Es ist nicht so, dass ich mir viele Gedanken gemacht hätte. «Warum in diesem Kaff in der Nähe von Moskau und nicht gleich in der Hauptstadt?», lautete die ziemlich berechtigte Frage eines Freundes. Ja, stimmt, warum eigentlich? Als ich mich für die Stelle einer Lehrkraft für DaF an der Universität in Kolomna bewarb, wusste ich einfach nur eins: Ich wollte raus aus der Schweiz, Tapetenwechsel musste her, möglichst bald und so unkompliziert, wie nur möglich. Im Grunde genommen war es mir gleich, wohin es mich in Russland verschlagen würde, ich hätte auch eine Stelle mitten in der Камчатка angenommen. Ihr wisst schon, der Ort, wo die Slawistik Studenten sind, wenn sie in der letzten Reihe sitzen. Meine Masterarbeit war noch nicht abgeschlossen und mein einziger Anspruch war, genug Zeit für sie zu haben. Und überhaupt: Unerhört lange war es her, dass ich Mütterchen Russland einen Besuch abgestattet hatte. Wie könnte ich da als Slawistin mit gutem Gewissen abschliessen? Das Stelleninserat schien also geradezu für mich geschrieben worden zu sein: Die Universität bot eine gratis Unterkunft (max. fünf Gehminuten von der Uni entfernt), einen ansehnlichen Lohn (30’000 Rubel ohne Abzüge) und das bei einem Arbeitspensum von gerade mal ca. 6-8 Seminaren à 2 mal 45 Minuten pro Woche, kostenloser Russischunterricht (Privatunterricht!) inklusive. Natürlich habe ich da nicht lange überlegt und mich sofort beworben.

Die positive Antwort der Universität liess nicht lange auf sich warten und ab September sollte es los gehen. Nachdem ich zusammen mit einem deutschen Kollegen vom Kollegium willkommen geheissen wurde (selbstverständlich mit Kонфетки und Tee) übernahmen wir auch bald unsere Gruppen. Die Arbeit hier setzt sich aus zwei wichtigen Bereichen zusammen: Der Unterricht an der Universität und ausseruniversitäre Einsätze, die in Grundschulen durchgeführt werden. An der Universität erteilt ihr als – mit den für uns eigens kreierten Titeln – «иностранные специалисты» Landeskunde, leitet Sprachpraxis-Kurse sowie Seminare zu Grammatik und Literaturanalyse. Dieausseruniversitären Einsätze sind dazu da, Kinder aller Altersstufen für die deutsche Sprache zu begeistern und sind meistens als unregelmässige Aktionen organisiert. Weitgehend frei in der Gestaltung des Unterrichts rekrutiert ihr euch mehr oder weniger selbstständig zum Dozenten, Grundschullehrer und Botschafter eurer Heimat. Flüche über die Tage, an denen man Versäumtes aus dem Geschichtsunterricht nachlesen und aufarbeiten muss und Segenssprüche über die all die Lehrer, deren Methoden man nun dankbar übernimmt, gehen Hand in Hand, wenn man als frischgebackener «Spezialist» zusammen mit den Studenten die eigene Sprache und das eigene Geburtsland neu entdeckt. Gerade noch selbst chronisch prokrastinierender Student, wachst ihr rasch in das russische Bildungssystem hinein und predigt als Dozent plötzlich Fleiss und harte Arbeit, denn die alte Lehrergarde weiss: «русскомучеловеку нужны и кнут и пряник» (dass unsere Studenten diese Strategie ebenso (wenig) nötig hätten, wie die russischen auch, dürft ihr als wandelnde Repräsentation Schweizer Qualität und Disziplin ja nicht herausschreien, aber das mal nur unter uns).

So sehr die Arbeit nur ein Teil von allem ist, so eng verbunden ist sie mit dem Alltag hier. Weit mehr als nur ein Kollegium ist der familiäre Rahmen, in dem ihr euch an der Universität bewegt, nicht nur ein wichtiges soziales Netzwerk und erste Anlaufstelle, wenn ihr Probleme habt, sondern auch ein Ort, wo ihr Kontakte und Freundschaften knüpft, Aktionen beiwohnt, Jubiläen und Geburtstage feiert. Nicht genug also, dass einem der ganze (!) administrative Aufwand von Anfang an abgenommen wird und es einem wirklich an nichts fehlt – das ganze Team sorgt dafür, dass man sich wirklich bald zu Hause fühlen kann (у тебя все хорошо? чай будешь?), zu Hause fühlen soll (diskret platzierte Lebensmittel auf dem Tisch bei meiner Ankunft im Zimmer), ja manchmal sogar ganz kategorisch und resolut zu Hause fühlen muss(возьми конфеты!). Dass Kolomna ein kleiner und ruhiger Ort ist, lässt sich nicht leugnen. Nur 1.5h mit der Direktverbindung von der Hauptstadt Moskau entfernt, ist die Stadt mit ihren guten Verbindungen, mit ihrem kleinen aber feinen Altstadtkern sowie einem angenehm überschaubaren, interessanten Angebot an lokalen Museen, Aktionen und Spezialitäten (ich sage nur: «Pastila!») jedoch ein angenehmer Rückzugsort und es liegt, wie immer, in der eigenen Hand, wie man von ihrem Potential profitiert (nicht selten auch in der Hand der Freunde, die man findet und den gemeinsamen Promille im Blut).

