›Made in Oberammergau‹ – Materialität und Repräsentation der Oberammergauer Passions-Souvenirs

The souvenir distinguishes experiences. We do not need or desire souvenirs of events that are repeatable. Rather we need or desire souvenirs of events that are reportable, events whose materiality has escaped us, events that thereby exist only through the invention of narrative. (Stewart 1984: 135) Die Oberammergauer Passionsspiele sind ein weltberühmtes Ereignis, das nur alle zehn Jahre und nur in Oberammergau erlebt werden kann. Dementsprechend besteht bei den Besuchern seit langem eine Nachfrage nach Erinnerungsstücken und Zeugnissen, die das Erlebnis materialisieren und mitnehmbar machen. Die Passionsspiele werden jedoch bis heute als nicht-gewinnorientierte Erfüllung eines religiösen Gelübdes inszeniert. Dementsprechend wurden

Spielplätze der frühen Neuzeit oder: Wo sich Mediävist:innen vergnügen

Eine lange Tafel, drei Mönche sitzen drei Bürgern gegenüber, vor ihnen ein Spielbrett, Spielkarten und Würfel, ein neugieriger Zuschauer blickt gespannt auf die Würfel kurz vor dem Fall, Papst und Kardinal greifen im Angesicht der drohenden Niederlage mit Gewalt ins Spiel ein; in dem, um ca. 1570 verm. in Antwerpen entstandenen, Druck von Pieter van der Heyden trifft Spiel auf Ernst, Kommunales auf Agonales, Weltliches auf Geistliches, Text auf Bild. Eingefasst sind die Spielenden von vier Spruchfeldern, die auf Niederländisch einen heftigen Streit zwischen Geistlichen und Bürgerlichen wiedergeben. Inmitten dieser buchstäblichen Streitschriften präsentieren sich nicht nur drei der beliebtesten Spiele

Staunen im Kinderbuch – Eine historische Ausstellung

«Ei du kleiner Knirps, was gibt’s denn durch das Guckloch zu schauen? Willst du aus der engen, bekannten Welt des elterlichen Gartens einen Blick hinaus tun in die weite, unbekannte Welt draussen?» fragt die Pädagogin Adelheid Stier den kleinen Protagonisten ihrer Kurzgeschichte Am Ausguck. Zur Sprache kommen hier die kindliche Schaulust und Neugier, aber sogleich auch ihre Tücken. Denn der Knabe erblickt den furchteinflössenden Nachbarshund und nimmt Reissaus: «Von dem Ausguck in die weite Welt aber hat er vorläufig genug […].» Dem Drang des Knaben, Neues und Unbekanntes zu entdecken, stehen Sicherheit und Vertrautheit des Elternhauses gegenüber. Sich von dieser

Passion Reloaded. Das Reenactment des Krämerspiels aus dem Innsbrucker Osterspiel in Oxford

Easter Plays in the medieval German speaking world (Rebekka Gründel) In the German Easter Plays, the name says it all: celebrating Easter and the salvation that it brings for Christianity is programme. Christ’s resurrection is depicted in great detail, using monologic and dialogic form to create an immersive and lively atmosphere. Although claiming that the Easter Play is a direct development of the liturgical Easter celebration would be a form of literary Darwinism, it is clear that there is a strong connection between religious rite and theatrical play. Beginning as early as the 10th century and continued well into the

Kürzung. Zur Aktualität einer intermedialen Praxis

Die Gegenwart war schon immer kurz. Und das nicht nur mit Blick auf ihre rein temporale Verfügbarkeit. Vielmehr forciert die Fülle an Informationen, Nachrichten, Neuigkeiten, die tagtäglich, ja geradezu im Minutentakt produziert werden, den Anschein von ›Kurzlebigkeit‹. Denn kaum reicht die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit aus für eine umfangreiche Sichtung, geschweige denn für eine intensive Auseinandersetzung mit den gerade auch in den digitalen Medien präsenten novitätsverdächtigen Beiträgen. Die zunehmend zu beobachtende mediale Mobilität der User:innen wie auch die Möglichkeiten zu digitaler Vernetzung befördern, so scheint es, die Etablierung kommunikativer Kurzformen, die auf die immer knapper werdenden Ressourcen an

