DER GANG

Verkatert und schweren Kopfes wachte er auf dem kalten Boden der dunklen und fensterlosen Zelle auf. Wieder einmal hatte er so viel getrunken, dass er sich an nichts mehr erinnern konnte. Er wusste weder was sich am vorherigen Abend ereignet hatte noch weshalb er sich in einer Zelle befand. Das Letzte, woran er sich noch erinnern konnte, war, dass er bei Jonas Wodka getrunken hatte und nun war er in einer Zelle eingesperrt. Und weshalb? Das wusste er selbst nicht. Gereizt und noch verschlafen, mit einem üblen Nachgeschmack von Tabak und Alkohol im Mund, setzte er sich auf und fing mit trüben Augen an, die Zelle genauer zu betrachten. Die Wände, die Decke und der Boden waren aus einem rauen gräulich-blauen Stein, welcher an vielen Stellen von Moos bewachsen war, da von der Decke unaufhörlich Wasser heruntertropfte. Deshalb war er vermutlich auch nass aufgewacht, dachte er. Die finstere Zelle, deren Luft schwer und feucht zu atmen war und nach nasser Erde und Moos roch, war sonst, bis auf ein paar Metallketten in einer Ecke, vollkommen leer. Auf seiner rechten Seite stand ein rostiges Gitter, hinter welchem sich ein gerader Gang erstreckte, bei dessen Anblick er staunte. Der saubere und moderne Gang stellte einen kompletten Gegensatz zu seiner Zelle dar. Sowohl die weiss gestrichenen Wände als auch die sterilsauberen Bodenplatten im Gang, schienen ihm unter der Beleuchtung der LED-Lampen glänzend und makellos. Sogar die Luft, welche aus dem Gang kam, war frischer und angenehmer zu atmen als diejenige in der Zelle. Das seltsamste an dem Gang war jedoch, dass, wie sehr er auch seinen Blick schärfte, er dessen Ende nicht erkennen konnte. Es schien ihm fast, als würde sich der Gang, wie ein bodenloser Abgrund, unendlich weit geradeaus erstrecken, was in ihm ein Gefühl der Verlorenheit erweckte. Während er die verschlossene Gittertür zu öffnen versuchte, fiel ihm auch auf, dass um ihn herum eine Totenstille herrschte, welche einzig durch das Geräusch der Wassertropfen unterbrochen wurde. Die absurde Situation, die Stille, die Lücke im Gedächtnis, die verschlossene Tür und die schwere Luft bedrängten ihn so weit, bis er zornig und überfordert anfing zu schreien und mit voller Kraft gegen die Gittertür zu schlagen.

«Holt mich hier raus, ihr Schweine!» schrie er vergebens immer wieder.

Als nach einiger Zeit jedoch niemand erschienen war, der ihn befreite, beruhigte er sich wieder und hörte stattdessen noch einige Sekunden lang das Echo seiner Schreie in der Unendlichkeit des Ganges widerhallen. Als auch das Echo verschwand, herrschte wieder Totenstille. Wie sehr er es auch versuchte sich am Abend zuvor zu erinnern, ihm kam nichts in den Sinn. Gar nichts. Er konnte sich nicht vorstellen, weshalb ihn jemand einsperren sollte. In seinem Gedächtnis herrschte nur Leere und Verworrenheit. Verzweifelt fiel er auf die Knie, rief weinend nach Gott, rief schreiend nach Hilfe, sehnte sich nach seiner Familie, verfluchte den Alkohol und beschimpfte die Freunde, welche ihn vermutlich im Stich gelassen hatten. Dann ertönte aus der Ferne des Ganges ein lautes Geräusch, worauf er mit seiner Pathetik aufhörte und vor Angst erstarrte. Es war das Geräusch hunderter Peitschen, welche auf die nackten Körper fallend prallten und klatschten, gefolgt von einem höllischen Jammern hunderter leidender Stimmen, welche um Gnade riefen. Die Schreie und Hilferufe, sowie das Knallen der Peitschen waren dermassen grauenhaft und leidensvoll, dass er sich aus Angst übergab. Mit einem bitter-sauren Geschmack im Mund wischte er sich zügig die Tränen vom Gesicht ab und blickte nochmal durch das Gitter – der Gang schien ihm jedoch stets leer und endlos. Er verkroch sich dann verängstigt in einer Ecke der Zelle und versuchte sich konzentriert zu erinnern, was sich am vorherigen Abend ereignet hatte und weshalb er nun in dieser düsteren Zelle eingesperrt war. In der Ferne wechselten sich die Geräusche der leidenden Stimmen und der schwungvollen Peitschenschläge weiterhin ab.

