{"id":29,"date":"2022-11-10T11:23:14","date_gmt":"2022-11-10T11:23:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/?page_id=29"},"modified":"2022-11-10T11:23:14","modified_gmt":"2022-11-10T11:23:14","slug":"loesung-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/loesung-3\/","title":{"rendered":"L\u00f6sung 3"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Agathon<\/strong>: O, t\u00f6richter Phaidros, der du dich l\u00fcstern an des Sokrates Lippen schmiegen und in seinen Worten baden willst, als ob sie nur deiner Begierde geb\u00fchrten, h\u00f6re: Kein Vorwurf soll dir auf den Leib gebunden sein, wenn du gleich die Klappe h\u00e4ltst!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Haltet ein, ihr beiden. Gerne sehe ich, dass ich euch erfreue. Dennoch muss ich deinem Belangen, lieber Phaidros, noch ein wenig Aufschub gebieten. Gerade n\u00e4mlich assistierte ich Agahton bei einer schwierigen Geburt; so kann ich doch nicht die Wehen aufhalten das halbgeborene Kind ersticken lassen. So sag mir also, Agathon, w\u00fcrdest du dich in Erinnerung sch\u00e4men, jetzt wo du wei\u00dft, dass wir deinem Auftritt beiwohnten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phaidros<\/strong>: Gut so, Sokrates, zeig es ihm! <em>(fasst diesem an das Ges\u00e4\u00df)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: <em>(ohrfeigend)<\/em> Schweig, Phaidros! Nun Sokrates, zu deiner Frage: tats\u00e4chlich kann ich es mir vorstellen, dass ich mich sch\u00e4mte. Schlie\u00dflich hast du meinen ungehaltenen Auftritt mitnagesehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Also gehst du davon aus, dass ich ein Einsichtiger und Verst\u00e4ndiger sei. Woher nimmst du diese Gewissheit, wo du dir doch nicht mal sicher sein konntest, dass keine solchen deinem Schauspiel beiwohnten? Dass ich von mir her irgendein Verst\u00e4ndnis h\u00e4tte, sollst du nicht denken. Nun, da du also nicht wissen konntest, ob das Publikum sich nicht aus blo\u00dfen Gaffern und solchen, die ihre Worte biegen und drechseln, sodass sie jeglichem beliebigen Irrglauben an den Busen passen,<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> zusammensetzte, wie gelang es dir, nicht von Furcht ob deines Auftretens gesch\u00fcttelt, ungehalten ihnen entgegenzutreten?<\/p>\n\n\n\n<p>Agathon: Da muss ich wohl einfach gewusst haben. An keiner Sache konnte ich dies festmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sokrates: Vielleicht wusstes du es aber, weil deine Augen keinen verst\u00e4ndigen Mann erblickt und deine Ohren kein kluges Wort vernommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Agathon: Doch daf\u00fcr h\u00e4tte ich das Angesicht jedes Anwesenden sehen und auf sittliche Wohlgeformtheit \u00fcberpr\u00fcfen, jedes Wort das er gesprochen hat mit dem deinen Vergleichen m\u00fcssen. Doch habe ich dies nicht getan.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Lieber Agathon, ich will dich nicht entmutigen und nicht bedr\u00e4ngen; im Gegenteil: Was dir die Gewissheit gab, waren weder Augen, die sahen, noch Ohren, die h\u00f6rten. F\u00fchltest du dich nicht eben dann sehr sicher, als ob du es w\u00fcsstest, obwohl de Unwissenheit \u00fcber anwesende Verst\u00e4ndige zumindest gleicherma\u00dfen dich in Zittern versetzt h\u00e4tte wie die Gewissheit \u00fcber dieselben?