Medialer Mangel und mediale Fülle der Geisteswissenschaften in gekrönten Zeiten

Nicht nur aus kunstgeschichtlichen Gründen, sondern auch angesichts der besonderen ikonischen Verdichtung gilt Albrecht Dürers Hieronymus-Kupferstich aus dem Jahr 1514 zu Recht als Meisterwerk: Er inszeniert den Heiligen als Gelehrten ‹im Gehäus› mit dem Löwen, seinem treuen Begleiter. Zusammen mit dem ikonographischen Typus des Büßers in der Wüste hat dieses Sujet im Spätmittelalter ältere Darstellungsweisen abgelöst, die Hieronymus als Kirchenlehrer und Kardinal zeigten, der erhaben thront. Der Wechsel im Bildprogramm geht einher mit einer ab dem 14. Jahrhundert intensivierten Verehrung des Hieronymus, der Augustinus dann doch den Rang abzulaufen drohte, bei aller bleibenden Geltung augustinischer Theologie. Bilder wie dieses werden

Hybride Chronik. Schedel zwischen den Zeiten

Die Schedel’sche Weltchronik ist ein auch heute noch beeindruckendes Dokument des Medienwandels von der Handschrift zum Druck und wird vielleicht gerade deshalb mit dem derzeitigen Medienwandel in Verbindung gebracht. So heißt es auf dem Umschlag der im Taschen-Verlag von Stephan Füssel herausgegebenen Faksimile-Ausgabe lapidar, aber Eindruck heischend: «Über 500 Jahre vor Google». Die Suchmaschine, nicht nur Marktführer in ihrem Segment, sondern die meistbesuchte Webseite überhaupt, firmiert heute als der entscheidende Zugang zum Wissen der Welt: Alles kann man über sie finden. Alles auffindbar zu machen war auch der Anspruch der Weltchronistik, die sich aber von Google durch eines unterscheidet: Das Wissen vom Anfang der

Im Leih-Cabrio durch Saint-Tropez. Über Meta-Tourismus

Zwei verschiedene Ausgaben von Erika und Klaus Manns ursprünglich 1931 erschienenen «Buch von der Riviera» hält der Buchhandel aktuell bereit. Der elegant-schnöselig in selbstironischer Halbdistanz zum Gegenstand geschriebene Reiseführer der Mann-Geschwister über die Côte d’Azur und die ligurische Küste war seinerzeit ein Bestseller. Das ist auch heute noch nachvollziehbar: Erika und Klaus Mann bieten eine virtuos-virtuelle Tour durch die mondäne Welt der französischen und italienischen Mittelmeerküste, radikal subjektiv erzählt im vollem Selbstbewusstsein einer literarischen Jeunesse dorée, die alles gesehen hat und alles beschreiben kann. Sie fühlen sich in den Hafenkneipen von Marseille genauso wohl wie im Casino von Cannes und beim

Hauptportal der Westfassade am Straßburger Münster

Medien des Gedächtnisses im Straßburger Münster

Das wär‘ antik! Ich wüßt‘ es nicht zu preisen, Es sollte plump und überlästig heißen. Roh nennt man edel, unbehülflich groß. Schmalpfeiler lieb‘ ich, strebend, grenzenlos; Spitzbögiger Zenit erhebt den Geist; Solch ein Gebäu erbaut uns allermeist. (Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, 1. Akt, V. 6409–6414) Was Johann Wolfgang von Goethe so programmatisch in seinem Hymnus auf Erwin von Steinbach und das Straßburger Münster als Inbegriff deutscher Baukunst preist, wird in dieser etwas entlegeneren Stelle im ‚Faust‘ subtil eingespielt. Die Leistung dieses spezifisch ‚gotischen‘ architektonischen Modells zielt mit den Schlagwörtern „erheben“ und „erbauen“ auf den menschlichen „Geist“, dem (in

Ist das ein Ding?

