Stimmungen und Begegnungen

Auch wenn man bisher wenig von Solowki gehört hat, kommt man mit bestimmten Erwartungen auf die Insel: Einsiedler-Romantik, Beschaulichkeit und einsame Klosterbewohner kommen als Erstes in den Sinn. An Beschaulichkeit fehlt es in der Tat nicht und das Kloster dominiert nach wie vor die Insellandschaft. Einsam aber muss man sich als Tourist_in durchaus nicht fühlen. Die Insel ist gut auf Tourismus gemünzt. Die Einheimischen vermieten ihre Wohnungen als Feriendomizile. Die Unsere lag in direkter Nachbarschaft zu der früheren Frauenbaracke aus der Zeit des Solowjetski-Lagers; nun ebenfalls umgebaut und dem Zivilleben angepasst. Kaffe und W-Lan findet man ohne grosse Mühe, es gibt sogar Banjas und Möglichkeiten zum Ausgehen. Bereits am ersten Tag fand sich ein ländlich gestyltes Hotel mit einem breiten Erholungsangebot – wir haben ein Dartspiel in Anspruch genommen und dazu einen Tee genossen. Esslokale gibt es einige auf der vermeintlich abgelegenen Insel; vor allem zu überraschend günstigen Preisen. Preiswert war es auch in der Klostermensa mit ihren riesigen Bänken und Tischen – alles auch für Atheist_innen nutzbar, nur mit einem kleinen Vermerk, die Klosterruhe zu respektieren. Die hiesige Klosterküche war auch an anderen Stellen der Insel präsent. Ihre Backprodukte erfreuen sich dabei besonders grosser Beliebtheit (Pirozhki mit Kascha waren unsere Energiespender Nummer eins).

In dieser ganzen Beschaulichkeit kommt jedoch irgendwann die Frage zu den saisonalen Schwankungen auf: Wie wird auf dieser Insel während der Einstellung des Schiffsverkehrs (aufgrund des zugefrorenen Meeres) und der damit einhergehenden Tourismuspause überwintert? Unsere Neugier liess uns mit der lokalen Bevölkerung ins Gespräch kommen. Aus dem Gespräch mit der Souvenirverkäuferin Irina erfuhren wir über die „oszillierende“ Migration – ein Drittel der „Inselinsassen“ sind saisonale Pendler_innen (ca. 300 von insgesamt 900 Bewohner_innen), mit der Einstellung des Schiffverkehrs steigen die Preise um das Dreifache an, weshalb die verbleibenden Inselbewohner_innen in dieser Zeit bevorzugt von den selbst angelegten Vorräten leben. Eine Spalte zum Preisausgleich der Luftlieferungen von Lebensmitteln gibt es im Budget des Staatshaushalts nicht. Generell wird hier auf der Insel der Staat eher kritisch gesehen: Viele Einheimische nehmen an der Protestaktion „Weg mit dem Moskauer Müll an der Nordseeküste“ teil. Ein Protest, der sich auf die in der Oblast Archangelsk von lokalen Jägern entdeckte Müllhalde bezieht, die ab Sommer 2018 hinter dem Rücken der lokalen Bevölkerung aufgebaut wurde. Von den Moskauer Behörden wird dieses Projekt unter dem Namen „Shies“ als Umwelttechnologiepark angepriesen. Ein Affront für die betroffene Bevölkerung. Rote Ankleber zieren nun zur Untermauerung des eigenen Protests zahlreiche Autos auf Schutzblech und Windschutzscheiben.

