{"id":316,"date":"2021-09-06T21:04:43","date_gmt":"2021-09-06T21:04:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?p=316"},"modified":"2022-01-31T14:56:30","modified_gmt":"2022-01-31T14:56:30","slug":"emanzipation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/emanzipation\/","title":{"rendered":"Emanzipation \u00e0 la Stalin \u2013 Vorw\u00e4rts zum R\u00fcckschritt"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p><em>In Russland erk\u00e4mpften sich die Frauen 1917 grundlegende Gleichberechtigung. Tats\u00e4chlich brachten \u00fcberwiegend sie die Februarrevolution von 1917 durch ihren Protest am 23. Februar (nach neuer Zeitrechnung am 8. M\u00e4rz, dem Weltfrauentag) ins Rollen. Die Provisorische Regierung versuchte sich anf\u00e4nglich noch den Frauenrechten zu verwehren, doch der Druck war zu gross. So wurde ihnen schliesslich noch vor der Oktoberrevolution das Wahlrecht eingestanden. Im jungen Sowjetrussland wurde die Gleichstellung best\u00e4tigt, da sie ohnehin Teil der sozialistischen Doktrin war. Doch es gab auch ideologisch-pragmatische Hintergr\u00fcnde. Die Frauen sollten so f\u00fcr die kommunistische Sache gewonnen und gleichzeitig in den Arbeitsalltag miteinbezogen werden. In der Folge kam es zu emanzipatorischen Gesetzen, die sich in der Realit\u00e4t nicht immer zu Gunsten des weiblichen Geschlechts auswirkten. <\/em><\/p>\n<h3>Situation nach der Oktoberrevolution<\/h3>\n<p>Nach der Oktoberrevolution erhielt <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Geb. Alexandra Domontowitsch (1872\u20131952) entstammte einer adligen Familie. Durch das Studium in Z\u00fcrich, entfloh sie dem konventionellen Dasein als Frau und verschrieb sich dem Sozialismus. In ihrer sp\u00e4teren Laufbahn wurde sie zu einer wichtigen sowjetischen Diplomatin.\"><span style=\"color: #ff0000\">Alexandra Kollontai<\/span><\/span> den Posten der Volkskommissarin f\u00fcr Sozialf\u00fcrsorge und wurde sp\u00e4ter Leiterin der Frauenabteilung im Zentralkomitee. Schon in ihrer vorangehenden Zeit als Revolution\u00e4rin lernte sie, sich in der von M\u00e4nnern dominierten Welt durchzusetzen. In der ersten sowjetischen Regierung setzte sie sich als Sprachrohr der Frauenbewegung erfolgreich f\u00fcr moderate Scheidungsgesetze, die gemeinsame Erziehung von Jungen und M\u00e4dchen, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbr\u00fcchen sowie die Vergesellschaftung der Hausarbeit ein (Zerschlagung des famili\u00e4ren Haushalts und die Abschaffung der privaten Kinderbetreuung).((Vgl. Fieseler, Alexandra Kollontai, Dekoder 2019.))<br \/>\nDass die Emanzipation auch bizarre Formen annehmen konnte, zeigte besonders das im April 1918 aufgesetzte Ehegesetzbuch, das neben der Gleichstellung von Mann und Frau auch das erleichterte Vollziehen einer Scheidung statuierte.((Vgl. Reich, Oktoberrevolution und Recht, S.140.)) Diese \u00abErleichterung\u00bb ging so weit, dass Ehepartner*innen \u2013 dank einseitiger Aufl\u00f6sbarkeit bei der entsprechenden Beh\u00f6rde \u2013 ihre Ehe ohne das Wissen des Partners annullieren konnten.((Vgl. Kosterina, Genderpolitik in Russland, S.2.)) In Kombination mit der Stadtflucht lief dies h\u00e4ufig darauf hinaus, dass die M\u00e4nner in den St\u00e4dten nicht nur eine neue Existenzgrundlage fanden, sondern auch eine neue Familie gr\u00fcndeten und einen g\u00e4nzlich neuen Lebensentwurf annahmen, ohne dass ihre auf dem Land gebliebenen (Ex-)Frauen dies notwendigerweise erfuhren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_617\" aria-describedby=\"caption-attachment-617\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041c\u043e\u043b\u043e\u0434\u043e\u0441\u0442\u044c.