Werkbundarchiv – Museum der Dinge

Verkoppelungen – Verlinkungen – Verschränkungen: Éric Rohmers ‚Perceval ou le Conte du Graal‘

Collage, Montage und Bricolage, Verschränkung, Verlinkung und Verschachtelung, Überlappung, Überlagerung und Überblendung. Der vierte Workshop des ZHM zum Thema ›Raum – Medialität – Zeit‹ (5. Oktober 2018) stand im Zeichen medialer Praktiken der Amalgamierung und Hybridisierung von Heterogenem. Dabei wurden Zusammenführungsleistungen in den Blick genommen, die vom geordneten Nebeneinander von medial Gleichformatiertem, bis zum multimedialen Über- und Gegeneinander reichten. Ein Beispiel, in dem die beiden Pole dieses Spektrums aufeinandertreffen, ist Éric Rohmers erste Auseinandersetzung mit dem arturischen Stoff Perceval ou le Conte du Graal (FR 1964). Mit dem erklärten Ziel, Schulkindern Chrétiens de Troye Fragment gebliebene Verserzählung näherzubringen, zirkulierte der für den

Zwingli, der Zürcher. Beobachtungen zum Film

In Zeiten der Reformationsfeierlichkeiten, in denen es Luther als Playmobil-Figur zu kaufen gibt, wird nun auch Zwingli populär. Der neue Film erzählt das Leben des Zürcher Reformators flüssig, mit differenziert agierenden Schauspielern und viel Lokalkolorit. Die Schauplätze dafür wurden offenbar kenntnisreich und mit grosser Akribie rekonstruiert. Ausgangspunkt für das filmische Gesamtbild Zürichs etwa ist ganz offensichtlich Jos Murers Darstellung der Stadt von 1576; Chronikbilder des 16. Jahrhunderts haben als Vorlage für die Gestaltung der Innenräume gedient. Auch das Personal des Films kommt bekannt vor und orientiert sich im Aussehen an der Bildtradition der Reformationszeit: Wenn Zwingli mit seiner besonderen schwarzen

Faust(us) zwischen Wittenberg, Krakau, Ingolstadt – und München

München Faust und München – dies war gerade im Zeichen des ‚Faust-Festivals‘, das in diesem Blog von Mike Bill ausführlich besprochen wurde, eine einschlägige Kombination: „Ein Drama, eine Stadt, hunderte Events“.

Der Gegenschuss aus dem dritten Jahrtausend der Christenheit

Mit der Aussicht auf den Y2K-induzierten Kollaps der Zivilisation, einem Rekordfeuerwerk in nahezu jeder Metropole dieser Welt und einem Konzert von Jean-Michel Jarre zwischen den Pyramiden von Gizeh bot das Ende des 20. Jahrhunderts exzellente Aussicht auf einen hochkarätigen Fernsehabend. Wer die letzte Jahrtausendwende vor dem heimischen Kathodenstrahlröhrenbildschirm verbracht hat weiß allerdings, dass die imposanten Inszenierungen, die dieses bedeutende Ereignis begleiteten, auf keinen Fall für den Bildschirm konzipiert wurden. Als große Ausnahme ist in diesem Zusammenhang die TV-Übertragung anlässlich des Auftakts des Jubeljahres 2000 vom 24. Dezember 1999 aus dem Vatikan zu bezeichnen. Zweifelsohne die wirkmächtigste Inszenierung einer Zeitenwende des

Medien abschaffen!

„Medium“ – diesen Begriff in der historisch-geisteswissenschaftlichen Textproduktion verwenden zu müssen, aktivierte eine Weile lang (wohl in der ersten Hälfte der 2000er Jahre) meine Nackenhaare: zu modisch, zu ubiquitär, zu anbiedernd an (nicht mehr ganz) aktuelle Paradigmen und gesellschaftliche Debatten. Dazu der Anspruch, die enorme Breite medienwissenschaftlicher Wissensproduktion adäquat mitzudenken. Mit Bedacht habe ich ihn in meiner kunsthistorischen Promotionsschrift zu vermeiden gesucht oder sonst zumindest durch Kompositabildung spezifiziert („Trägermedium“). Dann trat irgendwann eine Phase der Entspannung ein, Medientheorie ist zwar nicht überholt, aber nicht mehr trendy und der allgemeine Gebrauch zeugt davon, dass nicht alles eingepreist werden muss (und kann!),