Das Projekt Russland 2.0 (https://hoou-russland.blogs.uni-hamburg.de/) startete im April 2016 am Institut für Slavistik der Universität Hamburg. Damals gab es eine neue, interessante Idee und ihr gab man eine Chance! Russland 2.0 wurde so zu einem der ersten Projekte einer großen Initiative der Stadt und des Bundeslandes Hamburg: der Hamburg Open Online University (HOOU)[1]. Ziel dieser Initiative war es, die digitalen Medien zu nutzen, um das Wissen und Können der Hochschulen in die Stadt hineinzutragen und die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit aktuellen Erkenntnisständen anzuregen. Dafür steht Open University. Im gleichen Zuge wurden Projekte gefördert, die sich mit der Idee von Open Online verbanden und daran gingen, Lernen und Lehren neu zu denken und dafür innovative inhaltliche und mediale Formate zu entwickeln. Wie werden wir in Zukunft lernen und welche Lernangebote werden wir uns wünschen? das waren die grundlegenden Fragen des hochschulübergreifenden HOOU-Projekts.

Das Anliegen der HOOU stimmte vollkommen mit den Zielen von Russland 2.0 überein. Zum einen wollten wir eine Plattform entwickeln, die einen frischen und unverstellten Blick auf die Lebenswelt und den Sprachgebrauch im heutigen Russland ermöglicht. Die NutzerInnen sollten virtuell in die (Sprach-) Wirklichkeit des modernen Russland eintauchen. Das Interesse und die Selbstbestimmung der NutzerInnen sahen wir dabei als die treibenden Kräfte. Außerdem wollten wir fortgeschrittenen Studierenden, vor allem der Studiengänge Slavistik und Lehramt Russisch, die Möglichkeit geben, unter qualifizierter Begleitung selbst Lernmaterialien zu erarbeiten und zu erproben. Dieser Anwendungsbezug sollte, so unsere Idee, lernendes Lehren und lehrendes Lernen als Transfer von Theorie in Praxis verwirklichen und in ein öffentlich zugängliches Produkt münden.

2017 stand die Plattform! Die Projektidee gewann an Kontur. In begleitenden Fachseminaren, mit ihnen verbundenen studentischen Lehr-und Lernprojekten sowie einem Sprachpraktikum für Studierende mit muttersprachlichen Vorkenntnissen wurden Standards für die Module der Plattform erarbeitet und diskutiert, Ziele gesetzt, Arbeitsprozesse reflektiert, neue Aufgaben definiert und verteilt, Zwischenergebnisse evaluiert, Probleme formuliert. Alle Lernmaterialien, die auf der Plattform zu finden sind, wurden von und zusammen mit Studierenden der Universität Hamburg entwickelt [2]. In diesem Prozess lernten die GestalterInnen der Plattform selbstverständlich und zugleich mit der Sprache viel Neues über Russland. Außerdem reflektierten sie eigenes Wissen, erarbeiteten sich in Teams Strategien des Projekt- und Zeitmanagements, erschlossen neue Arbeitstechniken und digitale Werkzeuge. Learning by doing eben.

Die Plattform Russland 2.0 entwickelt sich wie ein Organismus von Semester zu Semester, von Jahr zu Jahr. Screenshot des Projektvideos „Russland 2.0 – Das Land durch seine Sprache und Medien verstehen“. Universität Hamburg, unter CC BY-SA 4.0.

Unsere Grundidee war von Anfang an, dass der Erwerb von sprachlichen und kulturellen Kompetenzen zwei parallele, sich gegenseitig stützende Prozesse sind. Das heißt für uns, dass Landes- und Kulturkunde für den Fremdsprachenlernenden kein „Bonus“, sondern unabdingbarer Teil des Lernprozesses ist. Folgerichtig sind alle Lernmaterialien auf unserer Plattform interkulturell „aufgeladen“: Die mediale Vermittlung authentischer Sprach- und Kulturumgebungen verortet Sprache dort, wo sie tatsächlich vorkommt, und ermöglicht den virtuellen Zutritt in diese Welt. Dies unterscheidet unser Konzept grundlegend von der Blutleere vieler Lehrbuchtexte. Natürlich erfordert ein solches Vorgehen kompetente fachliche Begleitung. Es reicht nicht, Lernende mit authentischen Quellen zu konfrontieren.

Diesem Anspruch trägt das modulare System der Plattform Russland 2.0 Rechnung [3]. Seinen Kern bildet das Quellenmodul – eine Art Datenbank aktueller und authentischer russischsprachiger Quellen im Text-, Audio- oder Videoformat. Darunter sind Auszüge aus Publizistik und (Video-)Blogs, aus TV- und Rundfunksendungen, Lieder und Gedichte. Die Beiträge können für sich genommen rezipiert werden: Man kann sie lesen, anhören oder anschauen. Das Modul beinhaltet aber auch verschiedene Hilfsmittel, die für jede Quelle sorgfältig aufbereitet werden und die Auseinandersetzung mit den Originalbeiträgen anregen und erleichtern sollen: ein Transkript (bei Audio- oder Videobeiträgen), eine Übersetzung, eine Vokabelliste mit Vokabelerklärungen und Aufgaben zum Lese-, Hör- oder Hör- und Sehverstehen.

