Die Notwasserbrunnen

Am Beispiel: Kirche Balgrist, Lenggstrasse/Russenweg (Karte)

A. Götz

Zürich ist mit über 1’200 Brunnen und der weltweit höchsten Brunnendichte als Brunnenstadt bekannt. Diese Vielzahl an Brunnen steht sinnbildlich für die lange Tradition der Wasserversorgung in der Stadt, die bis heute eine zentrale Rolle für Gesundheit, Hygiene und öffentliche Sicherheit spielt. Von den rund 1’200 Brunnen werden etwa 400 aus dem Quellwassernetz gespeist, und über 80 davon sind als Notwasserbrunnen ausgewiesen. Sie sind über alle Quartiere und Kreise verteilt und bilden ein sichtbares Netz im Stadtraum. Ihre Funktion besteht darin, im Krisenfall Trinkwasser aus einem unabhängigen Quellwassersystem zugänglich zu machen.

Die Wasserversorgung

Die heutige Trinkwasserversorgung Zürichs basiert auf einem Drei-Säulen-System. Rund 70 Prozent des Wassers stammen aus aufbereitetem Seewasser, 15 Prozent aus Grundwasser und weitere 15 Prozent aus Quellwasser. Insgesamt versorgt die Wasserversorgung Zürich mehr als eine Million Menschen. Die Qualität des Trinkwassers wird laufend chemisch und mikrobiologisch überprüft und zählt zu den bestkontrollierten Lebensmitteln der Schweiz. Eine besondere Stellung nimmt das Quellwassersystem ein. Es wird von rund 280 Quellen aus dem Sihl- und Lorzetal sowie aus dem Stadtgebiet gespeist, ist über 150 Kilometer lang und führt dank natürlichem Gefälle ohne Pumpen in die Stadt. Dieses System bleibt somit auch bei einem Stromausfall funktionstüchtig und stellt eine unabhängige Ressource dar. Parallel dazu verfügt die Wasserversorgung über Notstromaggregate, mit denen die reguläre Versorgung im Ernstfall für eine begrenzte Zeit weitergeführt werden kann.

Die Notwasserbrunnen greifen auf dieses eigenständige Quellwassernetz zurück. Sie wurden in den 1990er Jahren vom Zürcher Designer Alfred Aebersold gestaltet und sind bewusst einheitlich gehalten. Das bronzene Gehäuse verfügt über einen Trinkwassersprudel, eine kleine Ablagefläche und einen tieferen Hundetrog. Im Alltag erscheinen sie als gewöhnliche Trinkbrunnen, doch im Inneren verbirgt sich ein hydrantenähnlicher Aufbau. Bei einem Versorgungsausfall können die Brunnen seitlich geöffnet und mit einer Verteilerbatterie versehen werden, sodass sie zu Zapfstellen für Quellwasser werden. Die Brunnen dienen dabei nicht nur der Abgabe von Wasser, sondern markieren im Stadtbild jene Punkte, an denen im Ernstfall Trinkwasser verfügbar bleibt. Sie zeigen somit öffentlich sichtbar an, welche Brunnen an das unabhängige Quellwassersystem angeschlossen sind und im Notfall zugänglich bleiben.

Öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung

Im Alltag werden die Notwasserbrunnen von vielen Zürcherinnen und Zürchern kaum bewusst wahrgenommen. Sie stehen unauffällig im Stadtbild, erfüllen aber eine wichtige Funktion im Rahmen der städtischen Vorsorge. Ihre Präsenz verweist darauf, dass Wasserversorgung nicht nur ein technisches System, sondern ein zentraler Bestandteil der öffentlichen Gesundheit ist. Die Möglichkeit, im Ernstfall auch ausserhalb der regulären Versorgung auf eine sichere Wasserquelle zugreifen zu können, schafft eine Form von Resilienz, die sich nicht im täglichen Konsum zeigt, aber im Hintergrund wesentlich bleibt.

Die Notwasserbrunnen sind nicht als vollständige Ersatzlösung konzipiert. Sie gewährleisten eine Grundversorgung, die den alltäglichen Wasserbedarf bei weitem nicht deckt, sondern auf ein gesundheitlich notwendiges Minimum ausgerichtet ist. Die reguläre Wasserversorgung könnte im Krisenfall für eine begrenzte Zeit mit Notstrom weiterbetrieben werden, während die Notwasserbrunnen diese Massnahmen ergänzen. In diesem Zusammenspiel zeigt sich ein bestimmtes Verständnis von Vorsorge, das historische Quellfassungen und moderne Technik verbindet, ohne den Anspruch zu erheben, eine abschliessende Lösung für alle denkbaren Szenarien darzustellen.

Abb. 2: Inbetriebnahme eines Notwasserbrunnens mit acht Anschlüssen

Die Notwasserbrunnen stehen damit an der Schnittstelle zwischen städtischer Infrastruktur, öffentlicher Gesundheit und Krisenvorsorge. Sie zeigen, wie eine Stadt auf bestehende Ressourcen zurückgreifen kann, um im Ausnahmefall ein Mindestmass an Trinkwasserversorgung sicherzustellen, und machen sichtbar, wo diese Ressource im Ernstfall zur Verfügung steht. Ihre Bedeutung liegt damit nicht nur in der technischen Funktion, sondern auch in der Orientierung, die sie im öffentlichen Raum schaffen.



Bildquellen
Abb. 1: Eigene Aufnahme. Notwasserbrunnen bei der Kirche Balgrist, Lenggstrasse/Russenweg, Zürich. 2025.
Abb. 2: Wehrbachtobel. Notwasserbrunnen. URL: http://www.wehrenbachtobel.ch/wasserbau/notwasserbrunnen.htm (Zugriff: 18.11.2025).

Literatur
Blanc, Jean-Daniel. Die Stadt und das Wasser. 150 Jahre moderne Wasserversorgung in Zürich. Zürich, Orell Füssli Verlag, 2018. 
Engi, Riccarda. Interview. Wasserversorgung Zürich, Information und Kommunikation, 2025.
Stadt Zürich. Trinkwasser und Brunnen. URL: https://www.stadt-zuerich.ch/de/umwelt-und-energie/wasser/trinkwasser/brunnen.html (Zugriff: 18.11.2025).