Das Volksbad im Volkshaus

Stauffacherstrasse 60,8004, Zürich

von Anna Simeon

Ein öffentliches Bad, das soziale Reform, Hygiene und Würde vereinte. Das Volksbad im Volkshaus Zürich war ein Schlüsselprojekt für die Gesundheit der Arbeiterschicht um 1900.

Abbildung 1: Volkshaus Zürich, kurz nach Eröffnung 1910

Ein soziales Zentrum im Herzen der Stadt

Das Volksbad entstand an der Stauffacherstrasse, bewusst mitten in der Stadt, gut erreichbar für die dicht besiedelten Arbeiterquartiere wie Aussersihl, Wiedikon und Wipkingen. Es sollte ein Gegenpol zu den oft schlechten Wohnverhältnissen bilden und ein “ Haus für Kopf, Herz und Hand“ sein.

Die Geschichte des Ortes

Die Idee eines Volkshauses stammte nicht primär von Arbeiterinnen und Arbeitern, sondern von sozial engagierten Frauen aus bürgerlichen Kreisen, Pfarrern, Sozialreformern und Lokalpolitikern. Bereits 1893 planten sie ein Haus, das der Arbeiterschaft das Schöne, Wahre und Gute näherbringen sollte. Ausdrücklich alkoholfrei, mit Restaurant, Lesesaal, Veranstaltungsräumen und einem öffentlichen Bad.

Die Frauen trieben das Projekt entscheidend voran, organisierten Benefizbazare, warben Unterstützende an und überzeugten die noch zögernden Männer durch Engagement und Ausdauer.

Zürich um 1900

Um 1900 lebten ein grosser Teil der Zürcher Arbeiterschaft unter schwierigen Bedingungen. Viele Familien wohnten in überbelegten, feuchten Zimmern, oft ohne Privatsphäre und ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen. Der Alltag war von 10-12 Stunden- Arbeitstagen geprägt. Krankheiten wie Tuberkulose, Cholera und Typhus verbreiteten sich schnell in diesen engen, schlecht belüfteten Wohnungen. Fliessendes Wasser war in vielen Haushalten nicht vorhanden. Stattdessen mussten sich mehrere Parteien eine einzige Toilette im Hinterhof teilen. Gleichzeitig lebten wohlhabende Bürgerinnen und Bürger in geräumigen Villen, ausgestattet mit moderner Infrastruktur, eigenem Bad und Haushaltsdienst. Ein deutlicher Kontrast, der die soziale Ungleichheit sichtbar machte.

Eröffnung 1910: Das Volksbad nimmt seinen Betrieb auf

Zur Zeit der Eröffnung hatten nur rund 7150 von 38000 Zürcher Wohnungen ein eigenes Bad. In vielen Arbeiterhäusern gab es weder fliessendes Wasser noch private Toiletten. Das Volksbad schloss eine enorme Versorgungslücke.

Im Keller des Volkshauses entstanden:

13 Wannenbäder und 16 Duschen für Männer

16 Wannenbäder und 4 Duschen für Frauen

Preis: 40 Rappen für ein Halbstundenbad, 10 Rappen für eine Dusche

Die Anlage war tagsüber geöffnet und besonders am Samstagnachmittag überfüllt. Der Andrang war so gross, dass schon kurze Zeit später zusätzliche Bäder installiert werden mussten.

Vom Volksbad zur Sauna

Mit dem sozialen Wandel nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Volksbad seine ursprüngliche Bedeutung. Ab den 1950er- und 1960er Jahren verfügten immer mehr Zürcher Wohnungen über ein eigenes Badezimmer, und moderne Hallenbäder wurden gebaut. Die Besucherzahlen gingen stark zurück, die Einnahmen sanken, und die Betriebskosten stiegen. 1968 reagierte das Volkshaus auf diese Entwicklung und stellte den Betrieb des traditionellen Badehauses ein. Anstelle der Wannen und Duschbäder entstand eine Sauna. Damit wandelte sich das Volksbad von einer hygienischen Versorgungseinrichtung zu einem Ort der Freizeit und Erholung.

Abbildung 2: Das Volkshaus im Jahr 2021

Bildquellen

Abb. 1: Volkshaus Zürich (abgerufen am 10.11.25)
Abb. 2: Fassaden und Dachsanierung, Volkshaus Zürich, Primobau AG (aufgenommen 9.9.2021)

Literatur

Hundert Jahre Volkshaus Zürich, Urs Kälin, Stefan Keller, Rebekka Wyler, Verlag hier + jetzt für Kultur und Geschichte, Baden, 2010, S.8ff., S32 ff.

Bäder, Bildung, Bolschewismus, Susanne Eigenheer, Chronos Verlag, (abgerufen am 10.11.2025)

Werk, Bauen + Wohnen, Horisberger Chrisitna, Bund Schweizer Architekten, Hamam statt Bad, Band 99 (2012)