›Made in Oberammergau‹ – Materialität und Repräsentation der Oberammergauer Passions-Souvenirs

The souvenir distinguishes experiences. We do not need or desire souvenirs of events that are repeatable. Rather we need or desire souvenirs of events that are reportable, events whose materiality has escaped us, events that thereby exist only through the invention of narrative. (Stewart 1984: 135)

Die Oberammergauer Passionsspiele sind ein weltberühmtes Ereignis, das nur alle zehn Jahre und nur in Oberammergau erlebt werden kann. Dementsprechend besteht bei den Besuchern seit langem eine Nachfrage nach Erinnerungsstücken und Zeugnissen, die das Erlebnis materialisieren und mitnehmbar machen. Die Passionsspiele werden jedoch bis heute als nicht-gewinnorientierte Erfüllung eines religiösen Gelübdes inszeniert. Dementsprechend wurden Versuche, aus dieser Tradition Kapital zu schlagen, zum Beispiel durch den massenhaften Verkauf von Souvenirs, sowohl von den BesucherInnen als auch von den Mitwirkenden selbst stets kritisch gesehen. Für viele sind die Passionsspiele eine ernste, ja heilige Angelegenheit, die auf keinen Fall mit materiellem Kitsch und ökonomischen Gewinnstreben in Verbindung gebracht werden sollte. Den kritischen Stimmen zum Trotz floriert im Passionsdorf jedoch das Souvenirgeschäft. Stevenson (2011: 304f.) bezeichnet in ihrem Bericht über die Spiele 2010 die Menge an Souvenirläden und Andenken in Oberammergau als erdrückend und kritisiert, dass die ›Authentizität‹ der einzelnen Stücke in der Masse verloren gehe.

In Stevensons Kritik überschatten die massenproduzierten Waren die ›authentischeren‹ Arten von Souvenirs und werten diese ab. Damit benennt sie ein Problem, vor dem Oberammergau alle zehn Jahre steht: Es gilt, die Bedürfnisse eines Massenpublikums zu befriedigen, ohne in den Ruf zu geraten, das Passionsspiel zu sehr zu ökonomisieren. Oberammergau hat schon lange damit zu kämpfen, dass der örtliche Handel die Passionsspiele als willkommenen Absatzmarkt für alle möglichen Waren nutzt. Bereits im Passionsjahr 1870 war die amerikanische Künstlerin Eliza Greatorex von den vielen fliegenden SouvenirhändlerInnen beeindruckt, wie sie später in ihrem Bericht festhielt:

There are sellers of all sorts of wares, holy toys from the Tyrol, the Madonna and Child most numerous, wax saints in glass cases, and photographs. There are pilgrims from Jerusalem, selling beads of holy wood, and crosses of mother-of-pearl, formed of twelve oblong tablets, and in the centre of each a stone, to represent the twelve stations of Christ’s sufferings. They can speak only a few words in French, so they trade by writing figures on a slate. Holy pictures and charms of every kind are to be seen; and eatables there are, too, of various sorts, – cakes, cheese, ham, bread and beer. (Greatorex 2000 [1872]: 34)

Oberammergauer Souvenirladen mit mannigfaltigem Angebot
(Foto: C. Molter)

Vor Ort fallen heute vor allem die vielen Schnitzläden ins Auge, deren Auslagen von religiöser Ikonographie dominiert sind. Außer den Schnitzereien gibt es in Oberammergau eine Reihe klassischer Souvenirläden, die von Kuckucksuhren über Plastikspielzeug, Kunstdrucke, Bierkrüge bis hin zu bayerischen Trachten alles anbieten. Zur Passionszeit kommen, wie schon im 19. Jahrhundert, fliegende HändlerInnen, um ihre Waren auf der Straße zu verkaufen, und daneben handeln und tauschen auch die am Spiel Mitwirkenden, die lokalen Kunstschaffenden und Wirtsleute untereinander Erinnerungsstücke.
Was Oberammergau grundlegend von anderen religiösen oder sakralen Tourismusorten unterscheidet, ist der besondere Zeitrhythmus der zehnjährlichen Spielzeit. Während dieser Zeit, von Mai bis Oktober, kommen täglich bis zu 5000 Menschen in den Ort, um die Passion mitzuerleben und Souvenirs zu kaufen.

