Zederstrasse 14 (Karte)
von Nora H.
Wie die frühen Medizinstudentinnen wohnten und lebten

Das Platten- und Oberstrassviertel – „ein Stückchen Russland“1
Wer Ende des 19. Jahrhunderts durch die Zederstrasse oder die angrenzenden Viertel Platten und Oberstrass ging, begegnete einer Welt für sich. Es war ein Ort des Aufbruchs und der Entbehrung zugleich: Hier lebten junge Russinnen unter prekären Verhältnissen zur Untermiete, um studieren zu können. Auch die Zederstrasse 14 beherbergte eine derartige „Studentenbude“, hier lebten frühe Medizinstudentinnen zur Untermiete bei der „Jungfer“ Kägi.

Die wachsende Russische Gemeinde bestand hauptsächlich aus Studierenden, unter denen die Frauen einen bemerkenswert hohen Anteil bildeten. Ihr slawischer Einfluss verlieh dem Quartier Platten und Oberstrass eine für die damalige Zeit internationale, fast schon rebellische Stimmung, die sich deutlich vom konservativen Leben der Stadt Zürcher unten in der Stadt abhob. Es entstand eine eigene Infrastruktur: eine russische Bibliothek, eine Unterstützungskasse für arme Studierende sowie eine Speisehalle bildeten den gemeinschaftlichen Rückhalt der Kolonie.
Doch die akademische Freiheit war teuer erkauft. Während die vermögenderen Studierenden in gehobenen Pensionen residierten, blieb den ärmeren nur die kärgliche Untermiete. Ein Zimmer kostete durchschnittlich 20-25 Franken im Monat, wer nur 15 Franken aufbringen konnte, musste in einer unbeheizten Kammer ausharren. Viele erkauften sich den Zugang zum Wissen durch bitterliche Entbehrung: Sie zweigten die Vorlesungsgebühren von ihrem täglichen Essenbuget ab und lebten oft monatelang nur von Tee, Brot und Milch. 2


Studentenbude der „Jungfer“ Kägi
Hinter den Türen der Zederstrasse 14 trafen ganz unterschiedliche Welten aufeinander. So lebten hier beispielsweise im Jahre 1871/72 drei grundverschieden frühe Medizinstudentinnen: Fanny Berlinerblau, Sophia Dmitrijewa und die „kühle“ Deutsche Franziska Tiburtius. Letztere zwei gerieten sich oft in die Haare. Tiburtius nannte Dmitrijewa das „unangenehmste aller Kosakenpferdchen“ oder „Elefant“ und bekämpfte den Zigarettendampf und das laute sozialistische Diskutieren ihrer Zimmernachbarin mit grässlichen Tonleitern, Gassenhauern und Fingerübungen.3
Nadesschka Suslowa – das grosse Vorbild:
Die ersten Medizinstudentinnen an der Uni Zürich stammten hauptsächlich aus dem Zarenreich. In den 1860er-Jahren durften Frauen den Vorlesungen im Zarenreich kurzzeitig als Gastzuhörerinnen beiwohnen, doch bereits 1863 im Rahmen der Studentenunruhen wurden sie wieder ausgeschlossen. Wer weiterhin studieren wollte, musste ins Ausland gehen.
So auch die erste und berühmteste unter ihnen: Nadeschda Suslowa. Als Tochter russischer Leibeigener war der Weg zur ersten Ärztin ein steiniger Hindernislauf gegen die Konventionen ihrer Zeit. Auch Suslowa lebte während ihres Studiums in Zürich im Quartier an der Plattenstrasse. 1867 erlangte die erst 24-jährige Suslowa die Doktorwürde. „Ich bin die erste, aber nicht die letzte. Nach mir werden Tausende kommen.“, beschrieb sie ihre Vorreiterrolle – ein Versprechen, das sich in den folgenden Jahren eindrucksvoll erfüllen sollte.4

Warum aber genau Zürich?
Zürich galt damals als sehr günstig, die liberale, neugegründete Universität Zürich wurde zur Wiege des Frauenstudiums. Dank des russischen Quartiers in Platten und Oberstrass, war der Anfang für Neuankömmlinge leichter. Und so zählte die Universität Zürich 1873 114 Studentinnen – 100 davon stammten aus Russland und die meisten schrieben sich für Medizin ein.5
Doch die Motive waren unterschiedlich: Während einige der Studentinnen ihr Studium wie Suslowa mit grossem Lerneifer verfolgten, waren andere Revolutionärinnen, denen im Russischen Reich Verfolgung drohte. Diese Frauen wurden despektierlich als „Kosakenpferdchen“ bezeichnet und provozierten mit einer für die damalige Zeit „unsittlichen Lebensweise“. Ein empörter Zeitgenosse beschrieb sie kopfschüttelnd: „ungekämmte Haare, die dunkle Brille und die unvermeidliche Zigarette im Mund (…) und (…) noch weit schlimmer: kurze Röcke, die dazu nicht immer sauber waren“.6
Zwischen Hörsaal und Hinterhalt:
Das Klima an der Universität war gespalten. Der Großteil der Professoren verhielt sich unterstützend und behandelte die Pionierinnen mit Respekt. Marie Heim-Vögtlin, die erste Schweizer Ärztin, beschrieb einige gar als helfende „Schutzengel“ Doch nicht alle Professoren teilten diese liberale Haltung. Einige sprachen die Studierenden wie gewohnt demonstrativ mit „meine Herren“ an – selbst wenn sie, wie eine Zeitzeugin berichtet eine „Bank voller Damen vor sich“ hatten.
Ein besonders unangenehmes Beispiel für diesen Widerstand war der Gynäkologie Professor Ferdinand Frankhäuser. Als Gegner des Frauenstudiums versuchte er mit gezielt anstössigen Bemerkungen, die Studentinnen aus dem Hörsaal zu verjagen. Auch die Mitstudenten waren teilweise überfordert oder eingeschüchtert mit der neuen Situation.7

Was in kargen Studentinnenbuden wie der Zederstrasse 14 unter Entbehrung und Spott begann, hat die Medizin nachhaltig geprägt: Heute stellen Frauen die deutliche Mehrheit der Medizinstudierenden. Die Pionierinnen waren die ersten, aber ihr Mut ebnete den Weg für ganze Generationen.
Zitat: „Ich bin die erste, aber nicht die letzte. Nach mir werden Tausende kommen.“ N. Suslowa8







Bildquellen
Abb. 1: Foto, aufgenommen am 20.4.2026.
Abb. 2: Rogger, Franziska. Ganz Europa blickt auf uns!, Baden 2010, S. 60.
Abb. 3: Rogger, Franziska. Ganz Europa blickt auf uns!, Baden 2010, S. 57.
Abb. 4: Rogger, Franziska. Ganz Europa blickt auf uns!, Baden 2010, S. 72.
Abb. 4: Foto, aufgenommen am 20.4.2026.