{"id":352,"date":"2021-09-07T13:25:31","date_gmt":"2021-09-07T13:25:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?p=352"},"modified":"2022-01-31T14:57:03","modified_gmt":"2022-01-31T14:57:03","slug":"schauprozesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/schauprozesse\/","title":{"rendered":"Der Grosse Terror &#8211; Stalins S\u00e4uberung der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p><em>Als ein grundlegender Aspekt des Stalinismus, gilt der Terror gegen die eigene Bev\u00f6lkerung. Schon w\u00e4hrend des <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/buergerkrieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Russischen B\u00fcrgerkriegs<\/a><\/span><\/strong> wurde Terror von Lenin zu einem profanen politischen Mittel erkl\u00e4rt, um den Willen der bolschewikischen F\u00fchrungsriege der Bev\u00f6lkerung aufzudr\u00e4ngen und politische Gegner auszuschalten. Unter Stalin erfuhr dann der Terror und die damit verbundene Repression eine tiefgreifende Systematisierung und trat phasenweise in Erscheinung. Verhaftungswellen, Folterungen und Verurteilungen arteten besonders in den 30er-Jahren aus und machten vor niemandem mehr Halt. Jeder erwartete, in der Nacht abgeholt zu werden, um in der Finsternis der Verh\u00f6rkellern der Geheimpolizei zu verschwinden. Angst und Denunziantentum zerr\u00fctteten das Vertrauen gegen\u00fcber den Mitmenschen.<\/em><\/p>\n<h3><strong>Die Anf\u00e4nge des Terrors<\/strong><\/h3>\n<p>Obwohl der Terror in der Sowjetunion bereits ein altbew\u00e4hrtes Mittel war, fand es im stalinistischen Terror der 30er Jahren ihren H\u00f6hepunkt. Als eine Art Initialz\u00fcndung f\u00fcr den grossen Terror galt der Mord am Leningrader Parteichef Sergei Kirow am 1. Dezember 1934. Die Hintergr\u00fcnde der Ermordung wurden nie umfassend gekl\u00e4rt, doch die Tatsache, dass Kirow in der Bev\u00f6lkerung popul\u00e4r war, machte ihn zu einem potenziellen Rivalen f\u00fcr Stalin. Inwieweit dieser involviert war, ist unklar. Fest steht, dass das Attentat auf einen f\u00fchrenden Bolschewiken Stalin eine gute Gelegenheit bot, zu einem Schlag gegen seine alten Weggef\u00e4hrten und F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten der sozialistischen Revolution anzusetzen. Verst\u00e4rkend kam Stalins tiefwurzelndes Misstrauen hinzu, das sich schon in <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/17\/junge_stalin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">jungen Jahren als Revolution\u00e4r<\/a><\/span><\/strong> bildete. \u00dcberall sah er Feinde, \u00fcberall witterte er verrat. Diese Paranoia sollte schliesslich ein ganzes Volk fesseln.<br \/>\nZu Beginn wurde eine gezielte \u00abDiffamierungskampagne\u00bb gegen die alte sozialistische Garde gestartet, der sogleich der Parteiausschluss und sp\u00e4ter die ersten Massenverhaftungen folgten. Die Partei wurde sukzessiv von vermeintlichen Verschw\u00f6rern: Konterrevolution\u00e4re, <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Urspr\u00fcnglich eine Bezeichnung f\u00fcr die linke Opposition innerhalb der Bolschewiki, die Trotzki nahe stand. Sp\u00e4ter wurde der Begriff auf all jene ausgeweitet, die sich, wenn auch nur einmalig, in irgendeiner Form f\u00fcr Trotzki aussprachen.\"><span style=\"color: #ff0000\">Trotzkisten<\/span> <\/span>oder ausl\u00e4ndische Agenten, ges\u00e4ubert.