{"id":25,"date":"2022-11-10T11:19:01","date_gmt":"2022-11-10T11:19:01","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/?page_id=25"},"modified":"2022-11-10T11:19:01","modified_gmt":"2022-11-10T11:19:01","slug":"loesung-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/loesung-1\/","title":{"rendered":"L\u00f6sung 1"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: In Anbetracht des w\u00fcrdigen Grundes unseres Treffens hier, lieber Phaidros, w\u00fcrdest du mir nicht zustimmen, dass das Aufl\u00f6sen des Knotens, in dem unser Freund sich jetzt gefesselt findet, vielleicht zur Vervollkommnung der anstehenden Diskussion beitragen k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phaidros<\/strong>: Also gut, Sokrates, ich bin nicht derjenige, der deine Hebammenkunst in Frage stellt und erlaube dir diesen kurzen Zwischenruf. Aber lasst uns nicht zu weit von dem Vorgenannten abweichen, soll der rabiate Chronos sich nicht die Fr\u00fcchte unseres Abends ins Nichts niederrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Ich wei\u00df deine Geduld zu sch\u00e4tzen, liebster Freund, und werde mich beeilen, ja dass der Fluss der Zeit die Knospen unseres Gespr\u00e4chs nicht hinwegsp\u00fcle. Nun, Agathon, widmen wir uns wieder dem Knoten, welcher dein Verstand so ungehorsam strapaziert. Wir vergegenw\u00e4rtigen uns der damaligen Vorf\u00fchrung, von dem ich nur ein lobendes Wort zu schildern vermag. Wie unbeirrt du vor deinem wimmelnden Publikum aufgetreten bist, mit welchem Glanz du dein St\u00fcck auff\u00fchren konntest. Den ganzen Abend \u00fcber kam kein verkr\u00fcppelter Satz \u00fcber deine Lippen. Und doch willst du mir gestehen, die erste Ahnung eines verst\u00e4ndigen Zuschauers h\u00e4tte dich ins Kr\u00e4chzen gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Sokrates, ein solch hohes Lob von einem Mann, so weise wie du es bist, das wird mein Herz einen h\u00f6heren Rang gew\u00e4hren, als das Gebr\u00fcll von hundert so wimmelnden Massen und das immerfort. Aber wie es mit dem Behalt meiner offenbaren Ungezwungenheit steht, werde ich deine letzte Behauptung nur erwidern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Erlaube mir dann, das Belangen, dein noch verfliessendes Bildnis der Massen mit sch\u00e4rferen Zungenz\u00fcgen zu umgrenzen; woran liegt dir dieses Wort, die Massen? Bitte, sag mir doch, worauf der Unterschied zwischen Masse und nicht-Masse beruht? Ist es vielleicht eine Beschwerde der Arithmetik, Agathon, welche in deiner Seele eine solche Beklemmung hervorruft. Wo beginnt und endet deine z\u00e4hlerische Qual? Anwesend waren mindestens hundert Mann, ganz zu Schweigen von den Sitzen deiner treusten Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Ach Sokrates, auf eine solch bestimme Zahl wirst du mich wohl nicht bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Nun, wohl, lassen wir das Zusammenz\u00e4hlen bei Seite und versuchen einen anderen Weg zur Verst\u00e4ndigung. Die Massen offenbaren sich deinem Augenschein wohl nicht in Zahl, sondern in ihrer Form, Letzteres ein Ausdruck des Ersteren. Wird deine Verlegenheit somit geometrisch herbeigef\u00fchrt? Zwischen einer Menschenmenge, unkenntlich und ziellos umherfallend einem See gleich, und der vergleichsweise stillen Beschaulichkeit deiner vertrauten Genossen besteht ein raumhafter Unterschied. Stosse ich hier auf etwas fassbares, Agathon?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Mit welcher Geschicklichkeit du die Sache meiner Beunruhigung zersetzt, Sokrates. Ich stimme dir zu, dass der Raum, der unbewegte Tr\u00e4ger alles Bewegten, eine entscheidende Rolle spielen m\u00fcsse. Aber meine Augen, worin sich doch der Raum und dessen Bilder sich offenbaren, k\u00f6nnen wir nicht vernachl\u00e4ssigen. Schlussendlich sind es diese, welchen sich meine Unterscheidungsf\u00e4higkeit widmet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Ganz genau siehst du das, Agathon! Jetzt, wo wir das Augenschein ins Gespr\u00e4ch f\u00fchren, nimm doch Kenntnis von dem Wort, dessen ich soeben Gebrauch machte; sehen. Wie kann ich behaupten, das du gerade etwas gesehen hast? Wo liegt dieses etwas, das dir in den Augen fallen sollte?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Ich glaube, ich sehe &#8211; verstehe &#8211; worauf du hinaus willst, Sokrates.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Das l\u00e4sst sich noch sehen! Stellen wir uns jetzt dieser zweien Formen entgegen, der w\u00fchlenden Masse und den kundigen Freunden. Wo befinden sich die beiden momentan?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Sie befinden sowohl hier und nicht hier.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Hier, der konkreten Welt, und wo denn sonst?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: In meinem Verstand, Sokrates.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: In deinem Verstand. Gut. Also die Erkenntnis dieser beiden Formen, woraufhin dir solch unterschiedliche Affekte aufgedr\u00fcckt werden, kann als eine Sache des Verstandes, genauer des geometrischen Verstandes gefasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Ich stimme dir zu. Bitte, sprich weiter. Ich ersp\u00fcre schon die Erregung eines gleich emporsteigenden Gedanken in dir.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Du sp\u00fcrst einen Gedanken in mir kommen? Die Affekte, die du jetzt erlebst und dein Verst\u00e4ndnis meiner Form, als redender, denkender Sokrates, stehen also in einem gewissen Zusammenhang?