{"id":205,"date":"2018-05-14T19:20:01","date_gmt":"2018-05-14T17:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/urbanekunst\/?p=205"},"modified":"2018-08-16T18:12:46","modified_gmt":"2018-08-16T16:12:46","slug":"blick-im-fokus-fokus-im-blick-ein-vergleich-zweier-raeumlichen-wahrnehmungsarten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/urbanekunst\/2018\/05\/14\/blick-im-fokus-fokus-im-blick-ein-vergleich-zweier-raeumlichen-wahrnehmungsarten\/","title":{"rendered":"Blick im Fokus, Fokus im Blick"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p>[vc_row][vc_column][vc_column_text]<\/p>\n<h4>Ein Vergleich zweier r\u00e4umlicher Wahrnehmungsarten<\/h4>\n<p>[\/vc_column_text][vc_text_separator title=&#8220;Von Antonia Selva&#8220; title_align=&#8220;separator_align_left&#8220; color=&#8220;orange&#8220;][vc_column_text]<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan sieht, was man sehen lernte.\u201d &#8211;\u00a0Lucius Burckhardt\u00a0<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Raum ist nicht gleich Raum. Er begegnet uns in zahlreichen Facetten und Auspr\u00e4gungen, meist bemerken wir ihn gar nicht, oder erst, wenn seine Grenzen \u00fcberschritten werden oder zwei verschiedene Raumverst\u00e4ndnisse aufeinanderprallen. Dies h\u00e4ngt damit zusammen, dass wir \u2013 abh\u00e4ngig von der eigenen Beziehung zu ihm \u2013 Raum ganz verschieden wahrnehmen.<\/p>\n<p>Meine Auseinandersetzung mit dem Thema Raum begann mit dem Prinzip der <a href=\"https:\/\/www.ninedotarts.com\/what-is-site-specific-art\/\"><u>\u201esitespecific art\u201c<\/u><\/a> , mit der ortsbezogenen Kunst, mit welcher ich mich durch Trisha Browns Werk <a href=\"http:\/\/babettemangolte.org\/maps.html\"><em><u>Roof Piece <\/u><\/em><\/a>\u00a0das erste Mal bewusst auseinandersetzte. Diese in ihr Umfeld eingebettete Kunst verlangt von der sie betrachtenden Person eine v\u00f6llig neue Art der Wahrnehmung. Das f\u00fchrte zu verschiedenen Fragen, die sich mir pl\u00f6tzlich stellten. Was ist \u00fcberhaupt \u201eWahrnehmung\u201c? Was ist ein \u201eBlick\u201c? Und was bedeutet Wahrnehmung im Zusammenhang mit der menschlichen Umwelt? Welche Verbindung besteht zwischen der Art, wie man seine Umwelt sieht und dem Raum, den man dadurch konstruiert? Und wie spielen da Elemente des Vertrauten sowie des Fremden hinein?<\/p>\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr meine Betrachtung von Wahrnehmung, Blick und Raum soll die Wahrnehmungsauffassung des Schweizer Soziologen<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/radio\/reflexe\/audio\/lucius-burckhardt-erfinder-der-spaziergangswissenschaft?id=5854720a-edc8-4ff2-a9c7-4d69d46b8ada&amp;startTime=34.100476002&amp;station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7\"> <u>Lucius Burckhardt<\/u><\/a>\u00a0sein. Nach Burckhardts Theorie liegt die Charakteristik der Umwelt, der Landschaft oder auch des \u00f6ffentlichen Raums, in welchem sich der Mensch bewegt, nicht in der Natur der Dinge selbst, sondern in den K\u00f6pfen der Menschen. Die ortsspezifischen Merkmale, mit denen man einen Raum als einen bestimmten Raum identifiziert, sind Konstrukte, welche erst durch die sie wahrnehmende Gesellschaft konstituiert werden. R\u00fcckwirkend nimmt der Mensch wieder Einfluss auf den Raum, wenn er beginnt, sein gewonnenes Bild aus Symbolen und Zeichen im Raum als Planung zu verwirklichen. <a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Burckhardt zeigt mit seiner Arbeit, wie die Wahrnehmung solcher \u00f6ffentlichen R\u00e4ume historischen und kulturellen