{"id":354,"date":"2021-09-07T13:26:00","date_gmt":"2021-09-07T13:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?p=354"},"modified":"2022-02-10T14:30:10","modified_gmt":"2022-02-10T14:30:10","slug":"archipel-gulag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/archipel-gulag\/","title":{"rendered":"Der Archipel Gulag \u2013 Stalins Inseln der Verdammnis"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p><em>Das Akronym <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Glavnoe Upravlenie Lagerej; Hauptverwaltung der Lager, ferner auch Hauptverwaltung der Besserungs-Arbeitslager und -kolonien\"><span style=\"color: #ff0000\">GULag<\/span><\/span> ist eng mit der Geschichte der Sowjetunion und noch mehr mit der Person Stalins verbunden. Unter dem Begriff ist die Hauptverwaltung der Lager gemeint, eine Institution, die f\u00fcr das Netz von Straf- und Arbeitslagern verantwortlich war, das sich wie eine grosse Inselgruppe \u00fcber die gesamte Sowjetunion erstreckte. Im deutschen Sprachraum wird Gulag f\u00e4lschlicherweise sehr h\u00e4ufig als Synonym f\u00fcr ein sowjetisches Gefangenenlager verwendet. Das System wurde in den 30er-Jahren mit dem aufkommenden Grossen Terror zu einem zentralen Aspekt stalinistischer Repression und erlangte mit <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Der ehemalige politische Gefangene schrieb in mehreren Werken \u00fcber seine Lagererfahrungen. Einige seiner Berichte erfuhren w\u00e4hrend der Tauwetter-Periode sogar eine kurzzeitige Ver\u00f6ffentlichung in der Sowjetunion. 1970 erhielt er den Nobelpreis f\u00fcr Literatur und wurde nach einer erneuten Verhaftung 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen. Er lebte unter anderem in den USA und in der Schweiz.\"><span style=\"color: #ff0000\">Alexander Solschenizyns<\/span><\/span> Werk \u00abDer Archipel Gulag\u00bb weltweite Bekanntheit.<\/em><\/p>\n<h3><strong>Die Entstehung der Lager<\/strong><\/h3>\n<p>Bereits unter den Zaren entstand ein Verbannungssystem f\u00fcr verurteilte Straft\u00e4ter und Revolution\u00e4re, wobei je nach Schwere der Tat entweder eine reine Verbannung oder zus\u00e4tzliche Zwangsarbeit (<em>katorga<\/em>) angeordnet wurde. Revolution\u00e4r-politische T\u00e4tigkeiten wurden von der zarischen Geheimpolizei verfolgt und in der Regel nur mit Verschickung bestraft.<br \/>\nPraktisch alle f\u00fchrenden Mitglieder der Bolschewiki verbrachten aufgrund ihrer revolution\u00e4ren T\u00e4tigkeit einige Jahren in der sibirischen Verbannung und hielten regen Kontakt miteinander.((Vgl. Applebaum, Der Gulag, S. 26-30.)) Auch der <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/17\/junge_stalin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">junge Stalin<\/a><\/span><\/strong> wurde mehrfach nach Sibirien verschickt, nur um wieder zu fliehen. Seine erfolgreichen Fluchtversuche waren den relativ laxen \u00dcberwachungsmechanismen geschuldet. Wer das n\u00f6tige Kleingeld f\u00fcr die R\u00fcckreise aufbringen konnte, dem Stand nichts mehr im Wege. Solche Erfahrungen sollten sich im stalinistischen Verbannungssystem nicht mehr wiederholen.