{"id":54,"date":"2021-08-27T12:39:58","date_gmt":"2021-08-27T12:39:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?p=54"},"modified":"2022-02-02T22:04:07","modified_gmt":"2022-02-02T22:04:07","slug":"kriegskommunismuss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/08\/27\/kriegskommunismuss\/","title":{"rendered":"Der Kriegskommunismus als Vorl\u00e4ufer des Stalinismus?"},"content":{"rendered":"<p><em>Nach der Macht\u00fcbernahme der Bolschewiki am <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"25.Oktober nach altem julianischem Kalender, nach der Einf\u00fchrung des gregorianischen Kalenders 1918 folgte auf den 31. Januar der 14. Februar.\"><span style=\"color: #ff0000\">7. November 1918<\/span><\/span> herrschte in der neuen F\u00fchrung des Landes Uneinigkeit, welcher politische Kurs eingeschlagen werden sollte, um den \u00dcbergang zum Sozialismus zu bewerkstelligen.<br \/>\n<\/em><em>Die &#8211; noch weitgehend linkspluralistische &#8211; Elite war sich im Grunde nur dar\u00fcber einig, dass die soziale und \u00f6konomische Notlage dringend bew\u00e4ltigt werden musste. Nach \u00fcber drei Jahren Krieg litt die Bev\u00f6lkerung an Hunger und die Industrie lag brach.<br \/>\n<\/em><em>Die <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Seit der Februarrevolution 1917 an der Macht.\"><span style=\"color: #ff0000\">abgesetzte provisorische Regierung<\/span><\/span> war kaum f\u00e4hig und teilweise gar nicht willens, den gesellschaftlichen Forderungen nach &#8222;Brot, Land und Frieden&#8220; nachzukommen. So oblag es nun den neuen Machthabern, diese Forderungen aufzunehmen. Jedoch entbrannte wenige Monate nach der Oktoberrevolution ein <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/buergerkrieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">B\u00fcrgerkrieg (1918-22)<\/a><\/span><\/strong>, der die Schrecken und Entbehrungen des Weltkrieges gar in den Schatten zu stellen vermochte und die Versorgungslage noch verschlimmerte.<br \/>\n<\/em><em>In dieser Zeit des B\u00fcrgerkrieges etablierte sich ein Verwaltungssystem, das sich auf Zwangsabgaben, Terror und Zentralisierung bzw. B\u00fcrokratisierung st\u00fctzte, mit dem erkl\u00e4rten Ziel der Versorgung der Roten Armee sowie der Industrie. Der damit verbundene Kurs der Bolschewiki erhielt retrospektiv und als Legitimierungsgrundlage den Terminus \u201eKriegskommunismus&#8220;. Dieser war jedoch weniger ein politisch-theoretisches Konstrukt, sondern viel eher ein Aggregat aus Dekreten und improvisierten Aktionen, um die eigene Macht zu erhalten und den Sozialismus auf m\u00f6glichst schnellem Wege aufzubauen. Die zentralen Elemente des Kriegskommunismus, <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/kollektivierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Ablieferungspflicht sowie die kollektive Agrarwirtschaft<\/a><\/span><\/strong>, sollte Stalin dann in den 30er-Jahren im Zuge <span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>der forcierten Industrialisierung<\/strong><\/a><\/span>\u00a0 wieder aufnehmen und mit noch gr\u00f6sserem Terror umsetzen. <\/em><\/p>\n<h3><strong>Die Agrarrevolution nach dem Oktoberumsturz<\/strong><\/h3>\n<p>Aufgrund der \u00dcberbev\u00f6lkerung in den ruralen Gebieten herrschte seit dem Ende des 19. Jh. grosser Landhunger. Befl\u00fcgelt durch Lenins\u00a0<span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Erster Erlass nach der Oktoberrevolution am 26. Oktober 1918 &lt;sup&gt;jul&lt;\/sup&gt;\"><span style=\"color: #ff0000\">Dekret \u00fcber Grund und Boden<\/span><\/span> trieben die Bauern kurz nach der Oktoberrevolution die Agrarrevolution voran. Durch die Enteignung der Gutsbesitzer und die Aufteilung von deren L\u00e4ndereien wurden viele landwirtschaftliche Grossbetriebe zerst\u00f6rt. Als direkte Konsequenz der unkontrollierten Landnahme entstanden Kleinstbetriebe, die kaum \u00fcber die Subsistenzwirtschaft hinaus produzierten. Daraus resultierte eine Versch\u00e4rfung der Ern\u00e4hrungskrise, die insbesondere in den St\u00e4dten zu sp\u00fcren war.