Ilma Rakusa – zu Gast bei SlavicumPress

Ilma Rakusa ist – in biographisch-chronologischer Reihenfolge – Slavistin, Lyrikerin, Übersetzerin, Prosaautorin und Literaturkritikerin. Russisch, Französisch, Serbokroatisch und Ungarisch sind die Sprachräume, in denen sich die in Zürich lebende und Deutsch schreibende Literatin übersetzerisch und editorisch seit den 1980er Jahren sehr fruchtbar – aber auch sehr differenziert – bewegt. SlavicumPress veröffentlicht Fragmente aus dem fast dreistündigen Gespräch, in dem sowohl von poetologischen Konstanten als auch von neuen Buchprojekten die Rede war.

Im etwas dämmerigen Raum – hinter dem Fenster Februar, bewölkt, mäßig Schnee – spricht Ilma Rakusa zu uns auf Deutsch, irgendwann wird für eine Weile ins Russische umgeschaltet. Zwei erlernte Sprachen?

Ich kann mich nicht daran erinnern, wie es ablief, als ich die ersten Sprachen im frühen Kindesalter gelernt habe, weil Kinder sehr spontan lernen, ohne Bücher. Ungarisch war die Muttersprache, dann kam Slowenisch, dann kam ein bisschen Italienisch in Triest, danach Deutsch und Schwyzerdütsch. Wie Kinder halt Sprachen lernen: Ich hab’s einfach gesprochen. Nur beim Slowenischen – da war ich drei Jahre alt – habe ich lange nur zugehört und kein Wort gesagt. Alle haben sich gewundert. Dann aber habe ich in kompletten Sätzen gesprochen, perfekt. Offenbar hatte ich bei dieser zweiten Sprache eine gewisse Scham, falsch zu sprechen, Fehler zu machen. Deshalb habe ich so lange gewartet, bis die Sätze stimmten. Alle waren wieder sehr erstaunt: Jetzt spricht das Kind perfekt, und vorher wollte es den Mund nicht aufmachen! Italienisch habe ich nicht so viel gelernt, wir waren auch nicht so lange in diesem Sprachraum. Und mit dem Deutschen ging das sehr schnell, ich kam bald in die Schule und habe dann vor allem viel gelesen – sofort gelesen-gelesen-gelesen… Bewusst erinnere ich mich an das Erlernen des Russischen. Das war viel später, eigentlich erst im Studium. Da war ich mir auch der Probleme bewusst. Und einige davon sind bis heute Probleme geblieben – die Aspekte zum Beispiel. Die beherrsche ich immer noch nicht perfekt. Ich glaube, das muss man mit der Muttermilch mitbekommen, sonst ist das wahnsinnig schwer, man hat ja nie Zeit zu überlegen: Ist es der perfektive oder der imperfektive Aspekt? Also das war ein sehr bewusster Lernvorgang.

Ein Lernvorgang, der zu der Liebe ihres Lebens führte: Marina Cvetaeva.

Ich habe mich in meinem Leben komplette zehn Jahre nur mit Cvetaeva beschäftigt! Auch jetzt schon wieder ein halbes Jahr, und nächstes Jahr wieder. Und ich bin mit ihr in einem permanenten Gespräch. Da ich sie nicht fragen kann, weil sie nicht lebt, schaue ich immer zum Himmel und sage: Marina, hilf mir bitte! diese Stelle, sie ist so wahnsinnig schwer zu übersetzen!

Von Ilma Rakusa wird gerade bei Suhrkamp eine neue vierbändige Cvetaeva-Edition herausgebracht. Den ersten, über 700 Seiten umfassenden Band mit Cvetaevas Prosa nimmt Rakusa während des Gesprächs einige Mal in die Hand.

