Das Lavaterhaus

Zürichs Blick ins Gesicht: Wie Lavater Religion, Wissenschaft und bürgerliche Moral zur Physiognomie verknüpfte

St. Peterhofstatt 6, 8001 Zürich

von Laurin Curt

Inmitten des ältesten Teils der Zürcher Altstadt am prächtigen Lindenhof steht ein mittelalterliches Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, das Lavaterhaus. Ehemals Pfarreihaus des weitbekannten Philosophen, Pfarrer und Physiognom Johann Caspar Lavater (1741-1801).

Abb. 1: das heutige renovierte Lavaterhaus


Abb. 2: Das Lavaterhaus circa 1890-99

Die Geschichte hinter dem Lavaterhaus:

Das Lavaterhaus entstand vermutlich im 13. Jh. und wurde im Rahmen von Renovationsarbeiten im Jahre 1922 aus ursprünglich 2 Häusern in eines zusammengelegt und mit einer einheitlichen Fassade verkleidet. Das Haus, wenn auch nicht in der jetztigen Ausführung, dient noch heute als Pfarreihaus der Kirchgemeinde St. Peter. Wirklich besonders ist das integrierte Museum, welches einen faszinierenden Einblick in das Leben und die Werke eines der bedeutendsten deutschsprachigen Gelehrten des 18. Jh. gewährt.

Das Lavaterhaus im medizinhistorischen Kontext:

Die Werke für welche Lavater noch heute bekannt ist beziehen sich auf seine Arbeit in der Lehre der Physiognomie. Die Physiognomie, mit seinen Ursprüngen in der Antike, befasst sich mit der Deutung äusserer unveränderlicher Erscheinungsmerkmale und den ihnen verbundenen inneren Charaktereigenschaften. Hierzu nutzte Lavater Schattenbilder und weitere Illustrationen, um die Gesichtszüge seiner Probanden einzufangen. Lavaters Kernziel war es hierbei die christlich geprägten Ideen von Moralität in einer messbaren Art und Weise zu quantifizieren und so den kirchlichen Überzeugungen, dass der Mensch ein Abbild Gottes sei, gerecht zu werden. Hierbei muss gesagt sein, dass das ideal-moralische Erscheinungsbild zu Lavaters Zeit stark dem Phänotyp des mittel-nordeuropäischen Mannes gleichkam (wenn nicht gerade Lavater selbst).

Abb. 3: Anfertigung eines Schattenbildes

Bereits in der Antike, ebenso wie später im Mittelalter, wurde die physiognomische Betrachtung mit diagnostischen und moralphilosophischen Erwartungen verknüpft. Auch im 16. Jahrhundert blieb diese Verbindung präsent, wie sich am Beispiel Giambattista della Portas zeigt, dessen physiognomische Schriften jedoch aufgrund ihres „magisch-spiritistischen“ Charakters von der Kirche verfolgt und zwischen 1592 und 1598 zeitweise verboten wurden. Diese frühe Tradition der physiognomischen Deutung, die stets an der Grenze zwischen Naturbeobachtung, Spekulation und Theologie operierte, bot dem aufgeklärten 18. Jahrhundert den historischen Rahmen, in dem Lavater seine Lehre erneuerte und popularisierte.

Zwischen Lavaters physiognomischem System und modernen diagnostischen Verfahren liegt eine Reihe von Entwicklungsstufen, die zeigen, wie das Interesse an äusseren Erscheinungsmerkmalen im Laufe der Zeit funktional umgedeutet wurde. Besonders prägend war hierbei die Phrenologie des frühen 19. Jahrhunderts, die im Unterschied zu Lavaters Fokus auf Gesichtsformen, den Schädel selbst zum diagnostischen Feld erklärte. Obwohl sie sich als empirische Wissenschaft ausgab, beruhte auch sie auf der Annahme, dass geistige und moralische Eigenschaften aus körperlicher Form ableitbar seien. Die entsprechenden Schädeldiagramme und die instrumentelle Vermessung des Kopfes dienten dazu, Charakterdispositionen, Begabungen oder kriminelle Neigungen zu verorten, womit die phrenologische Schule ähnliche gesellschaftliche Hoffnungen wie die Physiognomie auf wissenschaftliche Objektivierbarkeit menschlicher Qualitäten bediente.

Abb. 4: Darstellung der Charakteranlagen und Fähigkeiten

Diese Suche nach einer biologischen Grundlage für Charakter und moralistischen wie gesellschaftlichen Wert eines Menschen fand im 20. Jahrhundert eine radikale Zuspitzung, als eugenische Ideologien im Nationalsozialismus physiognomische und anthropometrische Muster nutzten, um rassistische Kategorien vermeintlich wissenschaftlich zu legitimieren. Körperliche Merkmale wurden dabei erneut als Indikatoren für moralische, geistige und „erbbiologische“ Eigenschaften interpretiert und pervertiert, wodurch sich ältere physiognomische und phrenologische Denktraditionen politisch und biopolitisch instrumentalisieren liessen.

Heutzutage versucht man in der medizinischen Diagnostik zwar nicht länger Moral und Charakter zu deuten, jedoch hat die Betrachtung der äusseren Erscheinungsmerkmale (z. B. Gesichtsasymmetrien, Lähmungszeichen oder Hautveränderungen) immer noch einen hohen diagnostischen Stellenwert. Im Unterschied zu Lavaters moraltheologischem Ansatz oder der späteren phrenologischen Spekulation steht nun die funktionale, physiologische Interpretation im Vordergrund. Während Physiognomie und Phrenologie innere Eigenschaften aus äusseren Formen abzuleiten versuchten, dient die moderne klinische Beobachtung der äusseren Merkmale der Identifikation konkreter pathologischer Prozesse, etwa neurovaskulärer Ereignisse wie eines Schlaganfalls. Die äußerliche Erscheinung wurde damit – im Verlauf einer langen Entwicklung – von einem moralischen und metaphysischen Interpretationsrahmen in einen anatomisch-medizinischen überführt.

Ein Beispiel aus (Physiognomische Fragmente, Band 1, IX. Fragment, S. 78):

«…Man mache den Versuch mit einem Kinde, das nur fähig ist, die Bedeutung der Worte zu fassen; man geb ihm folgende fünf Namen in die Hand, und heiß es zu jedem Gesichte denjenigen legen, der ihm zukommt.

— Man sage ihm; „Unter diesen fünfen ist..Ein leichtsinniger süßer Geck! Ein stolzer Windbeutel! Ein Trunkener! Ein Geizhals! Ein geiler Bock!

— Es wird schwerlich irren, und diese Namen unrecht vertheilen. —»

Abb. 5: Illustration aus Physiognomische Fragmente, Band 1, IX. Fragment, S. 78

Quellenverzeichnis:

Literaturverzeichnis:

Illustrationen: