Witikonerstrasse 61 (Karte)
von Florence Tanner

(Bildlegende) Abb. 1. Die heutige Geschäftsstelle von EXIT Deutsche Schweiz
Ein unauffälliges Haus mit grosser Geschichte: EXIT am Klusplatz
An der Witikonerstrasse 61 am Zürcher Klusplatz steht ein modernes, funktionales Gebäude, das sich unauffällig in das Quartier Hirslanden einfügt. Doch hinter dieser Fassade schlägt seit 2017 das Herz von EXIT Deutsche Schweiz.
Der Umzug vom alten Standort in Zürich-Albisrieden wurde nötig, weil der Verein sprichwörtlich aus allen Nähten platzte: Innerhalb von nur fünf Jahren hatte sich die Mitgliederzahl auf über 100’000 verdoppelt.
Heute koordinieren hier rund 30 Mitarbeitende die vielfältigen Aufgaben der Organisation – von der Beratung zu Altersbeschwerden über die Verwaltung von rund 110’000 Patientenverfügungen bis hin zur komplexen Organisation von Freitodbegleitungen.
Dass eine solche Institution heute so professionell inmitten der Gesellschaft arbeitet, ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen medizinhistorischen Wandels.

Ein Zündmoment: Die „Affäre Haemmerli“ (1975)
Bevor es EXIT gab, erschütterte ein Ereignis das Vertrauen in die Zürcher Spitalmedizin. 1975 wurde Prof. Urs Haemmerli, Chefarzt am Stadtspital Triemli, wegen Verdachts auf vorsätzliche Tötung angezeigt.
Was war geschehen? Haemmerli hatte bei todkranken Patienten im letzten Stadium des Sterbens auf künstliche Ernährung verzichtet und ihnen nur noch Wasser gegeben, um ein sinnloses, durch Technik künstlich in die Länge gezogenes Leiden zu verhindern.
Die medizinhistorische Bedeutung: Das Verfahren wurde 1976 eingestellt, da diese „passive Sterbehilfe“ nicht gegen das Strafrecht verstiess. Dieser Fall gilt als die „Urzelle“ von EXIT, da er der Öffentlichkeit drastisch vor Augen führte, dass viele Menschen Angst davor hatten, am Lebensende zum Opfer einer unpersönlichen „Apparatemedizin“ zu werden.

Die Pionierin: Hedwig Zürcher
Die konkrete Idee zur Gründung kam schliesslich von einer Laiin: der pensionierten Berner Lehrerin Hedwig Zürcher. Sie war überzeugt, dass man überkommene Tabus brechen müsse, um Menschen ein schweres Sterben aufgrund von „grausamen Gesetzen und Vorurteilen“ zu ersparen.
Im April 1982 gründete sie zusammen mit dem Anwalt Walter Baechi in Zürich EXIT. Zürcher wollte das Selbstbestimmungsrecht der Patienten stärken und es der alleinigen ärztlichen Entscheidungsgewalt entziehen.
Ihr Engagement war zutiefst persönlich: Als sie 1989 unheilbar an Krebs erkrankte, nahm sie als eine der Ersten die Hilfe ihres eigenen Vereins in Anspruch, um selbstbestimmt zu scheiden.
Glaube gegen Apparate: Der Pfarrer Rolf Sigg
Ein weiterer wichtiger Kopf der Anfangsjahre war der reformierte Pfarrer Rolf Sigg, der der Bewegung ein ethisches Fundament gab,. In einer Zeit, in der die Kirchen Sterbehilfe oft schroff ablehnten, vertrat er eine klare Position:
„Heute verfügen doch Apparate über uns. Deshalb ist es sehr viel besser, ich werfe mich in die Gnade Gottes, statt dass ich mich in das Leiden schicke.“
Rolf Sigg
Sigg sah im selbstgewählten Tod keinen Widerspruch zum Glauben. Für ihn bedeutete das Vertrauen auf die „Gnade Gottes“, die Verantwortung für das eigene Ende mutig selbst zu übernehmen, anstatt die Kontrolle über das Sterben an Maschinen zu verlieren.
Für diese Überzeugung zahlte er einen hohen Preis: Er musste sich zwischen seinem Pfarramt und seiner Tätigkeit bei EXIT entscheiden und wählte EXIT.
Widerstände und der Bruch mit Dignitas
Der Weg von EXIT war stets von Konflikten begleitet. Der Widerstand kam vor allem von Kirchen, Behörden und ärztlichen Moralinstanzen. Die Hauptkritikpunkte waren die Befürchtung einer „Geschäftemacherei“ mit dem Tod sowie die Sorge, dass ein gesellschaftlicher Druck auf alte Menschen entstehen könnte, ihr Leben vorzeitig zu beenden, um niemandem zur Last zu fallen.
1998 kam es zudem zu einer internen Zerreissprobe. Nach einem Richtungsstreit trat der Anwalt Ludwig A. Minelli aus und gründete die Organisation Dignitas.
Der Unterschied: Während EXIT bis heute ausschliesslich Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz unterstützt, ermöglichte Dignitas den assistierten Suizid auch für Personen aus dem Ausland, was die internationale Debatte um den sogenannten „Sterbetourismus“ auslöste.