Meine Aufgabe für diesen Band war, die Übersetzungen (auch meine eigenen), die in ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, alle durchzugehen und redaktionell ein bisschen zu schleifen. Auch auf die Richtigkeit zu überprüfen und zu sehen, dass der Ton nicht zu sehr differiert. Heute haben wir eine ganz neue Situation: Als ich zum Beispiel in den 1980er Jahren die Erzählungen für die Sammlung „Mutter und die Musik“ übersetzte, gab es noch keine russische kritische Gesamtausgabe von Cvetaeva. Die erscheint seit den frühen 1990er Jahren bei Ellis Lak, und zwar mit Kommentaren und philologisch exakt. Für unsere Ausgabe stützen wir uns auf diese kritische Gesamtausgabe, was enorm wichtig ist. In meiner älteren Übersetzung fehlten zum Beispiel gewisse Stellen, weil die Vorlage zensiert war. Jetzt konnte ich diese Stellen ergänzen. – Zur Ausgabe: der zweite Band bringt Dichterporträts sowie poetologische Essays, der dritte wird eine Auswahl aus Cvetaevas unveröffentlichten Notizbüchern enthalten, der vierte Band schließlich wird der Lyrik gewidmet sein. Auch hier werden sich mehrere Übersetzer beteiligen, weil es um viele und sehr schwierige Texte geht. Es werden sechs-sieben Dichter und Dichterinnen übersetzen, und da habe ich vor, alle Beteiligten zu einem oder zwei Workshops einzuladen, wo wir über Übersetzungsprinzipien diskutieren werden, damit einigermaßen ein Ton entsteht. Wir werden uns treffen und zwei Tage arbeiten und nach einem halben Jahr wieder zwei Tage, so dass man die Entwürfe vorliest und gemeinsam diskutiert. Ich kenne einen Übersetzer von Cvetaeva, er hat ein Gedicht so übersetzt, dass da ein Smartphone vorkommt, und das geht natürlich nicht. Man kann das Gedicht aus den dreißiger Jahren nicht so modernisieren, vor allem ist das keine Übersetzung, das ist eine Adaption, eine Paraphrase, und das geht nicht für eine solche Ausgabe.

Was tun mit den russischen Reimen?

Ich übersetze kaum Lyrik, auch nicht von Cvetaeva. Ich finde das so extrem schwierig, dass ich lieber poetische Prosa übersetze. Es ist aus vielen Gründen schwer, russische Lyrik zu übersetzen. Zum Beispiel Brodskij, der ja komplizierte Metren benutzt und sehr komplizierte Reime – das ist so schwer wiederzugeben, zumal das Deutsche immer länger ausfällt. Ich habe einmal ein Versdrama von Marina Cvetaeva übersetzt, es wurde an der Berliner Schaubühne aufgeführt. Und dort habe ich die Entscheidung getroffen, das Metrum sehr streng beizubehalten, auch wenn das Metrum wechselt, aber statt der Reime meistens nur Assonanzen zu nehmen. Weil im Deutschen, wenn das jemand nicht wirklich sehr-sehr gut kann, klingt es epigonal. Es klingt einfach nicht gut. So gibt es auch schlechte Puškin-Übersetzungen, schlechte Achmatova-Übersetzungen. Es klingt nach gar nichts, es klingt wirklich epigonal. Deswegen ist es die allerschwierigste Aufgabe.

Übersetzungslehre, Übersetzervorbilder? Hier gilt bleistiftbewaffnete Skepsis.

Übersetzungstheorien habe ich etliche gelesen, es gibt ja dieses Standardwerk von Jiří Levý über das Übersetzen, ich habe darin zwar Anstreichungen gemacht, aber nie davon profitiert. Weil Theorie und Praxis sich überhaupt nicht decken. Man muss sich wirklich reinknien in medias res, und die Probleme tauchen sofort auf, aber können nicht theoretisch gelöst werden. Noch in Leningrad während meines Studiums und später in Paris hatte ich viel Kontakt mit Efim Grigor’evič Ėtkind, der unter anderem ein bekannter Übersetzer und Übersetzungstheoretiker war. Ich habe mich mit ihm über Übersetzung ausgetauscht – da habe ich schon Cvetaeva übersetzt und einiges von Achmatova – und wir haben uns über konkrete Textstellen unterhalten, aber ich war mit seiner Übersetzungsästhetik eigentlich nicht einverstanden, denn er meinte immer, aus dem Russischen müsse man Gedichte eins zu eins übersetzen, das heißt auch mit allen Reimen. Und ich habe ihm immer gesagt: Efim Grigor’evič, Sie sind kein deutscher Muttersprachler; ich glaube, Sie können nicht ganz beurteilen, wie das klingt auf Deutsch; und ich kann Ihnen sagen: Wenn man es eins zu eins versucht, klingt es fürchterlich, nämlich epigonal. Da waren wir uns also nie einig. Er konnte gut Deutsch, er konnte sehr gut Französisch, aber das reicht nicht, um wirklich diese Finessen zu beurteilen.

Die Gefahr eines epigonalen Klangs ist aber nicht allein bei der Lyrik ständig in der Nähe. Das Schreiben, für das sich die Übersetzerin Ilma Rakusa entscheidet, ist nur für jemanden mit perfektem Gehör.