-\u0421\u043f\u043e\u0440\u0442\u0438\u0432\u043d\u044b\u0439-\u043f\u0430\u0440\u0430\u0434-\u043d\u0430-\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u043e\u0439-\u043f\u043b\u043e\u0449\u0430\u0434\u0438-russianphoto.ru_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-617 size-full\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041c\u043e\u043b\u043e\u0434\u043e\u0441\u0442\u044c.-\u0421\u043f\u043e\u0440\u0442\u0438\u0432\u043d\u044b\u0439-\u043f\u0430\u0440\u0430\u0434-\u043d\u0430-\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u043e\u0439-\u043f\u043b\u043e\u0449\u0430\u0434\u0438-russianphoto.ru_.jpg\" alt=\"https:\/\/russiainphoto.ru\/search\/photo\/years-1929-1999\/?page=2&amp;tag_tree_ids=17145&amp;paginate_page=2&amp;index=1\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041c\u043e\u043b\u043e\u0434\u043e\u0441\u0442\u044c.-\u0421\u043f\u043e\u0440\u0442\u0438\u0432\u043d\u044b\u0439-\u043f\u0430\u0440\u0430\u0434-\u043d\u0430-\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u043e\u0439-\u043f\u043b\u043e\u0449\u0430\u0434\u0438-russianphoto.ru_.jpg 800w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041c\u043e\u043b\u043e\u0434\u043e\u0441\u0442\u044c.-\u0421\u043f\u043e\u0440\u0442\u0438\u0432\u043d\u044b\u0439-\u043f\u0430\u0440\u0430\u0434-\u043d\u0430-\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u043e\u0439-\u043f\u043b\u043e\u0449\u0430\u0434\u0438-russianphoto.ru_-350x233.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041c\u043e\u043b\u043e\u0434\u043e\u0441\u0442\u044c.-\u0421\u043f\u043e\u0440\u0442\u0438\u0432\u043d\u044b\u0439-\u043f\u0430\u0440\u0430\u0434-\u043d\u0430-\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u043e\u0439-\u043f\u043b\u043e\u0449\u0430\u0434\u0438-russianphoto.ru_-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-617\" class=\"wp-caption-text\">Sportparade auf dem Roten Platz 1932; russianphoto.ru.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Die Mehrfachbelastung der sowjetischen Frau<\/h3>\n<p>Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist nur ein Beispiel daf\u00fcr, wie stark der gesellschaftliche Status von Frauen in eine Abh\u00e4ngigkeit zu ideologischen und vor allem auch staatlichen Interessen gezogen wurde. Noch zu Beginn der Sowjet\u00e4ra wurde den Frauen eine verst\u00e4rkte Eigenst\u00e4ndigkeit zugesprochen, eine ausgebaute Infrastruktur (Bildungsst\u00e4\u00e4ten, Krippen, Kinderg\u00e4rten, Kantinen, W\u00e4schereien und medizinischen Beratungsstellen) sollte das Tandem zwischen Haus- und Lohnarbeit erleichtern.((Vgl. Kosterina, Genderpolitik in Russland, S.1.)) Mit dem \u00abneuen sowjetischen Menschen\u00bb, der sich mit und unter dem Sozialismus vorzeigehaft entwickeln sollte, ging eben auch das Bild einer \u00abneuen Frau\u00bb einher. Dieses hatte sich von einer b\u00fcrgerlichen Unbedarftheit mit Fokus auf Mann und Kinder zu unterscheiden.((Vgl. Attwood, Creating the New Soviet Woman, S.11.)) Frauen waren als Arbeitskr\u00e4fte nicht nur erw\u00fcnscht, sondern ihre Arbeitsleistung wurde im Zusammenhang mit der <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">voranzutreibenden Industrialisierung<\/a><\/span><\/strong> auch dringend ben\u00f6tigt.((Vgl. K\u00f6bberling, Aktuelle Str\u00f6mungen der russischen Frauenbewegung, S.566.)) Tats\u00e4chlich belegten Frauen 1935 \u00fcber 44% der Arbeitspl\u00e4tze in Leningrad.