von Elias Jalal
Wie ein Notbefehl von 1939 das Blutspendewesen der Schweiz begründete
Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs erhielt das Schweizerische Rote Kreuz am 6. Oktober 1939 vom Oberfeldarzt der Armee den Auftrag, im Militär wie auch in der Zivilbevölkerung Blutspender zu rekrutieren (Abb. 1). Zum ersten Mal wurden Spender nicht nur gesucht, sondern zentral erfasst, mit Namen und Adresse, damit sie im Notfall jederzeit aufgeboten werden konnten. Parallel stellte die Schweiz Ausrüstung, Lagertechnik und geschulte Teams bereit, die den Umgang mit konserviertem Blut beherrschten.

Als der Krieg endete, verfügte das Land über 35’000 registrierte Spender und 15 spezialisierte Teams. Eine Struktur, die weit über den Kriegszweck hinaus Bestand hatte. Aus einer militärischen Vorsorgemassnahme entstand so ein dauerhaftes, zivil genutztes Blutspendewesen. Damit begann die Entwicklung von Blutspende als organisiertem Gesundheitsdienst, nicht nur als Hilfsbereitschaft in der Krise, sondern als feste medizinische Infrastruktur.
«Das Schweizerische Rote Kreuz würde es bedauern, wenn diese gut funktionierende Organisation mit dem Ende des Aktivdienstes einfach auseinanderfallen würde. Es ist deshalb vorgesehen, den Blutspendedienst, der ursprünglich nur für die Zwecke der Armee aufgebaut worden war, in eine Friedensorganisation überzuführen, welche für die zivilen Bedürfnisse zur Verfügung steht.»
Jahresbericht 1945 des SRK, S. 30
Ein Neubeginn (1949 – 1954)
Als am 26. April 1949 in einer einfachen Holzbaracke an der Gessnerallee die ersten Spenden entgegengenommen wurden, war das Vorhaben zunächst ein pragmatischer Versuch, die steigende Nachfrage der Zürcher Kliniken zu decken. In kurzer Zeit gewann die Blutspende dann enorm an Bedeutung. Bereits 1954 wechselte der Betrieb an den Hirschengraben, getragen von zunehmender Spendebeteiligung und dem Wandel von der punktuellen Notfallhilfe zu einer strukturierten Blutversorgung. Die 50’000. Spende fünf Jahre nach der Eröffnung markierte einen frühen Meilenstein.
Blut als Forschungssubstanz und Organisationsgut (1970 – 1980)
1970 ergänzte das neue Zentrum Limmattal die Zürcher Transfusionslandschaft. Während am Hauptstandort unter Leitung von Dr.med. Marc Metaxas immunhämatologische Forschung vertieft und ein international anerkanntes Referenzlabor aufgebaut wurde, entwickelte der Leiter des Blutspendezentrum Limmattal ein mobiles Konzept der Blutbeschaffung zusammen mit den örtlichen Samaritervereinen und führte neuartige Herstellverfahren von Blutkomponenten aus der Vollblutspende ein.


Blutspende erreichte nun Vereine, Betriebe und Gemeinden, anstatt ausschliesslich im Stadtzentrum stattzufinden. Parallel eröffneten neue wissenschaftliche Verfahren ein erweitertes Verständnis der Blutmerkmale, und serologische Analysen erhielten steigende Bedeutung in klinischen, administrativen und organisatorischen Zusammenhängen.
Die Forschung in Zürich führte zu neuen Blutgruppensystemen und einem vertieften Verständnis der Blutvererbung, das auch für die forensische Medizin Bedeutung gewann. Unter Professor M. Frey-Wettstein wurden ebenfalls im Limmattal die ersten Hepatitis-B-Tests eingeführt und die Produktion von Thrombozytenkonzentraten etabliert.
Blutgruppen im Militär
Parallel zum schnellen Ausbau des Blutspendedienstes entwickelte sich die Blutgruppenforschung. Die Armee verpflichtete Rekruten zur Blutgruppenbestimmung. So entstand ein Datensatz, der im internationalen Vergleich als einzigartig galt. Schweizweit wurden Hunderttausende Proben archiviert und systematisiert. Blut wurde zum populationsgenetischen Speicher der Nation. Wissenschaftler erhielten damit erstmals Zugang zu Blut in einer Grössenordnung, die zuvor unvorstellbar war.
Besonders eindrücklich zeigte sich diese Verbindung in der sogenannten „Genkarte der Schweiz“, die auf Daten von über 275’000 Soldaten basierte und die geographische Verteilung der Blutgruppen sichtbar machte. Blutgruppenforschung diente dabei nicht nur der Humanmedizin, sondern auch der Anthropologie und rassenkundlichen Klassifikation, die in der Schweiz, anders als in vielen Ländern der Nachkriegszeit, nicht vollständig diskreditiert wurde. Die Blutgruppe wurde als öffentliches Wissen wurde normalisiert. Man kannte sie, führte sie im Dienstbüchlein mit und sie galt als Teil des biologischen Inventars des Staates. Die schweizerische Bevölkerung wurde zu einem kollektiv kartierten Blutkörper.
Krisenwissenschaft: AIDS (1982–1989)
Nach der Zusammenlegung der Blutspendezentren Zürich und Limmattal im Jahr 1982 traf die Organisation unmittelbar auf die ersten öffentlich bekannt werdenden AIDS-Fälle. Die Forschung zeigte rasch, dass es sich um eine durch Blut und Körperflüssigkeiten übertragbare Infektion handelt. Um das Risiko für Spenderinnen, Spender und Empfänger zu senken, wurde im November 1985 der erste kommerzielle AIDS-Test zur routinemässigen Untersuchung von Blutspenden eingeführt.
Zwei Jahre später folgte die Möglichkeit der Eigenblutspende, die Patientinnen und Patienten vor geplanten Eingriffen erlaubte, ihr eigenes Blut bereitzustellen und damit zusätzliche Sicherheit zu gewinnen. Unter der Leitung von Professor M. Frey-Wettstein wurde 1985 zudem die organisatorische Neuordnung vollzogen: Der Blutspendedienst löste sich von der SRK-Sektion Zürich und konstituierte sich als gemeinnützige Stiftung Zürcher Blutspendedienst SRK, um unabhängiger und strukturell stabiler auf zukünftige Herausforderungen reagieren zu können.
Technologische Expansion und institutionelle Konsolidierung (1989–2000)