In diesem Beitrag möchte ich zeigen, wie Oberammergau 2020/22 in diesem Spannungsfeld agiert, und welche Netzwerke und sozialen Verflechtungen die Produktion und Distribution der Oberammergauer Souvenirs regeln. Ich beginne mit dem bekanntesten Souvenir aus dem Ort, den Holzschnitzereien der ›HerrgottschnitzerInnen‹, und gehe dann über zu den offiziellen Passions-Souvenirs, deren Produktion von der Gemeinde in Auftrag gegeben wird (analog zur Bezeichnung von Werbeartikeln für Musikveranstaltungen verwenden die Produzenten dafür den Begriff ›Merchandise‹, den ich im Folgenden entsprechend übernehme) . Im dritten Beispiel geht es um den Passionskrug, eine Bühnenrequisite, in die die live-Performance eingeschrieben wird und die als Souvenir von einem eigenen Kosmos bestehend aus Ritualen und Erzählungen umgeben ist.
Neben Archivmaterial und Medienberichten bilden persönliche Gespräche mit den Protagonisten aus dem Zeitraum zwischen 2018 und 2021 die wichtigste Quelle für Informationen in diesem Text. Zudem handelt es sich lediglich um einen Ausschnitt des komplexen und permanent im Wandel befindlichen Souvenirmarktes in Oberammergau

Die Schnitzkunst

Das Schnitzerhandwerk wird im Dorf seit Jahrhunderten gepflegt. Bereits 1508, mehr als 100 Jahre vor der ersten nachgewiesenen bzw. bekannt gewordenen Passionsaufführung, wurde die Oberammergauer Holzschnitzerei in einem Reisebericht des Florentiners Francesco Vettori erwähnt (Altenbockum 2010: 70). Der Begriff ›Herrgottschnitzer‹, damals noch ›Herrgottschneider‹, ist im Jahr 1786 belegt (ebd.: 72), da die Schnitzenden neben Hausschmuck und Spielzeug vor allem Kruzifixe herstellten. Viele der berühmten PassionsdarstellerInnen waren auch HolzschnitzerInnen. Die Traditionen der Holzschnitzerei und der Passionsspiele sind seit Jahrhunderten eng miteinander verwoben und funktionieren wechselseitig als Werbemaßnahmen. Ein Beispiel dafür ist die USA-Reise einer Reihe von damals berühmten Oberammergauer Passionsspielern 1923/24 (vgl. Spear 2011).

Schaufenster eines Schnitzladens in Oberammergau. (Foto: C. Molter)

Pirzer (2017) hat sich in ihrer Masterarbeit mit der USA-Reise der Oberammergauer auseinandergesetzt; sie versteht die Verbindung von Schnitzerei und Passion als Arbeit am Mythos Oberammergau: Anders als die Passion, deren Einzigartigkeit an Ort und Einwohner gebunden ist und deren Export als Verrat am Gelübde gesehen würde, kann die Schnitzerei als eigenständiges Gewerbe problemlos im Ausland vermarktet werden. Sie bot den Oberammergauern sozusagen ein Hintertürchen, um für ihr Passionsspiel zu werben, ohne es aufzuführen und damit aus ihrer Sicht zu entweihen. Dem amerikanischen Publikum wiederum war die Schnitzerei nicht genug: In den Schauwerkstätten mussten die Oberammergauer zusätzlich sich selbst und ihren Ruf als archaische Dorfgemeinschaft inszenieren (vgl. Pirzer 2017: 24f.). Durch den Ruhm der Passionsspiele wurden die Schnitzereien mit einem zusätzlichen imaginativen Wert aufgeladen, wenn sie von den Dorfbewohnern, also implizit von Passionsspielern hergestellt worden waren.

Die Verknüpfung der beiden Wirtschaftszweige Passion und Schnitzhandwerk ermöglichte der Gemeinde eine besondere Flexibilität in Notsituationen, in denen jeweils eine Branche das Überleben der anderen sichern konnte. Als beispielsweise das Schnitzgewerbe nach dem Zweiten Weltkrieg große Absatzprobleme hatte, beschloss das Passionskomitee, zur Spielzeit 1950 hölzerne Festabzeichen in das offizielle Passionssouvenir-Sortiment aufzunehmen (Protokoll Passionskomitee, 25.7.1949 [Gemeindearchiv Oberammergau]).

