Jeans und Cowboystiefel als Provokation, die „Halbstarken“ Zürichs

Während der späten 50er Jahren, also noch bevor die Studentenbewegung im Jahr 1968 soziale Umstrukturierungen fordern sollte, formierte sich in Westeuropa eine neuartige, transnationale Jugendkultur, die das Gesellschaftsbild der „Spiessbürger“ anprangerte. Auch in Zürich machten sich die „Halbstarken“ breit und sorgten für Aufruhr. Doch war ihr Verhalten politisch motiviert oder ging es ihnen in erster Linie darum, ein modisches Statement abzugeben?

„Polizeiaktion gegen Halbstarke“1 titelte der Tages-Anzeiger am 20. Juni 1960. In Zürich sorgten die „Halbstarken“ zu dieser Zeit für Aufruhr, während sich die „Halbstarkenkrawalle“ in der Bundesrepublik Deutschland schon wieder gelegt hatten.2 Die „Halbstarken“ Westdeutschlands und der Schweiz waren kein einzigartiges Phänomen, fast im gesamten europäischen Raum entwickelte sich während der 50er Jahre eine neuartige Jugendkultur. Die Jugendlichen trugen, nach amerikanischem Vorbild, karierte Hemden, auffällige Gürtel, oft auch mehrere Gürtel übereinander, selbstgemachte Halsketten, Bluejeans und mit Emblemen bestickte Leder- und Jeansjacken. Mit ihren Mopeds fuhren sie vor ihren Lieblingslokalen in der Zürcher Altstadt, ihrer Hochburg, vor. Elvis Presley war ihr Idol; James Dean, der in „Rebel Without a Cause“ Jim Stark spielte, ihr Held.

Während in England die Teddy Boys für Furore sorgten, die Laederjakken sich in Dänemark breit machten, die vitelloni in Italien auf ihren Mopeds herumfuhren und die blousons noirs die Franzosen auf Trab hielten, wurden in Westdeutschland und der Schweiz ebendiese „Halbstarken“ zum Symbol der Verruchtheit der Jugend.3

Die Dokumentation der „Halbstarken“-Szene Zürichs hebt sich von den Szenen anderer Orte ab, weil Karlheinz Weinberger die „Halbstarken“ stets mit der Kamera begleitete. Weinberger, ein paar Jahre älter als seine Schützlinge, wurde 1921 geboren. Er leistete bis 1942 Militärdienst und hatte danach kurzzeitige Arbeitsverhältnisse. Der Hobbyfotograf war zeitweise arbeitslos, arbeitete dann schliesslich bis 1986 als Lagerist bei Siemens in Zürich. Zeitlebens war es Weinberger nicht möglich, seinen Lebensunterhalt mit der Fotografie alleine zu finanzieren. 1948 begann er, unter seinem Pseudonym „Jim“, für das Schwulenmagazin „Der Kreis“ zu fotografieren. Die Herausgeber und Mitarbeitenden dieses Magazins bemühten sich darum, die Gesellschaft für die Homosexualität zu sensibilisieren. 1958 kam Weinberger zum ersten Mal in Kontakt mit den Halbstarken.4 Der 16-jährige Willy, „Jimmy“ Oechslin, war das erste Motiv dieser Schaffensperiode Weinbergers. „Jimmy“ sollte der erste „Halbstarke“ von vielen werden, die Weinberger fotografierte. Es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen dem Fotografen und „seinen“ Halbstarken, die Wohnungstür des Fotografen stand den Jugendlichen stets offen. So wurde die Wohnung von Weinberger, nebst den Lokalen in der Zürcher Altstadt, ein beliebter Treffpunkt.

Während Weinberger ein freundschaftliches Verhältnis zu den Halbstarken pflegte, war das Auftreten dieser Jugendlichen für weite Teile der Gesellschaft befremdend, gar angsteinflössend. Diesen Eindruck erhält man beim Lesen der Zeitungsberichte, die in den 50er und 60er Jahre verfasst wurden. Aufgrund der Eigenartigkeit, oder Neuartigkeit der Halbstarken, war die „Problemjugend“ ein beliebtes Thema in den Schweizer Zeitungen.

