Ein Zuhause auf Zeit – das Schlupfhuus Zürich
Schönbühlstrasse 8
Manchmal wird das Leben einfach zu viel. Wenn zu Hause nur noch gestritten wird, in der Schule nichts mehr klappt oder man sich einfach verloren fühlt, genau dann kann es unglaublich schwer sein, einen Ausweg zu finden.
Hier setzt das Schlupfhuus Zürich an: Es ist ein Ort für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die in einer schwierigen Situation stecken und vorübergehend nicht mehr zu Hause bleiben können oder wollen. Seit mehr als 40 Jahren ist das Schlupfhuus ein Ort der Hoffnung. Inmitten des Grossstadttrubels von Zürich bietet es jungen Menschen die Chance, wieder Vertrauen zu fassen – in andere, aber auch in sich selbst und wieder Halt im Leben zu finden.
„Züri brännt – Wir wollen Freiräume!“
Die 1980er waren in Zürich alles andere als ruhig. Die Stadt war geprägt von einem starken gesellschaftlichen Umbruch, und besonders die Jugendlichen machten auf sich aufmerksam – laut, kreativ und wütend.
Viele junge Menschen fühlten sich damals nicht verstanden. Sie kritisierten eine Gesellschaft, die aus ihrer Sicht nur auf Leistung, Ordnung und Geld fixiert war, während Freiräume für Kultur, Musik und Begegnung fehlten. Besonders die kulturellen Angebote waren für Jugendliche sehr begrenzt: Es gab kaum Orte, wo sie sich entfalten konnten.
Das Schlupfhuus entstand, um Jugendlichen, die in Not oder auf der Strasse waren, schnell, unkompliziert und anonym zu helfen. Es bot und bietet bis heute Schutz, Verständnis und Perspektiven, ohne zu verurteilen.
Wie es zum Schlupfhuus Zürich kam
Die Sozialpädagogin Anna Elmiger erkannte während ihrer Arbeit in Heimen und der Kinderpsychiatrie ein drängendes Problem: In der ganzen Schweiz gab es keinen Ort, an den sich Kinder und Jugendliche in akuten Krisen direkt, spontan und ohne bürokratische Hürden wenden konnten. Doch immer mehr Jugendliche brachen zwischen 1970 und 1980 den Kontakt zu ihren Familien ab, lebten auf der Strasse und suchten Orientierung in einer Szene, die zunehmend von Konflikten und Drogenkonsum geprägt war.
Elmiger entwickelte im Rahmen ihrer Abschlussarbeit die Idee eines niederschwelligen, offenen Krisenhauses, das jungen Menschen sofort Schutz, Beziehung und Unterstützung bietet. Inspiriert wurde sie vom Jongeren Advies Centrum (JAC) in Amsterdam, das zeigte, wie wichtig ein unbürokratischer Zugang dazu für Jugendliche in Not ist. Anders als das Vorbild sollte das neue Zürcher Modell jedoch zusätzlich kurzfristige Wohnplätze bieten – weil viele Jugendliche schlicht keinen sicheren Ort hatten, an den sie hätten zurückkehren können.
Die Wahl dieses Standorts war ein glücklicher Zufall, aber ein entscheidender. Durch eine „Glückssträhne“, wie Elmiger es selbst beschreibt, stellte das Foyer Anni Hug das grosse Haus an der Schönbühlstrasse 8 zur Verfügung. Das Gebäude bot genügend Platz, um Jugendliche rund um die Uhr aufzunehmen, und gleichzeitig eine ruhige, geschützte Lage, die dennoch gut erreichbar war. In einer Zeit, in der Zürich von Demonstrationen, Polizeieinsätzen und politischen Auseinandersetzungen geprägt war, wurde das Haus zu einem sicheren Hafen – einem Ort, der Stabilität bot, während draussen die Stadt brodelte.
So öffnete das Schlupfhuus am 21. Juni 1980 seine Türen und wurde bald zu einer festen Adresse für Jugendliche, die in Not gerieten. Dass es heute noch immer am selben Ort steht, liegt auch daran, dass sich bislang keine überzeugende Alternative gefunden hat. Der Standort, einst durch Glück entstanden, ist über die Jahrzehnte zu einem zentralen Teil der Identität des Schlupfhuus geworden – ein vertrauter, verlässlicher Ort für junge Menschen in Krisen.

Schlupfhuus heute
Das Schlupfhuus befindet sich bis heute an der Schönbühlstrasse 8 mitten in Zürich. Es ist ein sechsstöckiges Haus, das Einzelzimmer für Jugendliche, verschiedene Aufenthaltsräume und auch Büros umfasst.
Im Erdgeschoss gibt es eine Wohnküche mit Aufenthaltsraum, darüber Stockwerke mit Zimmern.
Parallel zur stationären Unterkunft bietet das Haus auch ambulantes Krisencoaching und begleitetes Wohnen an, für Jugendliche, die lieber in Einzelbetreuung oder ausserhalb eines klassischen Gruppensettings Unterstützung erhalten möchten.



Einordnung in den medizinischen Kontext
In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren befand sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich in einer Phase des grundlegenden Ausbaus und Wandels. Die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste (KJPD) professionalisierten sich zunehmend, entwickelten neue diagnostische und therapeutische Verfahren und begannen, vermehrt familien- und systemtherapeutische Ansätze in die Behandlung einzubeziehen. Gleichzeitig entstand ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass viele Probleme von Jugendlichen – ob Verhaltensauffälligkeiten, familiäre Konflikte, Vernachlässigung oder frühe Suchtprobleme – nicht nur pädagogische, sondern auch psychische und sozial belastende Ursachen hatten. Dies führte zur Einrichtung von Kriseninterventionsangeboten, Notfallsprechstunden und spezialisierten Ambulatorien, die rasch zu wichtigen Partnern anderer sozialer Einrichtungen wurden. Vor diesem Hintergrund erhielt das 1980 gegründete Schlupfhuus eine zentrale Rolle. Als niedrigschwellige, sichere Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in akuten Krisen ergänzte es die sich entwickelnden medizinischen Strukturen ideal: Es bot Schutz, sofortige Stabilisierung und zugleich einen Zugang zu psychologischer und psychiatrischer Unterstützung. Die zunehmende Zusammenarbeit zwischen KJPD, Schulpsychologie, Sozialdiensten und Einrichtungen wie dem Schlupfhuus bildete erstmals ein vernetztes System, das Jugendliche nicht allein nach pädagogischen Kriterien, sondern im Sinne eines umfassenden Kindeswohls begleitete. Damit wurde das Schlupfhuus zu einem wesentlichen Bestandteil jenes medizinisch-sozialen Wandels, der um 1980 in Zürich begann und die moderne Jugendhilfe nachhaltig prägte.
Das Schlupfhuus bietet mehr als nur ein Dach – es bietet Jugendlichen in schweren Lebensmomenten ein Umfeld mit stabiler Struktur, persönlicher Begleitung, Privatsphäre und die Chance, ihre Situation zu klären und neue Schritte zu wagen.
Illustrationen:
website: schlupfhuus.ch
Schlupfhuus-Jahresbericht-2020
Literatur:
schlupfhuus.ch
Schlupfhuus-Jahresbericht-2020