Mit dem Festabzeichen, das die SchnitzerInnen im Auftrag der Gemeinde herstellten und das durch diese vertrieben wurde, konnte ihnen ein sicheres Grundeinkommen ermöglicht werden. Durch die dadurch hervorgebrachte Beschäftigung der SchnitzerInnen erwartete man eine Steigerung ihrer Spielfreude Die Schnitzerhilfe wird nicht als rein wirtschaftliche Unterstützung oder Bewahrung einer Tradition verhandelt, sondern direkt mit der Qualität des Passionsspiels in Verbindung gebracht. Es besteht die Sorge vor einem Moralverlust der arbeitslosen SchnitzerInnen und der Abwanderung von Arbeitskräften, die gleichzeitig als Passionsspieler benötigt werden.

Verschiedene kleinere Souvenirs der Spielzeit 2020/22. (Foto: C. Molter)

Im Jahr 2020/22 gibt es kein einheitliches hölzernes Passionsabzeichen oder geschnitztes Markenzeichen – die Holzschnitzer setzen vielmehr auf Individualität und Abgrenzung zueinander. Dabei haben sie aber mit neuen Problemen zu kämpfen. Aufgrund des Fachkräftemangels und der großen Nachfrage nach Handwerksleuten sind die Stundenpreise der Branche derzeit so hoch wie nie. Das verteuert dementsprechend die handgefertigten Schnitzereien und zwingt die HolzschnitzerInnen wieder dazu, auf vorgefertigte, schnell produzierte Ware zurückzugreifen. Neben Auftragsarbeiten und dem Verkauf an Kunstliebhabende bieten die vorgefrästen Stücke für Tourismus und Schnitzhandwerk eine Kompromisslösung: Sie sind schnell produziert, aber die SchnitzerInnen haben noch eine persönliche Hand am Stück, um die Details zu verfeinern. Das Souvenir ist damit immer noch von einem Bewohner Oberammergaus, und möglicherweise sogar von einem Passionsspieler oder einer Passionsspielerin hergestellt worden.

Der Bildband

Obwohl die Oberammergauer Schnitzkunst und die Passionsspiele voneinander profitieren, handelt es sich dennoch um zwei eigenständig gewachsene Wirtschaftsstrukturen, deren Beteiligte sich nur bei Bedarf in den Dienst des jeweils anderen stellen. Während die Schnitzkunst ständig verfügbar und meist zeitlos ist, produzieren die OrganisatorInnen der Passionsspiele für jede Saison eigene Erinnerungsstücke. Bei diesen von der Gemeinde offiziell in Auftrag gegebenen und vermarkteten Souvenirs handelt es sich seit Ende des 19. Jahrhunderts vor allem um Fotografien des Ensembles und Fotoprodukte wie Postkarten oder Bildbände. Die älteste erhaltene Fotografie der Passionsspiele stammt aus dem Jahr 1850 und zeigt den damaligen Christusdarsteller Tobias Flunger in Kostüm und Pose.

Die Rechte für die Herstellung und den Vertrieb von Fotoprodukten wurden von der Gemeinde an wenige Unternehmen vergeben und deren Verwendung wurde (und wird) streng kontrolliert. Noch 1990 wurde z.B. dem berühmten Modefotografen Helmut Newton untersagt, das Ensemble im Kostüm vor dem Passionstheater zu fotografieren (Hassenkamp 1990).

Der Bildband ist das wichtigste Erinnerungsstück an die jeweilige Passion, nicht nur für das Publikum, sondern auch für die SpielerInnen selbst. Viele sammeln darin zudem unter den jeweiligen Fotos die Unterschriften des Ensembles sowie persönliche Widmungen. Damit werden die Bildbände zu Einzelstücken, die mit persönlichem Erinnerungswert aufgeladen sind und, ähnlich wie die Schnitzwaren, die Zeichen der persönlichen Berührung durch OberammergauerInnen in sich tragen.