An jenem Abend war Neo, wie für ihn schon immer üblich gewesen, zu spät erschienen. Sergej öffnete ihm die Tür und lud ihn mit einer liebevollen Geste ein, wie es nur Betrunkene zu machen pflegen, einzutreten. Danach fragte ihn Sergej, ob er es dabeihatte, worauf Neo lächelnd nur zunickte. Als er in das Wohnzimmer eintrat, wurde er von allen seinen Freunden übermässig herzlich gegrüsst – im Hintergrund liefen die Pixies. Auf dem schwarzen Ledersofa hingesetzt, brachte ihm Sergej eine Zigarre und Jonas schenkte ihm Wodka in einen roten Becher ein. Neo musste schmunzeln. Er wusste genau, dass sie alle nur so nett zu ihm waren, weil sie auf seinen Stoff gierig waren. Sobald sie angestossen hatten, begann Jonas inbrünstig Sergej und Neo seine Meinung über die neueste politische Krise zu erklären. Sergej diskutierte halbwegs mit, Neo nickte dagegen gelangweilt nur zu und bejahte jede Behauptung, ohne wirklich zuzuhören, da ihn Politik nicht interessierte und umso weniger Jonas Meinung darüber. Während seine Freunde über einen möglichen Krieg redeten, bewunderte Neo das rothaarige Mädchen mit dem bezaubernd schönen Lächeln, welches ihm gegenübersass. Seit er das Zimmer betreten hatte, hatten sich ihre Blicke schon mehrfach gekreuzt und wie sehr er auch versuchte, nicht in ihre Richtung zu schauen, er konnte sich nicht beherrschen. Seine Augen waren nach ihrer Schönheit durstig und dieser Durst war nicht zu löschen. Ihre Sommersprossen, ihre zierlichen Gesichtszüge und vor allem ihre Wangengrübchen fand er derartig unausstehlich anziehend, dass er nicht anders konnte, als sie zu bewundern. Er wäre über Stunden im Stande gewesen, ihre graziösen Bewegungen und ihr charmantes Lächeln zu geniessen. Ihre zarte Schönheit löste ein Flackern in seiner Brust aus und jedes Mal, wenn sich in der Menschenmenge, zwischen allen Schultern, Bechern und Köpfen, ihre Blicke kurz kreuzten, spürte Neo Schmetterlinge in seinem Bauch schlüpfen. Er spürte das Verlangen, ihren süssen Geschmack zu kosten und ihren Geruch zu riechen. Er wusste, dass sie die Richtige war.  Nicht die Richtige, um mit ihr auf Dates zu gehen oder nachts angetrunken die Sterne anzuschauen. Er konnte es sich auch nicht vorstellen mit ihr eine Wohnung zu kaufen, eine gute Versicherungspolice abzuschliessen, Kinder zu bekommen und mit ihr alt und krank zu werden. Nichts dergleichen. Schlussendlich empfand er auch in keinem Sinn irgendwelche Art von Zuneigung oder Liebe zu ihr. Sie war bloss die Richtige, um sein düsteres und seit langer Zeit verdrängtes Verlangen, eine Frau zu besitzen und auszunutzen, zu sättigen. Während Jonas die Rolle der Russen und Amerikaner in der Krise erklärte, hatte sich Neo fest dazu entschlossen, sie am selben Abend noch zu verführen. Er war zwar kein Frauenheld, aber er hatte seine kleinen Tricks. Zuerst hätte er noch ein paar Gläser Wodka getrunken, um lockerer zu werden und danach hätte er sie angesprochen. Dabei hätte er wieder die Rolle des tollpatschigen, selbstunsicheren und schüchternen Jungen gespielt, welchen sie sicherlich süss gefunden hätte. Und in ein oder zwei Stunden hätte er schlussendlich, bei einem Augenblick ihrer Unaufmerksamkeit, ein wenig von seinem Stoff in ihr Getränk geschüttet, wonach er sie berauscht oder bewusstlos zu sich nach Hause gebracht hätte. Mit dieser Nummer hatte er fast immer Erfolg gehabt. Nur ein oder zwei Mal war etwas schiefgelaufen, weshalb ein oder zwei Mädchen seinetwegen im Spital gelandet waren, da sein Stoff, mit Alkohol konsumiert, Übles bewirken konnte. Da seine Droge nicht im Blut nachweisbar war und niemand auch nur ahnen konnte, dass ein so tollpatschiger Junge wie er, etwas so Grausames verrichten könnte, war er wegen seiner Taten noch nie drangekommen. Als sein letztes Opfer wochenlang im Krankenhaus lag, hatte er sich eigentlich vorgenommen damit aufzuhören, jedoch reizte ihn das rothaarige Mädchen so sehr, dass er sich gezwungen fühlte eine Ausnahme zu machen. Zufrieden und von seinem Vorhaben fest überzeugt, grinste er und beobachtete sie, während Jonas die Rolle Chinas in der Krise erklärte.