<br \/>\nVor allem der Trotzkismus zog Stalins starke Verachtung auf sich und erinnerte ihn an <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/machtkampf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den Machtkampf mit Trotzki<\/a><\/span><\/strong>, aus dem er schlussendlich als Sieger hervor ging. Trotz Stalins Aversion blieb der Trotzkismus bisweilen ein internes Parteiverbrechen, dessen Ahndung nat\u00fcrlich keine rechtliche Grundlage hatte. Um den gesetzlichen Rahmen zu umgehen, erhielt bereits im Fr\u00fchjahr 1934 die Geheimpolizei das Recht, als \u00absozial gef\u00e4hrlich\u00bb verd\u00e4chtigte Personen zu verhaften und aussergerichtlich zu <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/archipel-gulag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lagerhaft (Gulag)<\/a><\/span><\/strong> zu verurteilen. Gleich nach Kirows Ermordung, erweiterte das Politb\u00fcro die geheimdienstlichen Kompetenzen im sogenannten Kirow-Gesetz. Fortan konnten Personen, die des Terrorismus (gleichbedeutend mit Trotzkismus) beschuldigt wurden, in verk\u00fcrzten Verfahren und ohne Recht auf Berufung erschossen werden.((Vgl. Getty\/Naumov, The Road to Terror, S.124, 140f.)) Damit bildete die Geheimpolizei des <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Volkskommissariat f\u00fcr innere Angelegenheiten, dem die Geheimpolizei GPU, die einst unter dem Namen Tscheka zur Bek\u00e4mpfung konterrevolution\u00e4rer T\u00e4tigkeit gegr\u00fcndet wurde, eingegliedert war. Ironischerweise ging die damalige Restrukturierung der GPU in den NKWD mit umf\u00e4nglichen Einschnitten ihrer Befugnisgewalt einher, die nun wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht wurden.\"><span style=\"color: #ff0000\">NKWD<\/span><\/span> schliesslich das R\u00fcckgrat der stalinistischen Repression.<\/p>\n<figure id=\"attachment_644\" aria-describedby=\"caption-attachment-644\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/cc-1917.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-644\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/cc-1917.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"817\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/cc-1917.jpg 900w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/cc-1917-321x350.jpg 321w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/cc-1917-768x836.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-644\" class=\"wp-caption-text\">Mitglieder des Zentralkommitees von 1917. Nur ein kleiner Teil starb eines nat\u00fcrlichen Todes; commons.wikimedia.org.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Die Moskauer Schauprozesse<\/strong><\/h3>\n<p>Der Attent\u00e4ter Leonid Nikolajew, ein einstiges Parteimitglied, gestand im ersten Verh\u00f6r, aus Missmut und ohne weitere involvierte Personen gehandelt zu haben. Daraufhin musste der NKWD eine eigene Geschichte konstruieren, die sich besser bewirtschaften liess. Unter Folter legte Nikolajew ein Gest\u00e4ndnis ab, als Mitglied einer Verschw\u00f6rung unter Trotzki, Sinowjew und Kamenew gehandelt zu haben und gab die Namen weiterer Komplizen kund. Keinen Monat nach dem Attentat wurde er und weitere Beschuldigte hingerichtet.((Vgl. Baberowski, Der Rote Terror, S.143.))<br \/>\nSinowjew und Kamenew, <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/machtkampf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einst unterlegene im Machtkampf mit Stalin<\/a><\/span><\/strong>, wurden in einem Geheimprozess zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die vermeintliche Verschw\u00f6rung zog aber bereits weitere Kreise, und lieferte immer neue Verd\u00e4chtige. Eine besondere Rolle nahm dabei Nikolai Jeschow ein, der zum Organisator der Parteis\u00e4uberung und der Moskauer Schauprozesse avancierte.((Vgl. Fieseler, Stalin, S. 697-698.))<br \/>\nObwohl die Verhaftungen der einstigen Parteioberen medial ausgeschlachtet wurden, fand die allgemeine Justizt\u00e4tigkeit des NKWD vorwiegend im geheimen statt und bot daher keine Grundlage f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Auseinandersetzung. Die medienwirksame Inszenierung der drei folgenden Moskauer Schauprozessen sollten dieses Defizit beheben. Hintergedanke dieses Schauspiel war, das Narrativ einer alles umgebenden, revolutionsfeindlichen \u00dcbermacht in der Bev\u00f6lkerung einzuimpfen und zu demonstrieren, dass die Feinde nicht nur den innersten Zirkel der Macht, sondern bereits die gesamte Gesellschaft infiltriert hatten. Folglich \u00fcberwachte Stalin den gesamten Prozess und gab Regieanweisungen.((Vgl. Baberowski, Der Rote Terror, S.150f. ; Vgl. Ziehr, Entwicklung, S. 24-26.)) Die Hauptrolle oblag dem hysterischen Generalstaatsanwalt <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Einst ein Anh\u00e4nger der Menschewiki, 1935-1939 Generalstaatsanwalt und von 1949-1953 Aussenminister der Sowjetunion.\"><span style=\"color: #ff0000\">Andrei Wyschinski<\/span><\/span>, der die Angeklagten mit absurden Vorw\u00fcrfen bombardierte, die die Beschuldigten bereits im Vorfeld unter Folter und aus Angst um ihre Familien bereits gestanden.((Vgl. Creuzberger, Stalin, S. 130.)) Zu den Anklagepunkten z\u00e4hlten, nebst einem geplanten Anschlag auf Stalin, Sabotage der Industrieproduktion und Grossbaustellen (Schuldige f\u00fcr nichtplanm\u00e4ssige Produktion), Anschl\u00e4ge auf die Verkehrsinfrastruktur sowie eine gef\u00f6rderte Lostrennung der Sowjetrepubliken.((Vgl. Baberowski, Roter Terror. S. 150.)) Mit den Angeklagten konnten der \u00d6ffentlichkeit zugleich universelle S\u00fcndenb\u00f6cke pr\u00e4sentiert werden, die f\u00fcr alle ausserplanm\u00e4ssigen R\u00fcckschl\u00e4gen innerhalb <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der forcierten Industrialisierung<\/a><\/span><\/strong> verantwortlich waren. Wyschinski \u00fcbte dann auf der grossen B\u00fchne und im Namen der sowjetischen Gesellschaft Justiz aus.((Vgl. Creuzberger, Stalin, S. 131.)) In einem Pl\u00e4doyer formulierte er dies so: \u00abIch bin nicht der einzige Ankl\u00e4ger! Bei meiner Anklage werde ich vom ganzen Volk unterst\u00fctzt! Ich klage diese ver\u00e4chtlichen Verbrecher an, die nur eine Strafe verdienen \u2013 den Tod durch Erschiessen!\u201c((Zitat in: Conquest, Der Grosse Terror, S.191.)) Beweise brauchte der Generalstaatsanwalt nicht, denn es wurde auf Grund der Aussagen der Angeklagten, die sich gegenseitig denunzierten und falsche Gest\u00e4ndnisse ablegten, geurteilt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_650\" aria-describedby=\"caption-attachment-650\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2022\/01\/19280707-vyshinsky-verdict-promulgation-shakhty-lawsuit-commons.wikimedia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-650\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2022\/01\/19280707-vyshinsky-verdict-promulgation-shakhty-lawsuit-commons.wikimedia-1024x604.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"531\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2022\/01\/19280707-vyshinsky-verdict-promulgation-shakhty-lawsuit-commons.wikimedia-1024x604.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2022\/01\/19280707-vyshinsky-verdict-promulgation-shakhty-lawsuit-commons.wikimedia-350x207.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2022\/01\/19280707-vyshinsky-verdict-promulgation-shakhty-lawsuit-commons.wikimedia-768x453.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2022\/01\/19280707-vyshinsky-verdict-promulgation-shakhty-lawsuit-commons.wikimedia.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-650\" class=\"wp-caption-text\">Der Schachty-Prozess von 1928 diente als Vorl\u00e4ufer der inszenierten Moskauer Schauprozessen. Wyschinski verk\u00fcndet das Urteil gegen technische Spezialisten, denen fingierte Sabotageakte in Schachty vorgeworfen wurden; commons.wikimedia.org<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der erste Moskauer Schauprozess fand im August 1936 statt. Hauptangeklagte waren die bereits verurteilten Altbolschewiki, Sinowjew und Kamenew, die sich erneut als F\u00fchrer des sogenannten \u00abTrotzkistisch-Sinowjewistischen terroristischen Zentrums\u00bb vor Gericht verantworten mussten, nur dieses Mal unter Einbezug der \u00d6ffentlichkeit. Das Urteil &#8211; von Stalin pers\u00f6nlich abgesegnet &#8211; stand bereits vor Beginn des Prozesses fest und gleich im Anschluss an die Urteilsverk\u00fcndung wurden die Beschuldigten hingerichtet.<sup><a href=\"#footnote_1_352\" id=\"identifier_1_352\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Vgl. Dahmer, Die Moskauer Prozesse, S. 7.\">1<\/a><\/sup> Im Januar 1937 und M\u00e4rz 1938 folgten die n\u00e4chsten Schauprozesse, die dem Ersten in Sachen der Theatralik sowie der Brutalit\u00e4t in nichts nachstanden (Vgl. Video unten). Die Riege der Angeklagten stand bereits aus den vorangehenden Prozessen fest und entstammte wieder \u00fcberwiegend der politischen Prominenz. Nur drei der 54 Angeklagten, n\u00e4mlich Karl Radek, Christian Rakowski und Grigori Sokolnikow, wurden nicht hingerichtet, sondern zu langer Lagerhaft verurteilt. Ihre Leben nahmen schliesslich in den Lagern doch noch ein gewaltsames Ende.<\/p>\n[vc_row][vc_column][vc_video link=&#8220;https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=n35CE-jG_pU&amp;t=8s&#8220; title=&#8220;Wyschinskis Pl\u00e4doyer im 3. Prozess 1938&#8243;][\/vc_column][\/vc_row]\n<h3><strong>Der Terror verselbst\u00e4ndigt sich<\/strong><\/h3>\n<p>W\u00e4hrend sich die erste Welle vorwiegend auf politische Funktionstr\u00e4ger richtete, griff sie bald auf \u00abFeinde des Kommunismus\u00bb, also auf unliebsame b\u00fcrgerliche und religi\u00f6se Personengruppen sowie ethnische Minorit\u00e4ten oder Ausl\u00e4nder \u00fcber. W\u00e4hrend Ausl\u00e4nder in manchen F\u00e4llen aus der Sowjetunion ausgewiesen wurden und damit mit dem Leben davon kamen, nahmen die Leben der Priester, <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/realismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Kulturschaffenden, die sich einst der Revolution verschrieben hatten<\/a><\/span><\/strong>, sowie der als Kulaken diffamierten Bauern, <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/kollektivierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die im Zuge der Kollektivierung verfolgt wurden<\/a><\/span><\/strong>, eine weit dramatischere Wendung.((Vgl. Baberowski, Der Rote Terror, S.140.)) Dabei weiteten sich die Verhaftungen auf Angeh\u00f6rige der Beschuldigten aus, denen h\u00e4ufig Mitt\u00e4terschaft vorgeworfen wurde. In der leisen Hoffnung auf ein milderes Urteil und oft unter Folter gestanden die Verhafteten ihre Taten und denunzierten weitere Personen, sodass auf jeden Verhafteten auf hydraartigerweise weitere Verd\u00e4chtige folgten. Auch die Milit\u00e4rspitze blieb nicht verschont und wurde so stark dezimiert, dass zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die Rote Armee durch den grossen Mangel an gebildeten Offizieren fast f\u00fchrungslos und schlecht vorbereitet in den Krieg gezogen wurde.<br \/>\nJeschow erhielt Mittlerweile den Posten des Volkskommissars f\u00fcr Innere Angelegenheiten NKWD und wurde damit zum obersten Exekutor des stalinistischen Terrors. Sein Vorg\u00e4nger Genrich Jagoda fiel bei Stalin in Ungnade, der sich seiner dann im 3. Prozess entledigte.((Vgl. Dahmer, Die Moskauer Schauprozesse, S. 8.)) Jeschow fertigte hunderte Listen mit Namen von bekannten, zu liquidierenden Pers\u00f6nlichkeiten an Stalin oder einer seiner Vertrauten mussten diese Listen dann gegenzeichnen. Dabei konnte es auch vorkommen, dass Stalin einzelne Namen wieder strich.((Vgl. Conquest, Der Grosse Terror, S.271.)) Die Listen wurden in der folgenden Form vorgelegt:<\/p>\n<pre style=\"padding-left: 40px\"><strong>\u00abGenosse Stalin.