Bedingungen unterworfen ist und unterstreicht dabei die Determiniertheit menschlicher Wahrnehmungsformen. Seine Idee der Wahrnehmung als ortsspezifische, zustandsspezifische und personenabh\u00e4ngige Sinneserfahrung will ich mir nun f\u00fcr die Betrachtung zweier verschiedener Arten von Wahrnehmungstypen nutzbar machen: Die touristische Wahrnehmung, welche sich auf der st\u00e4ndigen Suche nach dem Sch\u00f6nen befindet und die funktionell-pragmatisch ausgerichtete allt\u00e4gliche Wahrnehmung. Die theoretischen \u00dcberlegungen werden dabei unterst\u00fctzt von Videomaterial, welches ich in Strassburg (Frankreich), wo ich die Perspektive einer Touristin und Z\u00fcrich (Schweiz), wo ich die Perspektive einer Einwohnerin eingenommen und aufgenommen habe. Mit dieser filmischen Herangehensweise versuchte ich, die Besonderheit der jeweiligen Wahrnehmung einzufangen.<\/p>\n<h5><strong>Touristische Wahrnehmung<\/strong><\/h5>\n<p>Wie schaut der Mensch auf das Fremde? Was nimmt er wahr und was l\u00e4sst er weg?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das erste Merkmal touristischer Wahrnehmung eine innere wie \u00e4ussere Distanz. Mit der inneren Distanz ist eine lebensweltliche Distanz gemeint, welche eine Person, die an einem Ort nur zu Besuch ist, besitzt. Der Bezug zum Raum ist distanziert, weil beinahe nichts die Person und den Ort verbindet. Im Gegensatz zu den Ans\u00e4ssigen ist sie den H\u00e4usern und den Strassen fremd. Das Element, welches dennoch Verbindung schafft, ist die Wahrnehmung und das Vergleichsrepertoire von Wahrgenommenem der Person selbst, welches durch ihre pers\u00f6nliche Entwicklung, Erziehung und Sozialisation an einem anderen Ort geformt wurde. Der Vergleich wird zum Mittel der \u00dcbersetzung eines Bedeutungszusammenhangs im und von \u201adem Fremden\u2019.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines Aufenthalts als Touristin in Strassburg fiel mir das viele Wasser auf, welchem man \u00fcberall begegnet. Verglichen mit der Limmat in Z\u00fcrich schienen mit die Flussufer des Ill viel mehr genutzt zu sein, sei dies f\u00fcr Touristen wie f\u00fcr die Einheimischen. Weiterhin fielen mir die vielen engen G\u00e4sschen auf, das Kopfsteinpflaster und nicht zuletzt die imposante Kathedrale im Zentrum der Altstadt. Man konnte eine Aussichtsplattform besteigen, von wo man eine sehr sch\u00f6ne Aussicht \u00fcber die umliegenden D\u00e4cher der Altstadt und das Treiben in den Strassen erhielt. Lustig, aber befremdlich empfand ich den elektrischen Mini-Zug, welcher Touristen durch die Altstadt chauffierte. Er war f\u00fcr mich ein Zeichen von Kommerzialisierung durch den Tourismus.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch eine andere Art der Distanz, welche sich im Blick des Touristen\/der Touristin zeigt: Die rein r\u00e4umliche. Touristen wenden ihre Blicke vermehrt auf die oberen zwei Drittel des st\u00e4dtischen Raumes, beim Bestaunen der Architektur oder dem Lesen der Strassenschilder. Auch geht ihr Blick in die Ferne, an den Horizont um eine m\u00f6glichst malerische Aussicht zu entdecken oder um nichts zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Auch ich strebte in Strassburg immer wieder hochgelegene Orte an, um einen Rundumblick auf die Gegend zu erhalten. Tat sich nach einem l\u00e4ngeren Marsch durch das Strassenlabyrinth der Altstadt wiedermal ein kleiner gepflasterter Platz auf, hob sich mein Blick automatisch weg vom Boden, weil ich die sich pr\u00e4sentierenden H\u00e4userfassaden studieren wollte. Dass die Hausfassaden sich aber nicht wirklich von denen in den Gassen unterschieden, machte keinen Unterschied.