Es gibt Autoren, die sehr stark in Bildern arbeiten, in Metaphern. Und es gibt andere, die die Sprache sehr stark als Klang behandeln. Cvetaeva ist eindeutig Klang. Sie ist ein Ohrenmensch. Auch in der Prosa: Ihre Art mit der Interpunktion umzugehen – das ist wie eine musikalische Partitur. Ich selber bin auch ein Ohrenmensch, dass heißt ich bin in der Beziehung eher ein Cvetaeva-affiner Mensch als ein Flaubertscher Mensch. Flaubert ist ja eher Auge, Cvetaeva ist mehr Ohr. Und das muss man beim Übersetzen berücksichtigen. Flaubert hat natürlich auch unglaubliche Sätze gebaut, diese Sätze sind auch sehr rhythmisch, aber: Wo liegen die Akzente? Ist der Akzent auf dem Bild oder ist er eher auf der Stimme, dem Ton? Der Autor gibt einem das vor, was wichtig ist. Und mir fällt es tatsächlich etwas leichter, „Ohrmenschen“ zu übersetzten. Dabei spricht man im Deutschen ja auch vom Ton, davon, ob der Übersetzer den Ton richtig getroffen hat. Der Ton setzt sich aber aus vielerlei zusammen. Es gibt einen hohen Ton und einen niedrigen Ton. Ob jemand mit einem eher gehobenen Wortschatz oder mehr mit Umgangssprache und Alltagssprache arbeitet – das gehört alles zum Ton. Und das muss man natürlich unbedingt wiedergeben. Auch der skaz ist etwas Orales, diese Wiedergabe oraler Rede, die aber verfremdet ist, das alles muss man berücksichtigen, sonst ist es gar keine Übersetzung. Aber es ist gerade etwas vom Schwierigsten, den Ton richtig zu treffen. Wenn man sich nur ein bisschen vertut, auch in der Lexik, indem man zum Beispiel zu gehobene Wörter verwendet, kann man einen Text komplett zerstören, der eher auf einer mittleren Ebene angesiedelt ist oder sogar umgangssprachlich, alltagssprachlich angelegt ist. Das muss man unglaublich genau erfassen und sehr genau wiedergeben. Wie Marguerite Duras einmal sagte: Die schlimmsten Fehler sind die musikalischen.

Die Musik hat aber lange, stille Zeit des bedruckten Papiers. Mit kiloschweren Büchern sei Ilma Rakusa bereit, herumzulaufen, um Bildschirme zu vermeiden. Sie ist empört über die flüchtige Literaturkritik. Und kann sich mit dem schnellen Austausch auf Literaturplattformen im Internet – „Daumen rauf, Daumen runter“ – nicht anfreunden, sich umso weniger daran beteiligen, erst gar nicht als Autorin.

Der Autor darf sich nie einmischen! Er darf nie reklamieren! Man darf nie den Mund auftun, wenn man findet, dass jemand etwas missverstanden hat. Beim eigenen Buch ist man natürlich sehr empfindlich, aber ich habe noch nie den Mund aufgetan und gesagt: Sie haben das komplett missverstanden.

Vom eigenen Übersetzter missverstanden zu werden ist aber wieder etwas anderes – hier ist Wachsamkeit geboten.

Mein Buch „Mehr Meer“, das 2009 erschienen ist, wurde inzwischen in dreizehn Sprachen übersetzt, auch ins Japanische und Arabische. Und in fast alle slawischen Sprachen – Russisch, Ukrainisch, Polnisch, Tschechisch, Kroatisch, Slowenisch. Ich war bei vielen Übersetzungen sehr aktiv beteiligt. Nicht dass ich die Übersetzer ausgesucht hätte, aber ich habe ihnen sofort gesagt: Ich möchte im Austausch sein und ich möchte, dass sie mich fragen, wo sie Probleme haben, und ich möchte alles sehen, also das ganze Manuskript. Und so habe ich sicher ein Jahr meines Lebens investiert, nur um diese viele Fragen zu beantworten, die Manuskripte zu lesen, sogar Korrektur zu lesen. Ich habe mich dafür unglaublich interessiert, weil ich selber Übersetzerin bin und weil es mir sehr, sehr wichtig ist, dass Übersetzungen gut sind. Früher habe ich mich nicht darum gekümmert, und es sind furchtbare Übersetzungen entstanden. Die slowenische Übersetzerin meines Erzählungsbandes „Miramar“ hat zum Beispiel „die Kiefer“ mit „der Kiefer“ verwechselt. Den Baum hat sie als den Kiefer übersetzt, und es ist was völlig Surrealistisches entstanden. Ich habe dieses Buch nie mehr angeschaut, ich habe es in die Ecke geschmissen, das existiert für mich nicht. Und kein Lektor dort hat das überprüft oder gegengelesen. Dann habe ich mir geschworen: Ab jetzt schaue ich jede Zeile an, wirklich jede Zeile – natürlich nur da, wo ich einigermaßen die Sprache kann. Aber ich habe auch im Japanischen einen wunderbaren Übersetzer, er hat mir seitenweise Fragen gestellt und hat auch gefragt, wie man was ausspricht.