<br \/>\nMit der Machtergreifung 1917 \u00fcbernahmen die Bolschewiki unter anderem auch das zarische Arbeitslager f\u00fcr politische Gefangene auf den Solowjezki-Inseln n\u00f6rdlich von St. Petersburg . Neben Sympathisanten der Monarchie geh\u00f6rten dann seit dem <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/buergerkrieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Russischen B\u00fcrgerkrieges<\/a><\/span><\/strong> auch Deserteure und Kriegsgefangene zu den politischen Gefangenen der Bolschewiki \u2013 sofern sie nicht vor Ort hingerichtet wurden. Bis 1921 entstanden 48 Lager, die teilweise provisorisch in enteigneten Kl\u00f6stern errichtet wurden und der Kontrolle des Geheimdienstes unterstanden.((Vgl. Applebaum, Der Gulag, S.10.))<\/p>\n<figure id=\"attachment_574\" aria-describedby=\"caption-attachment-574\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/gulagmap.ru\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-574 size-full\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/h3lkyd83.gif\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"460\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-574\" class=\"wp-caption-text\">Entstehung des Lagersystems 1928-1958, interaktive Karte: https:\/\/gulagmap.ru.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Das Lagersystem<\/strong><\/h3>\n<p>Obwohl die Bolschewiki sich grunds\u00e4tzlich dagegen aussprachen, Menschen im Sozialismus zu verbannen, blieb das Repressionsmittel der Verbannung bestehen und wurden sogar noch systematisiert. Nichtsdestotrotz ver\u00e4nderte sich aber der ideologische Hintergrund. In den Lagern sollte eine \u201eUmerziehung\u201c stattfinden, der die \u201eWiedereingliederung\u201c als sozialistischer B\u00fcrger in die Gesellschaft folgte. K\u00f6rperliche Arbeit diente dabei als Mittel der Erziehung und sollte eine Besserung hervorrufen.((Vgl. Putz, Die Herren des Lagers, S. 341f.)) Dabei hatte das Vergehen grossen Einfluss auf das Strafmass. Politische Gefangene erhielten viel l\u00e4ngere Haftzeiten als Schwerverbrecher und waren den Grausamkeiten, die von den W\u00e4rtern und den kriminellen Insassen ausgingen, schutzlos ausgeliefert.((Vgl. Ackeret, Welt der Katorga S.7-9.))<br \/>\nMit dem aufkommenden Stalinismus und der <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">forcierten Industrialisierung<\/a><\/span><\/strong> wurde der p\u00e4dagogische Ansatz zweitrangig. Fortan griff die Zentralverwaltung auf politische Gefangene zur\u00fcck, um den Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften zu decken. Vor allem in den unwirtlichen Gegenden Sibiriens mussten diese Zwangsarbeiter unter harschen Bedingungen schuften. Um die utopischen Arbeitsquoten zu erf\u00fcllen, wurden die Arbeitstage sukzessiv verl\u00e4ngert und die Essensration an die Arbeitsleistung gekoppelt. Die Gefangenen errichteten Kan\u00e4le, Eisenbahnstrecken, Fabriken, R\u00fcstungsanlagen und wurden in Bergwerken (Gold, Uran und weitere Bodensch\u00e4tze) eingesetzt.((Vgl. Ackeret, Welt der Katorga S.29-31.))<br \/>\nAb 1934 wurde die Lagerverwaltung unter ihrem Namen Gulag dem sowjetischen Innenministerium <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Volkskommissariat f\u00fcr innere Angelegenheiten, dem auch der Geheimdienst angeh\u00f6rte. NKWD wird h\u00e4ufig als Synonym f\u00fcr den Geheimdienst verwendet.\"><span style=\"color: #ff0000\">NKWD<\/span> <\/span> unterstellt. Davon ausgenommen war das Gebiet um den Fluss Kolyma im Osten Sibiriens, das f\u00fcr seine Goldadern und den Permafrost bekannt war.((Vgl. Applebaum, Der Gulag, S.121.)) Dieses Gebiet wurde durch den staatlichen Industriekomplex <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Bauhauptverwaltung f\u00fcr den Fernen Osten.