Der Tages-Anzeiger berichtete, dass 1963 im Vorfeld des Eidgenössischen Schützenfestes in Zürich einige Vorkehrungen getroffen wurden, um die anderen Besucher vor möglichen Halbstarkenkrawallen zu schützen. Die Polizei organisierte ein striktes Verbot der „’verlausten‘ Montur“. Nur Jugendlichen in „Schale“ wurde Einlass in das Festareal gewährt.5 Im Artikel wird von verschiedenen Gangs berichtet, die sich zu dieser Zeit in Zürich formiert hatten. Die bekannte Totenkopf-Gang schloss sich unter ihrem Anführer „Al Capone“ mit anderen Gangs der Stadt zusammen. Gemeinsam bildeten sie das sogenannte „Syndikat.“6 Der Tagesanzeiger schilderte, dass das „Kleidersittenmandat“ einigen Gangs, die nicht dem „Syndikat“ angehörten, missfallen hatte. Die Anführer dieser Gangs seien schon vor Beginn des Schützenfestes auf dem Polizeiposten erschienen und hätten kundgegeben, dass sie auf eine „Kraftprobe“ mit den Polizisten aus seien. 61 Halbstarke erschienen in der üblichen „Halbstarkenmontur“ und wurden von der Polizei abgeführt. Einige dieser Halbstarken wurden von ihren Eltern abgeholt, die sich schockiert gezeigt hätten, weil die Jugendlichen das Haus in „Schale“ verlassen und sich auf dem Weg zur Veranstaltung umgezogen hätten. Die meisten der Eltern betrachteten das Durchgreifen der Polizei als angemessen . Der eher sanfte und wohlwollende Umgang der Polizei mit den Jugendlichen wird am Ende des Artikels hevorgehoben.7

„Erst wenn die führende Hand der Polizei als zu wenig wirksam erscheint, soll die Polizeifaust den am Rande der Gesellschaft stehenden Jugendlichen Vernunft beibringen.“ Tages-Anzeiger

Die Polizei fürchtete höchstwahrscheinlich keine handgreiflichen Auseinandersetzungen, doch die „Halbstarkenmontur“ hätte für Unbehagen bei den anderen Besuchern gesorgt. Dadurch, dass die Halbstarken nicht in Jeans und Lederjacken herumlungerten, stellten sie für die anderen Festbesucher keine Gefahr mehr dar. Mögliche Konflikte, die entstehen hätten können, wurden mit der Kleidervorschrift frühzeitig entschärft. Die Jugendlichen in „Schale“ waren weder halbstark noch gefährlich, sie waren bloss junge Festbesucher. 8

Dieses Spottgedicht auf die „Halbstarken“, verfasst von Max Rüeger, das 1959 im Nebelspalter veröffentlicht wurde, ist kritischer als der Witz rechts. Rüeger prangert das ständige „Anders-sein-wollen“ der „Halbstarken“ an und schreibt, dass sie sich querstellen würden, ohne zu wissen, was sie damit eigentlich erreichen wollten. Rüeger kritisiert zudem, dass „Herzens-Tanten“ ergründen wollten, wer die Schuld trage am „Blödsinn“ dieser „Halbstarken“. Rüeger verurteilt die Gewaltbereitschaft von einigen „Halbstarken“ und bagatellisiert diese Aussage sogleich mit dem Satz: „Auch wenn man Italiener nicht sehr mag?“
Dieser kurze Witz suggeriert, dass es sich bei den „Halbstarken“ lediglich um zwar aufmüpfige, jedoch ungefährliche Jugendliche handelte. Der Witz wurde 1959 im Nebelspalter publiziert. Der Diminutiv „Bürschchen“ verharmlost das Auftreten der zwei „Halbstarken“. Sie „schlottern und greinen“ nachdem der Berner sie geschüttelt hat. Dieses „schlottern und greinen“ macht das Bild der eigentlich verletzlichen und harmlosen „Bürschchen“ komplett.

Wie in dem Spottgedicht angedeutet, wurden laufend Vermutungen angestellt, weshalb einige Jugendliche auf öffentlichen Veranstaltungen für Unruhe sorgten und Probleme mit den Autoritäten, seien es die Eltern oder die Polizei, hatten. So berichtete der Tagesanzeiger am 20. Juni 1960, von der „Polizeiaktion gegen Halbstarke.“ Diese Aktion sei wochenlang vorbereitet worden, denn eine „300 Köpfe zählende Masse von Jugendlichen“9 hätte nicht nur Unruhe gestiftet, sondern sei auch auf Krawalle aus gewesen.