Diesen Titel – „Mehr Meer. Erinnerungspassagen“ – hatte ich sofort. Es hat damit zu tun, dass ich am Meer aufgewachsen bin in Triest und dass ich hier in der Schweiz vom Meer weit entfernt bin, das heißt ich möchte mehr Meer, es ist der Wunsch nach mehr Meer. Den Titel hatte ich ganz früh, aber er ist wahnsinnig schwer zu übersetzen. Die Russen haben daraus „Mera morja“ gemacht, damit das irgendwie klingt, das ist aber natürlich ein bisschen was anderes. Kroatisch heißt es „Mnogo mora“, slowenisch „Morje modro moje“, „mein blaues Meer“. Polnisch heißt es „Mało morza mało“, sie haben dieses „mało“ wiederholt. Ukrainisch klingt es sehr schön, „More morja“. Ungarisch ist es „Rengeteg tenger“, das bedeutet natürlich auch nicht ganz dasselbe, denn „rengeteg“ heißt auf Ungarisch „sehr viel“. Nicht einfach „viel mehr“, sondern „sehr viel mehr Meer“. Französisch ist es „La mer encore“, also jeder hat versucht, irgendetwas zu machen, was ein bisschen den Klang wiedergibt – das war schon a priori ein schwer zu übersetzendes Buch.

Als Autorin bleibt nun Ilma Rakusa der deutschen Sprache treu, den Übersetzenden nimmt sie die Feder nicht aus der Hand – auch bei Sprachen, bei denen es vielleicht nicht undenkbar wäre.

Ich bin die Autorin des Buches, das heißt ich weiß, warum ich was gemacht habe und warum ich es auch in einer bestimmten Weise haben möchte. Und dann kommt ein Übersetzer, eine Übersetzerin. Es geht nicht nur um die eklatanten Fehler, über die man schnell diskutiert, wie der Kiefer und die Kiefer, sondern es geht auch um Finessen, um musikalische Sachen. Diese Arbeit war sehr intensiv gewesen, auch mit meiner russischen Übersetzerin, Vladislava Agafonova, die jetzt gerade einen Erzählungsband von mir übersetzt, einen Erzählungsband mit dem schwierigen Titel „Einsamkeit mit rollendem r“. Mal sehen, vielleicht machen wir einen andern Titel. Immer wenn es um Gedichte geht in meinen Prosatexten, dann übersetzt es Elizaveta Sokolova, eine Germanistin, die ein sehr gutes Ohr hat. Sie hat auch die Gedichte in meinem Band „Perečerknutyj mir“ übersetzt. So habe ich diese zwei Übersetzerinnen, mit denen ich sehr gut kommuniziere, und die haben auch Spaß an diesem Austausch. In Moskau sitzen wir natürlich zusammen, und dann können wir das auch mündlich besprechen. Es ist manchmal schwierig per E-Mail, weil ich muss dann sehr lange Listen machen und manchmal sehr lange Erklärungen liefern, warum etwas nicht geht, und ich will das ja begründen.

Ich kann hören, wenn etwas rhythmisch nicht stimmt, auch syntaktische Mängel und lexikalische – aber ich überlasse die führende Rolle den Übersetzern und Übersetzerinnen. Die müssen die Lösungen finden. In den meisten Fällen, wenn das Potenzial da ist, bin ich sehr motivierend und lobend. Nur da, wo ich merke, die Person ist eigentlich nicht ganz qualifiziert, da wird es schwierig, denn ich möchte die Person nicht beleidigen und bin gleichzeitig sehr unzufrieden. Aber ich hatte bis jetzt meistens Glück mit den Übersetzern.

