Das goEast Filmfestival
Das goEast ist ein jährlich stattfindendes Filmfestival in Wiesbaden und stellt einen wichtigen Schauplatz für filmische Werke aus Mittel- und Osteuropa dar. Mit inspirierenden Spiel-, Kurz- sowie Dokumentarfilmen zeigt das Festival die Vielfalt des mittel- und osteuropäischen Kinos auf. Dieses Jahr feiert das goEast sein 20-jähriges Jubiläum und hat kreative Wege gefunden, das Festival virtuell stattfinden zu lassen.
Im Jahr 2019 nahmen wir Studierende der Filmwissenschaft und Mediendramaturgie der Universität Mainz im Rahmen des goEast Filmfestivals an einem Workshop mit dem Filmkritiker Toby Ashraf teil, während welchem wir wundervolle Filme sichten und viel über das Schreiben von Filmkritiken erlernen konnten.

Diese Filmkritiken werden veröffentlicht in Erinnerung an ein wundervolles goEast Filmfestival 2019.

Motel Struguras (Reg. Mihai Nichiforeac, 2017)
Petrica stellt uns mit glänzenden Augen sein zu Hause vor. Er lebt in einem heruntergekommenen Motel in Moldawien. Die Geschichte seines Hotels interessiert ihn kein bisschen, denn Geschichte liebt ihn genauso wenig wie er sie. Er genießt die Isolation zum Rest der Welt, schmilzt in der Sonne nach ganzen fünf Minuten und mag keine Fotografen. Sein besonderes Hobby: Mit Löffeln spielen. Es gibt schließlich viele interessante Dinge, die man in diesem Motel tun kann, bekräftigt Petrica. Immer wieder sind Bilder der heruntergekommenen Räume des Motels zu sehen, doch Petrica scheint sich in seinem Heim ganz wohl zu fühlen. Der Protagonist schaut seine Lieblingsserie auf einem Fernseher, der kaputt ist, scheint also nicht nur das Motel, sondern auch das Fernsehen mit purer Imagination zum Leben erwecken zu können. Petrica stellt in dieser lustig-absurden Mockumentary sein zu Hause vor, sein Blick auf seine Welt bleibt uns als Zuschauer*innen jedoch verschlossen.

Rocketman 360 (Reg. Millo Simulov, 2018)
Der Rocketman hat eine wichtige Mission, also ab zum Mars. Wir befinden uns mit ihm in der Raumkapsel, links und rechts sitzen weitere Astronauten-Kollegen. Mein erster Gedanke: der Ausblick im Weltraum ist bestimmt nicht zu verachten, aber bekommen die Menschen keine Platzangst? Das Gefühl, mit in der Kapsel zu sitzen, beunruhigt mich.
Die Freundin des Rocketman schickt ihm ein 360 Grad Abschiedsvideo, und so tauchen wir mit ihm in das Video ein – Erinnerungen an eine Beziehung, die nun ein Ende findet. Der Weltraum wartet schließlich. Ich drehe mich während den Szenen um das Pärchen ziemlich oft um und denke mir: schicke Wohnung! Die Szenen um das Pärchen interessieren mich nicht so sehr wie der Mars, der sich gegen Ende ins Bild schiebt, und der Weltraum, den ich sehe, egal wie ich mich drehe. Das Erlebnis mit der VR-Brille auf der Nase hat mich begeistert, der Film selbst hat vor allem eines geschafft: Mir einen anhaltenden Ohrwurm zu verpassen. Rocketman!

Acid Forest (Reg. Rugilė Barzdžiukaitė, 2018)

Aus der Sicht eines Kormorans: hier wird die Vogelperspektive eingenommen.

Menschen können sehr viel und ausführlich über Exkremente reden.
Die Exkremente von uns Kormoranen sind scheinbar höchst interessant und stellen einen guten Gesprächsstoff dar.

Sie alle sprechen in den unterschiedlichsten Sprachen und schnattern vor sich hin; wundern sich zugleich stets, wieso wir Vögel so laut sind. Sie reden über uns, während wir tagtäglich über sie tratschen. Das ist nur fair.

Tag für Tag erklimmen sie die Treppenstufen der Aussichtsplattform, von welcher aus sie uns in ihren Blick nehmen können. Es sind so viele, die jeden Tag kommen, um zu schauen. Dabei wundern sie sich, wieso es so viele von uns gibt.

Wir werden misstrauisch beäugt, und diesen Blick geben wir zurück. Wir sitzen hoch oben auf den Baumwipfeln. Unter uns knarzt das Holz der Bäume. Bald werden sie uns nicht mehr tragen. Wir verwandeln den Wald in einen Acid Forest. Kleiner surrealer Nebeneffekt unserer spannenden Exkremente – aber die Welt in der wir leben ist nun mal ganz schön surreal. Außerdem haben Bäume schon schlimmere Lebewesen und deren Eingriff in ihren Fortbestand überlebt.

Ein Mensch redet gerade darüber, wie er uns mit einem Maschinengewehr niederschießen möchte. Der nächste Mensch quiekt vor Entzücken und redet von der wundervollen Freiheit, die uns hier doch ermöglicht wird. Seltsame Menschen, sagt mein Kollege, und flattert irritiert mit seinen Flügeln. Der nächste findet unsere Vielzahl bedrohlich, wie wir so in Scharen über ihnen thronen. Ein Vergleich mit Vögeln aus einem Film. Ich bin kein besonders belesener Kormoran, jedoch sagt Hitchcocks Werk Die Vögel wohl jedem gefiederten Freund etwas. Hat unserem Ruf ganz schön geschadet. Looks like evil. Flying Rats. Wer hat Angst vorm schwarzen Vogel? Na vielen Dank auch.

Ich erhebe mich in die Luft und drehe eine Runde. Der Wind saust unter meinen Flügeln. Der Wald gleitet unter mir dahin, der Acid Forest. Looks like a nuklear fallout. Ich wage die steile These, dass der Vergleich von Exkrementen mit einer nuklearen Bombe etwas übertrieben ist, aber gut, wir wollen den Menschen ihre Übertreibungen lassen.

Verena Scheuerle, Universität Mainz