Das offizielle Passions-Merchandise 2020/22

Neben den grafischen Produkten wurde bis zur Passion 2010 nur eine kleine Produktpalette an Merchandise-Artikeln mit dem Schriftzug ›Passionsspiele Oberammergau‹ offiziell von der Gemeinde vertrieben (T-Shirts, Schlüsselanhänger etc.). Für 2020 sollte sich das erstmals ändern: Die beiden Oberammergauer Unternehmer Andreas Aurhammer und Thomas Delago, die eigentlich Geschäftsführer der Nitro Snowboards Entwicklungs GmbH sind und Snowboard-Ausrüstung und -Bekleidung produzieren, hatten sich auf die Ausschreibung der Gemeinde für den Vertrieb der Passionsartikel mit einem neuen Konzept beworben, das auf kreative Designs und eine überwiegend lokale, nachhaltige Produktion setzt. Sowohl Aurhammer als auch Delago leben und arbeiten häufig im Ausland, sind jedoch seit Generationen in Oberammergau verwurzelt. Sie haben bei mehreren Passionsspielen in kleinen Rollen und oft auch hinter den Kulissen mitgewirkt.

T-Shirt mit Passionstheater-Motiv. (Online-Shop der Oberammergauer Passionsspiele: https://shop.passionsspiele-oberammergau.de/produkt/herren-t-shirt-buehne/)

Lange bevor die Waren für 2020 in Auftrag gegeben wurden, hatte das Leitungsteam des Passionsspiels bereits das Motiv festgelegt, mit dem auf Postern und im Internet für die Passionsspiele geworben wurde: Ein geschnitzter gekreuzigter Jesus. Die Spielleitung hätte dieses offizielle Motiv gerne auch für das Merchandise verwendet. Doch dem Nitro-Designerteam war der gekreuzigte Jesus als Aufdruck auf einem T-Shirt zu plakativ religiös. Stattdessen fragten sie sich: Was ist der Eiffelturm von Oberammergau? Sie kamen schnell auf das Passionstheater und entschieden sich dafür, den Blick vom Zuschauerraum auf die Bühne zu skizzieren.

T-Shirt mit historischen Passionsbildern. (Online-Shop der Oberammergauer Passionsspiele: https://shop.passionsspiele-oberammergau.de/produkt/herren-t-shirt-1634/)

Ein weiteres T-Shirt-Design aus dem Sortiment von Delago und Aurhammer zeigt auf der Brust einen Block mit vier Bildausschnitten vergangener Passionen: Einen Hohepriester mit der ikonischen Hörnerkappe aus dem Jahr 1922, den ältesten erhaltenen Passionstext aus dem Jahr 1662, Jesus am Kreuz aus dem Passionsjahr 2010 und das älteste Foto eines Darstellers aus dem Jahr 1850 (den oben erwähnten Tobias Flunger als Jesus), darunter steht in kleinen Buchstaben der Schriftzug ›2020 Passionsspiele Oberammergau‹.

Delago und Aurhammer zufolge wurde diese Designidee von Tour-T-Shirts von Musikbands inspiriert. Entsprechend sind auf der Rückseite die Aufführungsjahre aller bisherigen Passionsspiele aufgelistet. Das Shirt stilisiert die Passion zum Event bzw. zum reinen Bühnehnschauspiel. Es kommuniziert die Teilnahme an einem einzigartigen und erinnerungswürdigen Ereignis und zugleich die lange Tradition dahinter, so wird optisch eine Gemeinschaft des Publikums über die Jahrhunderte hinweg suggeriert. Als Zugeständnis an die Nachfrage nach christlicher Ikonografie wurden auch Jesus-T-Shirts gedruckt. Diese zeigen jedoch lediglich einen stilisierten Holzschnitt in dunkelgrau auf schwarzem Stoff.

Das T-Shirt Sortiment von 2020/22 zeigt, dass die Produzenten die Shirts nicht nur als Werbefläche nutzen, sondern sich dessen bewusst sind, wie Identität über Kleidung kommuniziert wird. Auffällig ist dabei, dass das Designteam auf der Suche nach einem ikonischen Bild, das sich mit der Erinnerung des Publikumsverbindet und ihnen eine Identifikationsmöglichkeit bietet, nicht auf den gekreuzigten Jesus, und damit den religiösen Impetus zurückzugreifen, sondern das theatrale Erlebnis in den Vordergrund stellen.