Die Polizei kontrollierte sechs Lokale in Zürich und fokussierte sich vor allem auf die „unmündigen Personen“, kontrollierte aber auch Erwachsene, „bei denen sich […] eine eingehende Personenkontrolle aufdrängte (Homosexuelle, Strichjungen, Sittlichkeitsverbrecher etc.)“ 10  Im Zeitungsbericht wurde penibel festgehalten, wer von den 91 Kontrollierten unter 16 Jahre, wer unter 18 Jahre, wer unter 20 Jahre und wer über 20 Jahre alt war. 14 der 91 kontrollierten Personen seien Mädchen gewesen. „Unter den Befragten befanden sich solche sehr verschiedener Herkunft, Kinder armer Eltern, die beide ihrem Broterwerb nachgehen müssen, aber auch solche aus Villenquartieren, die im Luxus verwahrlosen.“11 Ausführlich diskutiert wurde nicht die Verwahrlosung der Jugendlichen aus mittellosen Familien, im Vordergrund stand vielmehr die „Luxusverwahrlosung“12 . Diese neuartige Form der Verwahrlosung sei entstanden, weil kein Wert mehr auf die Erziehung der Kinder gelegt worden sei, denn die Eltern interessierten sich nur noch für materielle Dinge.13

Diese „Luxusverwahrlosung“ wurde als eine mögliche Ursache gesehen, warum Jugendliche in die Halbstarkenszene gerieten. Daneben wurden während der 50er und 60er Jahre zahlreiche weitere Theorien aufgestellt, die das damals inakzeptable Verhalten der Jugendlichen und die Entstehung des Halbstarkentums erklären sollten.

Noch bevor die „Halbstarken“ zum Problem der Kulturforscher, Pädagogen und Psychologen wurden, beschrieb Hans Heinrich Muchow 1953 in „Jugend im Wandel“ die „Akzeleration“14 und die „Retardation“15. Auch in seinem 1959 erschienenen Buch „Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend“ beschreibt er diese zwei Phänomene. „Akzeleration“ bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen der 50er sich viel schneller entwickelt hätten, als die Jugendlichen und Kinder, die am Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurden. Somit sei auch die sexuelle Reife der Jugendlichen früher eingetreten. Diese schnelle Entwicklung machte es schwierig für Muchow „das Phänomen ‚Jugend’“16 überhaupt zu definieren. Man war sich nicht mehr sicher, bei welcher Altersklasse man überhaupt von Jugendlichen sprechen konnte. Hand in Hand mit der „Akzeleration“ sei damals die „Retardation“ gegangen. Da sich die Jugendlichen körperlich so schnell entwickelten, hätte ihr Geist nicht mitwachsen können. Die „Flegeljahrs-Erscheinungen“17 hätten viel länger angedauert als in den früheren Jahrzehnten. Diese „Flegeljahre“ seien hinausgeschoben worden, so erklärte Muchow auch das auffälige Verhalten der 16-18-jährigen Halbstarken. 18 Die Entwicklung der Jugendlichen sei also dermassen verzerrt, dass die „sexuell-körperlich-verhaltensmäßigen Daten und die gemüthaft-sittlich-geistigen Daten“19 nicht mehr synchron seien.

Auch in der Schweiz fand das Prinzip der „Akzeleration“ und „Retardation“ Anklang. Im November 1961 fand in Luzern der 4. luzernische Lehrkurs für Sozialarbeit statt. Verschiedene Experten diskutierten die Probleme der Jugendlichen und Kinder und die Ergebnisse wurden in einem Handbuch festgehalten. Auch die „Akzeleration“ und „Retardation“ wurden in dem Lehrkurs diskutiert. In dem Abschnitt „Wo stehen wir heute?“ steht dazu:

„Das erhöhte körperliche Längenwachstum und die verfrühte Reife des Körpers sind verbunden mit einer verspäteten geistigen Reife. Dieses Reifeproblem führt bei unserer Jugend zu seelischen Spannungszuständen, welche im Notfall chemisch (Nikotin, Medikamente, Tabletten usw.) oder technisch (Kino, Schlager, Motor usw.) abreagiert, statt bewältigt werden. 4. luzernischer Lehrkurs

Im Anschluss führt die Fachgruppe genauer auf, welchen Suchtgefahren die Schweizer ausgesetzt seien. Nach dem Kriegsende veränderte sich demnach auch das Konsumverhalten der Schweizer Gesellschaft. Der wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte, dass neue Konsumgüter Anklang fanden, aber auch bereits bekannte exzessiver konsumiert wurden. In den Beiträgen der verschiedenen Experten im Handbuch wird klar, dass vor allem die Jugendlichen schnell von den Genussmitteln abhängig wurden oder sich „technisch getragener“ oder „sexueller Süchtigkeit“20 hingaben. Um auf die verschiedenen Suchtgefahren hinzuweisen, erstellten die Experten eine feinsäuberlich erarbeitete Liste.

