Hybride Chronik. Schedel zwischen den Zeiten

Die Schedel’sche Weltchronik ist ein auch heute noch beeindruckendes Dokument des Medienwandels von der Handschrift zum Druck und wird vielleicht gerade deshalb mit dem derzeitigen Medienwandel in Verbindung gebracht. So heißt es auf dem Umschlag der im Taschen-Verlag von Stephan Füssel herausgegebenen Faksimile-Ausgabe lapidar, aber Eindruck heischend: «Über 500 Jahre vor Google». Die Suchmaschine, nicht nur Marktführer in ihrem Segment, sondern die meistbesuchte Webseite überhaupt, firmiert heute als der entscheidende Zugang zum Wissen der Welt: Alles kann man über sie finden.

Alles auffindbar zu machen war auch der Anspruch der Weltchronistik, die sich aber von Google durch eines unterscheidet: Das Wissen vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende war geordnet nach einem heilsgeschichtlichen Muster. Wie alle Vergleiche hinkt also auch der zwischen der Weltchronik und Google, denn, während die Suchmaschine unbedingt ‹zeitgemäss› ist, muss das von Hartmann Schedel, dem Nürnberger Arzt und Humanisten, kompilierte Buch der Chroniken als Hybride angesehen werden.

Paul Michel und seine Ausgabe

Diese Spannung prägt auch den Blick der Forschung, die sich einerseits für das Innovative des Projekts interessierte, das massgeblich mit den Möglichkeiten des noch jungen Buchdrucks einherging, und Schedels Buch dabei etwa als ‹Hypertext› avant la lettre oder mit Blick auf die reiche Illustrierung (1804 Illustrationen von 652 Holzstöcken) und durchaus unter Rekurs auf Schedels Buchwerbeanzeige von 1493 als einen ‹Film vor dem Film› erscheinen liess. Andererseits aber zeugt gerade das Dispositionsschema nach den Weltzeitaltern von einem tiefen Verhaftetsein im Mittelalter, wobei mit Blick auf Text und Illuminationen noch genauer zu klären sein wird, woher die Angaben stammen und welcher Status dem dargestellten Wissen zugesprochen werden kann; hier ist die Forschung durch Bernd Posselts gründliche Arbeit (Konzeption und Kompilation der Schedelschen Weltchronik, Wiesbaden: Harrasowitz, 2015) bereits weitergekommen.

Weltkarte (Bl. 12r/13v)

Ein des nähern mediologischer Blick auf die Weltchronik wurde hingegen selten erprobt und war Gegenstand eines Werkstattgesprächs, das am 22. November an der Universität Zürich stattfand. Bettina Schöller stellte die Weltkarte vor, die im Sinne der oben genannten Spannung mittelalterliche kartographische Traditionen mit innovativen neuen Vorstellungen verbindet: Die Weltkarte wird zwar gefasst durch die Söhne Noahs, Japhet, Sem und Ham, die nicht nur Heilsgeschichte und Geographie verbinden, sondern auch das dreiteilige Weltschema in Erinnerung rufen, das in den mittelalterlichen T-O-Karten anschaulich wurde. Zudem ist links neben der Karte eine Monstrengalerie zu finden und Jerusalem wird im Zentrum lokalisiert. Die Darstellung der Kontinente aber wird der neuen kartographischen Form angenähert, die mit der Wiederentdeckung der Geographia des Ptolemäus im 15. Jahrhundert aktuell wurde und die die sphärische Erde auf eine zweidimensionale Fläche zu projizieren versuchte. Unterschiedlicher, propositional fassbarer Wissensbestände wird man so unmittelbar ansichtig.

Die Zerstörung Jerusalems (Bl. 63v/64r)

Die mediologische Perspektive bezieht ihre heuristische Kraft aus der interpretativen Beschäftigung mit Vermittlungsszenarien, die sich sowohl zwischen Text und Bild als auch zwischen Text und Text sowie zwischen Bild und Bild aufdecken lassen. In diesem Sinne verglich Raoul DuBois die Darstellung Jerusalems – als erster Stadt nach der Sintflut, aber dann vor allem auch im Zeichen ihrer Zerstörung – mit Nürnberg als zweitem Jerusalem. Die Übertragungsprozesse werden in den Bildern selbst thematisiert, indem etwa vor den Toren der Stadt Nürnberg die Kreuzigung dreimal aufgerufen wird. Gerade im Detail – so hinsichtlich der auf dem Bild der Zerstörung Jerusalems dargestellten Versuchung Jesu, die sich in den Vorlagen nicht findet – zeigen sich axiologische Einträge, die Jerusalem in gewisser Hinsicht auch negativ konnotieren. Ist Nürnberg dann das unbedingt positive Gegenbild? Was aber genau bedeuten die bildlichen Verweise auf Jesu Kreuzigung vor der Stadt? Wie konventionell sind sie? Und welche Bedeutung kann man dem um die Bildelemente herum dargestellten Geschehen beimessen?

Nürnberg (Bl. 99v/100r)

Stadtdarstellungen spielen insgesamt eine sehr große Rolle in der Schedel’schen Weltchronik, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ – damit wird nicht nur die Bedeutung der Städte im spätmittelalterlichen Reich, sondern durchaus auch ihre ‹Realität› um 1490 deutlich. Die physische Gestalt der Stadt gewinnt in Übereinstimmung mit der Städtelob-Literatur, aber auch mit dem historischen Geschehen zunehmend an Bedeutung, wie Martina Stercken mit Blick auf Basel zeigte, das als Schauplatz des Konzils inszeniert wurde.

Städte spielen aber natürlich auch schon mit Blick auf die alttestamentlichen Geschichten eine besonders große Rolle, so beispielsweise im Fall von Sodom und Gomorrha, dessen Darstellung von Marius Rimmele interpretiert wurde. Lots Frau, die ein Negativexemplum darstellt, erstarrt ja auch im Text zur Salzsäule, was in der Illustration genutzt wird, um sie zum Teil der verkommenen Stadt werden zu lassen, die unterzugehen hat. Der Baum in der Mitte der Illumination unterscheidet zwischen Heil und Verdammnis, aber inwiefern wird die Darstellung der ambivalenten Rolle der Töchter Lots gerecht? Hier ist auch ein Blick auf die genealogischen Verästelungen nötig, die dezent verschweigen, was an Skandalon im biblischen Text zu finden ist.

Sodom (Bl. 21r)

Dank der modernen Reproduktionstechniken – digital im Internet, gedruckt als Faksimile-Ausgabe – ist es bei weitem nicht mehr so kostspielig, wenn man sich in diese gedruckte Weltordnung hineinvertiefen will. Sowohl was die Quellenphilologie, aber auch was die historische Mediologie betrifft, lassen sich von der Weltchronik aus ganz neue, noch unbekannte Wege betreten. Und wie bei einer ordinären Google-Suche auch, kann es gut sein, dass man an einem ganz anderen Punkt endet, als man – qua Registerstichwort – eigentlich dachte.

Maximilian Benz lehrt und erforscht die Ältere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Zürich.

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