<\/strong>\r\n<strong>Ich lege Ihnen zur Genehmigung vier Listen von Personen vor, die vor das Milit\u00e4rgericht gestellt werden sollen:<\/strong>\r\n<strong>Liste 1 (allgemein)<\/strong>\r\n<strong>Liste 2 (ehemalige Angeh\u00f6rige der Roten Armee)<\/strong>\r\n<strong>Liste 3 (ehemalige Angeh\u00f6rige des NKWD)<\/strong>\r\n<strong>Liste 4 (Ehefrauen von Feinden des Volkes).<\/strong>\r\n<strong>Ich ersuche um die Genehmigung, alle im ersten Grad [Erschiessung] verurteilen zu lassen.<\/strong>\r\n<strong>Jeschow.\u00bb((Zitat in: Conquest, Der Grosse Terror, S.271.))<\/strong><\/pre>\n<p>Den Kreis der Verd\u00e4chtigen weitete sich immer weiter aus, bis sich der Amoklauf schliesslich 1937 gegen die ganze Bev\u00f6lkerung wandte und auch vor Kindern nicht Halt machte.((Vgl. Goehrke, Russischer Alltag, S.201.))<br \/>\nW\u00e4hrend der Elite in aller \u00d6ffentlichkeit der Prozess gemacht wurde, erfuhr die gemeine Bev\u00f6lkerung eine geheime Verurteilung, die meist noch in den Verh\u00f6rkellern der <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Sitz der Geheimpolizei am Lubjanka-Platz in Moskau. Der Name bzw. das Geb\u00e4ude wird auch heute noch mit Folter und Tod assoziiert.\"><span style=\"color: #ff0000\">Lubjanka<\/span><\/span> erfolgte, wo auch gleich Todesurteile vollstreckt wurden. \u00dcber den Verbleib ihrer verhafteten Angeh\u00f6rigen, erfuhren ihre Bekannten von offizieller Seite nichts und mussten sich auf eine Such-Odyssee durch die Moskauer Gef\u00e4ngnisse begeben.((Vgl. Conquest, Der Grosse Terror, S.303f.))<\/p>\n<h3><strong>Ursachen und Ende des Terrors<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr die Ursachen des Terrors gibt es in der Forschung verschiedene Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze. Von der Ansicht, dass Stalin ein empathieloser Psychopath war, ist man zu Gunsten eines komplexeren Ursachenmodells, abger\u00fcckt. Im Vordergrund stand Stalins paranoide Pers\u00f6nlichkeit, die sich in einer destruktiven Energie entfaltete und eine Atmosph\u00e4re der Gewalt und des Misstrauens schuf. Damit bot er nicht wenigen pervertierten Individuen ein Umfeld, in denen sie sich zu entfalten wussten. Das Denunziantentum wurde durch Karriereaufstiegsm\u00f6glichkeiten, Neid, private Auseinandersetzungen aber auch durch versprochene Pr\u00e4mien gef\u00f6rdert und entbehrte schnell einer gewissen Legitimit\u00e4t.((Vgl. Conquest, Der Grosse Terror, S.292-295.)) Hinzu kam die st\u00e4ndige Furcht, Stalins Misstrauen auf sich zu ziehen oder in Ungnade zu fallen. Lokale NKWD-Ableger, die nur wenige \u00abkonterrevolution\u00e4re\u00bb F\u00e4lle aufdeckten, wurden von der Generalstaatsanwaltschaft als ger\u00fcgt und kamen selbst in den Fokus der Verfolgung. Festgelegte Verhaftungsquoten und ein Vergleich der Erfolge sollten Abhilfe schaffen. Dies f\u00fchrte schlussendlich zu einem von oben angeregten und \u00fcberh\u00f6hten Tatendrang, der eine gewisse Eigendynamik entwickelte.((Vgl. Conquest, Der Grosse Terror, S.301.)) In letzter Konsequenz bedeutete dies, dass nicht real-subversives Verhalten, das es in geringem Umfang sicherlich gab, z\u00e4hlte, sondern die Erf\u00fcllung von Quoten an erster Stelle stand und damit viele unschuldige Opfer forderte. Obwohl Stalin die Rolle des Hauptinitiators einnahm, h\u00e4tte sich der Terror in diesem enormen Ausmass nicht ohne Formen der Unterst\u00fctzung, Kollaboration und Eigeninitiative von unten etablieren k\u00f6nnen.