{"id":502,"date":"2019-07-08T17:20:42","date_gmt":"2019-07-08T15:20:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/zuerchergeschichten\/?p=502"},"modified":"2019-07-08T17:21:32","modified_gmt":"2019-07-08T15:21:32","slug":"502","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/2019\/07\/08\/502\/","title":{"rendered":"Jeans und Cowboystiefel als Provokation, die \u201eHalbstarken&#8220; Z\u00fcrichs"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>W\u00e4hrend der sp\u00e4ten 50er Jahren, also noch bevor die Studentenbewegung im Jahr 1968 soziale Umstrukturierungen fordern sollte, formierte sich in Westeuropa eine neuartige, transnationale Jugendkultur, die das Gesellschaftsbild der \u201eSpiessb\u00fcrger&#8220; anprangerte. Auch in Z\u00fcrich machten sich die \u201eHalbstarken&#8220; breit und sorgten f\u00fcr Aufruhr. Doch war ihr Verhalten politisch motiviert oder ging es ihnen in erster Linie darum, ein modisches Statement abzugeben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201ePolizeiaktion gegen Halbstarke\u201c<sup><a id=\"fnref-1\" href=\"#fn-1\">1<\/a><\/sup> titelte der Tages-Anzeiger am 20. Juni 1960. In Z\u00fcrich sorgten die &#8222;Halbstarken&#8220; zu dieser Zeit f\u00fcr Aufruhr, w\u00e4hrend sich die \u201eHalbstarkenkrawalle&#8220; in der Bundesrepublik Deutschland schon wieder gelegt hatten.<sup><a id=\"fnref-2\" href=\"#fn-2\">2<\/a><\/sup> Die \u201eHalbstarken&#8220; Westdeutschlands und der Schweiz waren kein einzigartiges Ph\u00e4nomen, fast im gesamten europ\u00e4ischen Raum entwickelte sich w\u00e4hrend der 50er Jahre eine neuartige Jugendkultur. Die Jugendlichen trugen, nach amerikanischem Vorbild, karierte Hemden, auff\u00e4llige G\u00fcrtel, oft auch mehrere G\u00fcrtel \u00fcbereinander, selbstgemachte Halsketten, Bluejeans und mit Emblemen bestickte Leder- und Jeansjacken. Mit ihren Mopeds fuhren sie vor ihren Lieblingslokalen in der Z\u00fcrcher Altstadt, ihrer Hochburg, vor. Elvis Presley war ihr Idol; James Dean, der in \u201eRebel Without a Cause\u201c Jim Stark spielte, ihr Held.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in England die<em> Teddy Boys<\/em> f\u00fcr Furore sorgten, die<em>\u00a0Laederjakken<\/em>\u00a0sich in D\u00e4nemark breit machten, die\u00a0<em>vitelloni<\/em> in Italien auf ihren Mopeds herumfuhren\u00a0und die <em>blousons noirs<\/em> die Franzosen auf Trab hielten, wurden in Westdeutschland und der Schweiz ebendiese \u201eHalbstarken&#8220; zum Symbol der Verruchtheit der Jugend.<sup><a id=\"fnref-3\" href=\"#fn-3\">3<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Dokumentation der \u201eHalbstarken&#8220;-Szene Z\u00fcrichs hebt sich von den Szenen anderer Orte ab, weil Karlheinz Weinberger die \u201eHalbstarken&#8220; stets mit der Kamera begleitete. Weinberger, ein paar Jahre \u00e4lter als seine Sch\u00fctzlinge, wurde 1921\u00a0geboren. Er leistete bis 1942 Milit\u00e4rdienst und hatte danach kurzzeitige Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Der Hobbyfotograf war zeitweise arbeitslos, arbeitete dann schliesslich bis 1986 als Lagerist bei Siemens in Z\u00fcrich. Zeitlebens war es Weinberger nicht m\u00f6glich, seinen Lebensunterhalt mit der Fotografie alleine zu finanzieren. 1948 begann er, unter seinem Pseudonym \u201eJim\u201c, f\u00fcr das Schwulenmagazin \u201eDer Kreis\u201c zu fotografieren. Die Herausgeber und Mitarbeitenden dieses Magazins bem\u00fchten sich darum, die Gesellschaft f\u00fcr die Homosexualit\u00e4t zu sensibilisieren. 1958 kam Weinberger zum ersten Mal in Kontakt mit den Halbstarken.<sup><a id=\"fnref-4\" href=\"#fn-4\">4<\/a><\/sup> Der 16-j\u00e4hrige Willy, \u201eJimmy&#8220; Oechslin, war das erste Motiv dieser Schaffensperiode Weinbergers. \u201eJimmy&#8220; sollte der erste \u201eHalbstarke&#8220; von vielen werden, die Weinberger fotografierte. Es entwickelte sich eine <a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/kultur\/kunst\/Die-Halbstarken-von-der-Langstrasse\/story\/22920794\">Freundschaft zwischen dem Fotografen und \u201eseinen\u201c Halbstarken<\/a>, die Wohnungst\u00fcr des Fotografen stand den Jugendlichen stets offen. So wurde die Wohnung von Weinberger, nebst den Lokalen in der Z\u00fcrcher Altstadt, ein beliebter Treffpunkt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Weinberger ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis zu den Halbstarken pflegte, war das Auftreten dieser Jugendlichen f\u00fcr weite Teile der Gesellschaft befremdend, gar angsteinfl\u00f6ssend. Diesen Eindruck erh\u00e4lt man beim Lesen der Zeitungsberichte, die in den 50er und 60er Jahre verfasst wurden.\u00a0Aufgrund der Eigenartigkeit, oder Neuartigkeit der Halbstarken, war die \u201eProblemjugend\u201c ein beliebtes Thema in den Schweizer Zeitungen.