{"id":73,"date":"2020-10-19T11:44:21","date_gmt":"2020-10-19T09:44:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zoubery\/?p=73"},"modified":"2020-10-19T11:44:21","modified_gmt":"2020-10-19T09:44:21","slug":"geisterbeschwoerungen-in-der-fruehen-neuzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/zoubery\/2020\/10\/19\/geisterbeschwoerungen-in-der-fruehen-neuzeit\/","title":{"rendered":"Geisterbeschw\u00f6rungen in der Fr\u00fchen Neuzeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Jessica Schwager<\/p>\n\n\n\n<p><em>In diesem Beitrag geht es um fr\u00fchneuzeitliche Geisterbeschw\u00f6rungsrituale. In fr\u00fchneuzeitlichen Grimoires sind solche Rituale \u00fcberliefert, mit denen Geister gezwungen werden sollen, beispielsweise einen Schatz freizugeben. Konkret wird der Frage nachgegangen, mit welchen Mitteln man zu dieser Zeit versuchte, einen Geist zu beschw\u00f6ren. Als Untersuchungsgrundlage dient dazu ein Geisterbeschw\u00f6rungsbuch aus dem Jahr 1774. In den Beschw\u00f6rungsformeln spielten beispielsweise bestimmte W\u00f6rter, sogenannte Machtworte, eine wichtige Rolle. Auch die Berufung auf die Macht Gottes und Jesu wurde als zentraler Teil der Beschw\u00f6rung genutzt. Demgegen\u00fcber wurde allerdings gleichzeitig auch der Teufel um Hilfe aufgerufen, um den Geist schlussendlich dazu zu zwingen, seinen Schatz aufzugeben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Man sieht es in praktisch jedem Horrorfilm, meist in Verbindung mit einem Ouija-Board: die Geisterbeschw\u00f6rung. Obwohl wir heute gr\u00f6sstenteils nicht mehr an Gespenster und dergleichen glauben, haben wir doch eine ungef\u00e4hre Vorstellung davon, wie eine Beschw\u00f6rung aussehen k\u00f6nnte. Wie sah diese aber im 18. Jahrhundert aus, als der Geisterglaube noch weitverbreitet war? Laut dem Handw\u00f6rterbuch des deutschen Aberglaubens geht ein Glaube an die \u00abprophetische Gabe\u00bb der Geister von Verstorbenen weit ins Altertum zur\u00fcck.<sup><a href=\"#footnote_1_73\" id=\"identifier_1_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Mengis, Carl: &lsquo;Geisterbeschw&ouml;rung, -zitierung&rsquo;, in: Hoffmann-Krayer, Eduard, B&auml;chtold-St&auml;ubli, Hanns (Hg.): Handw&ouml;rterbuch des deutschen Aberglaubens (3), Sp. 523-526, hier Sp. 523.\">1<\/a><\/sup> Beschw\u00f6rungen wurden meist durchgef\u00fchrt, damit die Geister einem wahrsagen k\u00f6nnen oder um zu erfahren, wo sich ein verborgener Schatz befindet.<sup><a href=\"#footnote_2_73\" id=\"identifier_2_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Szarka, Eveline: &ldquo;How to Conjure Spirits: The Logistics of the Necromancer&rsquo;s Manual in Early Modern Switzerland,&rdquo; History of Knowledge, May 14, 2018, https:\/\/historyofknowledge.net\/2018\/05\/14\/how-to-conjure-spirits\/ [Stand: 01.06.2020].\">2<\/a><\/sup> Dabei spielte die sogenannte Schatzgr\u00e4berei eine wichtige Rolle im Geisterglauben. Es wurde davon ausgegangen, dass Geister einen Schatz bewachten und man diesen nur finden konnte, wenn der Verstorbene ihn freigab. Solche Rituale wurden \u00fcblicherweise in Zauberb\u00fcchern festgehalten, im Englischen <em>grimoires<\/em> genannt. Owen Davies definiert solche Zauberb\u00fccher als B\u00fccher, die gewissermassen eine Anleitung enthalten, mithilfe derer Personen ihre Umwelt auf magische Weise mittels Ritualen, Br\u00e4uchen und Invokationen beeinflussen k\u00f6nnen.<sup><a href=\"#footnote_3_73\" id=\"identifier_3_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Davies, Owen: Grimoires, in: Partridge, Christopher (Hrsg.): The occult world, S. 603-610, hier S. 604.\">3<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Wie konnte nun ein solches Ritual konkret aussehen? Mit welchen Mitteln versuchte man im 18. Jahrhundert einen Geist zu beschw\u00f6ren? Diese Frage wird im Folgenden anhand eines Beispiels eines Geisterbeschw\u00f6rungsbuches beantwortet.