In dem Handbuch werden nicht nur die Suchtgefahren, die auf die Jugendlichen lauerten, ausgiebig beschrieben, sondern auch andere Faktoren, die eine mögliche Verwahrlosung begünstigen. Dr. Beat Imhof, einer der Referenten des luzernischen Lehrkurses, betont, dass die Jugend im Jahr 1961 allgemein nicht „schlechter“ war als vorherige Generationen, sondern „offener, ehrlicher, strebsamer und tüchtiger.“21
Imhof kontrastiert diese Aussage allerdings, indem er schreibt, sie war „gefährdeter“, „nicht schlechter, wohl aber schlechter dran.“22 Vier bis fünf Prozent der Schweizer Jugendlichen seien im Jahr 1961 gefährdet und verwahrlost gewesen. „Als häufigste Erscheinungsbilder der geistlich-sittlichen Not möchte ich die Verwahrlosung, die Süchtigkeit, das Halbstarkentum und die Jugendkriminalität besonders hervorheben.“23

Zu diesen Gefahren der Verwahrlosung und Süchtigkeit wurde zudem ein möglicher Generationenkonflikt in der Literatur auf verschiedene Weisen abgehandelt. Muchow schreibt, er wolle keinen weiteren Bericht zu der „Psychologie der Nachkriegsjugend“24 verfassen, deren gäbe es schon genug. Er geht deshalb nicht auf einen möglichen Generationenkonflikt ein. Helmut Schelsky veröffentlichte 1957 sein Buch „Die skeptische Generation“, in dem er verschiedenste Einflüsse beschreibt, die auf die deutsche Jugend der 50er einwirkten. Er stellt die These auf, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern verbessern würde, wenn gesamtgesellschaftliche Katastrophen die Familien in Not stürzten. Diese Katastrophen stärkten nämlich die Bindung zwischen den Familienmitgliedern. So sieht er auch neue Chancen für Westdeutschland nach dem Krieg. Schelsky vergleicht die Quote der deutschen Jugendverwahrlosung und -kriminalität mit denen anderer Industrieländer, die nach dem Krieg wenig Folgen verspürt hatten, und kommt zu dem Schluss, dass die westdeutsche Gesellschaft sich besser gegen die Verwahrlosung und Kriminalität schützen konnte als die anderen Länder. 25

Schelsky betont, ein grosser Teil der Jugend fühle sich von den Eltern nicht eingeschränkt und es hätte zu dieser Zeit sogar eine beträchtliche Zahl Jugendlicher gegeben, die sich schon über einen „Autoritäts- und Führungsmangel“26 beklagt hätten. Imhof hingegen schreibt von einem Generationenkonflikt in der Schweiz:

„In einem Tagebuch einer intelligenten Sekundarschülerin las ich kürzlich den vorwurfsvollen Satz: ‚Ich hasse euch, ihr verdammten Erwachsenen, lasst mich doch endlich mich selber sein!’ […]‚Warum gönnt ihr mir keinen lieben Menschen, ihr saublöden Erwachsenen? Mit eurem Misstrauen zerstört ihr unsere Jugend! Haben wir etwa zwei Weltkriege gemacht? Sind wir diese? Nein, ihr seid’s! Zugrunde richtet ihr alles mit eurem Misstrauen und mit euren altmodischen Anschauungen!'“ Beat Imhof

Ebendiesen Generationenkonflikt hebt auch Hanni Zahner hervor. Zwar würden die Schlagzeilen über die Halbstarken mehrheitlich übertreiben, den Generationenkonflikt zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern aber schätzt Zahner als tiefgreifend ein: „Die heutige Jugend ist in einer Zeit geboren (1939-1945), in der eine Welt zusammenstürzte, nämlich jene, in der ihre Eltern groß geworden sind.“ 27
Diesen Konflikt führt auch der Historiker Jakob Tanner auf, auch wenn er ihn nicht explizit als einen Generationenkonflikt greift: „Es kam zu einer doppelbödigen Koexistenz von American way of life und Konsumeuphorie auf der einen, Reduitsyndrom und Igelmentalität auf der anderen Seite.“28 Laut Tanner gerieten die neugewonnene Freiheit des Individuums und die „sozialen Zwänge“ in ein Wechselspiel.