Es gibt auch anderweitige gesellschaftliche Spannungen auf der Insel, die bis zu einem „schleichenden“ Widerstand ansteigen. Während des Rundgangs im historischen Museum der Lagergeschichte fiel die ungleiche Gewichtung der Themen auf, die mitunter auf die Geschichten der inhaftierten Klosterangehörigen und anderen Gefangenen gelegt wurden. Des Weiteren sprangen an mehreren Orten auf der Insel Spuren von Vandalismus ins Auge. Es fanden sich übermalte und anderweitig unlesbar gemachte Tafeln an Kreuzen und beschädigte oder „verschwundene“ Erinnerungssteine an Lagerinsassen_innen. Die Begegnung mit einem dem Kloster nah stehenden Mann veranschaulichte die Tiefe latenten Konflikts: Unser Gesprächpartner wies uns unvermittelt darauf hin, dass wir doch bitte nicht allem glauben sollten, was uns die Mitglieder von Memorial über das Leiden der Inhaftierten erzählen, sondern bedenken müssten, dass es vielen von ihnen sehr gut ging. Als Unterstreichung seines Arguments führte er an, dass manche Inhaftierte sogar Pelz trugen, wovon einzelne Fotografien tatsächlich zeugen. Diese Fotos sind jedoch im Kontext der zu Propaganda-Zwecken aufgenommenen Fotografien zu verorten und eben genau die Schaffung dieser idealisierten Vorstellung zum Zweck hatte. In die gleiche Kategorie fällt auch der in Russland berühmte Propaganda-Film „Solowki 1927-28“ (im Internet unter folgendem Link zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=O0UJGJwGX1E), sowie auch mehrere Beiträge, die von Prominenten dieser Epoche – wie etwa Gorkij – angefertigt wurden. Gorkij beschrieb unter anderem in einem Bericht, dass sich die Gefangenen frei bewegen durften (wie die politische Gefangenen zum Anfang der Lagergeschichte dies durften, wenn auch freilich nur auf einem begrenzten und überwachten Raum).

Unser Befremden dieser Begegnung wurde noch durch eine weitere Begebenheit verstärkt. Direkt vor dem Kloster befindet sich ein historisches Hotel im Umbau, dessen Baugerüste – wohl von den Trägern des künftigen Komplexes – mit Flaggen geschmückt sind. Neben der russischen Trikolore und der Marineflagge stach die Fahne von der so genannten „Junarmia“ (Jugendarmee) ins Auge – ein Adlerprofil auf rotem Grund. An den offenkundigen Assoziationen mit einer vergleichbaren Jungendorganisation der 1930-40er Jahre stören sich die Klosterangehörigen allen Anscheins nach aber nicht im Geringsten; anders als das als „zu viel“ empfundene Nachforschen der Gefangenengeschichte vonseiten Memorials.

 

Konflikte

Dieses Gemengelage hat uns auf die Konfliktlinie zwischen Kloster und Museum neugierig gemacht. Die ersten Nachforschungen lassen einige vorsichtig, allgemein formulierte Ansichten ansammeln. Aussagen wie: „Nun ja, diese Kirchlichen – sie wollen ihre Heiligen verehren und alle Getöteten pauschal zu Heiligen erklären. Das Weiterforschen ist nicht ihre Sache, das passt doch zu ihrer Ideologie“ waren die ersten Rückmeldungen.

Um ein Vielfaches differenzierter schilderte die Lage einer der Reiseteilnehmenden, der sich mit FSB-Strukturen auch eine Zeit lang beruflich auskannte. Der Tenor waren die Kontinuitäten der Machtstrukturen und ihrer Propaganda. Es reicht zu bedenken, wer hier eigentlich auf der Spitze der Machtpyramide steht – wer hierzulande der Staatschef (Spoiler: ehemaliger KGB-Funktionär) und wer der Patriarch (Spoiler: ein Vorsitzender des ehemaligen orthodoxen Untergrunds, der sich mit der sowjetischen Regierung verbündete) sei. Aus dieser Korrelation ergibt sich der scharfe Diskurs, welcher die Erinnerungskultur an die vom Regime ausgegangenen Verbrechen in der Sowjetunion ausklammert.

 

Diesem Tenor entspricht auch die Polemik, die sich kurz nach unserer Rückkehr aufs Festland entfesselte. Auf Sandarmoch – dem Ort, wo 1937 ein Massenmord an Gefangenen verübt wurde, die unter anderem auch aus dem Solowetskij Lager stammten – werden gerade Ausgrabungen vom Kulturministerium in Karelien mit dem Einsatz von Mitgliedern der „Gesellschaft für Kriegsgeschichte Russlands“ gestartet. „Memorial“ lege aus Sicht des Kulturministeriums mit vandalistisch anmutender Vorgehensweise an Erinnerungsorten Hand an: Die Ausgrabungen seien unprofessionell geführt, mit Resten von Ermordeten würde unzimperlich umgegangen – wohl mit dem Zweck, sich die Geschichte zurecht zu legen, so der Vorwurf. Denn das Narrativ, das die Verbündeten der Gesellschaft für Kriegsgeschichte vertreten, lautet nämlich, dass hier keinen Massenmord an Lagerinsasser_innen durch sowjetische Soldaten durchgeführt wurde, sondern eine Massenerschiessung von sowjetischen Kriegsgefangenen durch das finnische Militär durchgeführt worden sei (Informationen zum Ablauf der Sandarmoch-Ereignisse finden sich unter anderem unter folgendem Link: https://meduza.io/feature/2019/08/16/my-znaem-kto-sovershil-eti-prestupleniya-ot-stalina-do-strelka-kotoryy-stoyal-v-otseplenii).