((Vgl. Davies, A Mother\u2019s Cares, S.90.)) Die von ihnen besetzten Stellen waren allerdings nicht nur unterbezahlt, sondern galten auch als wenig anspruchsvoll: Die meisten \u00abneuen sowjetischen Frauen\u00bb in den Fabriken arbeiteten als Spediteurinnen, als Hausmeisterinnen und Reinigungskr\u00e4fte.((Vgl. Goldman, Babas at the Bench, S.70.)) Trotz der 1917 eingef\u00fchrten koedukativen Bildung waren die <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/mobilitaet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">beruflichen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten<\/a><\/span><\/strong> f\u00fcr Frauen nach wie vor verh\u00e4ltnism\u00e4ssig schlecht. Selbst der relativ hohe Frauenanteil im Obersten Sowjet (33%) besagte nur wenig, da er mehr einer vorgegebenen Quote denn einer tats\u00e4chlichen Zusprache von Bestimmungskraft geschuldet war.((Vgl. K\u00f6bberling, Aktuelle Str\u00f6mungen der russischen Frauenbewegung, S. 567.))<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><\/a><\/p>\n<div id='gallery-1' class='czr-gallery row flex-row czr-gallery-style gallery galleryid-316 gallery-columns-2 gallery-size-large'><figure class='gallery-item col col-auto'>\r\n                        <div class='gallery-icon portrait czr-gallery-icon'>\r\n                              <a data-lb-type=\"grouped-gallery\" title=\"Propagandaplakat zum Frauentag am 8. M\u00e4rz 1932; redavantgarde.com.\" href=https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde.jpg class=\"bg-link\"><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"714\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde-714x1024.jpg\" class=\"attachment-large size-large\" alt=\"\" sizes=\"auto, (min-width: 1200px) 540px, (min-width: 992px) 450px, (min-width: 768px) 330px, (min-width: 576px) 240px, calc( 50vw - 30px )\" aria-describedby=\"gallery-1-615\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde-714x1024.jpg 714w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde-244x350.jpg 244w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde-768x1101.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde-1071x1536.jpg 1071w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde-1428x2048.jpg 1428w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/8th-of-March-is-a-celebration-for-all-women-workers-everywhere-is-the-world-redavantgarde.jpg 1440w\" \/>\r\n                        <\/div>\r\n                              <figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-615'>\r\n                              Propagandaplakat zum Frauentag am 8. M\u00e4rz 1932; redavantgarde.com.\r\n                              <\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item col col-auto'>\r\n                        <div class='gallery-icon portrait czr-gallery-icon'>\r\n                              <a data-lb-type=\"grouped-gallery\" title=\"Arbeiterin an einer Drehbank (1928); russianphoto.ru.\" href=https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u0417\u0430-\u0442\u043e\u043a\u0430\u0440\u043d\u044b\u043c-\u0441\u0442\u0430\u043d\u043a\u043e\u043c.-\u0417\u0430\u0432\u043e\u0434-\u0410\u041c\u041e-russianphoto.jpg class=\"bg-link\"><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"461\" height=\"600\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u0417\u0430-\u0442\u043e\u043a\u0430\u0440\u043d\u044b\u043c-\u0441\u0442\u0430\u043d\u043a\u043e\u043c.-\u0417\u0430\u0432\u043e\u0434-\u0410\u041c\u041e-russianphoto.jpg\" class=\"attachment-large size-large\" alt=\"https:\/\/russiainphoto.ru\/search\/photo\/years-1922-1999\/?page=1&amp;tag_tree_ids=19701&amp;paginate_page=1&amp;index=4\" sizes=\"auto, (min-width: 1200px) 540px, (min-width: 992px) 450px, (min-width: 768px) 330px, (min-width: 576px) 240px, calc( 50vw - 30px )\" aria-describedby=\"gallery-1-616\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u0417\u0430-\u0442\u043e\u043a\u0430\u0440\u043d\u044b\u043c-\u0441\u0442\u0430\u043d\u043a\u043e\u043c.