<\/p>\n<p>Der Tages-Anzeiger berichtete, dass 1963 im Vorfeld des Eidgen\u00f6ssischen Sch\u00fctzenfestes in Z\u00fcrich einige Vorkehrungen getroffen wurden, um die anderen Besucher vor m\u00f6glichen Halbstarkenkrawallen zu sch\u00fctzen. Die Polizei organisierte ein striktes Verbot der \u201e\u2019verlausten\u2018 Montur\u201c. Nur Jugendlichen in \u201eSchale\u201c wurde Einlass in das Festareal gew\u00e4hrt.<sup><a id=\"fnref-5\" href=\"#fn-5\">5<\/a><\/sup> Im Artikel wird von verschiedenen Gangs berichtet, die sich zu dieser Zeit in Z\u00fcrich formiert hatten. Die bekannte Totenkopf-Gang schloss sich unter ihrem Anf\u00fchrer \u201eAl Capone\u201c mit anderen Gangs der Stadt zusammen. Gemeinsam bildeten sie das sogenannte \u201eSyndikat.\u201c<sup><a id=\"fnref-6\" href=\"#fn-6\">6<\/a><\/sup>\u00a0Der Tagesanzeiger schilderte, dass das \u201eKleidersittenmandat\u201c einigen Gangs, die nicht dem \u201eSyndikat\u201c angeh\u00f6rten, missfallen hatte. Die Anf\u00fchrer dieser Gangs seien schon vor Beginn des Sch\u00fctzenfestes auf dem Polizeiposten erschienen und h\u00e4tten kundgegeben, dass sie auf eine \u201eKraftprobe\u201c mit den Polizisten aus seien. 61 Halbstarke erschienen in der \u00fcblichen \u201eHalbstarkenmontur\u201c und wurden von der Polizei abgef\u00fchrt. Einige dieser Halbstarken wurden von ihren Eltern abgeholt, die sich schockiert gezeigt h\u00e4tten, weil die Jugendlichen das Haus in\u00a0\u201eSchale\u201c verlassen und sich auf dem Weg zur Veranstaltung umgezogen h\u00e4tten. Die meisten der Eltern betrachteten das Durchgreifen der Polizei als angemessen . Der eher sanfte und wohlwollende Umgang der Polizei mit den Jugendlichen wird am Ende des Artikels hevorgehoben.<sup><a id=\"fnref-7\" href=\"#fn-7\">7<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n[aesop_quote type=&#8220;pull&#8220; background=&#8220;#ccffe6&#8243; text=&#8220;#00000&#8243; align=&#8220;center&#8220; size=&#8220;1&#8243; quote=&#8220;\u201eErst wenn die f\u00fchrende Hand der Polizei als zu wenig wirksam erscheint, soll die Polizeifaust den am Rande der Gesellschaft stehenden Jugendlichen Vernunft beibringen.\u201c&#8220; cite=&#8220;Tages-Anzeiger&#8220; parallax=&#8220;off&#8220; direction=&#8220;left&#8220; revealfx=&#8220;off&#8220;]\n<p>Die Polizei f\u00fcrchtete h\u00f6chstwahrscheinlich keine handgreiflichen Auseinandersetzungen, doch die \u201eHalbstarkenmontur\u201c\u00a0h\u00e4tte f\u00fcr Unbehagen bei den anderen Besuchern gesorgt. Dadurch, dass die Halbstarken nicht in Jeans und Lederjacken herumlungerten, stellten sie f\u00fcr die anderen Festbesucher keine Gefahr mehr dar. M\u00f6gliche Konflikte, die entstehen h\u00e4tten k\u00f6nnen, wurden mit der Kleidervorschrift fr\u00fchzeitig entsch\u00e4rft. Die Jugendlichen in \u201eSchale\u201c waren weder halbstark noch gef\u00e4hrlich, sie waren bloss junge Festbesucher. <sup><a id=\"fnref-8\" href=\"#fn-8\">8<\/a><\/sup><\/p>\n\n<figure id=\"attachment_1658\" aria-describedby=\"caption-attachment-1658\" style=\"width: 401px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1658\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1-209x300.png\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1-209x300.png 209w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1-768x1103.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1-713x1024.png 713w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1-370x531.png 370w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1-400x575.png 400w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/HalbstarkenWitz1.png 944w\" sizes=\"auto, (max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1658\" class=\"wp-caption-text\">Dieses Spottgedicht auf die \u201eHalbstarken&#8220;, verfasst von Max R\u00fceger, das 1959 im Nebelspalter ver\u00f6ffentlicht wurde, ist kritischer als der Witz rechts. R\u00fceger prangert das st\u00e4ndige \u201eAnders-sein-wollen\u201c der \u201eHalbstarken&#8220; an und schreibt, dass sie sich querstellen w\u00fcrden, ohne zu wissen, was sie damit eigentlich erreichen wollten. R\u00fceger kritisiert zudem, dass \u201eHerzens-Tanten\u201c ergr\u00fcnden wollten, wer die Schuld trage am \u201eBl\u00f6dsinn\u201c dieser \u201eHalbstarken&#8220;. R\u00fceger verurteilt die Gewaltbereitschaft von einigen \u201eHalbstarken&#8220; und bagatellisiert diese Aussage sogleich mit dem Satz: \u201eAuch wenn man Italiener nicht sehr mag?\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_1657\" aria-describedby=\"caption-attachment-1657\" style=\"width: 366px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1657\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Halbstarkenwitz2-300x217.png\" alt=\"\" width=\"366\" height=\"265\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Halbstarkenwitz2-300x217.