\"><span style=\"color: #ff0000\">Dalstroj<\/span><\/span> verwaltet und unterstand der direkten Kontrolle des Geheimdienstes.((Vgl. Sigatschow, Bauhauptverwaltung f\u00fcr den Fernen Osten, 2021.)) Die Lager in Kolyma galten als die schlimmsten, und die Lebenserwartung war hier besonders tief. Stettner geht f\u00fcr diese Region von einer durchschnittlichen Mortalit\u00e4tsrate von j\u00e4hrlich 30% aus.((Vgl. Stettner, Archipel GULag, S.223.)) \u00dcber das Leben in diesen Lagern berichtet <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/warlam-schalamow-kolyma-terror\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Warlam Schalamow<\/a><\/span><\/strong>\u00a0 in seinem mehrb\u00e4ndigen Meisterwerk \u00abErz\u00e4hlungen aus Kolyma\u00bb.<\/p>\n[vc_row][vc_column][vc_video link=&#8220;https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oo1WouI38rQ&#8220; title=&#8220;Kolyma &#8211; Heimat unserer Angst&#8220;][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]\n<p>Im Zuge des <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/schauprozesse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grossen Terrors<\/a><\/span><\/strong> in den 30er-Jahren wurden die Lager immer mehr mit politischen Gefangenen gef\u00fcllt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der sowjetischen Besetzung Polens, des Baltikums und der Westukraine im Sinne des <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/tschechoslowakei\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hitler-Stalin-Pakts<\/a><\/span><\/strong> kamen auch Personen aus diesen Gebieten in die sowjetischen Lager. Hinsichtlich dieser Gefangenen, die nicht aus sozialistischen L\u00e4ndern kamen, hatte die Ideologie der \u00abUmerziehung\u00bb wieder gr\u00f6ssere Bedeutung. Diesen H\u00e4ftlingen sollte eine neue, sowjetische Identit\u00e4t aufgezwungen werden.((Vgl. Applebaum, Der Gulag, S.461-464.)) Nach Hitlers \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 kamen deutsche Kriegsgefangene hinzu und \u00fcberf\u00fcllten die Lager oder mussten zus\u00e4tzliche Lager selbst errichten.<br \/>\nDer H\u00f6chststand an Lagerinsassen wurde daher zu Beginn der 50er-Jahre erreicht. \u00dcber die Anzahl der Gefangenen herrscht in der Forschung nach wie vor Uneinigkeit; die Angaben reichen von 1.1 bis zu 6.7 Mio.((Vgl. Delavy, Geschichte der Krimtataren, S. 26f.)) Ebenfalls schwanken die Angaben zu den Mortalit\u00e4tsraten in der Forschung stark. Sie m\u00fcssen auch nach Lagerregion und Arbeitsumfeld unterschieden werden. In den nordsibirischen Lagern und unter den Minenarbeitern wird die Mortalit\u00e4t am h\u00f6chsten gewesen sein. Die Lagerinsassen erlitten unertr\u00e4gliches psychisches und physisches Leid, das die \u00dcberlebenden f\u00fcr den Rest ihres Lebens pr\u00e4gte.<\/p>\n[vc_row][vc_column][vc_toggle title=&#8220;<strong>Ausz\u00fcge aus J<\/strong><strong>ewgenija Ginsburgs \u00abGratwanderung\u00bb.<\/strong>&#8220; custom_font_container=&#8220;tag:h3|text_align:left&#8220; custom_use_theme_fonts=&#8220;yes&#8220; use_custom_heading=&#8220;true&#8220;]\n<p>Jewgenija Ginsburg war Mitglied der KPdSU und wurde w\u00e4hrend des Grossen Terrors 1937 als angebliche Trotzkistin verurteilt. Sie verbrachte 18 Jahre in Gefangenschaft. In \u00abGratwanderung\u00bb legte sie ein eindringliches Zeugnis ab \u00fcber die Schrecken und Entbehrungen, aber auch \u00fcber Momente des Gl\u00fccks und der Menschlichkeit in den Lagern.