Was danach passiert war, wusste Neo nicht mehr. Er konnte sich nicht mehr an die richtige Reihenfolge der Ereignisse erinnern. Hatte er mit dem rothaarigen Mädchen geschlafen? Er wusste es nicht mehr. Zynisch begann er über diesen Gedanken zu lachen. Mit wie vielen hatte er nur geschlafen, ohne sich daran richtig erinnern zu können. Das grauenhafte Jammern und Auspeitschen in der Ferne des Ganges hörte auf, wonach Neo noch zufriedener und lauter lachte. Alles würde wie immer gut ausgehen, sagte er sich selbstsicher. Es war sicher alles nur ein übler Scherz von Sergej und Jonas, redete er sich ein.

«Ich weiss genau was du gemacht hast!» schrie eine grausige Stimme aus dem Gang und ein teuflisches Gelächter hunderter Stimmen brach aus. Neo gefror das Blut in den Adern, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und die Knie wurden ihm augenblicklich weich. Woher kannte derjenige sein Geheimnis, fragte er sich besorgt. Die Angst wurde noch viel grösser als er in der Ferne des Gangs eine weisse Gestalt bemerkte, welche sich mit grossen Schritten seiner Zelle näherte. Plötzlich wurde die Luft viel stickiger und Neo fing zu keuchen an. Die ganze Zeit hatte er scheu und leise geahnt, dass die eine Erinnerung, die er hatte, nicht bloss eine betrunkene Einbildung war. Er versuchte es sich zwar stets einzureden, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass er schuldig war und dass er dafür büssen würde. Zitternd versuchte er sich weiter zu erinnern.

Der erste Filmriss geschah kurz nachdem Jonas und Sergej über die Rolle Chinas in der Krise gestritten hatten. Als Neo wieder zu sich kam, stand er mit Sergej und Jonas im Badezimmer und schnupfte mit ihnen den Stoff. Schon kurz danach erfolgte der nächste Filmriss und als er halbwegs wieder zu sich kam, diskutierte er eifrig mit dem rothaarigen Mädchen über De Chirico und die Pittura metafisica. Er wusste zwar, dass sie davor auch über anderes gesprochen hatten, jedoch nicht mehr worüber. Sie hatte ihm so gut gefallen, dass er ihr im Laufe des Abends den Stoff direkt anbot, um sich im Nachhinein, bei vollzogener Tat, weniger Gewissensbisse zu haben. Sie lehnte es jedoch freundlich ab, mit der Begründung, dass sie so etwas nicht konsumieren dürfte. Vielleicht ist sie eine dieser verklemmten Frauen, die nie aus ihrer Komfortzone herauskommen, dachte er genervt. Eine dieser Frauen, welche sich überall, immer und nur vorbildlich verhalten, vom Kindergarten bis zum Tod. Auf einmal erinnerte sich Neo, dass das Mädchen Katarina hiess. Nach der Unterhaltung mit ihr folgte ein weiterer Filmriss und plötzlich sah Neo zu, wie Jonas und Sergej einen Typ, dessen Name er sich noch nie merken konnte, verprügelten. Während Katarina und alle andere der Prügelei zuschauten, nutzte Neo den Moment aus, um seinen Stoff in ihr Glas beizugeben. Aus Angst, gesehen zu werden, wurde er jedoch unvorsichtig und schüttete dabei zu viel Pulver in ihr Glas aus. Selbst wenn er ziemlich betrunken war, wusste er, dass so viel Stoff auf einmal lebensgefährlich war. Sofort hob er seine Hand, mit der Absicht ihr Glas zu ergreifen und dessen Inhalt auszuschütten, als sich Katarina plötzlich umdrehte und das Glas auf ex austrank. Und dann? Dann war er in der Zelle aufgewacht und an mehr konnte er sich wirklich nicht erinnern.