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Halbstarkenwitz2-768x556.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Halbstarkenwitz2-370x268.png 370w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Halbstarkenwitz2-400x290.png 400w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Halbstarkenwitz2.png 944w\" sizes=\"auto, (max-width: 366px) 100vw, 366px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1657\" class=\"wp-caption-text\">Dieser kurze Witz suggeriert, dass es sich bei den \u201eHalbstarken&#8220; lediglich um zwar aufm\u00fcpfige, jedoch ungef\u00e4hrliche Jugendliche handelte. Der Witz wurde 1959 im Nebelspalter publiziert. Der Diminutiv \u201eB\u00fcrschchen\u201c verharmlost das Auftreten der zwei \u201eHalbstarken&#8220;. Sie \u201eschlottern und greinen\u201c nachdem der Berner sie gesch\u00fcttelt hat. Dieses \u201eschlottern und greinen\u201c macht das Bild der eigentlich verletzlichen und harmlosen \u201eB\u00fcrschchen\u201c komplett.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie in dem Spottgedicht angedeutet, wurden laufend Vermutungen angestellt, weshalb einige Jugendliche auf \u00f6ffentlichen Veranstaltungen f\u00fcr Unruhe sorgten und Probleme mit den Autorit\u00e4ten, seien es die Eltern oder die Polizei, hatten. So berichtete der Tagesanzeiger am 20. Juni 1960, von der \u201ePolizeiaktion gegen Halbstarke.\u201c Diese Aktion sei wochenlang vorbereitet worden, denn eine \u201e300 K\u00f6pfe z\u00e4hlende Masse von Jugendlichen\u201c<sup><a id=\"fnref-9\" href=\"#fn-9\">9<\/a><\/sup> h\u00e4tte nicht nur Unruhe gestiftet, sondern sei auch auf Krawalle aus gewesen.<\/p>\n<p>Die Polizei kontrollierte sechs Lokale in Z\u00fcrich und fokussierte sich vor allem auf die \u201eunm\u00fcndigen Personen\u201c, kontrollierte aber auch Erwachsene, \u201ebei denen sich [\u2026] eine eingehende Personenkontrolle aufdr\u00e4ngte (Homosexuelle, Strichjungen, Sittlichkeitsverbrecher etc.)\u201c <sup><a id=\"fnref-10\" href=\"#fn-10\">10<\/a><\/sup>\u00a0 Im Zeitungsbericht wurde penibel festgehalten, wer von den 91 Kontrollierten unter 16 Jahre, wer unter 18 Jahre, wer unter 20 Jahre und wer \u00fcber 20 Jahre alt war. 14 der 91 kontrollierten Personen seien M\u00e4dchen gewesen. \u201eUnter den Befragten befanden sich solche sehr verschiedener Herkunft, Kinder armer Eltern, die beide ihrem Broterwerb nachgehen m\u00fcssen, aber auch solche aus Villenquartieren, die im Luxus verwahrlosen.\u201c<sup><a id=\"fnref-11\" href=\"#fn-11\">11<\/a><\/sup>\u00a0Ausf\u00fchrlich diskutiert wurde nicht die Verwahrlosung der Jugendlichen aus mittellosen Familien, im Vordergrund stand vielmehr die \u201eLuxusverwahrlosung\u201c<sup><a id=\"fnref-12\" href=\"#fn-12\">12<\/a><\/sup> . Diese neuartige Form der Verwahrlosung sei entstanden, weil kein Wert mehr auf die Erziehung der Kinder gelegt worden sei, denn die Eltern interessierten sich nur noch f\u00fcr materielle Dinge.<sup><a id=\"fnref-13\" href=\"#fn-13\">13<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Diese \u201eLuxusverwahrlosung\u201c wurde als eine m\u00f6gliche Ursache gesehen, warum Jugendliche in die Halbstarkenszene gerieten. Daneben wurden w\u00e4hrend der 50er und 60er Jahre zahlreiche weitere Theorien aufgestellt, die das damals inakzeptable Verhalten der Jugendlichen und die Entstehung des Halbstarkentums erkl\u00e4ren sollten.<\/p>\n<p>Noch bevor die \u201eHalbstarken&#8220; zum Problem der Kulturforscher, P\u00e4dagogen und Psychologen wurden, beschrieb Hans Heinrich Muchow 1953 in \u201eJugend im Wandel\u201c die \u201eAkzeleration\u201c<sup><a id=\"fnref-14\" href=\"#fn-14\">14<\/a><\/sup> und die \u201eRetardation\u201c<sup><a id=\"fnref-15\" href=\"#fn-15\">15<\/a><\/sup>. Auch in seinem 1959 erschienenen Buch \u201eSexualreife und Sozialstruktur der Jugend\u201c beschreibt er diese zwei Ph\u00e4nomene. \u201eAkzeleration\u201c bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen der 50er sich viel schneller entwickelt h\u00e4tten, als die Jugendlichen und Kinder, die am Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurden. Somit sei auch die sexuelle Reife der Jugendlichen fr\u00fcher eingetreten. Diese schnelle Entwicklung machte es schwierig f\u00fcr Muchow \u201edas Ph\u00e4nomen \u201aJugend\u2019\u201c<sup><a id=\"fnref-16\" href=\"#fn-16\">16<\/a><\/sup> \u00fcberhaupt zu definieren. Man war sich nicht mehr sicher, bei welcher Altersklasse man \u00fcberhaupt von Jugendlichen sprechen konnte. Hand in Hand mit der \u201eAkzeleration\u201c sei damals die \u201eRetardation\u201c gegangen. Da sich die Jugendlichen k\u00f6rperlich so schnell entwickelten, h\u00e4tte ihr Geist nicht mitwachsen k\u00f6nnen. Die \u201eFlegeljahrs-Erscheinungen\u201c<sup><a id=\"fnref-17\" href=\"#fn-17\">17<\/a><\/sup> h\u00e4tten viel l\u00e4nger angedauert als in den fr\u00fcheren Jahrzehnten. Diese &#8222;Flegeljahre&#8220; seien hinausgeschoben worden, so erkl\u00e4rte Muchow auch das auff\u00e4lige Verhalten der 16-18-j\u00e4hrigen Halbstarken. <sup><a id=\"fnref-18\" href=\"#fn-18\">18<\/a><\/sup> Die Entwicklung der Jugendlichen sei also dermassen verzerrt, dass die \u201esexuell-k\u00f6rperlich-verhaltensm\u00e4\u00dfigen Daten und die gem\u00fcthaft-sittlich-geistigen Daten\u201c<sup><a id=\"fnref-19\" href=\"#fn-19\">19<\/a><\/sup> nicht mehr synchron seien.