Ausblick: Ein fester Teil der Gesellschaft
Heute ist EXIT keine kleine Rebellengruppe mehr, sondern eine hochprofessionelle Organisation, deren Modell in der Schweiz breit akzeptiert ist: 2011 lehnten im Kanton Zürich 84,5 % der Stimmberechtigten ein Verbot der Sterbehilfe ab.
Die Geschäftsstelle am Klusplatz steht symbolisch für diese Normalisierung. In Zukunft will EXIT erreichen, dass die Freitodbegleitung als Ausdruck höchster Selbstbestimmung schweizweit in allen Altersheimen und Spitälern zugelassen wird. Die Geschichte von EXIT lehrt uns, dass das Sterben in Zürich kein Tabu mehr ist, sondern ein Teil des Lebens, über den der Einzelne selbst entscheiden darf.
Bildquellen
Abb. 1: (eigenes Bild, aufgenommen am 21.04.2026)
Abb. 2: (https://www.tdg.ch/une-affaire-deuthanasie-secoue-la-suisse-187117321936, abgerufen am 19.05.2026)
Abb. 3: (https://www.exit.ch/fileadmin/user_upload/download/mitglieder-magazin/exit-info_02-03_web.pdf, abgerufen am 19.05.2026)
Abb. 4: (Regina Vetter, in: Daniel Suter: 30 Jahre Einsatz für Selbstbestimmung, EXIT Deutsche Schweiz (Hrsg.), 2012.)
Literatur
EXIT – Deutsche Schweiz: „Die EXIT-Geschäftsstelle zieht um“. Veröffentlicht am 1. Februar 2017. Verfügbar unter: exit.ch
SWI swissinfo.ch: „Die Sterbehilfe in der Schweiz ist längst ausser Kontrolle“. Gastbeitrag von Matthias Ackeret. Veröffentlicht am 4. Januar 2019. Verfügbar unter: swissinfo.ch
SRF News: „Sterbehilfe: Ein Begleiter erzählt, wie der Freitod abläuft“. Gespräch mit Alois Carnier, geführt von Jessica Bamford. Veröffentlicht am 22. März 2024. Verfügbar unter: srf.ch
SRF Wissen: „Sterben auf Rezept: wie weiter mit Exit und Co.?“. Beitrag von Heikko Böhm. Veröffentlicht am 20. Mai 2025. Verfügbar unter: srf.ch
Suter, Daniel: „30 Jahre Einsatz für Selbstbestimmung – Selbstbestimmung im Leben und im Sterben“. Jubiläumsbroschüre im Auftrag von EXIT Deutsche Schweiz. Veröffentlicht 2012.