„Mobilität, Küchenrationalisierung, Bildung und auch Statuskonsum waren für eine steigende Anzahl von Leuten direkt mit ihrer Arbeitsplatzsituation bzw. mit (steigenden) beruflichen Anforderungen verbunden, und die Lust am Ausschöpfen neuer Konsummöglichkeiten konnte durch das hintergründige Gefühl, man bewege sich auf einer vorgezeichneten Einbahnstrasse, gedämpft werden.“ Jakob Tanner

Imhof kritisiert, dass die Jugendlichen viel zu sehr von den neuen Konsumgütern der 60er beeinflusst wurden, die Jugendlichen hätten aber keine Schuld an dieser Konsumsucht getragen. Sie seien zur neuen Zielgruppe vieler Firmen geworden, die versuchten, den Jugendlichen Dinge schmackhaft zu machen, die sie eigentlich gar nicht benötigten, bei der Produktion verschiedenster Produkte, wie Schallplatten, Filmen, Kleider und Zigaretten hätten sich die Firmen die Jugendlichen bewusst als Zielgruppe ausgesucht. Das Kino als neue Form der Konsumation hätte eine besondere Gefahr dargestellt. Viele Jugendliche hätten sich in Filme geschlichen, die nicht altersentsprechend waren, dies hätte ihre Gefährdung gesteigert. 29

Besonders die Anschaffung der „Halbstarkenmontur“ war sehr kostspielig. Die von den „Halbstarken“ präferierten Kleider waren nicht in normalen Kaufhäusern erhältlich. Es gab im Zürich der 50er nur ein Fachgeschäft, dass Cowboystiefel und Bluejeans verkaufte. 1960 verdiente ein Arbeiter mit Ausbildung in Zürich durchschnittlich vier Franken in der Stunde, ein Ungelernter drei Franken und fünfzig Rappen. Eine Jeans kostete 50 Franken und die Cowboystiefel oft mehr als 100 Franken. Einer solchen Investition ging also ein monatelanges Geldsparen voran, vor allem wenn man sich vor Augen hält, dass die „Halbstarken“ oft Lehrlinge waren und so noch weniger verdienten.30

Charakteristisch für das „Halbstarkentum“ waren laut Imhof nicht nur die Jeans und die Cowboystiefel, sondern auch die „gelegentlichen Kravalle[n] randalierender Jugendlichen.“ 31 Es hätte jedoch immer wieder und überall solche Krawalle gegeben. In der Schweiz seien diese Krawalle im Vergleich mit dem Ausland nicht sehr häufig gewesen. Imhof kritisiert die mediale Aufmerksamkeit, die den „Halbstarken“ gegeben wurde. Er kritisiert scharf, dass die Zeitungen und Zeitschriften immer wieder über die „Halbstarken“ berichteten. Diese Berichterstattungen hätten den Jugendlichen zu viel Aufmerksamkeit verschafft und das sei genau das, was sie wollten. Zudem hätten die Zeitungen und Zeitschriften die „Halbstarken“ in den Beiträgen zu stark stilisiert, so kriminell und gefährlich, wie sie dargestellt wurden, seien sie nicht gewesen.32

Auch wenn Imhof schreibt, dass die Halbstarken gar nicht so schlimm waren, wie die Medien sie darstellten, gerieten sie schweizweit immer wieder in Konflikt mit den Behörden. Das Unbehagen der älteren Semester gegenüber der neuartigen Jugendkultur war somit nicht unbegründet; seit 1958 nahmen in der Stadt Zürich Delikte, die von verschiedenen Jugendgruppen begangen wurden, wie Fahrzeugdiebstähle und Sittlichkeitsdelikte zu.33 In der Limmatstadt war Willy, beziehungsweise „Jimmy“, Oechslin eine Berühmtheit in der Halbstarkenszene. Gegen ihn wurden strenge Massnahmen ergriffen. Willy, der in der Szene nach amerikanischem Vorbild den Spitznamen „Jimmy“ verpasst bekam, wurde in eine Erziehungsanstalt am Bielersee gesteckt und bekam Stadtverbot in Zürich.