<sup><a href=\"#footnote_4_73\" id=\"identifier_4_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"StABE Criminal Proceduren B.IX.728\/1774, Schatzgr&auml;ber Beschw&ouml;rungS. 609-625, hier S. 609.\">4<\/a><\/sup> Die Quelle stammt aus dem Staatsarchiv Bern, und war Teil der <em>Criminal Proceduren<\/em>, also einem Kriminalprozess aus dem Jahr 1774. Dies l\u00e4sst darauf schliessen, dass dieses Buch im Rahmen eines Prozesses gegen ein Zaubereidelikt eingezogen wurde. Gem\u00e4ss einer Aktennotiz handelt sich dabei um einen transkribierten Ausschnitt eines Zauberbuchs, welches angeblich von einem katholischen Senn auf der Schwendimatt an Rudolf Bolliger von Niederbipp weitergegeben worden war und diesem dann vom Landvogt von Nidau abgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst findet sich darin eine Zeichnung, wie der Kreis f\u00fcr die Beschw\u00f6rung gezeichnet werden soll. Dieser Kreis fungierte in einer solchen Beschw\u00f6rung als Schutz f\u00fcr die Beschw\u00f6renden. Es gibt dazu keine ausf\u00fchrlicheren Erl\u00e4uterungen, \u00fcblicherweise mussten dabei allerdings bestimmte Regeln befolgt werden, beispielsweise sollte im mittleren Kreis der Name des Engels der Beschw\u00f6rungsstunde geschrieben werden. Je nach Stunde variieren die Namen der Engel und anderen Angaben (zum Beispiel auch Luftgeister), welche im Kreis stehen sollten.<sup><a href=\"#footnote_5_73\" id=\"identifier_5_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Mengis: Geisterbeschw&ouml;rung, -zitierung, Sp. 524.\">5<\/a><\/sup> <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geisterbeschw\u00f6rung, welche zum Ziel hatte, einem Geist seinen verborgenen Schatz zu entlocken, beginnt mit einem Gebet, in dem um Gottes Wohlwollen f\u00fcr die Beschw\u00f6rung gebeten wird. Dies war besonders wichtig, da man es ohne Gottes Gunst und seine Kraft nicht schaffen konnte, Geister zu beschw\u00f6ren und zu unterwerfen. Danach wird der Geist bei seinem Namen aufgerufen und schliesslich folgt die eigentliche Beschw\u00f6rung, in welcher der Geist angehalten wird, seinen Reichtum vor den Kreis zu bringen. Woher dieser Name bekannt ist, wird in der Quelle nicht erl\u00e4utert. Die Beschw\u00f6rung selbst besteht im Grund aus \u00e4hnlichen, sich mehrmals wiederholenden Phrasen. Schliesslich wird der Geist entlassen, und der Kreis der Beschw\u00f6renden gesegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Beschw\u00f6rung des Geistes wird einerseits mit dem Mittel sogenannter Machtworte gearbeitet. Diese kommen wiederholt vor und sind in der Regel andere Namen f\u00fcr Gott oder Namen verschiedener Engel. Auch sich wiederholende Phrasen wie \u00abIch beschwere dich, geist Oariel bey dem Richter der lebendigen und der todten Jesu Christi\u00bb sind ein zentraler Teil der Beschw\u00f6rungsformel. Daraus l\u00e4sst sich schliessen, dass besonders auch einzelnen Worten oder bestimmten Ausdr\u00fccken in einer ritualisierten Form grosse Bedeutung und Macht zugeschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wohl wichtigste Element der Beschw\u00f6rung scheint aber die Androhung von Pein und Folter zu sein, zun\u00e4chst durch g\u00f6ttliche Mittel: \u00ab[\u2026] bey den Ertz Engeln Michael Assiel und Gabriel, die sollen dich Oariel peinigen und quellen so lang, bis du mir erscheinest\u00bb.<sup><a href=\"#footnote_6_73\" id=\"identifier_6_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"StABE Criminal Proceduren B.IX.728\/1774, Schatzgr&auml;ber Beschw&ouml;rung, S. 609.\">6<\/a><\/sup> Ungef\u00e4hr in der H\u00e4lfte der Beschw\u00f6rung \u00e4ndert sich dies jedoch, und es wird Folter im Namen des Teufels angedroht. Dazu wird allerdings dem Teufel selbst Marter angedroht, bis er und sein Anhang \u2013 also jegliche b\u00f6se Wesen, die der Teufel anrufen kann \u2013 den Geist zum Beschw\u00f6rer senden.<sup><a href=\"#footnote_7_73\" id=\"identifier_7_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Ebd., S. 611.