Zu Beginn der Probe spielt das Sinfonieorchester die Serenade für Tenor, Horn und Streicher op. 31 von Edward Benjamin Britten. Die Solisten hierbei sind Carsten Duffin als Hornist und Robin Tritschler als Tenor. Den Fokus bei der Probe dieses 1943 geschriebenen Stückes legt der Dirigent vor allem auf die Soloteile und deren Übergänge zu den „Tutti-Teilen“ mit dem Orchester. Diese Übergänge werden mehrfach wiederholt und präzisiert.

Der besagten Serenade eines der größten englischen Musiker des 20. Jahrhunderts folgt die 10. Sinfonie in e-Moll op. 93 von Dmitrij Schostakowitsch die im Oktober 1953, knapp ein halbes Jahr nach Stalins Tod, vollendet wurde. Man könnte annehmen, dass dieses historische Ereignis dem Komponisten einen bestimmten Freiraum gibt, seine eigene Identität in dieser Musik zu finden. Dazu die Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie Insa Pijanka:“ Seine Identität zeigt sich in dieser Sinfonie deutlicher und vehementer als zuvor. Dies war aufgrund des Todesjahres von Stalin für kurze Zeit möglich. Es ging auch nie darum, sich von der Norm zu unterscheiden, sondern darum, sich als Individuum frei zu äußern. Diese Komposition ist sehr gewagt, da Schostakowitsch nicht dem verstorbenen Stalin huldigt, sondern seine Individualität dem entgegensetzt“.

Der Dirigent Marcus Bosch lässt die drei Sätze hintereinander spielen. Es ist ein fast gänzlicher Durchgang der gesamten Sinfonie zu hören. Der erste Satz, Moderato, ist sehr düster und beginnt mit den Celli und entwickelt sich weiter zu einem Intro der Streicher. Danach beginnen die Klarinetten in einer solistischen Form und die Streicher übernehmen dann dieses Motiv. Den akustischen Höhepunkt erreichen die Oboen in ihrem sich zuspitzenden Thema. Es wird sehr schrill und die Hörner, Piccolo und Streicher kommen dazu. Der erste Satz endet mit einem Piccolo-Solo.

Der zweite Satz, ein Allegro, ist dynamisch und die Rhythmik erinnert an Schritte. Der dritte Satz, ein Allegretto, ist sehr fröhlich und geht in einen plötzlichen Walzer über. Man hat oft den Eindruck, diese Sinfonie zeigt die in Töne gefasste Angst des Komponisten. Die Spanne der Töne umfasst die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen. Mit den Tempi wird an die Grenzen gegangen und es wird ein großer Zynismus widergespiegelt. Die Marschrhythmen, Trommelschläge und Dissonanzen spiegeln Brutalität wider und stellen in gewisser Hinsicht ein musikalisches Porträt Stalins dar.

Allerdings sagt Schostakowitsch selbst, dass die Sinfonie allen Menschen gewidmet sei, die den Frieden lieben. Wie und an welcher Stelle zeigt sich dieser Frieden? Insa Pijanka versucht diese Frage zu beantworten:
„Dieser Satz sei nicht als eine Art Inhaltsangabe zu verstehen, sondern als eine für Schostakowitsch übliche Formulierung, die er häufig verwendet hat. Die Sinfonie selber habe wenig mit Frieden zu tun. Die neue Sinfonie von ihm war damals ein Ereignis für die Bürger in der Sowjetunion. Unter anderem waren auch Sinfonien ein Gegenstand des Hungers nach einem Wort der Wahrheit. Die Zuhörer der Sinfonie empfanden sie als aufwühlend und sie hat ihnen zu denken gegeben“.

 

Musikalisch inszenierte Motive der Hoffnung und der Schrecken, der Freude und der Enttäuschungen, des Todes und des Lebens kommen in der Sinfonie zur Erscheinung. Diese Motive versucht der Dirigent auszudifferenzieren, indem er markante Stellen herausnimmt und diese genau probt und von den einzelnen Registern spielen lässt. So gelingt es ihm, die gewünschte Stimmung zu erzeugen.

In meinem Gespräch mit einem Violinisten aus der ersten Geige wird erwähnt, dass die 10. Sinfonie auch für die Musiker eine große Herausforderung darstellt. Auf der einen Seite ist es natürlich die abstrakte Musikalität, auf der anderen Seite auch die Kondition: Sie sei körperlich sehr schwer zu spielen und nach einem Durchgang der Sinfonie sei man als Musiker sehr erschöpft. Die Sinfonie fordert ein gutes Durchhaltevermögen, sowohl im Sinne der geistigen Konzentration, als auch der rein physischen Verfasstheit. Dennoch sei die 10. Sinfonie für die Musiker eine große Freude und es mache Spaß, sie zu spielen.1

Laetitia Meisel, Universität Konstanz

[1]Die Autorin bedankt sich bei Insa Pijanka, sowie bei den Musikern der Südwestdeutschen Philharmonie für die Beantwortung ihrer Fragen.

1 Kommentar

  1. Laetitia Meisel zieht den Leser aus dem Miterleben der Probe des Orchesters, die sie eindrucksvoll schildert, in eine jungen Menschen heute kaum mehr vorstellbare Zeit des physischen und psychischen Umbruchs. Daher ist es wichtig und angebracht, Shostakovichs musikalische Sicht der damaligen Situation nach Stalin zu erleben und zu beschreiben. Dies ist der aufgeschlossenen Verfasserin in knapper aber klarer und überzeugender Darstellung gelungen.

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