<\/p>\n<p>Auch in der Schweiz fand das Prinzip der \u201eAkzeleration\u201c und \u201eRetardation\u201c Anklang. Im November 1961 fand in Luzern der 4. luzernische Lehrkurs f\u00fcr Sozialarbeit statt. Verschiedene Experten diskutierten die Probleme der Jugendlichen und Kinder und die Ergebnisse wurden in einem Handbuch festgehalten. Auch die \u201eAkzeleration\u201c und \u201eRetardation\u201c wurden in dem Lehrkurs diskutiert. In dem Abschnitt \u201eWo stehen wir heute?\u201c steht dazu:<\/p>\n\n[aesop_quote type=&#8220;pull&#8220; background=&#8220;#ccffe6&#8243; text=&#8220;#00000&#8243; align=&#8220;center&#8220; size=&#8220;1&#8243; quote=&#8220;\u201eDas erh\u00f6hte k\u00f6rperliche L\u00e4ngenwachstum und die verfr\u00fchte Reife des K\u00f6rpers sind verbunden mit einer versp\u00e4teten geistigen Reife. Dieses Reifeproblem f\u00fchrt bei unserer Jugend zu seelischen Spannungszust\u00e4nden, welche im Notfall chemisch (Nikotin, Medikamente, Tabletten usw.) oder technisch (Kino, Schlager, Motor usw.) abreagiert, statt bew\u00e4ltigt werden.&#8220; &#8220; cite=&#8220;4. luzernischer Lehrkurs&#8220; parallax=&#8220;off&#8220; direction=&#8220;left&#8220; revealfx=&#8220;off&#8220;]\n<p>Im Anschluss f\u00fchrt die Fachgruppe genauer auf, welchen Suchtgefahren die Schweizer ausgesetzt seien. Nach dem Kriegsende ver\u00e4nderte sich demnach auch das Konsumverhalten der Schweizer Gesellschaft. Der wirtschaftliche Aufschwung erm\u00f6glichte, dass neue Konsumg\u00fcter Anklang fanden, aber auch bereits bekannte exzessiver konsumiert wurden. In den Beitr\u00e4gen der verschiedenen Experten im Handbuch wird klar, dass vor allem die Jugendlichen schnell von den Genussmitteln abh\u00e4ngig wurden oder sich \u201etechnisch getragener\u201c oder \u201esexueller S\u00fcchtigkeit\u201c<sup><a id=\"fnref-20\" href=\"#fn-20\">20<\/a><\/sup> hingaben. Um auf die verschiedenen Suchtgefahren hinzuweisen, erstellten die Experten eine feins\u00e4uberlich erarbeitete Liste.<\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n[aesop_image img=&#8220;http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/zuerchergeschichten\/files\/2017\/12\/Suchtgefahren-2-e1530369365684.jpg&#8220; panorama=&#8220;off&#8220; imgwidth=&#8220;55%&#8220; align=&#8220;left&#8220; lightbox=&#8220;on&#8220; captionposition=&#8220;left&#8220; revealfx=&#8220;off&#8220; overlay_revealfx=&#8220;off&#8220;]\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In dem Handbuch werden nicht nur die Suchtgefahren, die auf die Jugendlichen lauerten, ausgiebig beschrieben, sondern auch andere Faktoren, die eine m\u00f6gliche Verwahrlosung beg\u00fcnstigen. Dr. Beat Imhof, einer der Referenten des luzernischen Lehrkurses, betont, dass die Jugend im Jahr 1961 allgemein nicht \u201eschlechter\u201c war als vorherige Generationen, sondern \u201eoffener, ehrlicher, strebsamer und t\u00fcchtiger.\u201c<sup><a id=\"fnref-21\" href=\"#fn-21\">21<\/a><\/sup><br \/>\nImhof kontrastiert diese Aussage allerdings, indem er schreibt, sie war \u201egef\u00e4hrdeter\u201c, \u201enicht schlechter, wohl aber schlechter dran.\u201c<sup><a id=\"fnref-22\" href=\"#fn-22\">22<\/a><\/sup> Vier bis f\u00fcnf Prozent der Schweizer Jugendlichen seien im Jahr 1961 gef\u00e4hrdet und verwahrlost gewesen. \u201eAls h\u00e4ufigste Erscheinungsbilder der geistlich-sittlichen Not m\u00f6chte ich die Verwahrlosung, die S\u00fcchtigkeit, das Halbstarkentum und die Jugendkriminalit\u00e4t besonders hervorheben.\u201c<sup><a id=\"fnref-23\" href=\"#fn-23\">23<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesen Gefahren der Verwahrlosung und S\u00fcchtigkeit wurde zudem ein m\u00f6glicher Generationenkonflikt in der Literatur auf verschiedene Weisen abgehandelt. Muchow schreibt, er wolle keinen weiteren Bericht zu der \u201ePsychologie der Nachkriegsjugend\u201c<sup><a id=\"fnref-24\" href=\"#fn-24\">24<\/a><\/sup> verfassen, deren g\u00e4be es schon genug. Er geht deshalb nicht auf einen m\u00f6glichen Generationenkonflikt ein.