Zwischen 1989 und 1992 modernisierte die Stiftung das Blutspendezentrum Zürich grundlegend: Für neun Millionen Franken entstanden ein neuer Entnahmeraum und Labore, die erstmals genügend Platz für die gezielte Herstellung von Blutkomponenten boten. Damit endete die Ära der Vollbluttransfusion. Spenden wurden nun systematisch in Erythrozyten, Thrombozyten und Plasma getrennt, was es ermöglichte, mehrere Patientinnen und Patienten mit einer einzigen Spende zu versorgen und nur jene Bestandteile zu verabreichen, die medizinisch benötigt wurden. Parallel dazu wurde der Hepatitis-C-Test eingeführt und eine eigene Informatikabteilung aufgebaut.
Neue Koordinierung und nationale Verantwortung (2000–2010)
Mit den wachsenden Anforderungen an Qualität, Automatisierung und effiziente Versorgung setzte in der Region Zürich eine weitreichende Neuordnung der Blutspendedienste ein. Mehrere Spitalzentren wurden in die Stiftung Zürcher Blutspendedienst SRK integriert, darunter Uster, Winterthur und Lachen. Andere Häuser, etwa Bülach, Männedorf, Schaffhausen, Einsiedeln, Uznach oder Wetzikon, blieben zwar eigenständig, übertrugen jedoch ihre aufwendige Laboranalytik an das Zürcher Zentrum und arbeiteten vertraglich eng mit ihm zusammen. Wiederum weitere Einrichtungen verschwanden im Zuge von Spitalschliessungen und Strukturreformen, sodass auch ihre Blutbeschaffung vom ZHBSD übernommen wurde. Schrittweise entstand so ein zentral koordiniertes System.
Das molekulare Zeitalter der Blutdiagnostik (2012–2020)
Mit dem Zentrum für Molekulare Genetik kam ein neuer diagnostischer Massstab hinzu. Blut wurde nicht nur bestimmt, sondern präzise charakterisiert. Umfangreiche genetische Profilierungen ermöglichten die Erfassung seltener Merkmalskombinationen und gezielte Zuordnungen für klinische Bedarfe. Moderne Plattformen erweiterten die diagnostische Tiefe bis in transplantationsrelevante Bereiche.
Bildquellen
Abb. 1: Werbeplakat für Blutspenden, Redcross
Abb. 2: 1971 Spital und BSZ Limmattal, Blutspende SRK
Abb. 3: Blutspende an der UZH, Blutspende SRK
Abb 4: Blutspenden durch Vereine, Blutspende SRK
Abb. 5: Erweiterungsbau des Zürcher Zentrums, Blutspende SRK
Abb. 6: Fertigstellung der neuen Räumlichkeiten, Blutspende SRK
Literatur
https://www.blutspendezurich.ch/ueber-uns/geschichte-der-blutspende-zuerich
https://geschichte.redcross.ch/ereignisse/ereignis/der-blutspendedienst.html
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2003212/
https://karger.com/vox/article-abstract/23/1-2/26/328690/The-Development-of-Plasma-Derivatives-in?redirectedFrom=fulltext
