb. 7.: Fotos aus ETH Festschrift 1905, gefunden auf: Stadt Zürich, https://www.stadt-zuerich.ch/hbd/de/index/staedtebau/archaeo_denkmal/archaeo/geschichte/a_fenster/ehgraben.html (12.12.2023)

Video 1.: Ehgraben bei der Schifflände, gefilmt von Marah Ruepp, 24.10.2023

Literatur

Condrau, Flurin: Demokratische Bewegung, Choleraepidemie und die Reform des öffentlichen Gesudheitswesens im Kanton Zürich (1867), Sudhoffs Archiv, 1996, Nd. 80, H. 2 (1996), pp. 205-219. Online:  http://www.jstor.org/stable/20777547, Stand 24.11.2023.

Hochbaudepartemend Stadt Zürich: Ehgraben, Infotafeln, stadt-zuerich.ch, https://www.stadt-zuerich.ch/hbd/de/index/staedtebau/archaeo_denkmal/archaeo/geschichte/a_fenster/ehgraben.html, Stand: 24.11.2023.

Oller, Katrin: „Als WC-papier benutzte man Heu“: Zurück in der Zeit, als man sich im Scheissgraben erleichterte, Limmattaler Zeitung, 24.08.2020, https://www.limmattalerzeitung.ch/limmattal/zuerich/als-wc-papier-benutzte-man-heu-zuruck-in-der-zeit-als-man-sich-im-scheissgraben-erleichterte-ld.1249574, Stand: 24.11.2023.