\u00a0Helmut Schelsky ver\u00f6ffentlichte 1957 sein Buch \u201eDie skeptische Generation\u201c, in dem er verschiedenste Einfl\u00fcsse beschreibt, die auf die deutsche Jugend der 50er einwirkten. Er stellt die These auf, dass sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Eltern und Kindern verbessern w\u00fcrde, wenn gesamtgesellschaftliche Katastrophen die Familien in Not st\u00fcrzten. Diese Katastrophen st\u00e4rkten n\u00e4mlich die Bindung zwischen den Familienmitgliedern. So sieht er auch neue Chancen f\u00fcr Westdeutschland nach dem Krieg. Schelsky vergleicht die Quote der deutschen Jugendverwahrlosung und -kriminalit\u00e4t mit denen anderer Industriel\u00e4nder, die nach dem Krieg wenig Folgen versp\u00fcrt hatten, und kommt zu dem Schluss, dass die westdeutsche Gesellschaft sich besser gegen die Verwahrlosung und Kriminalit\u00e4t sch\u00fctzen konnte als die anderen L\u00e4nder. <sup><a id=\"fnref-25\" href=\"#fn-25\">25<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Schelsky betont, ein grosser Teil der Jugend f\u00fchle sich von den Eltern nicht eingeschr\u00e4nkt und es h\u00e4tte zu dieser Zeit sogar eine betr\u00e4chtliche Zahl Jugendlicher gegeben, die sich schon \u00fcber einen \u201eAutorit\u00e4ts- und F\u00fchrungsmangel\u201c<sup><a id=\"fnref-26\" href=\"#fn-26\">26<\/a><\/sup> beklagt h\u00e4tten. Imhof hingegen schreibt von einem Generationenkonflikt in der Schweiz:<\/p>\n[aesop_quote type=&#8220;pull&#8220; background=&#8220;#ccffe6&#8243; text=&#8220;#00000&#8243; align=&#8220;center&#8220; size=&#8220;1&#8243; quote=&#8220; \u201eIn einem Tagebuch einer intelligenten Sekundarsch\u00fclerin las ich k\u00fcrzlich den vorwurfsvollen Satz: \u201aIch hasse euch, ihr verdammten Erwachsenen, lasst mich doch endlich mich selber sein!\u2019 &#091;\u2026&#093;\u201aWarum g\u00f6nnt ihr mir keinen lieben Menschen, ihr saubl\u00f6den Erwachsenen? Mit eurem Misstrauen zerst\u00f6rt ihr unsere Jugend! Haben wir etwa zwei Weltkriege gemacht? Sind wir diese? Nein, ihr seid\u2019s! Zugrunde richtet ihr alles mit eurem Misstrauen und mit euren altmodischen Anschauungen!&#8217;\u201c&#8220; cite=&#8220;Beat Imhof&#8220; parallax=&#8220;off&#8220; direction=&#8220;left&#8220; revealfx=&#8220;off&#8220;]\n<p>Ebendiesen Generationenkonflikt hebt auch Hanni Zahner hervor. Zwar w\u00fcrden die Schlagzeilen \u00fcber die Halbstarken mehrheitlich \u00fcbertreiben, den Generationenkonflikt zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern aber sch\u00e4tzt Zahner als tiefgreifend ein: \u201eDie heutige Jugend ist in einer Zeit geboren (1939-1945), in der eine Welt zusammenst\u00fcrzte, n\u00e4mlich jene, in der ihre Eltern gro\u00df geworden sind.\u201c <sup><a id=\"fnref-27\" href=\"#fn-27\">27<\/a><\/sup><br \/>\nDiesen Konflikt f\u00fchrt auch der Historiker Jakob Tanner auf, auch wenn er ihn nicht explizit als einen Generationenkonflikt greift: \u201eEs kam zu einer doppelb\u00f6digen Koexistenz von American way of life und Konsumeuphorie auf der einen, Reduitsyndrom und Igelmentalit\u00e4t auf der anderen Seite.\u201c<sup><a id=\"fnref-28\" href=\"#fn-28\">28<\/a><\/sup>\u00a0Laut Tanner gerieten die neugewonnene Freiheit des Individuums und die \u201esozialen Zw\u00e4nge\u201c in ein Wechselspiel.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8220;pull&#8220; background=&#8220;#ccffe6&#8243; text=&#8220;#00000&#8243; align=&#8220;center&#8220; size=&#8220;1&#8243; quote=&#8220;\u201eMobilit\u00e4t, K\u00fcchenrationalisierung, Bildung und auch Statuskonsum waren f\u00fcr eine steigende Anzahl von Leuten direkt mit ihrer Arbeitsplatzsituation bzw. mit (steigenden) beruflichen Anforderungen verbunden, und die Lust am Aussch\u00f6pfen neuer Konsumm\u00f6glichkeiten konnte durch das hintergr\u00fcndige Gef\u00fchl, man bewege sich auf einer vorgezeichneten Einbahnstrasse, ged\u00e4mpft werden.\u201c&#8220; cite=&#8220;Jakob Tanner&#8220; parallax=&#8220;off&#8220; direction=&#8220;left&#8220; revealfx=&#8220;off&#8220;]\n<p>Imhof kritisiert, dass die Jugendlichen viel zu sehr von den neuen Konsumg\u00fctern der 60er beeinflusst wurden, die Jugendlichen h\u00e4tten aber keine Schuld an dieser Konsumsucht getragen. Sie seien zur neuen Zielgruppe vieler Firmen geworden, die versuchten, den Jugendlichen Dinge schmackhaft zu machen, die sie eigentlich gar nicht ben\u00f6tigten, bei der Produktion verschiedenster Produkte, wie Schallplatten, Filmen, Kleider und Zigaretten h\u00e4tten sich die Firmen die Jugendlichen bewusst als Zielgruppe ausgesucht. Das Kino als neue Form der Konsumation h\u00e4tte eine besondere Gefahr dargestellt. Viele Jugendliche h\u00e4tten sich in Filme geschlichen, die nicht altersentsprechend waren, dies h\u00e4tte ihre Gef\u00e4hrdung gesteigert. <sup><a id=\"fnref-29\" href=\"#fn-29\">29<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Besonders die Anschaffung der \u201eHalbstarkenmontur\u201c war sehr kostspielig. Die von den \u201eHalbstarken&#8220; pr\u00e4ferierten Kleider waren nicht in normalen Kaufh\u00e4usern erh\u00e4ltlich. Es gab im\u00a0Z\u00fcrich der 50er nur ein Fachgesch\u00e4ft, dass Cowboystiefel und Bluejeans verkaufte. 