Universitätsspital Zürich, Gloriastrasse 29, 8091 Zürich
von Selina Dössegger
Der grosse Hörsaal OST des USZ steht sinnbildlich für die Entwicklung des Spitals als Lehr- und Forschungsinstitution. Das Universitätsspital wurde von einem Ort, an dem primär Patienten behandelt wurden, zu einem Ort, an dem man auch Wert auf die Aus- und Weiterbildung von Studierenden legte.

Der Hörsaal OST gehört zu den neueren Lehrinfrastrukturen auf dem Campus des Universitätsspital Zürich. Er wurde im Rahmen der Modernisierungen und Erweiterungen im 20. und 21. Jahrhundert erbaut. So erforderte die Zunahme der Anzahl der Medizinstudierenden und das stetige Wachstum des USZ grössere Räumlichkeiten, welche in den Jahren 1940-1951 realisiert wurden. Dabei wurde unter anderem der Hörsaaltrakt erbaut, in welchem sich der grosse Hörsaal OST befindet. Dieser wird bis zum heutigen Zeitpunkt immer noch für den ursprünglich vorgesehenen Zweck verwendet: Vorlesungen der Humanmedizin, klinische Fallbesprechungen, Symposien und Fachkongresse.
Der Hörsaal OST kann als Paradebeispiel für die Weiterentwicklung der Medizin und die wachsende Bedeutung der Lehre am Universitätsspital angesehen werden. Dies zeigt auch die Geschichte des schwedischen Herzchirurgen Åke Senning, der von 1961 bis 1985 am Universitätsspital Zürich als Direktor und Lehrstuhlinhaber der Chirurgischen Uniklinik A tätig war. Senning war einer der bedeutendsten Herzchirurgen des 20. Jahrhunderts und baute in seiner Zeit am USZ die Herzchirurgie in Zürich zu einem international führenden Zentrum aus. Damit wurde Zürich zu einem Magneten für Medizinstudierende und Ärzte aus aller Welt. Die Vorlesungen von Åke Senning, welche im Hörsaal OST stattfanden, waren ein Einblick in die Frontlinie der Medizin, zu einer Zeit, in der es viele Wandel und gewaltige technische Innovationen im Bereich der Herzchirurgie gab. Seine Arbeit wurde jedoch auch kritisch diskutiert und nicht von allen für gut befunden – so gab es andere, insbesondere ältere Professoren, welche die Studierenden vor „diesem jungen gefährlichen Mann aus Schweden, der in das Herz schneidet…“ gewarnt haben sollen. Bei vielen verschwand diese anfängliche Skepsis mit den Jahren und wich höchstem Respekt für das Können und die Innovationen Åke Sennings.
Die wohl grösste Errungenschaft in Åke Sennings Karriere am USZ war die Durchführung der ersten Herztransplantation in der Schweiz, welche im Jahr 1969 stattfand. Der Empfänger des Spenderherzens überstand die Transplantation zunächst gut und schien sich von der Operation zu erholen, nach einigen Wochen erlitt er jedoch eine Pilzinfektion und starb schliesslich an einem Lungeninfekt. Es dauerte nicht lange bis auf die erste Herztransplantation viele weitere folgten. Da man zu dieser Zeit jedoch noch nicht viel bezüglich Abstossungsreaktionen erforscht hatte, starben die Patienten innert weniger Wochen, was schliesslich dazu führte, dass die Transplantationen vorerst wieder eingestellt wurden. Erst mit der Entwicklung von Sandimmun in den 70er-Jahren konnte man die Transplantationschirurgie wieder aufnehmen.
Obschon die erste Herztransplantation am USZ von vielen als grosser Durchbruch in der Herzchirurgie angesehen wurde und Åke Senning von vielen als Held gefeiert wurde, muss man diese Errungenschaft auch von einer anderen, kritischeren Seite betrachten. Die Durchführung der Transplantation löste einen grossen moralischen Skandal aus. So haben die Angehörigen des Spenders erst am Abend nach der Transplantation durch die Medien von der Entnahme des Herzens ihres Sohnes erfahren, sie waren keineswegs über die Spende informiert. Diese Diskussion sagt viel aus über die damalige Haltung der Ärzte: es herrschte ein autoritäres Arzt-Patienten-Verhältnis, in dem die medizinisch-technologische Logik klar im Vordergrund stand. Auch der Hörsaal OST spielte bei der ersten Herztransplantation eine zentrale Rolle: So fand direkt nach der durchgeführten Transplantation eine Pressekonferenz in ebendiesem Hörsaal statt, in der die Ärzte über die erfolgte Operation berichteten. Diese Pressekonferenz wurde vom damaligen Gesundheitsdirektor Bürgi angeordnet. So hat also die Pressekonferenz, in welcher die breite Bevölkerung über die neuste Errungenschaft in der Medizin zu dieser Zeit informiert wurde, in einem Hörsaal stattgefunden, welcher normalerweise für die Aus- und Weiterbildung von Studierenden verwendet wird. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, welcher Stellenwert diesem Hörsaal zugeschrieben wurde: In der Medizin ging es nicht mehr nur um die Behandlung von Patienten, die Ausbildung von Studierenden, die Erforschung neuer Bereiche und das Vermitteln von Wissen nehmen einen wichtigen Platz ein.
Literatur
Senning, Åke