Am 10. Juni 1960 wurde im schweizerischen Fernsehen die Sendung «Unter Einschluss der Öffentlichkeit» ausgestrahlt. Mit diesem Beitrag wollten das Schweizer Fernsehen der breiten Öffentlichkeit einen differenzierteren Einblick in das Tun der „Halbstarken“ gewähren. Ziel war es, aufzuzeigen, dass „halbstark“ nicht synonym für kriminell verwendet werden kann. Der Moderator beteuert am Anfang der Sendung: „Wir wollen mit unserer Sendung keinen Vorurteilen Vorschub leisten, wir wollen differenzieren und darum in erster Linie hören, was die sogenannten Halbstarken selber zu sagen haben.“ Nachdem zwei „Halbstarke“, lässig und ungezwungen, dennoch offensichtlich inszeniert, auf ihren Mopeds in das Bild der Kamera fahren, stellt der Moderator seine erste Frage. Er fragt sie, auf wen sie die grösste Wut hätten. Die Antwort ist schon zu erraten: auf die Spiessbürger. Sie würden nur nörgeln, vor allem wegen der Kleider der „Halbstarken“. Eifersucht plage diese Spiessbürger, deshalb wollten sie ihnen den Spass verbieten. Ein interviewter „Halbstarker“ erzählt, dass er im Zirkus Leute angepöbelt hatte und so in einen Konflikt mit der Polizei trat. Auf die Frage hin, wer denn sein Ideal sei, antwortet er „de Jimmy“, der Moderator fragt, wer dieser Jimmy sei, die Antwort: „en Halbstarche.“ Es sei dahingestellt, ob der Jugendliche verstanden hat, was der Unterschied zwischen „Idol“ und „Ideal“ ist. Die Antworten der Jugendlichen sind repetitiv. Die Eltern und die Polizei würden sie einschränken und nörgelten nur herum. Auch Mädchen kommen in dem Bericht zu Wort, obwohl immer wieder beschrieben wird, dass die „Halbstarken“ fast nur Jungen waren. Ein Mädchen sagt mit einem verschmitzten Lächeln, dass die freie Liebe schon in Ordnung sei, man müsse ja nicht immer gerade heiraten. Auf die Frage hin, was dann passiere, wenn diese freie Liebe Konsequenzen hätte, sagt sie, dass man sich daran halten müsse. Der Moderator hakt nach, was sie denn genau meine. Sie sagt, dass man „sich dra halte“ und schon Konsequenzen ziehen müsse, dann müsse man halt heiraten. Der Zuschauer versteht so ungefähr, was sie sagen möchte. Ein Junge kritisiert die bestehende Gesellschaftsordnung und „die Alte“ scharf, er kritisiert, dass in der Medizin keine neuen Erkenntnisse generiert würden, aber die Atomkraft vorangetrieben würde, die er selbst nicht befürwortet.

Ziel des Beitrags war es, den „Halbstarken“ ein Sprachrohr zu geben. Das Schweizer Fernsehen bot ihnen die Gelegenheit, ihre Meinungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Klare Meinung oder ein Statement werden aber nicht ersichtlich, den Aussagen fehlt es an Kohärenz. Es scheint, als ginge es ihnen in erster Linie darum, sich modisch zu kleiden und zu präsentieren, tiefergreifende Umstrukturierung der Gesellschaft forderten sie nicht. Die „Halbstarken“ kritisieren in dem Beitrag immer wieder „die Alte“ und wollen mehr Freiheiten, scheinen aber nicht sonderlich überzeugt von ihren Vorstellungen. Die in Jeans und Lederjacken gekleideten Jugendlichen machten auf ihre Zeitgenossen einen einschüchternden und aufmüpfigen Eindruck, aus heutiger Sicht wirken sie weder bedrohlich noch wütend, im Vergleich mit der heutigen „Problemjugend“, scheinen sie schon fast gemässigt.

1 Tages-Anzeiger, 20.6.1960.

2 Aeschlimann Wirz, Jugendkulturen, S. 81.

3 Böhmer, „Auch die Schweiz kennt dieses Problem“, S. 226.

4 Weinberger, Wawrzyniak, Trebay, Rebel Youth, S. 170-171.

5 Tages-Anzeiger, 29.7.1963.

6 Aeschlimann Wirz, Jugendkulturen, S. 81.

Böhmer, „Auch die Schweiz kennt dieses Problem“, S. 235.