1960 verdiente ein Arbeiter mit Ausbildung in Z\u00fcrich durchschnittlich vier Franken in der Stunde, ein Ungelernter drei Franken und f\u00fcnfzig Rappen. Eine Jeans kostete 50 Franken und die Cowboystiefel oft mehr als 100 Franken. Einer solchen Investition ging also ein monatelanges Geldsparen voran, vor allem wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, dass die \u201eHalbstarken&#8220; oft Lehrlinge waren und so noch weniger verdienten.<sup><a id=\"fnref-30\" href=\"#fn-30\">30<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr das \u201eHalbstarkentum\u201c waren laut Imhof nicht nur die Jeans und die Cowboystiefel, sondern auch die \u201egelegentlichen Kravalle[n] randalierender Jugendlichen.\u201c <sup><a id=\"fnref-31\" href=\"#fn-31\">31<\/a><\/sup> Es h\u00e4tte jedoch immer wieder und \u00fcberall solche Krawalle gegeben. In der Schweiz seien diese Krawalle im Vergleich mit dem Ausland nicht sehr h\u00e4ufig gewesen. Imhof kritisiert die mediale Aufmerksamkeit, die den \u201eHalbstarken&#8220; gegeben wurde. Er kritisiert scharf, dass die Zeitungen und Zeitschriften immer wieder \u00fcber die \u201eHalbstarken&#8220; berichteten. Diese Berichterstattungen h\u00e4tten den Jugendlichen zu viel Aufmerksamkeit verschafft und das sei genau das, was sie wollten. Zudem h\u00e4tten die Zeitungen und Zeitschriften die \u201eHalbstarken&#8220; in den Beitr\u00e4gen zu stark stilisiert, so kriminell und gef\u00e4hrlich, wie sie dargestellt wurden, seien sie nicht gewesen.<sup><a id=\"fnref-32\" href=\"#fn-32\">32<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Auch wenn Imhof schreibt, dass die Halbstarken gar nicht so schlimm waren, wie die Medien sie darstellten, gerieten sie schweizweit immer wieder in Konflikt mit den Beh\u00f6rden. Das Unbehagen der \u00e4lteren Semester gegen\u00fcber der neuartigen Jugendkultur war somit nicht unbegr\u00fcndet; seit 1958 nahmen in der Stadt Z\u00fcrich Delikte, die von verschiedenen Jugendgruppen begangen wurden, wie Fahrzeugdiebst\u00e4hle und Sittlichkeitsdelikte zu.<sup><a id=\"fnref-33\" href=\"#fn-33\">33<\/a><\/sup> In der Limmatstadt war Willy, beziehungsweise \u201eJimmy\u201c, Oechslin eine Ber\u00fchmtheit in der Halbstarkenszene. Gegen ihn wurden strenge Massnahmen ergriffen. Willy, der in der Szene nach amerikanischem Vorbild den Spitznamen \u201eJimmy\u201c verpasst bekam, wurde in eine Erziehungsanstalt am Bielersee gesteckt und<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/leben\/gesellschaft\/Er-war-der-oeffentliche-Feind\/story\/28565806\"><span class=\"s2\"><span style=\"color: blue;text-decoration: none\">\u00a0bekam Stadtverbot in Z\u00fcrich.<\/span><\/span><\/a><\/p>\n\n<div class=\"nv-iframe-embed\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Halbstarken von Z\u00fcrich (1960) | Jugendszenen Schweiz | SRF Archiv\" width=\"1200\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/EQNyoPRiDGI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Am 10. Juni 1960 wurde im schweizerischen Fernsehen die Sendung \u00abUnter Einschluss der \u00d6ffentlichkeit\u00bb ausgestrahlt. Mit diesem Beitrag wollten das Schweizer Fernsehen der breiten \u00d6ffentlichkeit einen differenzierteren Einblick in das Tun der \u201eHalbstarken&#8220; gew\u00e4hren. Ziel war es, aufzuzeigen, dass \u201ehalbstark&#8220; nicht synonym f\u00fcr kriminell verwendet werden kann. Der Moderator beteuert am Anfang der Sendung: \u201eWir wollen mit unserer Sendung keinen Vorurteilen Vorschub leisten, wir wollen differenzieren und darum in erster Linie h\u00f6ren, was die sogenannten Halbstarken selber zu sagen haben.\u201c Nachdem zwei \u201eHalbstarke&#8220;, l\u00e4ssig und ungezwungen, dennoch offensichtlich inszeniert, auf ihren Mopeds in das Bild der Kamera fahren, stellt der Moderator seine erste Frage. Er fragt sie, auf wen sie die gr\u00f6sste Wut h\u00e4tten. Die Antwort ist schon zu erraten: auf die Spiessb\u00fcrger. Sie w\u00fcrden nur n\u00f6rgeln, vor allem wegen der Kleider der \u201eHalbstarken&#8220;. Eifersucht plage diese Spiessb\u00fcrger, deshalb wollten sie ihnen den Spass verbieten. Ein interviewter \u201eHalbstarker&#8220; erz\u00e4hlt, dass er im Zirkus Leute angep\u00f6belt hatte und so in einen Konflikt mit der Polizei trat. Auf die Frage hin, wer denn sein Ideal sei, antwortet er \u201ede Jimmy\u201c, der Moderator fragt, wer dieser Jimmy sei, die Antwort: \u201een Halbstarche.