Mit zwei weiteren Modulen – dem Sprachmodul und dem Landeskundemodul – geben wir den NutzerInnen ein Werkzeug in die Hand, das die selbstständige Arbeit mit der jeweiligen Quelle ermöglicht. Das Sprachmodul bietet eine Art virtuellen Sprachunterricht zu grammatischen und lexikalischen Themen, die auf den dazugehörigen Quellen basieren. Das Landeskundemodul präsentiert kurze Beiträge in Text-und Audioformaten auf Russisch und Deutsch, die jeweils einen Aspekt des Quellenmoduls näher beleuchten. Anders als beim Quellenmodul werden diese Texte von den GestalterInnen der Plattform vorwiegend selbst verfasst. Sie erläutern u.a. russische Realien, Personen und Fakten, kulturspezifische Phänomene, Konnotationen russischer Wörter und Ausdrücke.

Die modulare Struktur ermöglicht sowohl lineare Lernszenarien entlang thematischer Stränge als auch nichtlineares Vorgehen. Sie gibt den NutzerInnen Raum für eigene Lernwege. Um diese Optionen zugänglich zu machen, wurden verschiedene Suchoptionen entwickelt: nach Modul, Sprachniveaustufe, Format, Thema, Schlagwort. Die NutzerInnen der Lernplattform können sich also selbstbestimmt Themen und Formate auswählen, die ihrem Sprachniveau, ihren Lernzielen und Interessen entsprechen.
Außerdem gestattet die in der Modulstruktur angelegte Flexibilität, dass Russland 2.0 von ganz unterschiedlichen NutzerInnengruppen und in verschiedenen Lernkontexten genutzt werden kann: beim selbstständigen Arbeiten autonom Lernender, als Input in Unterrichtseinheiten an unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen, zur Binnendifferenzierung unter Berücksichtigung von individuellen Vorkenntnissen oder Lernzielen, beim Blended-Learning. Gemeinsam mit Hamburger Bildungseinrichtungen wurden und werden diese Optionen erprobt, evaluiert, verbessert. Auf beobachtete Bedürfnisse wird reagiert – z.B. mit der Einbettung einer kyrillischen Tastaturoberfläche.
Dank des Engagements aller Beteiligten wuchs das Projekt innerhalb von zwei Jahren zu einer stattlichen Ressource. Der ersten Projektförderung folgte eine zweite einjährige Drittmittelförderung, nunmehr im Rahmen einer Förderinitiative der Hansestadt zur Professionalisierung der Lehrerbildung (Profale). Es kamen weitere Studierende als neue ProjektteilnehmerInnen hinzu und setzten die Arbeit fort. So wurden und werden immer neue Materialien geschaffen. Die Grundlage bilden die von den VorgängerInnen erarbeiteten Kriterien[4]. Aber auch sie sind nicht in Stein gemeißelt, werden hinterfragt und verändert.
Fest steht: Die Plattform Russland 2.0 ist kein fertiges Produkt, sondern entwickelt sich wie ein Organismus in einem lebendigen Lehr-und Lernprozess, von Semester zu Semester, von Jahr zu Jahr. Die Nachhaltigkeit dieses Wachstums ist jedoch kein Selbstläufer. Außerhalb von Projektförderungen braucht es vor allem Ideen, wie die Plattform im Rahmen regulärer Lehrveranstaltungen weiter wachsen kann. Auch Kooperationen sind gefragt. Und natürlich gilt auch in diesem Fall: Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Derzeit atmen wir aber erst einmal durch und sammeln Kraft für Neues. Im Forschungssemester und in der Elternzeit.
Besuchen Sie uns derweil auf Russland 2.0! Oder noch besser:
Machen Sie mit! Über Interesse freuen wir uns!

Marion Krause, Daria Dornicheva, Universität Hamburg

(1) Mehr zur HOOU unter: https://www.hoou.de/

(2) Informationen über die Beteiligten sind zu finden unter: https://hoou-russland.blogs.uni-hamburg.de/ueber-das-projekt/hinter-den-Kulissen/

(3) Ausführliche Informationen zur Struktur der Plattform findet man unter: https://hoou-russland.blogs.uni-hamburg.de/ueber-das-projekt/. Die Prinzipien, die jedem einzelnen Modul zugrunde liegen, sind in Merkblättern dokumentiert und den Modulbeschreibungen hinzugefügt.

(4) Die Kriterien, auf die sich die Erarbeitung von Lernmaterialien in den einzelnen Modulen stützt, sind auf der Plattform abgelegt. Für das Quellenmodul: https://hoou-russland.blogs.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2018/11/Merkblatt_Quellenmodul_Arbeit-mit-authentischen-Quellen.pdf; für das Sprachmodul: https://hoou-russland.blogs.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2018/11/Merkblatt_Sprachmodul.pdf; für das Landeskundemodul: https://hoou-russland.blogs.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2018/11/Merkblatt_Landeskundemodul.pdf. Die Merkblätter sind am besten direkt von der Plattform aus abrufbar.