<\/p>\n<p>Der sich nach oben richtende Blick des typischen Touristen zeichnet sich weiter aus durch eine Suche nach dem Sch\u00f6nen. Damit sind nat\u00fcrlich nicht nur die Blumen im Stadtgarten und der geflieste Boden in der Bahnhofshalle gemeint, sondern auch die rauchenden Schornsteine der des Industrieviertels und der L\u00e4rm in den Einkaufsstrassen. Als \u201asch\u00f6n\u2019 gelten n\u00e4mlich nicht nur Dinge, welche in einem \u00e4sthetischen Sinne sch\u00f6n sind, sondern auch Dinge welche bestimmte Vorstellungen und Bildern des Touristen best\u00e4tigen.\u00a0<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>So empfand ich z.B. die engen, zum Teil auch sehr dunklen Gassen und die schiefen H\u00e4uschen in Strassburg als sehr malerisch.<\/p>\n<p>Die Suche des Touristen ist also nicht zwingendermassen eine Betrachtung des Raumes ohne Interesse, oder ohne die Absicht daraus Profit schlagen zu wollen.\u00a0<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a>\u00a0Das Fremdsein macht zwar vielleicht eine reine \u00e4sthetische Betrachtung des Raums erst m\u00f6glich, bedeutet aber gleichermassen, dass der Betrachter \u00fcber einen sehr kollektiven und unpers\u00f6nlichen Blick verf\u00fcgt, welcher durch den bereits erw\u00e4hnten kollektiven Prozess des Abgleichs von Vorstellungen mit den Wahrnehmungen in der Stadt hervorgeht.<\/p>\n<p>Durch das meist eher kurze Verweilen in einer Stadt werden Motive, Symbole und Objekte nur kurz betrachtet. Weil man in der Regel m\u00f6glichst viel erleben und betrachten will, bleibt nicht an jeder Strassenecke Zeit, die Backsteinmauer oder die Blument\u00f6pfe vor den Fensterfronten zu betrachten. Die Auseinandersetzung mit den Elementen des Raums bleibt dadurch meist oberfl\u00e4chlich und auf den Vergleich mit den eigenen Vorstellungen reduziert. Mit dem Festhalten in Bildern, also der Konservierung der ortsspezifischen Merkmale soll dem entgegengewirkt werden: Ist der Moment eingefroren kann er eingepackt und Zuhause wieder angeschaut werden, eine Wahrnehmung <em>to-go<\/em> sozusagen, deren Oberfl\u00e4chlichkeit man auf dem eigenen Sofa Tiefe verleihen kann (ob man dies dann auch wirklich tut, ist eine andere Frage). Auf diese Weise best\u00e4tigt sich die These von des britischen Soziologen John Urry: <a href=\"https:\/\/www.rodberat.org\/the-tourist-gaze\"><u>der touristische Blick konsumiert<\/u><\/a>, was er sieht.\u00a0<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n<!-- iframe plugin v.6.0 wordpress.org\/plugins\/iframe\/ -->\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/tube.switch.ch\/embed\/1cfa8d76\" frameborder=\"0\" 0=\"webkitallowfullscreen\" 1=\"mozallowfullscreen\" 2=\"allowfullscreen\" scrolling=\"yes\" class=\"iframe-class\"><\/iframe>\n\n<h5><strong>Allt\u00e4gliche Wahrnehmung<\/strong><\/h5>\n<p>Was ist \u201aAlltag\u2019? Um soziologisch zu sprechen, ist der Alltag als eine Wirklichkeit zu verstehen, die jedem vorgegeben und fraglos und selbstverst\u00e4ndlich hingenommen wird.\u00a0<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]\u00a0<\/a>Im Gegensatz zur touristischen Wahrnehmung ist eine kurze Distanz f\u00fcr den allt\u00e4glichen Blick bezeichnend. Konkret f\u00fcr den menschlichen Blick bedeutet dies, dass man im Alltag h\u00e4ufig auf Dinge schaut, die sich unmittelbar und direkt in der eigenen N\u00e4he befinden. Dies zeugt von einem pragmatisch-funktionalistischen und gleichzeitig einem wahrnehmungs-determinierenden Grundsatz: Im Alltag besch\u00e4ftigt man sich mit Dingen, aus denen man einen direkten Nutzen ziehen kann.