Wie das Schnitzhandwerk ist auch die Produktion offizieller Passionssouvenirs ein Geschäftszweig, der flexibel auf die Nachfrage der BesucherInnen reagiert. Die in großer Zahl produzierten Souvenirs ermöglichen es, die Erinnerung an den Ort und das Ensemble in materieller Form mit nach Hause zu nehmen und sich damit als Teil eines größeren Ganzen, einer Erlebnisgemeinschaft zu begreifen. Zuletzt möchte ich ein Passionssouvenir vorstellen, das für Oberammergau einzigartig ist und sich nicht an die Masse der Touristenrichtet. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Tradition, die zum Souvenir wurde.

Die Passionskrüge

Passionskrug von 1990. (Foto: C. Molter)

In fast allen Unterkünften in Oberammergau sowie in vielen Restaurants und auch Privathäusern findet man große Tonkrüge, auf denen in schwarzer Schrift ›Passionsspiele‹ und das jeweilige Aufführungsjahr geschrieben steht. Desweiteren sind die Krüge von DarstellerInnen, insbesondere den HauptdarstellerInnen des Passionsspiels signiert. Wenn man die Oberammergauer fragt, was es mit diesen Krügen auf sich hat, erzählen sie, dass sie aus der Szene im Passionsspiel stammen, in der Jesus die Händler aus dem Tempel vertreibt. In seiner Wut über deren Geschäftsgebaren in den heiligen Hallen zerbricht er in dieser Szene in jedem Spiel einen Krug. Die Scherben werden gesammelt, nach der Aufführung wieder zusammengeklebt und anschließend werden die Krüge in den Garderoben herumgereicht, signiert und dann verkauft.

Mit den Passionskrügen hat sich also eine eigene, komplexe Erinnerungstradition entwickelt. Als Requisiten haben sie selbst an der Passion teilgenommen, sie sind also materielle Zeugnisse des Passionsspiels. In den zerbrochenen und geklebten Krügen sind das Geschehen auf der Bühne und die Berührung durch den Jesusdarsteller sichtbar eingeschrieben. Sie sind Teil des großen Ganzen und werden durch das Zerbrechen und durch die Signaturen zu Einzelstücken.

Die Oberammergauer Passionsspiele müssen sich immer wieder dem Vorwurf stellen, aus ihrer religiösen Intention Kapital zu schlagen. In der Tonkrug-Szene geht es um genau dieses Thema: Jesus wirft die Händler aus dem Tempel, weil sie den Ort durch ihre Geschäftemacherei entweihen. Die zerbrochenen Krüge symbolisieren diesen Zorn gegen die Händler – und gleichzeitig werden sie durch die Oberammergauer in einen ökonomischen Kreislauf eingespeist. Die Rolle der Händler wird aus dem Stück transzendiert, denn Händlerdarsteller sind für den Verkauf der Tonkrüge verantwortlich. Aus dem Erlös wiederum wird das „Händlerfest“ gefeiert, zu dem die gesamte Spielergemeinschaft eingeladen ist. Der Gewinn fließt also an die Gemeinschaft der Oberammergauer zurück. Das gesamte Ritual ist eine augenzwinkernde Verlängerung des unchristlichen Treibens der Händler von der Bühne ins echte Leben und von der Vergangenheit in die Gegenwart und kann zugleich als Form der Sühne gelesen werden, da die Händler ihren Gewinn dem Gemeinwohl zukommen lassen.

Sowohl im Blog als auch im Zeitungsbericht wird übrigens auf das besondere, individuelle Innenleben der handgefertigten Krüge hingewiesen: Lampe und ihre Söhne, die für die Produktion zuständig sind, ritzen Linien in den Ton, die den Händlern helfen, die Krüge zusammenzukleben, sowie kleine Botschaften, um jeden Krug auch von innen einzigartig zu machen. Im Jahr 2022 wird Lampe zum letzten Mal die Passionskrüge töpfern, bevor sie in den Ruhestand geht und den Auftrag vielleicht an ihre Söhne weitergibt. Sie sagt, der Auftrag für die Passionsspiele habe ihr geholfen, die Pandemie zu überstehen; sonst hätte sie ihr Geschäft schon früher schließen müssen.

Wie im Fall der Schnitzerhilfe im Jahr 1950 ermöglichen auch 2020 die Passionsspiele die finanzielle Förderung des lokalen Handwerks in Krisenzeiten, während gleichzeitig die Medien und die Öffentlichkeit einbezogen wurden, um das Narrativ eines Passionsspiels zu stärken, das Tradition, Kunst und Gemeinschaft schätzt.