<br \/>\nDie S\u00e4uberungen hatten auch eine machtpolitische Komponente, so konnte sich Stalin der altbolschewikischen Garde entledigen und durch eine, ihm bedingungslos ergebene Elite ersetzen, wobei auch diese nicht sicher sein konnte. Zus\u00e4tzlich liess sein tiefsitzendes Misstrauen zu einem gewissen Grad die Grenzen zwischen Realit\u00e4t und Einbildung verwischen, ein Umstand, der auch die Gesellschaft durch die breite Propaganda erfasste. Die immerzu neu aufgedeckten Verschw\u00f6rungen verst\u00e4rkten seinen Wahn nur noch mehr.<\/p>\n[twenty20 img1=&#8220;647&#8243; img2=&#8220;648&#8243; offset=&#8220;0.5&#8243;]\n<p><em>Stalin mit und ohne Jeschow. Bildmanipulationen waren ein fester Bestandteil des sowjetischen Alltags; rferl.org.<\/em><\/p>\n<p>Die Ausw\u00fcchse des Terrors blieben nicht ohne Folgen. Anschuldigungen nahmen immer groteskere Z\u00fcge an, die den Verantwortlichen als solche nicht verborgen blieben. Hinzu kam, dass die polizeilichen Kapazit\u00e4ten durch die gewaltige Menge an F\u00e4llen an ihre Grenzen kamen und F\u00e4lle nicht weiter verfolgt werden konnten.<br \/>\nAuch die wirtschaftlichen Aspekte \u00fcberwogen bald die \u00absicherheitsrelevanten\u00bb. Das Kader in der Industrie wurde, \u00e4hnlich wie in der Roten Armee, ausgemerzt und musste mit ungebildetem Personal neubesetzt werden. Dies hatte wiederum negative Auswirkungen auf die sich im <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aufbau befindende Industrie<\/a><\/span><\/strong>.((Vgl. Goehrke, Russischer Alltag, S.203f.))<br \/>\nAls sich Stalin mit den Auswirkungen konfrontiert sah, musste dem ausgeuferten Terror Einhalt geboten werden. Mit Jeschow und seinem NKWD fand er die passenden S\u00fcndenb\u00f6cke. Jeschov wurde im November 1938 durch den nicht minder sadistischen <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Beria zeigte sich vor allem w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges f\u00fcr Verbrechen wie Massenmorde und Deportationen verantwortlich. 1953 wurde er nach Stalins Tod entmachtet und hingerichtet.\"><span style=\"color: #ff0000\">Lawrenti Beria<\/span><\/span> ausgetauscht und als Hauptschuldigen hingerichtet.((Vgl. Conquest, Der Grosse Terror, S.296.)) Terror und Repression blieben weiterhin ein geeignetes Machtinstrument, die fortan jedoch einen subtileren Einsatz erfuhren. Stalin entzog sich damit der pers\u00f6nlichen Verantwortung f\u00fcr die Exzesse. Ihn erachteten viele B\u00fcrger, von denen nicht wenige an den Sozialismus glaubten und sich diesem verschrieben, ohnehin nicht als Schuldigen f\u00fcr ihre Lage. Viel mehr erhofften sich viele Verhafteten, dass Stalin ihr Urteil als Missverst\u00e4ndnis erkannte. Doch das stalinistische System machte keine Fehler. Nur in extrem seltenen F\u00e4llen kam es tats\u00e4chlich zu einer Urteilsrevision.<br \/>\nErst nach Stalins Tod im M\u00e4rz 1953 lockerten sich unter seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow die Repressionen. Mit seiner Entstalinisierungspolitik begann erstmals in der sowjetischen Geschichte eine <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/erinnerungskultur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">z\u00f6gerliche Aufarbeitung der Verbrechen<\/a><\/span><\/strong> und die politischen H\u00e4ftlinge wurden entlassen.<\/p>\n<h3>Bilanz<\/h3>\n<p>Die Bilanz der Terrorjahre 1934-38 ist erschreckend. Die Mitglieder des Zentralkomitees, die Volkskommissare sowie die F\u00fchrung der Roten Armee und grosse Teile der wirtschaftlichen und kulturschaffenden Eliten wurde liquidiert. Auch die Mord- und Verhaftungsraten in der Bev\u00f6lkerung waren massiv. So wurden etwa 3.14 Millionen Personen verhaftet, davon 1.57 Millionen wegen angeblicher politischer Verbrechen. Von diesen 1.57 Millionen Personen wurden ungef\u00e4hr 1.34 Millionen aus politischen Gr\u00fcnden verurteilt.(( Vgl. Baberowski, Roter Terror, S. 171f, 200 ; Vgl. Dahmer, Die Moskauer Schauprozesse, S.8.)) Hildermeier bezifferte die Zahl der Exekutierten auf mindestens 680`000.