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich vor mich hingehe, schaue ich zum Beispiel auf meine F\u00fcsse, vielleicht unterbrochen von Momenten, in welchen auf mein Mobiltelefon blicke. Am Strassenrand wartend bis ich die Strasse \u00fcberqueren kann, hebt sich mein Blick und ich nehme das erste Mal ein Bild wahr, das ich f\u00fcr ein \u00c4sthetisches halte: Die Sonne scheint von der anderen Seite durch eine Geb\u00e4udeunterf\u00fchrung und die Passanten, die hindurchgehen, kreieren im Gegenlicht ein interessantes Schattenbild.<\/p>\n<p>Die Wahrnehmung reduziert sich auf eine kleine, daf\u00fcr umso intensivere Blase um die wahrnehmende Person, mit deren Grenze N\u00fctzliches von Unn\u00fctzem getrennt wird. Diese Fokussierung bedeutet somit eine gleichzeitige Selektion und ist nicht zuletzt f\u00fcr den Energiehaushalt einer Person von ungemeiner Wichtigkeit. Konkret bedeutet dies f\u00fcr den Blick, dass er sucht und nicht \u2013 wie der touristische Blick \u2013 antrifft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meinen unz\u00e4hligen Bus- und Zugfahrten blicke ich wohl meist aus dem Fenster oder auf den Sitzplatz mir gegen\u00fcber. Oftmals bin ich dabei so in Gedanken versunken, dass ich nur schwer wirklich von einem Blick nach aussen sprechen kann, vielmehr richtet sich in diesen Momenten mein Blick nach innen. Ist es Zeit auszusteigen, kann ich meist nicht mehr sagen, was ich die ganze Fahrt \u00fcber angeschaut habe.<\/p>\n<p>Diese trennende, funktionale Blase kann nur aufgrund einer geringen lebensweltlichen Distanz existieren. Damit ist die Zugeh\u00f6rigkeit des Menschen zum urbanen Raum gemeint. Als Zahnrad in der Maschinerie der Stadt ist er Teil eines Systems, dessen Regeln er als funktionierendes Individuum bereits intuitiv beherrscht und in seinem Handeln selbst produziert. W\u00e4hrend der Tourist den urbanen Raum erst wahrnimmt, vergleicht und dadurch versteht, nimmt der Mensch im Alltag seinen ihn umgebenden Raum nur wahr; er muss ihn weder vergleichen noch verstehen, weil f\u00fcr ihn durch seine Eingebundenheit, durch seine geringe lebensweltliche Distanz zum Ort alles bereits verstanden ist.<\/p>\n<p>Ich sass auf der Treppe vor einem Haus und wartete auf das Tram, w\u00e4hrend viele Menschen mein Sichtfeld passierten. Wieder mit diesem nach innen gerichteten Blick besch\u00e4ftigte ich mich kaum wirklich mit ihnen. Ich wusste durch die unmittelbare N\u00e4he zur Universit\u00e4t, dass diese Menschenbeine mit grosser Wahrscheinlichkeit Studentenbeine auf dem Weg nach Hause sind, die einen schneller, die anderen langsamer. Mit dieser Einordnung erledigte sich jede weitere Auseinandersetzung mit ihnen und ich tr\u00e4umte wieder vor mich hin.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der touristische Blick auf das \u201eSch\u00f6ne\u201c fokussiert, beschr\u00e4nkt sich der allt\u00e4gliche Blick auf das \u201eN\u00fctzliche\u201c. In diesem Sinne ist sein Blick gesteuert und ungesteuert zugleich: Gesteuert innerhalb dieser Nutzblase, ungesteuert wenn der Blick \u00fcber diese Blasengrenze hinausgeht.<\/p>\n<p>An dieser Stelle will ich anf\u00fcgen, wie schwer es mir gefallen ist, den allt\u00e4glichen Blick schriftlich sowie mit der Kamera festzuhalten. Meine Schwierigkeiten erkl\u00e4re ich damit, dass mir, sobald ich eine Kamera in den H\u00e4nden hielt und sie gezielt auf Dinge richten musste, der allt\u00e4gliche Zugang zu ihnen entglitt. Mit der Kamera spielte die \u00c4sthetik im Bild und Raum pl\u00f6tzlich wieder eine Rolle und ich rutschte \u2013 ohne zu wollen \u2013 wieder in eine touristische Wahrnehmung hinein. Ich erfuhr am eigenen Leib, wie extrem unbewusst und intuitiv die allt\u00e4gliche Wahrnehmung ist.