\u201c Es sei dahingestellt, ob der Jugendliche verstanden hat, was der Unterschied zwischen \u201eIdol\u201c und \u201eIdeal\u201c ist. Die Antworten der Jugendlichen sind repetitiv. Die Eltern und die Polizei w\u00fcrden sie einschr\u00e4nken und n\u00f6rgelten nur herum. Auch M\u00e4dchen kommen in dem Bericht zu Wort, obwohl immer wieder beschrieben wird, dass die \u201eHalbstarken&#8220; fast nur Jungen waren. Ein M\u00e4dchen sagt mit einem verschmitzten L\u00e4cheln, dass die freie Liebe schon in Ordnung sei, man m\u00fcsse ja nicht immer gerade heiraten. Auf die Frage hin, was dann passiere, wenn diese freie Liebe Konsequenzen h\u00e4tte, sagt sie, dass man sich daran halten m\u00fcsse. Der Moderator hakt nach, was sie denn genau meine. Sie sagt, dass man \u201esich dra halte\u201c und schon Konsequenzen ziehen m\u00fcsse, dann m\u00fcsse man halt heiraten. Der Zuschauer versteht so ungef\u00e4hr, was sie sagen m\u00f6chte. Ein Junge kritisiert die bestehende Gesellschaftsordnung und \u201edie Alte\u201c scharf, er kritisiert, dass in der Medizin keine neuen Erkenntnisse generiert w\u00fcrden, aber die Atomkraft vorangetrieben w\u00fcrde, die er selbst nicht bef\u00fcrwortet.<\/p>\n<p>Ziel des Beitrags war es, den \u201eHalbstarken&#8220; ein Sprachrohr zu geben. Das Schweizer Fernsehen bot ihnen die Gelegenheit, ihre Meinungen mit der \u00d6ffentlichkeit zu teilen. Klare Meinung oder ein Statement werden aber nicht ersichtlich, den Aussagen fehlt es an Koh\u00e4renz. Es scheint, als ginge es ihnen in erster Linie darum, sich modisch zu kleiden und zu pr\u00e4sentieren, tiefergreifende Umstrukturierung der Gesellschaft forderten sie nicht. Die \u201eHalbstarken&#8220; kritisieren in dem Beitrag immer wieder \u201edie Alte\u201c und wollen mehr Freiheiten, scheinen aber nicht sonderlich \u00fcberzeugt von ihren Vorstellungen. Die in Jeans und Lederjacken gekleideten Jugendlichen machten auf ihre Zeitgenossen einen einsch\u00fcchternden und aufm\u00fcpfigen Eindruck, aus heutiger Sicht wirken sie weder bedrohlich noch w\u00fctend, im Vergleich mit der heutigen\u00a0\u201eProblemjugend&#8220;, scheinen sie schon fast gem\u00e4ssigt.<\/p>\n\n<p id=\"fn-1\">1\u00a0Tages-Anzeiger, 20.6.1960.<a href=\"#fnref-1\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-2\">2 Aeschlimann Wirz, Jugendkulturen, S. 81. <a href=\"#fnref-2\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-3\">3 B\u00f6hmer, &#8222;Auch die Schweiz kennt dieses Problem&#8220;, S. 226.<a href=\"#fnref-3\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-4\">4 Weinberger, Wawrzyniak, Trebay, Rebel Youth, S. 170-171. <a href=\"#fnref-4\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-5\">5 Tages-Anzeiger, 29.7.1963. <a href=\"#fnref-5\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-6\">6 Aeschlimann Wirz, Jugendkulturen, S. 81.<a href=\"#fnref-6\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p>B\u00f6hmer, &#8222;Auch die Schweiz kennt dieses Problem&#8220;, S. 235. <a href=\"#fnref-6\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-7\">7 Tages-Anzeiger, 29.7.1963. <a href=\"#fnref-7\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-8\">8 B\u00f6hmer, &#8222;Auch die Schweiz kennt dieses Problem&#8220;, S. 235. <a href=\"#fnref-8\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-9\">9 Tages-Anzeiger, 20.6.1960. <a href=\"#fnref-9\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-10\">10 Ebd. <a href=\"#fnref-10\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-11\">11 Ebd. <a href=\"#fnref-11\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-12\">12 Aeschlimann Wirz, S. 66.<a href=\"#fnref-12\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-13\">13 Vgl. ebd., S. 66.<a href=\"#fnref-12\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-14\">14 Muchow, Jugend im Wandel, S. 15. <a href=\"#fnref-14\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-15\">15 Ebd., S. 15. <a href=\"#fnref-15\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-16\">16 Muchow, Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend, S. 74.<a href=\"#fnref-16\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-17\">17 Ebd.<a href=\"#fnref-17\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-18\">18 Ebd., S. 75.<a href=\"#fnref-18\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-19\">19 Ebd.<a href=\"#fnref-19\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-20\">20 Chresta, Jugend heute und morgen, S. III.<a href=\"#fnref-20\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-21\">21 Imhof, Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend, S. 1.<a href=\"#fnref-21\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-22\">22 Ebd.<a href=\"#fnref-22\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-23\">23 Ebd.