<\/p>\n<p><em>Das Schrecklichste ist, wenn das B\u00f6se zum Gewohnten, zur Allt\u00e4glichkeit wird. Wir hatten uns schon an diese, mit Verlaub gesagt, Lebensform gew\u00f6hnt, und wir sprachen \u00fcber die Dinge, die unser Leben bestimmten, wie \u00fcber etwas Normales. Die Bilder unseres fr\u00fcheren Lebens glitten immer weiter in die Vergangenheit zur\u00fcck, [\u2026]. Das ist so lange her, dass es nicht mehr wahr ist!\u00bb S.41f.<\/em><\/p>\n<p><em>Unsere Baracke Nummer sieben war f\u00fcr den dritten Stand bestimmt. Nicht f\u00fcr die Privilegierten, aber auch nicht f\u00fcr die \u00abArbeitssklaven\u00bb [\u2026]. Hier lebten jene, die sich bereits auf eine bestimmte T\u00e4tigkeit spezialisiert hatten und daher im Lager gesch\u00e4tzt wurden. Es ist sch\u00f6n in der Baracke! Aber unser gem\u00fctliches Heim steht auf dem Gipfel eines schlafenden Vulkans. Denn es gibt die URTsch, die Erfassungs- und Verteilungsstelle, die Hauptexekutive unseres wunderlichen Staates. Jeden Moment kann die Barackent\u00fcr aufgehen, kann ein Arbeitsleiter mit langen Papierstreifen in der Hand hereinkommen. Das sind die Listen f\u00fcr die Transporte. [\u2026] Und alle werden zu Statuen erstarrt auf ihren Pritschen sitzen, und die, die ihre Namen h\u00f6ren, werden leise aufst\u00f6hnen und sich zusammenkr\u00fcmmen, als habe eine Kugel sie getroffen. Viele sind der Ansicht, dass der Schock, den man beim Aufruf zum Abtransport in ein anderes Lager erleidet, ebensogross sein wie der bei der ersten Verhaftung. Vielleicht sogar gr\u00f6sser. Denn damals habe es noch Hoffnung auf einen Fehler, auf ein Missverst\u00e4ndnis gegeben. Hier aber war kein Missverst\u00e4ndnis m\u00f6glich, [\u2026]. S.43f.<\/em><\/p>\n<p><em>Oberst Garanin, Ende der dreissiger Jahre Statthalter Stalins im k\u00e4ltestarren Gebiet von Kolyma, war der Beherrscher aller Bewohner des Landstrichs. Er setzte seine ganze Kraft daf\u00fcr ein, dass die Produktionspl\u00e4ne erf\u00fcllt wurden. Die Goldgewinnung zum Beispiel war ihm ein solches Herzensanliegen, dass er seinen gerechten Zorn nicht zu unterdr\u00fccken vermochte, wenn er sah, dass so ein Volksfeind ohne rechten Schwung einen Karren zog, weil er angeblich krank oder vor Hunger zu schwach war. Da zog Oberst Garanin, von Natur hitzig und aufbrausend, nicht selten seine Pistole und streckte den Simulanten mit einem Schuss nieder, vor Ort, direkt am Arbeitsplatz. [\u2026]\nDamit wurde eins klar: Solche Machtmissbrauch treibenden, leicht erregbaren und temperamentvollen Obersten, die der Stalinschen Justiz halfen, mit den ungeheuren Massen von Diversanten fertigzuwerden, waren keine Ausnahme, sondern Bestandteil eines wohldurchdachten Gesamtplans. S.44-46<\/em><\/p>\n<p><em>In diesen hektischen Tagen und N\u00e4chten [nach Hitlers \u00dcberfall auf die Sowjetunion] galt der Neid aller besonders Mascha Mironowitsch. Ihre f\u00fcnf Jahre gingen gerade in diesen Tagen zu Ende. [\u2026] Man hatte Mascha in die URTsch gerufen und sie unterschreiben lassen, dass sie damit einverstanden war, bis Kriegsende im Lager zu bleiben. Mascha war die Nummer eins einer neuen Kaste im Lager, der sogenannten \u00dcberf\u00e4lligen. Im Lauf der folgenden sechs Jahre wurde ihre Zahl immer gr\u00f6sser. Zuerst wurden die Strafen \u00abbis