<\/p>\n\n<!-- iframe plugin v.6.0 wordpress.org\/plugins\/iframe\/ -->\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/tube.switch.ch\/embed\/c7ef5a3b\" frameborder=\"0\" 0=\"webkitallowfullscreen\" 1=\"mozallowfullscreen\" 2=\"allowfullscreen\" scrolling=\"yes\" class=\"iframe-class\"><\/iframe>\n\n<h5><strong>Aus Blick wird Raum <\/strong><\/h5>\n<p>Der touristische sowie der allt\u00e4gliche Blick kreieren einen entsprechenden Raum, wo geboten wird, was die Touristen oder Einheimische sehen, erleben und konsumieren wollen. Der allt\u00e4gliche Blick produziert einen funktionalen, pragmatischen und systematischen Raum, der das anbietet, was f\u00fcr den Menschen als Stadtbewohner n\u00fctzlich ist; was er f\u00fcr seine Lebensvollz\u00fcge braucht. Er kreiert wortw\u00f6rtlich <em>Lebens<\/em>raum, wo sich \u00c4sthetik der Pragmatik und Funktion unterordnet. Die Konstruktion des allt\u00e4glichen Raumes ist, trotz jeder Beil\u00e4ufigkeit seines Entstehens, f\u00fcr eine Stadt eine bestandserhaltende Notwendigkeit. Warum wird daneben noch den touristischen Bed\u00fcrfnissen Folge geleistet? Warum gibt es die Blumenrabatten mit der grossen Uhr am B\u00fcrkliplatz, die etwas l\u00e4cherliche Elektrolok in der Strassburger Altstadt oder die spektakul\u00e4re Beleuchtung des Eiffelturms in Paris? Aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden vielleicht? Dieser touristische Raum geht f\u00fcr eine Stadt mit Aufwertungs- und Gentrifizierungsprozessen einher, aber auch mit Vereinheitlichung. Als Endprodukt erhalten wir die absichtliche, artifizielle Konstruktion von hyperrealem Raum. Der touristische Raum kann in diesem Fall den allt\u00e4glichen Raum \u00fcberlagern oder sogar verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wird oft von der \u201aDisneyfizierung der St\u00e4dte\u2019<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> gesprochen. Weil der touristische Blick ein fl\u00fcchtiger und st\u00e4ndig auf der Suche nach dem \u201aSch\u00f6nen\u2019 ist und keine N\u00e4he zum Ort und dem allt\u00e4glichen Raum aufbauen will\/kann, kann es dazu f\u00fchren, dass der urbane Raum verkommt, weil er sich den Bed\u00fcrfnissen des Tourismus anpasst und zu einer spektakul\u00e4ren aber substanzlosen Aufbauschung von Attraktionen wird. Venedig kann als f\u00fchrendes Beispiel aufgef\u00fchrt werden, welches von Prozessen der Degenerierung des urbanen Raumes betroffen ist. <a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a>\u00a0Der ber\u00fchmte franz\u00f6sische Raumsoziologe Henri Lefebvre \u00e4usserte sich diesem Thema, indem er meint, dass die historische Stadt nur noch Gegenstand kulturellen Konsums f\u00fcr Tourismus und \u00c4sthetizismus ist, wodurch der urbane Raum sich nicht mehr erfassen l\u00e4sst. <a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Dem gegen\u00fcber werden auch Stimmen laut, die sich gegen eine Verteufelung des Tourismus aussprechen. Statt von einer zusammenh\u00e4ngenden Entit\u00e4t auszugehen, m\u00fcsse man Raum als einen Ort begreifen, wo ein kontinuierlicher Dialog zwischen Einheimischen, Touristen und Einwanderern stattfindet, der f\u00fcr eine moderne Stadtentwicklung von ungemeiner Wichtigkeit ist. <a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a><\/p>\n<h5><strong>Abschliessende Gedanken<\/strong><\/h5>\n<p>Wahrnehmung