Die Studentinnenbude der „Jungfer“ Kägi

Zederstrasse 14 (Karte)

Wie die frühen Medizinstudentinnen wohnten und lebten

Abb. 1. Hier im Haus an der Zederstrasse 14 lebten frühe Medizinstudentinnen.

Das Platten- und Oberstrassviertel – „ein Stückchen Russland“

Wer Ende des 19. Jahrhunderts durch die Zederstrasse oder die angrenzenden Viertel Platten und Oberstrass ging, begegnete einer Welt für sich. Es war ein Ort des Aufbruchs und der Entbehrung zugleich: Hier lebten frühe Medizinstudentinnen unter prekären Verhältnissen zur Untermiete. Auch die Zederstrasse 14 beherbergte eine derartige Studentinnenbude.

Hier liess sich eine internationale Stimmung verspüren, wie man sie im 19. Jahrhundert unten in der Stadt nicht kannte. Denn in diesem Quartier nahe der Universität, aber doch ausserhalb des Stadtlebens, hatte sich eine wachsende Gemeinde ausländischer Studierender angesiedelt. Ein hoher Anteil davon war weiblich und stammte aus dem Zarenreich. Mit der Zeit entstand eine eigene Infrastruktur: eine russische Bibliothek, eine Unterstützungskasse für arme Studierende sowie eine Speisehalle bildeten den gemeinschaftlichen Rückhalt der internationalen, stark slawisch geprägten Kolonie.

Abb. 2: Das russische Student*innenviertel Plattenstrasse.

Kein ausschweifendes WG Leben im heutigen Sinne:

Doch die akademische Freiheit in Zürich war teuer erkauft. Während vermögendere Studierenden in gehobenen Pensionen residierten, blieb den ärmeren nur die kärgliche Untermiete. Ein Zimmer kostete durchschnittlich 20-25 Franken im Monat, wer nur 15 Franken aufbringen konnte, musste in einer unbeheizten Kammer ausharren. Viele erkauften sich den Zugang zum Wissen durch bitterliche Entbehrung: Sie zweigten die Vorlesungsgebühren von ihrem täglichen Essenbudget ab und lebten oft monatelang nur von Tee, Brot und Milch. Gerade Studentinnen lebten unter der strengen Aufsicht von unverheirateten Untermieterinnen. Mit Argusaugen wurde darauf geachtet, dass die jungen Frauen einen sittlichen Lebenswandel führten.

Abb. 3: Vier beispielhafte Russische Medizinstudentinnen beim gemeinsamen Lernen.

Studentinnenbude der „Jungfer“ Kägi

Hinter den Türen der Zederstrasse 14 trafen unterschiedliche Lebensträume aufeinander. Während einige Frauen für den Traum Ärztin zu werden um die halbe Welt reisten, flohen russische Revolutionärinnen – die so genannten “Kosakenpferdchen“ – für ihre politische Freiheit aus dem Zarenreich.  So lebten hier im Jahre 1871/72 drei grundverschieden frühe Medizinstudentinnen: die zielstrebige Fanny Berlinerblau, die politisierende Sophia Dmitrijewa – auch als das „unangenehmste aller Kosakenpferdchen“ oder „Elefant“ bekannt – und die „kühle“ Deutsche Franziska Tiburtius. Letztere zwei gerieten sich oft in die Haare. Und so bekämpfte Tiburtius den Zigarettendampf und das laute sozialistische Diskutieren ihrer Zimmernachbarin mit grässlichen Tonleitern, Gassenhauern und Fingerübungen.

Wer war Fanny Berlinerblau?

