{"id":31,"date":"2022-11-10T11:24:16","date_gmt":"2022-11-10T11:24:16","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/?page_id=31"},"modified":"2022-11-10T11:24:16","modified_gmt":"2022-11-10T11:24:16","slug":"loesung-4","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/loesung-4\/","title":{"rendered":"L\u00f6sung 4"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Vor dem grossen Haufen w\u00fcrdest du dich hingegen nicht sch\u00e4men, wenn du glaubtest, etwas Tadelnswertes gemacht zu haben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Aber nicht doch, du irrst, oh Sokrates! So ist es doch ganz zu Gunsten des Verst\u00e4ndigen, vermag er wohl die Spreu vom Weizen zu trennen, nicht aber dem einen oder gar beiden ihren Wert abzuleugnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates:<\/strong> Tadellose Worte, die du \u00e4usserst! Habe ich recht verstanden, so ist es der Kundige, der dir mit m\u00f6glicher Kritik, furchtbringend in deinem Kopfe hausend, gar das Schaudern lehrt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> So steht es um den Weizen, rede weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates:<\/strong> Demungeachtet bist du nun auch dem Tadel des Neugierigen, du sprachst vom unkundigen Gaffer, immerhin ein leichtes, nicht aber gleich intensives Unwohlsein wie Ersterem, schuldig?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Auch die Spreu, vorz\u00fcglich getroffen. Und sei meiner Wortwahl gn\u00e4dig, du als vortrefflichster Rhetoriker.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates:<\/strong> Nun h\u00f6r auf, du schmeichelst mir. Selbst der Vortrefflichste vergriff sich schliesslich kl\u00e4glich, welch Ironie des Schicksals! So habe ich von m\u00f6glichem Tadel der Kundigen zu sprechen gewagt, wie t\u00f6richt. Diese Worte d\u00fcrfen die Lippen eines deiner Kunst bekannten nicht verlassen und ich habe sie bisweilen doch recht reichlich geniessen d\u00fcrfen. Verzeih mir dies Malheur und finde nun das richtige Wort auf die offensichtlichste Frage, die sich wie ein K\u00e4fig im Raume breit gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Angenommen. Die da w\u00e4re?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates:<\/strong> Ich kann es nicht fassen! Sind mir doch die H\u00e4nde gebunden, der Magen verstimmt, die Unversch\u00e4mtheit klar vor Augen, so bist du nur und starrst in die Leere, den K\u00e4fig nicht beachtend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Was ist das Unversch\u00e4mte, so erl\u00f6se uns doch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Nur die Hilfe eines Freundes, mein Liebster, vermag es den Gefangenen aus seiner misslichen Lage zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Nenn mich Freund und bald auch Helfer, doch reiche mir zun\u00e4chst die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>So sei es, Freund, doch Helfer mag ich dich nun doch nicht nennen. Wer war ich noch vor jetzt, ein Meister der Eloquenz, wahrlich nicht fehlerlos und doch seines Namens w\u00fcrdig?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Sinngem\u00e4ss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Hast du nicht dir und mir und allen immer Gutes \u00fcber mich berichtet, ungeachtet meiner Redekunst, erneut hab Dank, sofern ich mich entsinnen kann?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Gern, freilich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Verneine doch, der den ich Freund nenne, so w\u00e4ren meine H\u00e4nde frei!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Du kennst mich, ich l\u00fcge nicht und gewiss nicht vor dir!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Tugendhaftigkeit, wie sie sich ein jeder lobt. Nun kannst du bestimmt guten Gewissens bejahen, dass du mich f\u00fcr keinen Kundigen h\u00e4ltst? Wenn nicht, so bist wohl du der Blinde in eben diesem K\u00e4fig, seiner Gefangenschaft selbst nicht im Klaren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Ich muss wohl verneinen, zu sehr sch\u00e4tzte ich doch immer deine Worte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>So sei es leider, mit Dank. M\u00f6gest du mit deiner Blindheit leben und nie den K\u00e4fig verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>So warte doch, wer will das schon!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Naheliegend, doch ein blindes V\u00f6glein findet doch kein Korn. Wie k\u00f6nnte es auch!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Ich verstehe deine Ironie und honoriere dich, oh Sokrates! Ich bin wohl blind, doch kann ich tasten. Ich sp\u00fcre ihn, den Unversch\u00e4mten und kenne ihn aus deinen Worten. Sei du der Freund, der mich befreit, darum bitte ich. Reisse diesen K\u00e4fig nieder, als Dank bezahlt sich auch dein Trunk von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Vor kurzem noch so tugendhaft, schon besticht er mich mit Trunk f\u00fcr lau. Du bist in Not, so will ich dir verzeihen, doch dein Gebot ist mir einerlei. Nicht dermassen bist nun du, Freund, so will ich dir denn helfen. Besinne dich auf deine Worte, nein gar deine Taten. Erschienst nicht du neulich, ohne vor Betretenheit zu schweigen, auf der B\u00fchne? Neulich, den Neugierigen, die wir beide nicht mehr Gaffer nennen wollen, ausgesetzt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Freilich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Waren nicht ich und auch die anderen, so nach deinem Wortlaut zumindest ein Kundiger, mit von der Partie und haben kritischst jedwede Regung gemustert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Wart ihr und ihr alle wart und seid wahrlich Kundige.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Erneut, hab Dank. Erkennst du ihn denn nun, ihn, den Weg zur Freiheit?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Ich ahne gutes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Ein Geselle f\u00fcrchte sich vor einer Gegebenheit, derselbigen mit gar weiteren Zus\u00e4tzen jedoch f\u00fchle er sich bestimmt gewachsen und sei voller Mut und Tatendrang. Denkbar ist dies Kerlchen, keine Frage, aber ist sein Tun auch nachvollziehbar?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Gewiss nicht und ich kenne den Gesellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Nicht mehr blind, fast schon frei und die Einsicht des Gefangenen selbst ist es, die den K\u00e4fig niederreisst. Wer ist er denn nun, dieser \u00e4ngstliche Geselle?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon:<\/strong> Ich, Agathon, ich bin der Geselle!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Wie wahr doch deine Worte sind! Und ist es nicht so, dass er wohl arm, sich seiner Unwissenheit nicht bewusst, seine Armut aber doch gar und gar unbegr\u00fcndet ist?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Wie wahr doch auch die Deinen sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>So sage mir, Geselle, nein lass mich Freund sagen, f\u00fcrchtest du dich vor mir, ihnen (Sokrates zeigt um sich), oder uns als Schar heut mehr als neulich?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Nat\u00fcrlich nicht, Sokrates.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>So freue ich mich auf deine Lobrede, doch nicht mehr heute. Die Zeit ist vorangeschritten, Trunk und Speis vergangen und die Betten rufen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon: <\/strong>Ich verstehe, hab Dank. Verzeiht mir meinen unn\u00fctzen Eigensinn, Freund und Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates: <\/strong>Nicht doch! Eine solch unsinnige Entschuldigung verlangt vergeblich nach Annahme. Wir waren keineswegs unt\u00e4tig und so lohnte sich der Tag und die Nacht darf getrost eintreten. Morgen aber, Agathon, werden wir uns wieder sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sokrates: Vor dem grossen Haufen w\u00fcrdest du dich hingegen nicht sch\u00e4men, wenn du glaubtest, etwas Tadelnswertes gemacht zu haben? Agathon: Aber nicht doch, du irrst, oh Sokrates! So ist es doch ganz zu Gunsten des Verst\u00e4ndigen, vermag er wohl die Spreu vom Weizen zu trennen, nicht aber dem einen oder gar beiden ihren Wert abzuleugnen. 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