((Vgl. Merl, Sowjetmacht und Bauern, S.25))<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a><\/p>\n<h3><strong>Die Ern\u00e4hrungsdiktatur<\/strong><\/h3>\n<p>Gleichzeitig formierten sich im ganzen Reich Widerstandsbewegungen und brachen Aufst\u00e4nde gegen die kommunistische Herrschaft aus, die im Russischen B\u00fcrgerkrieg resultierten. Um die Revolution zu sichern, mussten die Bev\u00f6lkerung ern\u00e4hrt und die kriegswichtige st\u00e4dtische Industrie wiederbelebt werden. Jedoch hatten die kaum existente Produktion von Konsumg\u00fctern sowie die stetige W\u00e4hrungsinflation zur Folge, dass Handel f\u00fcr die Bauern g\u00e4nzlich unattraktiv erschien und sich die Ern\u00e4hrungssituation in den St\u00e4dten nicht verbessern konnte. Das Dekret &#8222;\u00dcber die Einf\u00fchrung der Versorgungsdiktatur&#8220; markierte den Auftakt zum Kriegskommunismus. Zu Beginn sollten die sogenannten <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Bolschewikische Bezeichnung f\u00fcr wohlhabende Bauern, die Lohnarbeiter besch\u00e4ftigten\"><span style=\"color: #ff0000\">Kulaken<\/span><\/span> zu Pflichtablieferungen gedr\u00e4ngt werden, doch wurden bald immer mehr Dekrete erlassen und die gesamte Bauernschaft zu immer h\u00f6her werdenden Abgaben gezwungen.((Vgl. Lorenz, Sozialgeschichte der Sowjetunion, S.109.))<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_220\" aria-describedby=\"caption-attachment-220\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-220\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/files\/2021\/09\/Frontwoche-688x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"510\" height=\"759\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche-688x1024.jpg 688w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche-235x350.jpg 235w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche-768x1143.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche-1032x1536.jpg 1032w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche-1376x2048.jpg 1376w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Frontwoche.jpg 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-220\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr die \u201cFrontwoche\u201d. Der k\u00fcrzeste Weg zum Frieden ist unser entschlossene Sieg. Alles f\u00fcr die Front, alles f\u00fcr den Sieg! F\u00fcr die freiwillige Abgabe wurde mit Plakaten geworben, der Erfolg wird sich in Grenzen gehalten haben; redavantgarde.com.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Requisition der Getreide\u00fcbersch\u00fcsse \u00fcbernahmen bewaffnete Versorgungsarmeen, die sich aus den st\u00e4dtischen Arbeitern und Rotarmisten rekrutierten. Zu deren Unterst\u00fctzung wurden im Juni 1918 Komitees der Dorfarmut ins Leben gerufen, um Tagel\u00f6hner und arme Knechte einzubeziehen. Damit sollten der Klassenkampf ins Dorf getragen und die armen Bauern f\u00fcr den Kampf gegen die Kulaken gewonnen werden. Dieser Praxis war aber wenig Erfolg beschieden. Die Dorfgemeinschaft wies einen traditionell starken solidarischen Zusammenhalt auf und beanspruchte konfisziertes Getreide daher f\u00fcr die eigene Gemeinde.((Vgl. Hildermeier, Sowjetunion, S,145f.))<br \/>\nAuch die Versorgungsbataillone, welche die Requirierungen h\u00e4ufig gewaltsam und willk\u00fcrlich durchf\u00fchrten, konnten die Versorgungslage in den St\u00e4dten nicht verbessern. Die Bauern leisteten von Beginn an Widerstand, indem sie ihre Best\u00e4nde versteckten. Zus\u00e4tzlich waren die Organe zur Beschaffung schlecht organisiert, und eingesammeltes Getreide konnte gar nicht in die St\u00e4dte transportiert werden oder verdarb durch unfachm\u00e4nnische Lagerung. Die Beschaffungsb\u00fcrokratie selbst verschlang oder unterschlug einen Grossteil des Getreides.