<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Intrat Agathons Ehefrau Sultitiana)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phaidros<\/strong>: *gestauchtes Gr\u00f6len, von Hicks-Lauten interrompiert*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sultitiana<\/strong>: Agathon! Was treibst du wieder f\u00fcr einen Unsinn! Ihr besoffenen Mannsgrinde geh\u00f6rt Heim, ein jeder zu seiner Hestia, die schmachtend wartet und den Herd warmh\u00e4lt! <em>(greift ihn am Gewand)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong><em>: <\/em>Troll dich, Altweiberbeutel. H\u00e4ttest du mir mehr zu bieten, m\u00fcsste ich nicht deine K\u00fcche fl\u00fcchten. <em>(Sultitiana l\u00e4uft rot an und hebt die Faust zum Widerstreit)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Lasst Ruhe einkehren. Sultitiana, gerade er\u00f6rtere ich mit deinem Gatten, die Frage, ob sein Wissen von Aug und Ohr allein abh\u00e4nge. Sag mir, siehst du die Trinkschale dort dr\u00fcben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sultitiana<\/strong>: Gewiss. Aber worauf willst du hinaus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Nun, du hast mir zugestimmt, dass du sie siehst und dass du ebenso erkannt hast, dass es sich um eine Trinkschale handelt. Wie kommt es dazu?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sultitiana<\/strong>: Ich sehe doch, dass es eine Trinkschale ist!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Ich muss dich wohl genauer befragen: Weshalb weisst du, dass es eine Trinkschale ist?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sultitiana<\/strong>: Weil Selbiges dort dr\u00fcben aussieht wie eine. Was soll die ziellose Fragerei? Ein solch einf\u00e4ltiges Geschw\u00e4tz kann ich nicht ausstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Betrachte nun jenes Geschirr dort hinten. Ist es eine Trinkschale.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sultitiana<\/strong>: <em>(gelangweilt)<\/em> Nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Du hast dich nicht einmal danach umgewandt und du wusstest trotzdem, dass es eine solche ist! Also, h\u00f6re jetzt auch du, Agathon: Nicht die Augen oder Ohren, sind es, die uns sagen, was wir wissen wollen; es ist die Seele, deren schlafende Erinnerungen zu neuem Leben erwacht sind und deinen Verstand erf\u00fcllen, sobald sie gekitzelt werden. So sahen nicht eure Augen, Sultitiana und Agathon, sondern eure allwissenden Seelen, deren einer Teil gerade in die Sph\u00e4re eures F\u00fchlens getreten ward.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Sokrates, du hast meine gepeinigte Seele vom fetzenschlagenden Leder entr\u00fcckt! Dank sei dir! Mein Herz und meine Achtung geh\u00f6ren ganz dir! <em>(umarmt ihn)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sultitiana<\/strong>: Jetzt lass dies geschwollene Getue und werde zu Hause n\u00fcchtern. <em>(wirft sich auf Agathon und zieht an seinen Haaren)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phaidros<\/strong>: (t\u00fcrmt sich hinter Sultitiana auf) Sokrates! Willst du sehen, wie es um mein Wissen \u00fcber Eros steht? Soll ich dir zeigen, welchen Liebesdienst ich dir erweisen kann? <em>(packt sich Sultitiana dr\u00fcckt sie zu Boden)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Da sich gerade alle herzlich zu vergn\u00fcgen schienen, m\u00f6chte ich euch das Spiel nicht verderben. Ich alter Mann sollte mich schonen. <em>(Exit Sokrates)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Agathon betrachtet das keifende Gerangel auf dem Boden eine Weile lang schweigend)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Recht geschieht es dir, Meg\u00e4re von einem Weibsbild, das du bist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Exit Agathon)<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Namentlich: Sophisten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agathon: O, t\u00f6richter Phaidros, der du dich l\u00fcstern an des Sokrates Lippen schmiegen und in seinen Worten baden willst, als ob sie nur deiner Begierde geb\u00fchrten, h\u00f6re: Kein Vorwurf soll dir auf den Leib gebunden sein, wenn du gleich die Klappe h\u00e4ltst! Sokrates: Haltet ein, ihr beiden. Gerne sehe ich, dass ich euch erfreue. 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