Es ist das Erinnerungsbuch, das wohl die meisten Leser gefunden hat – nicht die Erzählungen und nicht die Lyrik. Aber am Ende ist es doch das Gelingen einer poetischen Form, einer Vielfalt von Formen.

Das ist ein Buch, das irgendwie Zugang öffnet – zu meinen Welten, sagen wir mal so, biographischen und anderen. Ich glaube, es ist auch ansprechend geschrieben, weil es sehr unterschiedliche Kapitel hat – essayistische, poetische, manchmal ein Gedicht, ein kurzes Stück. Viele kurze Kapitel. Und ja – da habe ich sofort den Schweizer Buchpreis dafür bekommen, ich war auch erstaunt. Meine Erzählungsbände, die sind etwas hermetischer. Dieses Buch aber, vielleicht weil es ein persönliches Buch ist, ist offener. Die Leser und Leserinnen haben sich auch entsprechend geäußert. Ich habe sehr viele Briefe bekommen und E-Mails – von Lesern, die gesagt haben, warum ihnen das gefallen hat und dass sie selber dadurch sehr inspiriert waren, sich mit der eigenen Vergangenheit, mit ihrem eigenen Leben zu beschäftigen. Bücher können ja etwas auslösen, auch solche Prozesse, Erinnerungsprozesse. Bei diesem Buch war es der Fall, dass sich sehr viele Leute quasi identifiziert haben mit gewissen Passagen und gesagt haben, sie sind jetzt plötzlich dabei, ihre eigene Biographie wieder aufzurollen, und sie hätten sogar die Idee, etwas zu schreiben – selber. Also das Buch hatte so eine Trigger-Funktion. Das hat mich enorm gefreut. Es geht ja darum, glaube ich, dass man Bücher schreibt, um etwas so mitzuteilen, dass sich der Leser auch darin wiederfindet. Ich will ihn nicht nur mit einer Welt konfrontieren, die ihm total fremd ist, sondern er soll einen Zugang finden irgendwie. Und bei keinem Buch weiß man, ob das gelingt und wie das gelingt. Gerade bei Gedichtbänden weiß man es auch nicht, weil manche Leute sich sperren gegen Gedichte. Trotzdem, ich mache was ich kann, ich kann ja keine Romane schreiben. Ich habe einen Kurzroman geschrieben, russisch würde man vielleicht povest’ sagen, „Die Insel“, ostrov. Aber sonst bin ich eher Lyrikerin, Erzählerin, oder schreibe eine autofiktionale Prosa, die sich aus vielen kürzeren Teilen zusammensetzt. Ich habe nicht so einen langen Atem, für Romane reicht es bei mir nicht. Weder den Atem noch die Vorstellungskraft, weil ein Roman ist wie eine Architektur, da muss man wirklich ein ganzes Haus bauen. Und ich schaffe meistens nur gerade das Erdgeschoss.

Das tägliche Wirken: Was hat Ilma Rakusa heute vor diesem Gespräch gemacht?

Eigentlich stimmt das für mich: nulla dies sine linea. Ich habe zum Beispiel heute eine Seite im Tagebuch geschrieben, heute ist der 20. Todestag meines Vaters. Ich habe ein paar E-Mails geschrieben und gelesen, aber nicht übersetzt. Ich habe gerade ein Buch zu Ende geschrieben, „Mein Alphabet“, und ich mache vielleicht noch winzige kleine Retuschen, aber eigentlich ist es schon fertig. Gedichte entstehen immer wieder, es ist nicht so, dass man wie in einem Roman Kapitel nach Kapitel schreibt, sondern Gedichte entstehen wenn sie wollen, spontan, ungeplant. Was die Übersetzung angeht, werde ich jetzt für den zweiten Band übersetzen, den Essay von Cvetaeva über Boris Pasternak – „Svetovoj liven’“. Und wie gesagt das Schreiben, das tägliche Schreiben ist für mich immer eher Freude als Pflicht.


Das Gespräch mit Ilma Rakusa fand am 5. Februar 2019 im Slavischen
Seminar der Universität Zürich statt. Demnächst wird eine erweiterte Videofassung auf unserer Plattform zugänglich sein. Die Fragen wurden gestellt von: Innokentij Urupin, Anja Römisch, Diliara Fruehauf, Marina Okhrimovskaya, Maria Zhukova, Agnieszka Gerber, Olga Burenina-Petrova

Dr. Innokentij Urupin, Universität Konstanz