Céline Molter arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt Das Dorf Christi. Institutionentheoretische und funktionshistorische Perspektiven auf Oberammergau und sein Passionsspiel im 19. bis 21. Jahrhundert. In ihrem Forschungsvorhaben untersucht sie Oberammergau als Ziel für touristisches und religiös motiviertes Reisen.

Literatur

Annette von Altenbockum: Oberammergau. Tradition, Kunst und Passion. München 2010.
Eliza Greatorex: The Homes of Oberammergau. A Series of Twenty Etchings, Together with Notes from a Diary, hg. von Gordon R. Mork. West Lafayette, Indiana 2000 [1872].
Michael Hitchcock und Ken Teague [Hg.]: Souvenirs: The Material Culture of Tourism. Aldershot 2000.
Anton Lang: Aus meinem Leben. Anton Lang, Christus in den Passionsspielen zu Oberammergau 1900, 1910, 1922. München 1930.
Brigitta Pirzer: ‘Oberammergau in Amerika’. Eine Reise nach Amerika 1923/24. Masterarbeit im Studiengang Europäische Moderne: Geschichte und Literatur. Fern-Universität in Hagen, Fakultät KSW 2017.
Karl-Heinz Pogner: Globalization, Identity and T-Shirt Communication, in: Marie-Louise Nosch, Zhao Feng und Lotika Varadarajan (Hg.): Global Textile Encounters. Oxford, Philadelphia 2014, S. 283-294.
James Shapiro: Oberammergau: The troubling Story of the World’s most famous Passion Play. New York 2000.
Sonja E. Spear: Claiming the Passion. American Fantasies of the Oberammergau Passion Play, 1923–1947, in: Church History 80:4 (Dezember 2011), S. 832–862.
Jill Stevenson: Oberammergau’s Passion Play 2010 Performance and Context, July 22, 2010, Oberammergau, Germany, in: Material Religion 7:2 (2011), S. 304-307.
Susan Stewart: On longing: Narratives of the Miniature, the Gigantic, the Souvenir, the Collection. Baltimore 1984.
Helena Waddy: Oberammergau in the Nazi Era: the Fate of a Catholic Village in Hitler’s Germany. Oxford 2010.
Kevin J. Wetmore [Hg.]: The Oberammergau Passion Play. Essays on the 2010 Performance and the Centuries-Long Tradition. Jefferson 2017.

Medienberichte

Bayerischer Rundfunk: Oberammergau im Ausnahmezustand – Ein Dorf und seine Passion. Fernsehbeitrag vom 18.5.2020. < https://www.br.de/mediathek/video/bayern-erleben-doku-oberammergau-im-ausnahmezustand-ein-dorf-und-seine-passion-av:5e8db257e732f4001327014d> Letzter Zugriff: 12.5.2022
Susanne Hassenkamp: Maria fährt Motorrad. Starfotograf Helmut Newton besucht die Maria von Oberammergau. Der Meister der Erotik entdeckt eine andere Seite der Passionsheiligen: Sex-Appeal in schwarzem Leder. ELLE München, 12/1990. [Gemeindearchiv Oberammergau]
Maximilian Mayet und Jenny Greza: Ist das Gottes Haus – oder ein Marktplatz? Wie 130 Tonkrüge in Oberammergau hergestellt, zerstört und wieder zusammengeklebt werden. Blogeintrag auf dem Blog der Passionsspiele Oberammergau, 27.4.2020. < https://www.passionsspiele-oberammergau.de/de/blog/detail/ist-das-gottes-haus-oder-ein-marktplatz-20200427> Letzter Zugriff: 12.5.2022
Andreas Mayr: Corona-Krüge für die Passionsspiele: Oberammergauer Betrieb stellt Ton-Gefäße her, die Jesus zertrümmert. Merkur Online, 24.5.2020. <https://www.merkur.de/lokales/garmisch-partenkirchen/oberammergau-ort29187/passionsspiele-oberammergau-toepferei-lampe-stellt-ton-kruege-her-und-versteckt-geheimbotschaften-13773280.html> Letzter Zugriff: 12.5.2022
Neue Deutsche Wochenschau 11/1950, 11.4.1950. Video im Bundesarchiv Online. <https://www.filmothek.bundesarchiv.de/video/585907?set_lang=de> Letzter Zugriff: 17.5.2022

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