7 Tages-Anzeiger, 29.7.1963.

8 Böhmer, „Auch die Schweiz kennt dieses Problem“, S. 235.

9 Tages-Anzeiger, 20.6.1960.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Aeschlimann Wirz, S. 66.

13 Vgl. ebd., S. 66.

14 Muchow, Jugend im Wandel, S. 15.

15 Ebd., S. 15.

16 Muchow, Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend, S. 74.

17 Ebd.

18 Ebd., S. 75.

19 Ebd.

20 Chresta, Jugend heute und morgen, S. III.

21 Imhof, Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend, S. 1.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Muchow, Jugend im Wandel, S. 7.

25 Schelsky, Die skeptische Generation, S. 114.

26 Ebd., S. 135.

27 Zahner, Was kann das Elternhaus den Kindern mit ins Leben geben, S. 7.

28 Tanner, Die Schweiz in den 1950er Jahren, S. 45.

29 Imhof, Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend, S. 15.

30 Weinberger, Binder, Museum Für Gestaltung, Karlheinz Weinberger, S. 11.

31 Imhof, Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend, S. 5.

32 Ebd.

33 Staub, Ursachen und Erscheinungsformen bei der Bildung jugendlicher Banden, S. 42.

Quellen:

Chresta, Hans. Jugend heute und morgen. 4. luz. Lehrkurs 1961 für Sozialarbeit. Zusammenfassendes Handbuch. Luzern 1962.

Imhof, Beat. Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend. In: Chresta, Hans. Jugend heute und morgen. 4. luz. Lehrkurs 1961 für Sozialarbeit. Luzern 1962, S. 1-18.

Muchow, Hans Heinrich. Jugend im Wandel. Die anthropologische Situation der heutigen Jugend. Schleswig 1953.

Muchow, Hans Heinrich. Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend. Hamburg 1959.

Schelsky, Helmut. Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend. Düsseldorf 1963.

Staub, Silvia. Ursachen und Erscheinungsformen bei der Bildung jugendlicher Banden, Winterthur 1965.

Tages-Anzeiger, 20.6.1960.

Tages-Anzeiger, 29.7.1963.

Zahner, Hanni / Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft. Was kann das Elternhaus den Kindern mit ins Leben geben. Ergebnis von Gesprächen mit Eltern und Jugendlichen. Zürich, 1961.

Literatur:

Aeschlimann Wirz, Regula. Jugendkulturen. Halbstarke in Zürich 1958-1964. Zürich 1992.

Böhmer, Katharina. ,,Auch die Schweiz kennt dieses Problem“. Die ,,Halbstarken“ der 1950er und 1960er Jahre als transnationale Jugendkultur und Gesellschaftsproblem im westeuropä¡schen Vergleich, in: Hüser, Dietmar (Hg.): Populärkultur Transnational. Lesen, Hören, Sehen, Erleben im Europa der langen 1960er Jahre. Bielefeld 2017, S. 225-250.

Tanner, Jakob. Die Schweiz in den 1950er Jahren. Prozesse, Brüche, Widersprüche, Ungleichzeitigkeiten, in: Blanc, Jean-Daniel. Achtung: Die 50er Jahre! Zürich 1994, S. 19-50.

Weinberger, Karlheinz / Binder, Ulrich / Museum Für Gestaltung. Karlheinz Weinberger. Photos, 1954-1995. Zürich 2000.

Weinberger, Karlheinz / Wawrzyniak, Martynka / Trebay, Guy. Rebel Youth. New York 2011.

https://www.srf.ch/sendungen/menschen-und-horizonte/willy-jimmy-oechslin-halbstarker-der-ersten-stunde, [30.6.2018]

https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Er-war-der-oeffentliche-Feind/story/28565806, [30.6.2018]

Bilder:

Titelbild: Bestände Datenbank Bild + Ton im Sozialarchiv Zürich, fotografiert: Juliette Baur.

Rüeger, Max. Rede an Gewisse Halbstarke. Nebelspalter. Das Humor- und Satire-Magazin, Band 85, Heft 35. Goldach 1959.

Ganzstarke und Halbstarke. Nebelspalter. Das Humor- und Satire-Magazin, Band 85, Heft 42. Goldach 1959.

Suchtgefahrenauflistung in: Chresta, Hans. Jugend heute und morgen. 4. luz. Lehrkurs 1961 für Sozialarbeit. Zusammenfassendes Handbuch. Luzern 1962. S. IV.