<a href=\"#fnref-23\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-24\">24 Muchow, Jugend im Wandel, S. 7.<a href=\"#fnref-24\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-25\">25 Schelsky, Die skeptische Generation, S. 114.<a href=\"#fnref-25\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-26\">26 Ebd., S. 135. <a href=\"#fnref-26\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-27\">27 Zahner, Was kann das Elternhaus den Kindern mit ins Leben geben, S. 7. <a href=\"#fnref-27\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-28\">28 Tanner, Die Schweiz in den 1950er Jahren, S. 45. <a href=\"#fnref-28\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-29\">29 Imhof, Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend, S. 15. <a href=\"#fnref-29\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-30\">30 Weinberger, Binder, Museum F\u00fcr Gestaltung, Karlheinz Weinberger, S. 11.<a href=\"#fnref-30\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-31\">31 Imhof, Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend, S. 5. <a href=\"#fnref-31\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-32\">32 Ebd.<a href=\"#fnref-32\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p id=\"fn-33\">33 Staub, Ursachen und Erscheinungsformen bei der Bildung jugendlicher Banden, S. 42.<a href=\"#fnref-33\">\u21a9<\/a><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Chresta, Hans.\u00a0Jugend heute und morgen. 4. luz. Lehrkurs 1961 f\u00fcr Sozialarbeit. Zusammenfassendes Handbuch. Luzern 1962.<\/p>\n<p>Imhof, Beat. Die geistlich-sittliche Not unserer Jugend. In: Chresta, Hans.\u00a0Jugend heute und morgen. 4. luz. Lehrkurs 1961 f\u00fcr Sozialarbeit. Luzern 1962, S. 1-18.<\/p>\n<p>Muchow, Hans Heinrich.\u00a0Jugend im Wandel. Die anthropologische Situation der heutigen Jugend. Schleswig 1953.<\/p>\n<p>Muchow, Hans Heinrich.\u00a0Sexualreife und Sozialstruktur der Jugend. Hamburg 1959.<\/p>\n<p>Schelsky, Helmut.\u00a0Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend. D\u00fcsseldorf 1963.<\/p>\n<p>Staub, Silvia.\u00a0Ursachen und Erscheinungsformen bei der Bildung jugendlicher Banden, Winterthur\u00a01965.<\/p>\n<p>Tages-Anzeiger, 20.6.1960.<\/p>\n<p>Tages-Anzeiger, 29.7.1963.<\/p>\n<p>Zahner, Hanni \/ Schweizerische Gemeinn\u00fctzige Gesellschaft. Was kann das Elternhaus den Kindern mit ins Leben geben. Ergebnis von Gespr\u00e4chen mit Eltern und Jugendlichen. Z\u00fcrich, 1961.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Aeschlimann Wirz, Regula.\u00a0Jugendkulturen. Halbstarke in Z\u00fcrich 1958-1964. Z\u00fcrich\u00a01992.<\/p>\n<p>B\u00f6hmer, Katharina. ,,Auch die Schweiz kennt dieses Problem&#8220;. Die ,,Halbstarken&#8220; der 1950er und 1960er Jahre als transnationale Jugendkultur und Gesellschaftsproblem im westeurop\u00e4\u00a1schen Vergleich, in:\u00a0H\u00fcser, Dietmar (Hg.): Popul\u00e4rkultur Transnational. Lesen, H\u00f6ren, Sehen, Erleben im Europa der langen 1960er Jahre. Bielefeld 2017,\u00a0S. 225-250.<\/p>\n<p>Tanner, Jakob. Die Schweiz in den 1950er Jahren. Prozesse, Br\u00fcche, Widerspr\u00fcche, Ungleichzeitigkeiten, in: Blanc, Jean-Daniel. Achtung: Die 50er Jahre! Z\u00fcrich 1994, S. 19-50.<\/p>\n<p>Weinberger, Karlheinz \/ Binder, Ulrich \/ Museum F\u00fcr Gestaltung.\u00a0Karlheinz Weinberger. Photos, 1954-1995. Z\u00fcrich 2000.<\/p>\n<p>Weinberger, Karlheinz \/ Wawrzyniak, Martynka \/ Trebay, Guy. Rebel Youth. New York 2011.<\/p>\n<p>https:\/\/www.srf.ch\/sendungen\/menschen-und-horizonte\/willy-jimmy-oechslin-halbstarker-der-ersten-stunde,\u00a0[30.6.2018]\n<p>https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/leben\/gesellschaft\/Er-war-der-oeffentliche-Feind\/story\/28565806, [30.6.2018]\n<p><strong>Bilder:<\/strong><\/p>\n<p>Titelbild: Best\u00e4nde Datenbank Bild\u2009+\u2009Ton im Sozialarchiv Z\u00fcrich, fotografiert: Juliette Baur.<\/p>\n<p>R\u00fceger, Max. Rede an Gewisse Halbstarke. Nebelspalter. Das Humor- und Satire-Magazin, Band 85, Heft 35. Goldach 1959.<\/p>\n<p>Ganzstarke und Halbstarke. Nebelspalter. Das Humor- und Satire-Magazin, Band 85, Heft 42. Goldach 1959.<\/p>\n<p>Suchtgefahrenauflistung in: Chresta, Hans.\u00a0Jugend heute und morgen. 4. luz. Lehrkurs 1961 f\u00fcr Sozialarbeit. Zusammenfassendes Handbuch. Luzern 1962. S. IV.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der sp\u00e4ten 50er Jahren, also noch bevor die Studentenbewegung im Jahr 1968 soziale Umstrukturierungen fordern sollte, formierte sich in Westeuropa eine neuartige, transnationale Jugendkultur, die das Gesellschaftsbild der \u201eSpiessb\u00fcrger&#8220; anprangerte. Auch in Z\u00fcrich machten sich die \u201eHalbstarken&#8220; breit und sorgten f\u00fcr Aufruhr. 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