((Vgl. Goehrke, Russischer Alltag, S.201.)) Die restlichen Verurteilten verschwanden in den <span style=\"color: #333333\">f\u00fcrchterlichen M\u00fchlen der Arbeitslagern (Gulag).<\/span><br \/>\nIn der \u00fcbrigen Gesellschaft sch\u00fcrte der Terror Angst und zerr\u00fcttete das Vertrauen gegen\u00fcber den Mitmenschen. Hanna Arendt nannte dies einst die \u00abAtomisierung der Gesellschaft\u00bb, bei der das Misstrauen jegliche pers\u00f6nliche Verbindung l\u00f6ste und die sowjetische Gesellschaft zeitweilig zu einer losen, apathischen Masse verkommen liess.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">[vc_row][vc_column][vc_message message_box_style=&#8220;solid-icon&#8220; message_box_color=&#8220;grey&#8220; icon_type=&#8220;openiconic&#8220; icon_openiconic=&#8220;vc-oi vc-oi-book&#8220;]<strong>Literaturtipp:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000\">Figes, Orlando: Die Fl\u00fcsterer. Leben in Stalins Russland, Berlin 2008.[\/vc_message][\/vc_column][\/vc_row][vc_column][\/vc_column]<\/span><\/p>\n<h3>von Jovana Grkovic<\/h3>\n<p>\u00dcberarbeitung: Florian Wiedemann<br \/>\nTitelbild: Antipow, Stalin, Kirow, Schwernik und Komarow. Am Ende bleibt nur Stalin \u00fcbrig; dekoder.org (Bearbeitung F.W.).<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><\/p>\n<p>Baberowski, J\u00f6rg: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, M\u00fcnchen 2003.<\/p>\n<p>Creuzberger, Stefan: Stalin, Machtpolitiker und Ideologe, Stuttgart 2009.<\/p>\n<p>Conquest, Robert: Der Grosse Terror. Sowjetunion 1934-1938, M\u00fcnchen 1992.<\/p>\n<p>Dahmer, Helmut: Die Moskauer Schauprozesse 1936\u20131938 und Stalins Massenterror. Berlin 2008.<\/p>\n<p>Fieseler, Beate: Stalin, seine Gefolgsleute und der Terror in der Sowjetunion. Ein Forschungsbericht \u00fcber die neuere wissenschaftliche Literatur, in: Archiv f\u00fcr Sozialgeschichte 46, 2006, S. 695\u2013711.<\/p>\n<p>Getty, Arch J.\/Naumov Oleg V.: The Road to Terror. Stalin and the Selfdestruction of the Bolsheviks, 1932-1939, London 1999.<\/p>\n<p>Goehrke, Carsten: Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Fr\u00fchmittelalter bis zur Gegenwart, Band 3: Sowjetische Moderne und Umbruch, Z\u00fcrich 2005.<\/p>\n<p>Ziehr, Wilhelm: Die Entwicklung Des \u201cSchauprozesses\u201d in Der Sowjetunion: Ein Beitrag Zur Sowjetischen Innenpolitik 1928\u20131938 , Berlin 1970.<\/p>\n<hr \/>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_352\" class=\"footnote\">Vgl. Dahmer, Die Moskauer Prozesse, S. 7.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_352\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ein grundlegender Aspekt des Stalinismus, gilt der Terror gegen die eigene Bev\u00f6lkerung. Schon w\u00e4hrend des Russischen B\u00fcrgerkriegs wurde Terror von Lenin zu einem profanen politischen Mittel erkl\u00e4rt, um den Willen der bolschewikischen F\u00fchrungsriege der Bev\u00f6lkerung aufzudr\u00e4ngen und politische Gegner auszuschalten.<\/p>\n","protected":false},"author":484,"featured_media":646,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,27,25],"tags":[],"class_list":{"0":"post-352","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesellschaft","8":"category-politik","9":"category-stalinismus","10":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/users\/484"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=352"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/352\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1003,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/352\/revisions\/1003"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media\/646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=352"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}