Die 1871/72 an der Zederstrasse 14 lebende russisch jüdische Fanny Berlinerblau führte – laut Wikipedia – ein echt spannendes Medizinerinnen Leben! In einer Zeit, in der man seine Töchter möglichst schnell und erfolgreich unter die Haube bringen wollten, überredete sie ihre Eltern ihr ein Medizinstudium im fernen Zürich zu ermöglichen. Nach ihrem erfolgreichen Promotion zur Ärztin 1875, machte sie 1878 auch noch ein Abschluss in Rechtswissenschaften und zuletzt praktizierte sie als Chefärztin in den USA am New England Hospital for Women and Children. Als eine der ersten Chirurginnen setzte sie sich für Frauenleiden ein und entwickelte unteranderem eine chirurgische Korrektur für den Uterus Prolaps.

Nadeschda Suslowa – das grosse Vorbild:

Die Universität Zürich war eine der ersten Hochschulen Europas, die Frauen zum Studium zuliess. Doch die erste Medizinstudentinnen an der UZH waren nicht etwa Schweizerinnen, sondern stammten grösstenteils aus dem Zarenreich. Das lag unteranderem an der Bildungspolitik in Russland, wo sie kurzzeitig als Gasthörerinnen zugelassen waren, bald aber wieder aus den Vorlesungssälen ausgeschlossen wurden. Wer weiter studieren wollte, wagte die Reise in das damals als preiswert und liberal geltende Zürich. 

So auch die erste und berühmteste unter ihnen: Nadeschda Suslowa. Als Tochter Russischer Leibeigener war ihr Weg ein steiniger Hindernislauf gegen die Konventionen ihrer Zeit. Auch Suslowa lebte während ihres Studiums in Zürich im russischen Quartier an der Plattenstrasse. 1867 erlangte die 24-jährige Suslowa als erste Frau die Doktorwürde in Medizin. Viele Russinnen und später auch die erste Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin folgten ihrem Beispiel.

Abb. 5: Zu Ehren der ersten Medizinstudentin Nadeschda Suslowa hängt im Stock E des Hauptgebäudes der UZH eine Gedenktafel.

Abb. 6. Die Karikatur mit der Überschrift „Zürcher Studentinnen Kneipe“ aus dem Jahre 1872 widerspiegelt die gesellschaftliche Sorge bezüglich einer „Vermännlichung“ der studierenden Frau.

Zwischen Hörsaal und Hinterhalt:

Das Klima an der Universität war gespalten. Einige der Professoren verhielten sich unterstützend und behandelte die frühen Studentinnen mit Respekt. Marie Heim-Vögtlin, beschrieb diese Professoren als „Schutzengel“. Doch nicht alle Professoren teilten diese liberale Haltung. Einige sprachen die Studierenden wie gewohnt demonstrativ mit „meine Herren“ an – selbst wenn sie, wie eine Zeitzeugin berichtet eine „Bank voller Damen vor sich“ hatten.

Ein Teil der Studenten empörten sich lautstark über die politisierenden Revolutionärinnen und bezeichneten sie despektierlich als „Kosakenpferdchen“. Ein Zeitgenosse beschrieb sie kopfschüttelnd: „ungekämmte Haare, die dunkle Brille und die unvermeidliche Zigarette im Mund (…) und (…) noch weit schlimmer: kurze Röcke, die dazu nicht immer sauber waren“.

Was in kargen Studentinnenbuden wie der Zederstrasse 14 unter Entbehrung und Spott begann, hat die Medizin nachhaltig geprägt: Heute stellen Frauen die deutliche Mehrheit der Medizinstudierenden.

Ich bin die erste, aber nicht die letzte. Nach mir werden Tausende kommen.

N. Suslowa

Bildquellen

Rogger, Franziska. Ganz Europa blickt auf uns!, Baden 2010.

https://blog.nationalmuseum.ch/2021/06/erste-studentin-im-deutschen-sprachraum (Stand 4.5.2026).

Neumann, Daniela. Studentinnen aus dem Russischen Reich in der Schweiz (1867 – 1914), Zürich 1987.

https://de.wikipedia.org/wiki/Stefania_Berlinerblau (Stand 23.05.2026).