Ich bin sehr glücklich, dass ich mich damals für Kolomna entschieden habe und kann einen Aufenthalt wirklich jedem weiterempfehlen. Die Stelle ist sowohl für jüngere als auch ältere Semester eine gute Erfahrung, denn sie bietet in einem geschützten Rahmen gleich auf mehreren Ebenen – der akademischen, der zwischenmenschlichen, der kulturellen, politischen und historischen – die Möglichkeit, authentisch ein Land zu erleben, das sogar uns Slawisten und Russisten in vielen Bereichen leider oft verschlossen ist. Auch nach mittlerweile sechs Monaten bleibt für mich in diesem Mikrokosmos des grössten Landes der Welt vieles spannend und manches Rätsel ungelöst – und das, obwohl sich mein Alltag hier kaum von demjenigen in der Schweiz unterscheidet (was vor allem diejenigen beruhigen darf, die ungern die heimatliche Komfortzone verlassen). Tatsächlich: Wenn man überall Wintersportler mit ihren Skiern antrifft, im öffentlichen Transport noch keine Verspätung erlebt hat und überall tadellose Sauberkeit bezeugt, kratzt das fast schon am Schweizer Ego, das diese Qualitäten ja gerne als sein Markenzeichen preist. Wenn einer eine Reise tut, will er aber bekanntlich etwas zu erzählen haben und so freue mich umso mehr über die kleinen Unterschiede, die Fernwehkranke, Abenteurer und Romantiker so sehr brauchen : Wenn etwa russische Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz entspannt spielen, wo kälteerprobte Helvetier längst in die Kältestarre verfallen, wenn euer praktisches Schuhwerk selbst bei Glatteis von hohen Absätze elegant überholt wird, wenn euch zu jeder Süssigkeit sofort der obligate schwarze Tee angeboten wird, wenn euch strahlende Gesichter feierlich einen grossen Trockenfisch als kleine Aufmerksamkeit überreichen, während euch die «вахтёрши» auch nach sechs Monaten mit eiserner Mine pflichtbewusst nach eurem Ausweis fragen, wenn jede Grossmutter gepflegtere Hände hat, als ihr (Schande über mich, die noch keinen салон красоты besucht hat) und die Kombination halbnackter Beine und dicker Fellmützen keine Missbilligung auslöst, wohl aber eure fehlende Mütze über eurer ansonsten arktistauglichen Ausrüstung (где у тебя шапка? Надень шапку!), wenn ihr Informationen ganz fatalistisch auf die letzte Minute erhält oder von wildfremden Leuten in bester Absicht zurechtgewiesen werdet, wenn ihr bei so viel Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Grosszügigkeit überhaupt nicht mehr wisst, wie ihr euch überhaupt noch bei irgendjemandem revanchieren könnt, spätestens aber,wenn euer Nachbar darauf besteht, eure Erkältung mit gepfeffertem Wodka zu kurieren, dann wisst ihr, dass ihr endlich und wirklich in Russland seid.

Es gäbe so viel zu berichten von den Menschen hier und von vielen skurrilen, absurden und schönen kleinen Momenten aus dieser ähnlichen und auch wieder andersartigen Welt. Anstatt alles zu beschreiben, möchte ich euch jedoch einladen, alles selbst zu erfahren. Für mich ist Kolomna inzwischen zu einem Zuhause geworden und ich bin sicher, sie wird es sehr bald für jeden, der sie besucht – niemand meiner Nachbarn wollte so richtig wieder zurück und alle haben sie ihr Herz dagelassen. Woran das liegt? Ein lieber Mensch, der, so pragmatisch er als Mathematiker ist, immer sofort weiss, ob er sich an einem Ort wohl fühlt oder nicht, meinte bei seinem Besuch: «Die Energie dieses Ortes ist gut. Ich freue mich, dass du an so einem guten Ort gelandet bist.» Und damit hatte er vollkommen recht.

Eva Barbic, Universität Zürich