verstehe ich jetzt als einen Vorgang der Informationsaufnahme, deren Selektion von zahlreichen personenabh\u00e4ngigen Faktoren entschieden wird. Durch das Wahrnehmen und Nicht-Wahrnehmen von bestimmten Objekten entsteht ein unterschiedlicher Zugang zur Umwelt, welcher wiederum das raumgenerierende Handeln des Menschen beeinflusst. Von welcher Seite man es auch betrachtet: Die Ressource \u201aRaum\u2019 gewinnt mit der modernen Stadtentwicklung und dem wachsenden Tourismus zunehmend an Wichtigkeit. Viele Bev\u00f6lkerungsgruppen scheinen \u2013 ob bewusst oder unbewusst \u2013 in der Weise wie sie in die Welt schauen, Anspruch auf dessen Gestaltung zu erheben. Interessant ist es darum, sich mit der eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wodurch sie determiniert wird und was sie zu einer spezifischen Raumkonstruktion beitr\u00e4gt. Mich hatte diese Auseinandersetzung sehr angeregt. Ich sehe viele Dinge wieder anders und habe mir vorgenommen, in Zukunft mehr darauf zu achten, mit welchem Blick ich durch die Welt gehe, wie sich mein Blick vielleicht durch meine Umgebung \u00e4ndert und welche R\u00e4ume sich dadurch f\u00fcr mich auftun.<\/p>\n<h1><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><\/a><\/h1>\n<p><a href=\"#_edn1\">[1]<\/a> Burckhardt, Lucius: <em>Warum ist Landschaft sch\u00f6n? Die Spaziergangswissenschaft<\/em>, Kassel 2007, S. 301.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Ebd., S.19\/33.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Vgl. Burckhardt 2007 (wie Anm. 1), S.36-38.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Ebd., S. 253.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Vgl. Urry 2002 (wie Anm. 4), S.38-39.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Alfred Sch\u00fctz, Thomas Luckmann: <em>Strukturen der Lebenswelt<\/em>. 2. Aufl., Konstanz 2017, S.30.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Frank Roost: <em>Die Disneyfizierung der St\u00e4dte. Grossprojekte der Entertainmentindustrie am Beispiel des New Yorkers Square und der Siedlung Celebration in Florida<\/em>, Wiesbaden 2000, S.11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Adrian Lobe: <em>Disneyfizierung der St\u00e4dte<\/em>. In: wienerzeitung.at, 2016, URL: https:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/wz_reflexionen\/vermessungen\/831945_Disneyfizierung-der-Staedte.html (Abgerufen am 23.4.18.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Henri Lefebvre: <em>Recht auf Stadt<\/em>, Hamburg 2016, S.85.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a>Vgl. Lobe 2016 (wie Anm. 8)[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_text_separator title=&#8220;Abbildungsverzeichnis &#8220; color=&#8220;orange&#8220;][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]Abb.1 (Beitragsbild): Obere Waidstrasse, 8037 Z\u00fcrich, 12. Mai 2018, Foto: Die Verfasserin.[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row][vc_column][vc_column_text] Ein Vergleich zweier r\u00e4umlicher Wahrnehmungsarten [\/vc_column_text][vc_text_separator title=&#8220;Von Antonia Selva&#8220; title_align=&#8220;separator_align_left&#8220; color=&#8220;orange&#8220;][vc_column_text] \u201eMan sieht, was man sehen lernte.\u201d &#8211;\u00a0Lucius Burckhardt\u00a0[1] Raum ist nicht gleich Raum. Er begegnet uns in zahlreichen Facetten und Auspr\u00e4gungen, meist bemerken wir ihn gar nicht, oder erst, wenn seine Grenzen \u00fcberschritten werden oder zwei verschiedene Raumverst\u00e4ndnisse aufeinanderprallen. 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