-\u0417\u0430\u0432\u043e\u0434-\u0410\u041c\u041e-russianphoto.jpg 461w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u0417\u0430-\u0442\u043e\u043a\u0430\u0440\u043d\u044b\u043c-\u0441\u0442\u0430\u043d\u043a\u043e\u043c.-\u0417\u0430\u0432\u043e\u0434-\u0410\u041c\u041e-russianphoto-269x350.jpg 269w\" \/>\r\n                        <\/div>\r\n                              <figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-616'>\r\n                              Arbeiterin an einer Drehbank (1928); russianphoto.ru.\r\n                              <\/figcaption><\/figure>\r\n                  <\/div>\n\n<p>Zur k\u00f6rperlichen Anstrengung im Berufsleben gesellten sich ausserdem die famili\u00e4ren Pflichten \u2013 zus\u00e4tzlich erschwert durch den \u00abMangel an arbeitserleichternden Haushaltsger\u00e4ten, die Schlangen vor den Gesch\u00e4ften, die unzureichende Versorgung an Lebensmitteln und Waren des t\u00e4glichen Bedarfs sowie die unbefriedigenden Verh\u00e4ltnisse in den Kinderkrippen und -g\u00e4rten, [\u2026] die den Frauen im Alltag h\u00f6chste Kraftanstrengungen abforderten\u00bb.((Vgl. K\u00f6bberling, Aktuelle Str\u00f6mungen der russischen Frauenbewegung, S. 567.)) Es l\u00e4sst sich feststellen, dass die Gleichgerechtigkeitsbestrebungen in der fr\u00fchen Sowjetunion trotz markanter gesellschaftlicher Umstrukturierungen \u00e4usserst ambivalent daherkamen und h\u00e4ufig zu einer nicht untersch\u00e4tzbaren Mehrfachbelastung f\u00fchrten.<\/p>\n<h3><strong>Gesellschaftlicher R\u00fcckschritt der 1930er-Jahre<\/strong><\/h3>\n<p>Kollontais Bestrebungen endeten nicht mit der rechtlich-sozialen Gleichstellung der Frau. Sie verfolgte das \u00fcbergeordnete Ziel, mit der \u00absowjetischen Frau\u00bb einen neuen gesellschaftlichen Typus zu erschaffen, der unabh\u00e4ngig, selbstbestimmt und sexuell frei war. Mit diesen Vorstellungen stiess sie nicht nur bei der m\u00e4nnlichen Parteielite auf Ablehnung, auch traditionsbewusste B\u00e4uerinnen konnten mit diesen Zukunftsentw\u00fcrfen nichts anfangen.((Vgl. Fieseler, Alexandra Kollontai, Dekoder 2019.))<br \/>\nHinzu kam, dass die geschlechter\u00fcbergreifend geteilte ideologische Vorstellung nicht immer kongruent war mit der gelebten Realit\u00e4t. W\u00e4hrend sich allerdings in der fr\u00fchen Sowjetunion einige zwar nur m\u00e4ssig wirksame, aber doch nicht unbeachtliche emanzipatorische Entwicklungen vollzogen, kam es dann unter Stalin zu einer Kehrtwende. Einhergehend mit seinem autorit\u00e4ren Herrschaftsstil, propagierte und f\u00f6rderte er die R\u00fcckkehr zu einem patriarchalischen Gesellschaftsbild.((Vgl. Petrone, Between Exploitation and Empowerment, S.125.))<br \/>\nEine implizite Diminuierung des weiblichen Geschlechts zeigt sich etwa am Beispiel von <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"(&lt;em&gt;\u017eenskij otdel&lt;\/em&gt;: Frauenabteilung. Wurde auf Initiative u.a. von Inessa Armand und gegen den Widerstand von m\u00e4nnlichen Parteimitgliedern ins Leben gerufen.