\">7<\/a><\/sup> Daraus kann man also schliessen, dass in Geisterbeschw\u00f6rungen der Fr\u00fchen Neuzeit mit allen Mitteln versucht wurde, den Geist dazu zu bewegen, den Schatz freizugeben. In F\u00e4llen von Schatzgr\u00e4berei wurden oft unerl\u00f6ste Seelen als W\u00e4chter eines Schatzes angenommen, in dieser Quelle ist dies allerdings nicht der Fall. In dieser Beschw\u00f6rung handelt es sich anstelle von armen Seelen um b\u00f6se Engel, welche beschworen werden sollen.<sup><a href=\"#footnote_8_73\" id=\"identifier_8_73\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Dillinger, Johannes: Auf Schatzsuche. Von Grabr&auml;ubern, Geisterbeschw&ouml;rern und anderen J&auml;gern verborgener Reicht&uuml;mer, Freiburg im Breisgau, 2011. hier S. 94.\">8<\/a><\/sup> <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Beschw\u00f6rung sollte dann so lange wiederholt werden, bis der Geist erschien und den geforderten Schatz vor den Kreis legte. Anschliessend sollte der Geist ordentlich verabschiedet werden, indem man ihm im Namen Gottes Frieden w\u00fcnschte und schliesslich den Kreis segnete. Hier zeigt sich wiederum, dass sowohl der Anfang wie auch das Ende einer Beschw\u00f6rung durch Gebete im Namen Gottes erfolgten. Die Beschw\u00f6rung wird also gewissermassen durch den Bezug zu Gott eingerahmt. Dadurch wird auch eine Art Vers\u00f6hnung mit allen Parteien der Beschw\u00f6rung, sowohl Gott wie auch den Geistern, angestrebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschliessend l\u00e4sst sich festhalten, dass der zentrale Teil einer Geisterbeschw\u00f6rung in dem Machtgewinn \u00fcber einen Geist bestand, durch welchen man sich einen finanziellen Gewinn (in Forme eines wertvollen Schatzes) erhoffte. Dies sollte einerseits durch Machtworte und die rituelle Berufung auf Gott und Jesus geschehen. Andererseits wurden auch konkrete Figuren, wie Erzengel oder der Teufel aufgerufen, den Geist zu peinigen, bis er den Willen der Beschw\u00f6rer vollzog und seinen Reichtum aufgab.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_73\" class=\"footnote\">Mengis, Carl: \u2018Geisterbeschw\u00f6rung, -zitierung\u2019, in: Hoffmann-Krayer, Eduard, B\u00e4chtold-St\u00e4ubli, Hanns (Hg.): Handw\u00f6rterbuch des deutschen Aberglaubens (3), Sp. 523-526, hier Sp. 523.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_2_73\" class=\"footnote\">Szarka, Eveline: \u201cHow to Conjure Spirits: The Logistics of the Necromancer\u2019s Manual in Early Modern Switzerland,\u201d History of Knowledge, May 14, 2018, <a href=\"https:\/\/historyofknowledge.net\/2018\/05\/14\/how-to-conjure-spirits\/\">https:\/\/historyofknowledge.net\/2018\/05\/14\/how-to-conjure-spirits\/<\/a> [Stand: 01.06.2020].<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_2_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_3_73\" class=\"footnote\">Davies, Owen: Grimoires, in: Partridge, Christopher (Hrsg.): The occult world, S. 603-610, hier S. 604.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_3_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_4_73\" class=\"footnote\">StABE Criminal Proceduren B.IX.728\/1774, Schatzgr\u00e4ber Beschw\u00f6rungS. 609-625, hier S. 609.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_4_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_5_73\" class=\"footnote\">Mengis: Geisterbeschw\u00f6rung, -zitierung, Sp. 524.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_5_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_6_73\" class=\"footnote\">StABE Criminal Proceduren B.IX.728\/1774, Schatzgr\u00e4ber Beschw\u00f6rung, S. 609.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_6_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_7_73\" class=\"footnote\">Ebd., S. 611.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_7_73\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_8_73\" class=\"footnote\">Dillinger, Johannes: Auf Schatzsuche. 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