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Scheint der Fall zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Also ist es bei deiner Angst vor der Form eines Kundigen eine gleichartige Beziehung von Affekt und Verstand?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Genau!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Wir kommen dem Ziel immer n\u00e4her, Agathon. Jetzt wenden wir uns doch seitens deiner Affekte, der zweiten H\u00e4lfte dieses Zwischenspiels. Die Form, welcher dir ein vern\u00fcnftiger Zuh\u00f6rer beigesellt, \u00fcbersetzt sich also in dieser Angst, die dich in Verlegenheit bringt. Haltest du mich und deinen Freunden etwa f\u00fcr eine angemessene Verbildlichung der Angst?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Auf keinen Fall, Sokrates. Wenn \u00fcberhaupt, dann finde ich meine gem\u00fctlichste Zuflucht in der Gesellschaft meiner lieben Freunde. Soll jedoch das Moment der absichtlichen Auff\u00fchrung in unsere Beziehung einflie\u00dfen, mit euch als Empf\u00e4nger meiner Darbietung, dann laufen meine Affekte pl\u00f6tzlich aus dem Ruder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Mit h\u00f6chstem vergn\u00fcgen Empfangen wir deine Auff\u00fchrungen. Aber ist es nicht auch der Fall, dass du von deinen Zuschauern etwas empf\u00e4ngst? Vielleicht, etwas, worauf deine Seele sogleich hinstrebt? Und nicht nur deine Seele, sondern all diejenige Seelen gesunder Zusammensetzung? Und was ist dieser Schatz, das Empfangen wonach dir bei dessen niedrigeren Verstandes so viel leichter f\u00e4llt, als bei einem Verst\u00e4ndigen, dementgegen du in dieser Angst ger\u00e4tst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Der Beifall? Die Umarmung? Der Kuss?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Sind alles Ausdr\u00fccke des\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Eros!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Phaidros<\/em><\/strong><em> zwischenzeitlich betrunken entseelt<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Das Eros ist also das, was sich mittels und jenseits der konkreten Formen geb\u00e4rdet, und deine Affekte wankelm\u00fctig l\u00e4sst. Jetzt wo du, weiser Agathon, uns endlich auf das Wesen deines Seelenstreites zurecht gelenkt hast, k\u00f6nnen wir eine letztendliche Unterscheidung dieser Formen anhand deines Eros-Empf\u00e4ngnis versuchen. Sagen wir, dass der Logos, das haupts\u00e4chliche ist, was einem Verst\u00e4ndigen von den unverst\u00e4ndigen Massen auszeichnet und das der Eros das eigentlich begehrte darstellt. Sag mir nun, wessen Eros strahlt tiefer in deiner Seele, Agathon?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Dasjenige des Verst\u00e4ndigen, nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Weswegen, denn?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Der gemeine Athener, vor allem in Menschenmengen seinesgleichen eingenistet, scheint nie zu wissen, was er eigentlich bejubelt. Er sieht dieselbe Handlungen wie ich und bricht dennoch in Gel\u00e4chter oder Trauer aus, der in v\u00f6lligem Widerspruch zu den H\u00f6hen und Tiefen steht, die ich in meinem eigenen Tun wahrnehme. Ich kann nicht behaupten, dass er meine Arbeit f\u00fcr das sch\u00e4tzt, was sie in Wirklichkeit ist. Sein Eros fliesst von meiner Seele herab, wie Wasser einem Entenleib.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Und der Verst\u00e4ndige, mit seinem vergleichsweise hohen Anteil an Logos, ist derjenige, wessen Eros zu erlangen dich in Schrecken versetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: So ist es.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Kann es dann vielleicht sein, dass der Eros sich in Formen geb\u00e4rdet, sei es der gemeine oder weise Mann, deren Empfangen dem in den Verstand derselben waltenden Anmass an Logos ausgesetzt ist?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Meine Angst vor dem Eros ist also als Demut vor dem Logos entlarvt worden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sokrates<\/strong>: Der wahrhaft weiser Schluss eines wahrhaft weisen Mannes, wie du es schon immer warst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agathon<\/strong>: Sokrates, die Worte fehlen mir, in dem Versuch, zu beschreiben, welche Ehrfurcht ich dir gerade entgegenbringe. Meine ganze Welt hat sich soeben erhellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sokrates: In Anbetracht des w\u00fcrdigen Grundes unseres Treffens hier, lieber Phaidros, w\u00fcrdest du mir nicht zustimmen, dass das Aufl\u00f6sen des Knotens, in dem unser Freund sich jetzt gefesselt findet, vielleicht zur Vervollkommnung der anstehenden Diskussion beitragen k\u00f6nnte? Phaidros: Also gut, Sokrates, ich bin nicht derjenige, der deine Hebammenkunst in Frage stellt und erlaube dir diesen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":612,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-25","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/25","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/users\/612"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/25\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/25\/revisions\/26"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/uzhhermeneutik\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}