zum Kriegsende\u00bb verl\u00e4ngert, dann einfach \u00abbis zur besonderen Anordnung\u00bb. S.50<\/em><\/p>\n<p><em>\u00abVolksfeinde\u00bb geh\u00f6rten nicht zum Volk, man versch\u00e4rfte im Gegenteil w\u00e4hrend des Krieges die Bedingungen in den Haftanstalten. F\u00fcr uns gab es aufgrund unserer Paragraphen nur noch schwere Aussenarbeiten unter Bewachung. [\u2026] In den N\u00e4chten &#8211; eine Durchsuchung nach der anderen. [\u2026] Wir stellten uns in Reih und Glied vor den Pritschen auf, und die Wachmannschaften und die Kriminellen, die als Aufseher fungieren, st\u00fcrzten sich auf unsere Pritschen. S.52<\/em><\/p>\n<p><em>Der Herbst nahte und damit die Jahreszeit des B\u00e4umef\u00e4llens. Vor dem Krieg hatte bei der Auswahl f\u00fcr diese schwere Arbeit der Lagerarzt noch eine gewisse Rolle gespielt, so dass manchmal die Schw\u00e4chsten verschont blieben. Nun aber wurden alle mitgenommen, \u00abaufgrund ihrer Paragraphen\u00bb. Mich verschlug es diesmal in das entlegene Taiga-Lager \u00abSudar\u00bb. Es hiess, dass dort kein Brennholz gef\u00e4llt werde, sondern Bauholz. Man erz\u00e4hlte sich, dass bei den Frauen, die fr\u00fcher dort gearbeitet hatten, durch das Heben \u00fcberschwerer Lasten die Geb\u00e4rmuttersenkung zu einer so allt\u00e4glichen Erkrankung geworden sei wie eine leichte Grippe. S.57<\/em><\/p>\n<p><em>Neunundvierzig Grad unter Null, das ist das Schlimmste was es gibt. Denn erst ab f\u00fcnfzig wird die offizielle Humanit\u00e4t der Sanit\u00e4tsabteilung wirksam. F\u00fcnfzig Grad Frost, das bedeutet, dass nicht im Wald gearbeitet werden muss. [\u2026] \u00abAber schauen Sie doch! Ganz deutlich zu sehen: f\u00fcnfzig Grad\u00bb, sage ich [\u2026 daraufhin antwortet der Wachmann:] \u00abGanz genau neunundvierzig!\u00bb.<br \/>\nNovember. Dezember. Januar. Februar\u2026 Tagt\u00e4glich beginnt das Leben mit derselben Diskussion: neunundvierzig oder f\u00fcnfzig? Und die Brotrationen werden immer kleiner. Selbst in der ersten Kategorie, wo die h\u00f6chste Norm beim Holzf\u00e4llen erreicht werden muss, gibt es nur vierhundert Gramm. Wer kann sie schon erreichen diese erste Kategorie? Wir halten uns ja kaum noch auf den Beinen.<br \/>\nFrost und Hunger. Hunger und Frost. Es war wohl der schw\u00e4rzeste, t\u00f6dlichste und unheilvollste Winter meiner ganzen Zeit im Lager. S.58f.<\/em><\/p>\n<p><em>Zu Beginn des Fr\u00fchjahrs, als nach Sowchos-Plan die Holzf\u00e4llerarbeiten endeten, erhielten wir den Befehl zur R\u00fcckkehr in die Zentralzone Elgen. [\u2026] Dort sollte eine Sortierung der Arbeitskr\u00e4fte erfolgen und festgestellt werden, wer inzwischen gestorben oder invalide war. [\u2026] Und nun stellte sich v\u00f6llig unerwartet heraus, dass die H\u00e4ftlinge von Sudar an der Spitze aller Waldarbeiter lagen. Wir waren nichts Geringeres <\/em><em>als die Progressivsten von allen. Diesen unerwarteten Ruhm verdankten wir der Tatsache, dass wir den R\u00fcckmarsch aus eigener Kraft bew\u00e4ltigt hatten. Als wir in die Zone zur\u00fcckkamen, hatten wir zweiunddreissig Kilometer zu Fuss durch die Taiga zur\u00fcckgelegt. Und das ohne Ausf\u00e4lle, das heisst, ohne Todesf\u00e4lle auf der Strecke. [\u2026]\nMan musste sie [Holzf\u00e4ller aus anderen Kolonien, die sich auf den R\u00fcckweg machten] f\u00f6rmlich aus den W\u00e4ldern hinausschleifen und \u00fcberdies unterwegs noch die verscharren, die sich nicht einmal mehr schleppen liessen. \u00dcber jeden Verscharrten musste auch noch ein Protokoll angefertigt werden. Man konnte sie nicht einfach so liegenlassen. Schliesslich handelte es sich hier um Staatseigentum, f\u00fcr das man verantwortlich war. S.73f.