von Noëmi Winter
Aemtlerstrasse 149, 8003 Zürich (Karte)
Geschichte
Das Krematorium Sihlfeld A in Zürich war das erste seiner Art in der Schweiz und wurde von dem Visionär Johann Jakob Wegmann-Ercolani ins Leben gerufen. Schon 1874 gründete er den ersten Feuerbestattungsverein und setzte sich durch öffentliche Versammlungen und Aufklärungsarbeit für die Einführung der Kremation ein.
Die Anfänge des Krematoriums waren jedoch alles andere als leicht. Dem Verein fehlte es nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern er musste sich auch erheblichen Widerständen der Gesellschaft stellen. Kritik kam vor allem aus religiösen Kreisen. Obwohl die Kremation in der Antike eine verbreitete Methode war, um die Toten beizusetzen, verlor sie mit der Christianisierung der Schweiz an Bedeutung. Nach damaligem christlichen Glauben musste der Körper unversehrt bleiben, damit der Gestorbene am Jüngsten Tag vollständig vor seinem Schöpfer auferstehen konnte. Für viele Gläubige stand deshalb die Kremation diametral diesem zentralen Glaubenssatz entgegen.
Trotz all dieser Hindernisse nahm das Projekt dank der Hilfe der Stadt Zürich Gestalt an. Die Stadt stellte ihnen nicht nur ein Grundstück für den Bau zur Verfügung, sondern unterstützte sie auch finanziell. Die Planungen für den Bau begannen 1887, und zwei Jahre später, am 15. Juni 1889, war es endlich soweit: Das erste Krematorium der Schweiz wurde eröffnet. Anfangs war die Zahl der durchgeführten Einäscherungen noch verschwindend gering. Bis September 1892 wurden nur 120 Personen eingeäschert. Im Jahr 1894 beschloss die Stadt jedoch die Einäscherung für die Stadtbewohner kostenlos zu machen, was die Nachfrage nach Verbrennungen stetig ansteigen liess.
Vorgang der Kremation
Das Krematorium selbst war hochmodern und setzte neue mechanische Massstäbe. Der tote Körper wurde mechanisch in den Ofen geschoben, ohne dass er von Menschenhand berührt werden musste. Die Konzeption des Krematoriums sah vor, dass der Leichnam nicht durch Flammen verbrannt, sondern durch heiße Luft zu Asche gemacht wurde. Die Luft wurde auf 700-800 Grad Celsius erhitzt und liess den Leichnam indirekt verbrennen.
Als Kontrollmechanismus, dass der Körper auch wirklich verbrannt wurde und die daraus entstehende Asche auch zweifellos die ehemalige Person war, wurde ein kleines Fenster in die Rückseite des Sarkophagen eingearbeitet. Auf diese Weise konnten die Familienangehörigen, sofern sie diesen Wunsch geäussert hatten, die gesamte Verbrennung beobachten.
Nutzung des Krematoriums heute
Mit der zunehmenden Nachfrage nach Einäscherung stiess das Krematorium Sihlfeld A an seine Grenzen. Probleme wie Rauchentwicklung und ein hoher Brennstoffverbrauch verdeutlichten, dass die damalige Technik nicht mehr effizient genug war, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. So wurde 1915 das Krematorium Sihlfeld D mit mehr Kapazität und fortschrittlicherer Ausstattung gebaut.
Auch wenn das Krematorium Sihlfeld A inzwischen nicht mehr genutzt wird, so nimmt es doch einen besonderen Platz in der Geschichte Zürichs ein. Mittlerweile wurde der Ofen entfernt und das Gebäude wird als Abdankungskapelle und Urnenhalle genutzt.
tempus fugit – memoria manet
Literaturquellen
- Dietsche, Daniela: Besinnlichkeit mitten im Leben. Friedhöfe im Wandel, in: Schweizerische Bauzeitung, 2015, S 26. Online: Link, Stand: 24.11.2024.
- Thalmann, Rolf: Krematorium. Historisches Lexikon der Schweiz (HSL), 4.11.2008, Online: Link, Stand: 25.11.2024.
- o.A: Das Krematorium im Friedhof Sihfeld, in: Chronik der Stadt Zürich, 20.1.1900, S. 17-18. Online: Link, Stand: 8.10.2024
- o.A: Der Feuerbestattungs-Verein für Zürich und Umgebung, in: Neue Zürcher Zeitung, 23.10.1892, S. 9. Online: Link, Stand: 8.10.2024.
- o.A: Aus der Geschichte des Zürcher Feuerbestattungs-Vereins, in Neue Zürcher Zeitung, 5.3.1915, S. 1-2. Online: Link, Stand: 8.10.2024.
Bilderquellen
- Abb.1: Bild aus einer Zeitschrift: J.Baeckmann: Krematorium im städtischen Centralfriedhof zu Zürich, Zürich 1889, in: Schweizerische Bauzeitung: Wochenschrift für Bau-, Verkehrs- und Maschinentechnik, S.44
- Abb.2: Eigene Aufnahme des Krematoriums Sihlfeld A, 22.10.2024