Margaret von Anjou oder: Das Making-of einer villain queen

Fake news und alternative facts sind nicht erst ein Phänomen der digital gesteuerten Gegenwart, sondern haben eine lange Geschichte. Sie wurden auch eingesetzt, um Margaret von Anjou, die 1445 als 15-jähriges Mädchen im Kontext ihrer Heirat mit König Henry VI. nach England kam, gezielt zu diskreditieren. Bei den Engländern ist sie heute noch berühmt-berüchtigt als villain queen, die nach dem geistigen Zusammenbruch Henrys 1453 die Macht an sich zu reissen versuchte und somit mitverantwortlich für den Ausbruch eines blutigen Bürgerkriegs war. Verstärkt wurde dieser Ruf in der Moderne unter anderem durch historische Romane, die die Zeit der Rosenkriege ausschlachten. Doch

Spitzen-Stars. Mode, Macht und Medialität eines Kleidungsstückes

Im September 2020 teilten über 6 000 Nutzer*innen via Twitter ein Bild von LeBron James und Anthony Davis, den beiden Superstars des amerikanischen Basketballclubs der LA Lakers. Das Bild sorgte für Aufmerksamkeit, denn die Sportler waren nicht in Trikots, Shorts und Turnschuhen zu sehen, sondern beide trugen schwarze, langärmelige T-Shirts mit weissen Spitzenkragen, dem Markenzeichen von Ruth Bader Ginsburg, die am 18. September 2020 verstarb. Die Botschaft dieser Momentaufnahme schien eindeutig: Die grossgewachsenen und austrainierten Männer nutzten ihre Medienpräsenz, um auf den Tod der Supreme Court Richterin aufmerksam zu machen. Das Verhalten von James und Davis passt zur Selbstdarstellung der

Medialer Mangel und mediale Fülle der Geisteswissenschaften in gekrönten Zeiten

Nicht nur aus kunstgeschichtlichen Gründen, sondern auch angesichts der besonderen ikonischen Verdichtung gilt Albrecht Dürers Hieronymus-Kupferstich aus dem Jahr 1514 zu Recht als Meisterwerk: Er inszeniert den Heiligen als Gelehrten ‹im Gehäus› mit dem Löwen, seinem treuen Begleiter. Zusammen mit dem ikonographischen Typus des Büßers in der Wüste hat dieses Sujet im Spätmittelalter ältere Darstellungsweisen abgelöst, die Hieronymus als Kirchenlehrer und Kardinal zeigten, der erhaben thront. Der Wechsel im Bildprogramm geht einher mit einer ab dem 14. Jahrhundert intensivierten Verehrung des Hieronymus, der Augustinus dann doch den Rang abzulaufen drohte, bei aller bleibenden Geltung augustinischer Theologie. Bilder wie dieses werden

Hybride Chronik. Schedel zwischen den Zeiten

Die Schedel’sche Weltchronik ist ein auch heute noch beeindruckendes Dokument des Medienwandels von der Handschrift zum Druck und wird vielleicht gerade deshalb mit dem derzeitigen Medienwandel in Verbindung gebracht. So heißt es auf dem Umschlag der im Taschen-Verlag von Stephan Füssel herausgegebenen Faksimile-Ausgabe lapidar, aber Eindruck heischend: «Über 500 Jahre vor Google». Die Suchmaschine, nicht nur Marktführer in ihrem Segment, sondern die meistbesuchte Webseite überhaupt, firmiert heute als der entscheidende Zugang zum Wissen der Welt: Alles kann man über sie finden. Alles auffindbar zu machen war auch der Anspruch der Weltchronistik, die sich aber von Google durch eines unterscheidet: Das Wissen vom Anfang der

Im Leih-Cabrio durch Saint-Tropez. Über Meta-Tourismus

Zwei verschiedene Ausgaben von Erika und Klaus Manns ursprünglich 1931 erschienenen «Buch von der Riviera» hält der Buchhandel aktuell bereit. Der elegant-schnöselig in selbstironischer Halbdistanz zum Gegenstand geschriebene Reiseführer der Mann-Geschwister über die Côte d’Azur und die ligurische Küste war seinerzeit ein Bestseller. Das ist auch heute noch nachvollziehbar: Erika und Klaus Mann bieten eine virtuos-virtuelle Tour durch die mondäne Welt der französischen und italienischen Mittelmeerküste, radikal subjektiv erzählt im vollem Selbstbewusstsein einer literarischen Jeunesse dorée, die alles gesehen hat und alles beschreiben kann. Sie fühlen sich in den Hafenkneipen von Marseille genauso wohl wie im Casino von Cannes und beim