 

Auf Solowki wird vor allem – nahezu systematisch – die Geschichte der politischen Gefangenen „vergessen“. Und es wundert nicht weiter, dass die damaligen Gefangenen ohne, beziehungsweise mit keiner einheitlichen Bekenntnisprovenienz in der Erinnerung auch in ihrem Nachleben von getreuen Staatsorganisationen und „umsichtigen“ Kirchenvätern „benachteiligt“ werden.

 

Geschichte und die Gegenwart der Erinnerungskultur an politische Gefangenen auf Solowki

Bevor auf die Erinnerungskultur eingegangen wird, bedarf es einer Rückblendung. Ab dem Jahr 1923 (genau am 6./7. Juni) wurden auf der Solowki-Insel unter anderen auch politische Gefangenen stationiert. Darunter befanden sich Angehörige der Menschewiki, Sozialrevolutionäre (SR) und Anarchisten. Sie alle hielt man von den anderen Delinquenten separiert und sie wurden sich ihres Sonderstatus wohl bewusst, den sie innehatten. Für die politischen Gefangenen waren Freiheiten wie Selbstorganisierung und Selbstverwaltung, und auch das Recht auf Bewegungsfreiheit (innerhalb des begrenzten Rahmens des Sonderlagers) vorgesehen und sie hatten ausser den pflichtmässigen acht Stunden pro Tag keine weitere Arbeitspflicht. Die Lage änderte sich jedoch rasant. Schon im Dezember 1923 wurde den Gefangenen die Bewegungsfreiheit entzogen. Darauf wurde mit einem spontanen Widerstand der politischen Gefangenen reagiert – sie weigerten sich, zu vorgeschriebener Stunde den üblichen Spaziergang über das Territorium des Lagers abzubrechen, worauf hin es zu einer Schiesserei kam und die sechs betroffenen Gefangenen mussten den Protest mit ihrem Leben bezahlen. Eine weitere Protestaktion seitens der Gefangenen war der zweiwöchigen Hungerstreik im Jahre 1924, womit die Inhaftierten auf die Schliessung des politischen Gefangenenlagers auf Solowki und der Verteilung der Lagerinsassen übers Festland bestanden, was letztendlich im Sommer 1925 tatsächlich erfolgte.

Diese insgesamt zwei Jahre der Lagergeschichte, bei der die politischen Gefangenen eine wichtige Rolle spielten, werden nun – trotz des sehr engagierten Bemühens des Memorial-Teams – dem Vergessen preisgegeben – so jedenfalls der allgemeine Eindruck von uns auf der Solowki-Reise.

 

Eine erste Irritation bezüglich dem Umgang mit der Vergangenheit rief in uns der Besuch der so genannten Erinnerungsallee inmitten des besiedelten Teils der Solowki-Insel hervor. Um den Solowjetski-Stein[1] herum auf einem kleinen Platz, umsäumt von wenigen Bäumen, ist ein Kreis von Malsteinen mit Erinnerungstafeln angeordnet. Diese ehren das Andenken an diverse Gruppen von Gefangenen, die auf Solowki umgekommen sind. Es gibt jeweils einen Stein für jede Nationalität bzw. Religion. Darunter befindet sich auch ein Mahnmal, welches sich etwas aus diesem Konzept herauslöst und pauschal an alle politischen Gefangenen erinnert. Provokant lässt es nationale bzw. Glaubenszugehörigkeit der politischen Gefangenen ausser Acht und sticht mit der Schrift „Andenken an Sozialisten und Anarchisten…“ ins Auge des Betrachters. Beim diesjährigen Besuch war aber dieses „Ins-Auge-Stechen“ mit einem stummen Aufschrei verbunden, denn der Stein wurde von einem weitläufigen Riss „geziert“ – ein „wetterbedingter“ Schaden sei ihm widerfahren, so die geläufige Erklärung auf der Insel. Dass der Stein etliche Jahre davor schadenfrei überwinterte und dass die Ausformung des Risses einen Vandalismus-Akt eher nahe legt, als ein spontanes Bersten, gab Anlass genug, um dieser mehr oder minder „offiziellen“ Version mit Skepsis zu begegnen. Diese Skepsis wurde auch vonseiten der Memorial-Aktivist_innen geteilt, die am Vorabend des „Trauermeetings“ in der Erinnerungsallee ein Sanierungsversuch unter inselbedingter Materialknappheit ausführten. Während der Andacht im Rahmen des „Trauermeetings“ ergriff Jewgenija Kulakova das Wort und machte das anwesende Publikum auf den Stein und seine Vor- und Gegenwartsgeschichte aufmerksam, was bewirkte, dass das sehr desolat wirkende Mahnmal mit dem Riss zum neuen „Putz“ auch neue Beachtung fand und mit Blumen geschmückt wurde.