<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Ginsburg, Jewgenija: Gratwanderung. M\u00fcnchen, Z\u00fcrich 1984.<\/p>\n[\/vc_toggle][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]\n<h3><strong>Die Lager nach Stalins Tod und Aufarbeitung der Geschehnisse<\/strong><\/h3>\n<p>Mit dem Tod Stalins im M\u00e4rz 1953 und Chruschtschows <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/erinnerungskultur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entstalinisierungskampagne\u00a0<\/a> <\/span><\/strong>endete die \u00c4ra des Terrors und des stalinistischen Schreckenssystems, das auf Ausbeutung und Sklaverei beruhte und Menschen als Material betrachtete.<br \/>\nIn einer breit angelegten Amnestiewelle erhielten politische H\u00e4ftlinge ihre Freiheit zur\u00fcck, dies hatte aber auch \u00f6konomische Gr\u00fcnde. Obwohl viele Lager geschlossen wurden, blieben sie ein repressives Instrument des Parteiapparates bis in die 80er-Jahre.((Vgl. Stettner, Archipel GULag, S.358 \u2013 362.)) Zwang und Gewalt richteten sich in der Folge aber gezielter gegen Personen, die sich aktiv gegen das Regime wandten. Pauschale Verurteilungen, wie sie in der Zeit des Grossen Terrors \u00fcblich waren und jeden einzelnen treffen konnten, gab es nicht mehr.((Vgl. Emeliantseva et al., Einf\u00fchrung, S. 153.)) Dementsprechend hatten nun jene, die sich mit dem System arrangierten, wenig zu bef\u00fcrchten.<strong><br \/>\n<\/strong>Die Erlebnisse der Lagerhaft brannten sich aber in das kollektive Ged\u00e4chtnis der Sowjetb\u00fcrger ein. Mit der Amnestie f\u00fcr politische H\u00e4ftlinge ging eine kurzzeitige Aufarbeitung der Geschehnisse einher. Diese fand aber vorwiegend in der Zivilgesellschaft statt, wobei die Publikation von Lagererlebnissen schon bald wieder unterbunden wurde und fortan im <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"\u201eSelbstverlag\u201c. Nicht zur Ver\u00f6ffentlichung freigegebene Werke wurden im Geheimen selbst verlegt und unter die Menschen gebracht.\"><span style=\"color: #ff0000\">Samizdat<\/span><\/span> oder im <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"\u201eDortverlag\u201c. Werke, die in der Sowjetunion nicht publiziert werden durften, gelangten auf verborgenen Wegen nach Westeuropa, wo sie ver\u00f6ffentlicht und zur\u00fcck geschmuggelt wurden.\"><span style=\"color: #ff0000\">Tamizdat<\/span><\/span> erfolgte. Dies machte die Autoren, die einstigen politischen Gefangenen, wiederum zu Dissidenten, die sich erneuten Repressionen ausgesetzt sahen. Eine gross angelegte staatliche Rehabilitierung der Gefangenen und die wirkliche Aufbereitung der Geschehnisse sollten dann auch erst in den sp\u00e4ten 80er-Jahren erfolgen.<br \/>\nHeute wird in Russland die geschichtliche Aufarbeitung als ein <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/erinnerungskultur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">staatliches Monopol<\/a><\/span><\/strong> angesehen, zivilgesellschaftliche Bestrebungen werden behindert. Dies hat zur Folge, dass das Lagersystem teilweise in einem besseren Licht dargestellt und die menschliche Trag\u00f6die dahinter verschleiert werden.