<br \/>\nIn dieser Phase entstand aus der Not heraus eine informelle Naturalwirtschaft. Sacktr\u00e4ger vermittelten Waren zwischen Stadt und Land und sorgten f\u00fcr die Versorgung der St\u00e4dte durch einen florierenden Schwarzmarkt. Diese Sacktr\u00e4ger stellten sch\u00e4tzungsweise 65-70% der Nahrungsmittel bereit.((Vgl. Hildermeier, Sowjetunion, S,145.))<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><\/a><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_251\" aria-describedby=\"caption-attachment-251\" style=\"width: 685px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-251\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/files\/2021\/09\/Sacktraeger-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"685\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger-350x197.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger-768x432.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger-1110x624.jpg 1110w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger-528x297.jpg 528w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Sacktraeger.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 685px) 100vw, 685px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-251\" class=\"wp-caption-text\">Sacktr\u00e4ger tauschten in den St\u00e4dten Fabrikwaren gegen Nahrungsmittel und erhielten so die Versorgung aufrecht; Russisches Staatsarchiv f\u00fcr Film- und Fotografische Dokumente, Krasnogorsk.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Unter dem Namen \u00a0<span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"prodovol\u00b4stvennaja razv\u00ebrstka; Lebensmittelverteilung\"><span style=\"color: #ff0000\"><em>Prodrazv\u00ebrstka<\/em><\/span> <\/span>(prodovol&#8217;stvennaja razv\u00ebrstka; Lebensmittelverteilung) entstand ein zentralisiertes System zur Nahrungsmittelbeschaffung und -verteilung, das sich auf Quoten und fix festgelegte Preise st\u00fctzte. Als Berechnungsgrundlage f\u00fcr die Ablieferungen dienten die Ernte- und Exportzahlen in den Vorkriegsjahren. Wie realit\u00e4tsfern die spezifischen Berechnungen ausfielen, zeigen die Zahlen der Konfiskation (Tabelle unten). Im Schnitt konnten nicht einmal 40% der veranschlagten Mengen gedeckt werden.((Vgl. Malle, The Economic Organization of War Communism, S.399f.)) Die rigide und oft von brutaler Gewalt begleitete Umsetzung der <em>Prodrazv\u00ebrstka<\/em> hatte jedoch enorme Auswirkungen auf die Bauernschaft. Um die Quoten halbwegs zu erf\u00fcllen, beschlagnahmten die Requirierungstruppen auch das Saatgut. So wurde den Bauern nicht nur die reale, sondern auch die potenzielle bzw. k\u00fcnftige Ernte abgenommen.((Vgl. Brovkin, Front Lines of the Civil War, S.301.)) Da die Industrie selbst nur f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Roten Armee produzierte, wurden die Bauern kaum entsch\u00e4digt f\u00fcr ihre Ablieferungen. Dieser ungleiche Tauschhandel f\u00fchrte unter anderem zu grossem Unmut und dazu, dass die Bauern nur noch f\u00fcr ihren eigenen Gebrauch produzieren wollten. Das angestrebte Handelsmonopol der Sowjetmacht h\u00e4tte den freien Markt unterbinden sollen; es hatte aber das Gegenteil zur Folge, und die Sacktr\u00e4ger blieben ein Garant f\u00fcr die Versorgung der Stadt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_250\" aria-describedby=\"caption-attachment-250\" style=\"width: 508px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Tab-Quoten.