«Lüg Nicht! Was soll schon passieren, sagtest du dir, als du zuschautest wie sie das Glas auf ex austrank. Nicht wahr? Komm, denk weiter! Die leidenden Seelen wollen es von dir erzählt bekommen!» sagte ihm die weisse Gestalt lachend, welche nun nicht mehr als zwanzig Schritte von seiner Zelle entfernt war.

Neo bekam Gewissensbisse und weinte fast vor lauter Verzweiflung. Anscheinend hatte jemand alles mitangesehen und sein dreckiges Spiel ausfindig gemacht. Je näher die weisse Gestalt mit ihrem kahlen Kopf und dem ausdruckslosen Gesicht kam, desto schneller schlug sein Herz vor Furcht.

Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, bevor er in der Zelle aufgewacht war, war, dass er im Badzimmer seine Seele ausgekotzt hatte, während im Wohnzimmer Chaos herrschte. Um die Wohnung möglichst schnell zu verlassen, rannten die Menschen hin und her, stiessen sich dabei gegenseitig weg, weinten und schimpften. Einige von ihnen waren so betrunken, dass sie den Ernst der Lage nicht nachvollziehen konnten und wie verlorene Kinder nur herumstanden. Sergej schrie die Ambulanz am Telefon an und jemand versuchte Katarina mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten, aber Neo wusste, dass alles vergebens war.  Diesmal war er zu weit gegangen, um sein krankhaftes Bedürfnis zu erfüllen und selbst eine wochenlange Behandlung im Krankenhaus wäre zwecklos gewesen. Statt mit ihr zu schlafen, hatte er sie umgebracht und das würde er für immer auf dem Gewissen haben. Unbeweglich stand er vor ihr und betrachtete sie. Wie wunderschön sie nur war, selbst wenn sie blass und starr in einer Blutlache auf dem Boden lag, während ihre beste Freundin, neben ihr kniend, weinte.

Neo weinte. Er bereute seine Tat aufrichtig und wusste, dass Katarina seinetwegen nie die Gelegenheit bekommen würde, sich zu verlieben, eine Wohnung zu kaufen, eine gute Versicherungspolice abzuschliessen, Kinder zu bekommen und alt und krank zu werden.

«Neo mein Freund» sagte die weisse Gestalt, welche nun vor der Zelle stand. «Es hatte nichts mit der Komfortzone zu tun. Sie hatte bloss noch nie Drogen konsumiert, weil sie sechs schwere Herzoperationen hinter sich hatte und ihr Herz schonen musste. Dass sie überhaupt lebte, war ein medizinisches Wunder. Aber was sind schon Wunder mein Freund? Nicht mehr als gute Zufälle. Jede Existenz ist zugleich ein Wunder und ein Zufall. Deine Tat war jedoch ein sehr übler Zufall. Nun stehe auf, es ist Zeit zu gehen. Sie warten auf dich.»

«Wer wartet auf mich und wohin gehen wir?» fragte Neo beschämt und fast weinend.

Die weisse Gestalt schaute ihm ernst in die Augen und schwieg. Neo wiederholte mehrmals die Frage, erhielt aber keine Antwort. Erschlagen verliess er die Zelle und folgte der weissen Gestalt. Während die beiden den Gang entlang liefen, ohne ein sichtbares Ende vor sich, widerhallte das Geräusch ihrer Schritte in der Unendlichkeit des Ganges.

Aleksa Trifunović, University of Zurich

Edited by Tijana Simić, University of Zurich, Maria Zhukova, University of Konstanz and Olga Burenina-Petrova, University of Zurich & University of Konstnaz

 

1 Kommentar

  1. mega guet hett mir e beui sicht ufs lebe ge

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