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column][vc_message message_box_style=&#8220;solid-icon&#8220; message_box_color=&#8220;grey&#8220; icon_type=&#8220;openiconic&#8220; icon_openiconic=&#8220;vc-oi vc-oi-book&#8220;]<strong>Literaturtipp:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000\">Schalamow, Warlam: Mehrb\u00e4ndige \u00abErz\u00e4hlungen aus Kolyma\u00bb. Berlin 2011.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000\">Solschenizyn, Alexander: Ein Tag des Iwan Denissowitsch. Hamburg 2012.<br \/>\n\u00dcbersichtskarte von Memorial: <a style=\"color: #000000\" href=\"http:\/\/www.gulag.memorial.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.gulag.memorial.de<\/a><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">[\/vc_message][\/vc_column][\/vc_row][vc_column][\/vc_column]<\/span><\/p>\n<h3>von Daryl Kuster<\/h3>\n<p>\u00dcberarbeitung: Florian Wiedemann<br \/>\nTitelbild: dw.com<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><\/p>\n<p>Ackeret, Markus: In der Welt der Katorga. Die Zwangsarbeitsstrafe f\u00fcr politische Delinquenten im ausgehenden Zarenreich (Ostsibirien und Sachalin), Historische Abteilung Institut M\u00fcnchen, Mitteilungen Nr. 56, M\u00fcnchen 2007.<\/p>\n<p>Applebaum, Anne: Der Gulag. Berlin 2003.<\/p>\n<p>Delavy, Nicole: Die Geschichte der Krimtataren bis 1996. Ihre Deportation, ihr Kampf und ihre R\u00fcckkehr (lic.), Bibliothek f\u00fcr Osteurop\u00e4ische Geschichte der Universit\u00e4t Z\u00fcrich 1998.<\/p>\n<p>Emeliantseva, Ekaterina \/ Malz, Ari\u00e9 \/ Ursprung, Daniel. Einf\u00fchrung in die Osteurop\u00e4ische Geschichte. Z\u00fcrich 2008.<\/p>\n<p>Ginsburg, Jewgenija: Gratwanderung. M\u00fcnchen, Z\u00fcrich 1984.<\/p>\n<p>Putz, Manuela: Die Herren des Lagers, Berufsverbrecher im Gulag, in: Osteurop\u00e4ische Studien, 57. Jg H.6, Berlin 2007, S. 341 \u2013 351.<\/p>\n<p>Stettner, Ralf: Archipe GULag. Stalins Zwangslager \u2013 Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928 \u2013 1956, Paderborn 1996.<\/p>\n<p>Sigatschow, Sergei: Bauhauptverwaltung f\u00fcr den Fernen Osten. In: &lt;<a href=\"http:\/\/www.gulag.memorial.de\/lager.php?lag=486\">http:\/\/www.gulag.memorial.de\/lager.php?lag=486<\/a>&gt; [Stand: 10.12.2021].<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Akronym GULag ist eng mit der Geschichte der Sowjetunion und noch mehr mit der Person Stalins verbunden. Unter dem Begriff ist die Hauptverwaltung der Lager gemeint, eine Institution, die f\u00fcr das Netz von Straf- und Arbeitslagern verantwortlich war, das sich wie eine grosse Inselgruppe \u00fcber die gesamte Sowjetunion erstreckte.<\/p>\n","protected":false},"author":484,"featured_media":578,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,27,25],"tags":[],"class_list":{"0":"post-354","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesellschaft","8":"category-politik","9":"category-stalinismus","10":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/354","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/users\/484"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=354"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/354\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":379,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/354\/revisions\/379"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media\/578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}