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-250\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/files\/2021\/09\/Tab-Quoten.png\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Tab-Quoten.png 754w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Tab-Quoten-350x294.png 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 508px) 100vw, 508px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-250\" class=\"wp-caption-text\">Die reale Ablieferungsmengen blieben weit hinter den veranschlagten Quoten zur\u00fcck; Tabelle adaptiert aus Malle, Economic Organization, S.402.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Erste Versuche mit der kollektiven Landwirtschaft<\/strong><\/h3>\n<p>Einen weiteren Versuch, Herr \u00fcber die Ern\u00e4hrungssituation zu werden, stellten die von Lenin oft propagierten neuen Arten der kollektiven Landwirtschaftsproduktion dar. Mit den <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"&lt;em&gt;Kollektivnoe Chozjajstvo&lt;\/em&gt;\"><em><span style=\"color: #ff0000\">Kolchosen<\/span><\/em><\/span> sollten Kollektivwirtschaften entstehen, die genossenschaftlich bewirtschaftet wurden \u2013 von Bauern, die sich in Kommunen zusammenschlossen. Eine Alternative stellten die staatlichen Wirtschaften, die <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"&lt;em&gt;Sovetskoe Chozjajstvo:&lt;\/em&gt; Sowjetwirtschaft - anders als der Name suggeriert, wurden diese Betriebe nicht von Sowjets, sondern von berufenen Managern gef\u00fchrt.\"><em><span style=\"color: #ff0000\">Sowchosen<\/span><\/em><\/span> dar. Weil sich die Bauern gegen eine kollektive Landwirtschaft stemmten und auch nicht in <em>Sowchosen<\/em> eintreten wollten, mussten Arbeiter aus den St\u00e4dten herangef\u00fchrt oder aus der Armee abkommandiert werden.((Vgl. Brovkin, Front Lines of the Civil War, S.304.)) Grundlegende Ziele dieser Betriebe waren vordergr\u00fcndig wirtschaftlicher Natur. Durch Abschaffung althergebrachter <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Z.B. kam nach der Agrarrevolution wieder vermehrt die Dreifelderwirtschaft auf, welche erst ein Jahrzehnt zuvor reformiert worden war\"><span style=\"color: #ff0000\">Anbaumethoden<\/span><\/span>, die Minderung des Kleinbauerntums und den Einsatz moderner Technik sollte eine Effizienzsteigerung erzielt werden. Jedoch waren auch politische Aspekte inh\u00e4rent; nebst der Koordination des Anbaus wollte die Sowjetmacht unabh\u00e4ngig von den Bauern werden und deren Status als faktische Staatsangestellte festigen. Dar\u00fcber hinaus wurde die genossenschaftliche Wirtschaft auch als \u00dcbergang zum sozialistischen Landbau betrachtet.((Vgl. Altrichter\/Haumann, Die Sowjetunion, S.64.)) Allen Anstrengungen zum Trotz blieb die Versorgungslage schwierig. Dies lag unter anderem an den schlecht ausgestatteten Betrieben und deren mangelhafter F\u00fchrung, aber auch an dem hohen betrieblichen Eigenverbrauch. Der Versuch, sich von den b\u00e4uerlichen Kleinwirtschaften zu emanzipieren bzw. diese zu vereinen, scheiterte nicht nur, sondern diese Kleinwirtschaften blieben in der Folge sogar essentiell f\u00fcr die Versorgung der Bev\u00f6lkerung.((Vgl. Lorenz, Sozialgeschichte der Sowjetunion, S.110; Vgl. Malle, The Economic Organization of War Communism, S.412.))<\/p>\n<p><em>[vc_toggle title=&#8220;<\/em>Quelle: Lenin \u00fcber die Richtlinien zur Ern\u00e4hrungsfrage 1919<em>&#8220; custom_font_container=&#8220;tag:h3|text_align:left&#8220; custom_use_theme_fonts=&#8220;yes&#8220; use_custom_heading=&#8220;true&#8220;]\u00a0<\/em><em>Es gibt ja \u00fcberhaupt wenig Nahrungsmittel im Lande. Sie reichen nicht aus, um alle satt zu bekommen. [&#8230;], wenn jeder Bauer alle Erzeugnisse abg\u00e4be, wenn jeder Bauer sich freiwillig dazu verst\u00fcnde, seinen Verbrauch etwas unter die zum Sattwerden erforderliche Menge einzuschr\u00e4nken und alles \u00fcbrige restlos dem Staat abzuliefern, und wenn wir das alles richtig verteilen &#8211; dann w\u00fcrden wir [&#8230;] ohne zu hungern, durchhalten k\u00f6nnen. <\/em><em>[&#8230;] unser Feind, das sind die Schleichh\u00e4ndler und die B\u00fcrokraten. [&#8230;] L\u00e4sst man den freien Handel zu, so schnellen die Preise in die H\u00f6he. <\/em><em>[&#8230;] Wenn wir gr\u00f6sste Strenge, gr\u00f6sste Organisiertheit walten lassen, so k\u00f6nnen wir bestenfalls, [&#8230;] durchhalten [&#8230;].