Ähnliche Vernachlässigungen haben Erinnerungsspuren an politische Gefangene auch schon an anderen Orten auf Solowki erfahren müssen, erzählten die Reiseleiterinnen am Nachmittag, während sich die Gruppe zum politischen Gefängnis auf Sawatjewo begab, das sich 2 Kilometer entfernt vom Sekirka-Berg in den Räumen einer Kloster-Einsiedelei befand. Seitdem die Gebäude wieder der Klosterverwaltung übergeben wurden, geht eine vermehrte Sanierung der Klosterimmobilien vonstatten. Es werden unter anderem sämtliche Wände neu gestrichen; damit einhergehend werden auch die Zeitdokumente vernichtet, wie zum Beispiel die in den Verputz eingeritzten Notizen von Gefangenen. Das einmal errichtete Mahndenkmal aus Stein vor Ort ist schon nach wenigen Tagen wieder spurlos verschwunden. Die Reiseleiterinnen erwähnten auch eine herzzerreissende Geschichte, wo Gefangene aus zwei Sonderabteilungen des Lagers abwechselnd ein und denselben Brunnen hätten aufsuchen müssen und einmal hat jemand von ihnen am Brunnenstein eine „Message“ hinterlassen, worauf dann der Andere ein „Feedback“ geschrieben habe. So sei ein „Chatten“ zustande gekommen, das die Historiker_innen von Memorial gerne protokollieren wollten. Doch als die Forschungsgruppe ein Jahr später wieder denselben Ort aufsuchte, fand sie ein nagelneuer Brunnen vor und von dem alten liessen sich nicht einmal mehr die Reste aufheben.

Diese Summe an Bedenklichem auf der kleinen Insel mit ihrer grossen Geschichte und unklarer Gegenwart weckt nicht nur Empörung, sondern trägt möglicherweise auch dazu bei, dass die lokale Bevölkerung auf der Insel, mit denen wir uns in verschiedenen Kontexten austauschen konnten, noch öfters mit einem politischeren Bewusstsein überraschen, als mancherorts auf dem Festland (siehe „Stimmungen und Begegnungen“). Die Entscheidung, welches Narrativ zu unterstützen sei, mag divers ausfallen, die Atmosphäre in diesem entlegenen Ort wirkt jedoch – wohl gerade deswegen – wie elektrisiert. Eine interessante und überraschende Feststellung für eine Insel, die sich im allgemeinen Bewusstsein als „Wallfahrtsziel“ eingebürgert hat und gerne mit Attributen wie „beschaulich“, „entschleunigt“, „einsiedlerisch“ und „heilig“ versehen wird.

 

Verfasserinnen und Mitreisende:

Olessja Bessmeltseva, Staatliche Universität Sankt Petersburg und Sandra Sager, Universität Zürich

[1] solche gibt es auch in Moskau und Sankt Petersburg – sie sind ein korpulenter Ausdruck des Nicht-Vergessen-Wollens des stalinistischen Terrors und wurden schon nicht einmal zu einem Zankapfel zwischen Aktivist*innen und Politikmachenden, wo die letzteren die Feierlichkeiten am GULAG-Stein gerne mal unter diesem oder jenem Vorwand verbieten wollten, sieh dazu z.B. https://www.bbc.com/russian/news-45923287 und https://www.kommersant.ru/doc/4132707

 

© Sandra Sager
© Olessja Bessmeltseva
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