<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><em> 1. Es wird best\u00e4tigt, dass die sowjetische Ern\u00e4hrungspolitik richtig ist und unbeirrbar durchgef\u00fchrt werden muss. Diese Politik besteht in folgendem:<br \/>\n<\/em><em>a) Erfassung und staatliche Verteilung nach dem Klassenprinzip;<br \/>\n<\/em><em>b) Monopol auf die wichtigsten Nahrungsmittel und<br \/>\n<\/em><em>c) \u00dcbergabe des Versorgungswesens aus privater Hand in die H\u00e4nde des Staates<br \/>\n[&#8230;]\n<\/em><em>3. Als provisorische Massnahme wird den Arbeiterorganisationen und den Genossenschaftsvereinigungen das Recht auf Beschaffung aller in Punkt 2 nicht aufgez\u00e4hlten Nahrungsmittel zugestanden.<br \/>\n<\/em><em>5. Um die Nahrungsmittelbeschaffung zu steigern und die einzelnen Aufgaben erfolgreicher durchzuf\u00fchren, wird das Prinzip der Pflichtablieferung und der Beschaffung der nichtmonopolisierten Produkte zur Anwendung gebracht [&#8230;]. <\/em><\/p>\n<p>&#8211; Lenin, W.I.: Rede in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets und des Gesamtrussischen Gewerkschaftskongresses 17. Januar 1919.<\/p>\n[\/vc_toggle]\n<p>Die Situation konnte kaum verbessert werden, und einem Teil der Sowjetf\u00fchrung d\u00e4mmerte langsam, dass ein alternativer Weg aus der Ern\u00e4hrungskrise gesucht werden musste.<br \/>\nJedoch herrschte in der Partei Uneinigkeit dar\u00fcber, welcher Weg eingeschlagen werden sollte. Gegen die \u00f6konomisch-pragmatischeren L\u00f6sungsans\u00e4tze, f\u00fcr die unter anderem Lenin und Trotzki einstanden, regte sich Widerstand aus dem linkskommunistischen Lager. Obwohl zu Beginn des Jahres 1920 der Sieg \u00fcber die Weissen praktisch feststand und der aus der Not entstandene Kurs des \u00abKriegskommunismus\u00bb obsolet erschien, bestanden Teile der F\u00fchrung darauf, diesen Kurs beizubehalten. Als Argumentationsgrundlage diente fortan der direkte Aufbau des Sozialismus, der sich auf \u00abkriegsm\u00e4ssige\u00bb Methoden und Organisationsformen st\u00fctze.((Vgl. Merl, Sowjetmacht und Bauern, S.29; Vgl. Altrichter\/Haumann, Sowjetunion, S.67f.))<br \/>\nDer Widerstand der Bauern versch\u00e4rfte sich im Zuge dieser Politik und m\u00fcndete in fl\u00e4chendeckenden Aufst\u00e4nden gegen die Sowjetmacht. Damit trat der B\u00fcrgerkrieg 1920 in eine weitere Phase, in der sich der Terror gegen die Bauern und die gesellschaftlichen Entbehrungen noch versch\u00e4rften und im Winter 1920\/21 &#8211; beg\u00fcnstigt durch eine Missernte &#8211; zu einer Hungersnot f\u00fchren sollten.<br \/>\nErst im Angesicht der Hungerkatastrophe, der anhaltenden Bauernaufst\u00e4nde und der aufflammenden Arbeiterstreiks in den St\u00e4dten erkannten die Bolschewiki die Gef\u00e4hrdung ihrer Macht und beschlossen eine Abkehr vom kriegskommunistischen Kurs. Mit der Einf\u00fchrung der <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/neue-oekonomische-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Naturalsteuer im Sinne der Neuen \u00d6konomischen Politik (NEP)<\/a><\/span><\/strong> im M\u00e4rz 1921 fand der Kriegskommunismus ein Ende.((Vgl. Hildermeier, Sowjetunion, S. 155f.))<\/p>\n<h3><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n<p>Die Entstehung des Kriegskommunismus im Jahre 1918 wurde in erster Linie mit der Bek\u00e4mpfung der vorherrschenden Not begr\u00fcndet. Als der Sieg im B\u00fcrgerkrieg absehbar war, wurde dieser Kurs beibehalten. Als Rechtfertigung diente nun aber das Ziel, den \u00dcbergang zur sozialistischen Gesellschaft zu bewerkstelligen. Dadurch entflammte der Widerstand der Bauern vollends. Die Folge war eine Versch\u00e4rfung des B\u00fcrgerkriegs sowie eine Verschlechterung der ohnehin schon katastrophalen Versorgungslage. Im Angesicht des drohenden Verlustes ihrer Macht besann sich auch die Sowjetf\u00fchrung und schwenkte ab M\u00e4rz 1921 wirtschaftspolitisch auf einen moderateren Weg ein, welcher das Ende des Kriegskommunismus bedeutete.<\/p>\n<p>Zentrale Elemente des Kriegskommunismus waren:<br \/>\n&#8211; Einf\u00fchrung der Naturalwirtschaft &#8211; gepr\u00e4gt von ungleichem Tauschhandel<br \/>\n&#8211; Zerschlagung des freien Marktes &#8211; Einf\u00fchrung des staatlichen Versorgungsmonopols<br \/>\n&#8211; Zwangsrequirierungen &#8211; begleitet von Terror und Willk\u00fcr<br \/>\n&#8211; Kollektivierungsversuche in der Landwirtschaft &#8211; <em>Sowchosen<\/em> und <em>Kolchosen<\/em> sollten die Landwirtschaft sozialisieren<br \/>\n&#8211; Zentralisierung und Koordinierung der Betriebe &#8211; die Produktion wurde komplett den Bed\u00fcrfnissen der Roten Armee untergeordnet.<\/p>\n<p>Die angestrebte Revolution auf dem Lande blieb \u00fcberwiegend erfolglos. Obwohl die Bauern die Umverteilung des Bodens begr\u00fcssten und der Klassenkampf durch die Komitees der Dorfarmut in die b\u00e4uerliche Gesellschaft hineingetragen werden sollte, fand die Sowjetmacht wenig Unterst\u00fctzung ausserhalb der St\u00e4dte. Der zunehmende Terror gegen\u00fcber den Bauern hatte viel eher gegenteilige Auswirkungen und verunm\u00f6glichte beinahe komplett die Sozialisierung der Landwirtschaft.<br \/>\nIm Endeffekt konnten sich die Bauern, unterst\u00fctzt von den Streiks und Aufst\u00e4nden in den St\u00e4dten, zumindest vorl\u00e4ufig gegen die Kommunisten behaupten. Doch mit <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/machtkampf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stalins Aufstieg zur Alleinherrschaft<\/a><\/span><\/strong>, sollten viele Aspekte des Kriegskommunismus wieder Realti\u00e4t und jeglicher Widerstand gebrochen werden.<\/p>\n<h3>von Florian Wiedemann<\/h3>\n<p>Titelbild: Propagandaplakat &#8222;Roter Pfl\u00fcger&#8220; von 1920; redavantgarde.com<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p>Altrichter, Helmut\/ Haumann, Heiko (Hg.): Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod Band 2: Wirtschaft und Gesellschaft, M\u00fcnchen 1987.<\/p>\n<p>Brovkin, Vladimir N.: Behind the Front Lines of the Civil War. Political Parties and Social Movements in Russia, 1918-1922, New Jersey 1994.<\/p>\n<p>Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. M\u00fcnchen 1998.<\/p>\n<p>Lenin, W.I.: Rede in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets und des Gesamtrussischen Gewerkschaftskongresses 17. Januar 1919, in: Institut f\u00fcr Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU (Hg.): Lenin Werke Band 28, S.400-415, Berlin 1959.<\/p>\n<p>Lorenz, Richard: Sozialgeschichte der Sowjetunion, 2 Bde., Bd. 1: 1917 &#8211; 1945, Frankfurt am Main 1978.<\/p>\n<p>Malle, Silvana: The Economic Organization of War Communism 1918-1922, Cambridge 1985 (Soviet and East European Studies).<\/p>\n<p>Merl, Stefan: Sowjetmacht und Bauern. Dokumente zur Agrarpolitik und zur Entwicklung der Landwirtschaft w\u00e4hrend des &#8222;Kriegskommunismus&#8220; und der Neuen \u00d6konomischen Politik, Berlin 1993 (Osteuropastudien der Hochschule des Landes Hessen. Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europ\u00e4ischen Ostens 191).<\/p>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Macht\u00fcbernahme der Bolschewiki am 7. 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