\"><span style=\"color: #ff0000\"><em>schenotdel<\/em><\/span><\/span>, der Frauenabteilung im Sekretariat des Zentralkomitees: Diese wurde zu Beginn des Jahrzehnts von Stalin aufgel\u00f6st, und zwar mit der unzutreffenden Begr\u00fcndung, die \u00abFrauenfrage\u00bb sei gel\u00f6st. Die <em>schenotdel<\/em> war eine aktive Sektion der kommunistischen Partei, die sich mit politisch wie gesellschaftlich f\u00fcr Frauen relevanten Angelegenheiten befasste. W\u00e4hrend aus parteilicher Perspektive die Rekrutierung von Frauen und deren Eingliederung in eine neue Ordnung im Vordergrund standen, setzten sich Frauen innerhalb der\u00a0<em>schenotdel<\/em> auch stark f\u00fcr eine Sozialpolitik ein, die es ihnen erleichtern sollte, Probleme in der neuen Gesellschaftsstruktur zu bew\u00e4ltigen.((Vgl. Scheide, Frauen und die Revolution, Dekoder 2017.)) Die Schliessung dieser Sektion erfolgte mutmasslich aus einem Mangel an Interesse. Im ersten F\u00fcnfjahresplan von 1929 lag der Fokus auf industriellem Wachstum. Soziale Anliegen wurden durch die Ressourcenkonzentration auf das wirtschaftliche Vorankommen in den Hintergrund gedr\u00e4ngt; ausserdem galt Stalin selbst nie als Bef\u00fcrworter der Organisation.((Vgl. Corigliano, Encyclopedia of Russian Women\u2019s Movements, S.188\u2013190.))<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_618\" aria-describedby=\"caption-attachment-618\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Salute-to-women-of-Stalins-era-to-happy-citizens-of-Soviet-country-1937.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-618 size-large\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Salute-to-women-of-Stalins-era-to-happy-citizens-of-Soviet-country-1937-1024x666.jpg\" alt=\"http:\/\/redavantgarde.com\/en\/collection\/show-collection\/1943-salute-to-women-of-stalin-s-era---to-happy-citizens-of-soviet-country-.html?themeId=55\" width=\"1024\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Salute-to-women-of-Stalins-era-to-happy-citizens-of-Soviet-country-1937-1024x666.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Salute-to-women-of-Stalins-era-to-happy-citizens-of-Soviet-country-1937-350x228.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Salute-to-women-of-Stalins-era-to-happy-citizens-of-Soviet-country-1937-768x500.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Salute-to-women-of-Stalins-era-to-happy-citizens-of-Soviet-country-1937.jpg 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-618\" class=\"wp-caption-text\">Gr\u00fcsst die Frauen der stalinschen Epoche &#8211; die gl\u00fccklichen B\u00fcrgerinnen des sowjetischen Landes (1937). Die Frau tr\u00e4gt zudem ein Sportabzeichen; redavantgarde.com.<\/figcaption><\/figure>\n<p>G<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>leichzeitig wurden juristische Versch\u00e4rfungen eingef\u00fchrt, die ein traditionelles Familienbild wieder neu etablieren sollten. Mutterschaft war insofern nicht nur eine pers\u00f6nliche Angelegenheit, sondern geradezu eine politische Pflicht. Entsprechend hoch wurde das Wohlergehen der geborenen Kinder bewertet.((Vgl. Chatterjee, Soviet Heroines and the Language of Modernity, S.60.)) Im Zuge der Gleichstellungsbestrebungen um 1917 und 1920 war die Geburtenrate rapide gesunken. In den 1930er-Jahren ging sie zur\u00fcck auf weniger als ein Kind pro Frau. Um dem entgegenzuwirken, wurde 1936 die Abtreibung wieder kriminalisiert und das Scheidungsgesetz versch\u00e4rft.((Vgl. Kosterina, Genderpolitik in Russland, S.2.)) Die Gew\u00e4hrleistung von \u00abNachwuchssowjet*kas\u00bb wurde nicht nur auf rechtlicher Basis zu reglementieren versucht, sondern auch propagandistisch vorangetrieben. So erhielt beispielsweise das Abtreibungsverbot das Siegel \u201c<u>g<\/u>l\u00fcckliches Mutterschaftsrecht\u201d.((Vgl. Attwood, Creating the New Soviet Woman, S.115.))<br \/>\nDie R\u00fcckkehr zu einer famili\u00e4ren Konservativit\u00e4t hatte aber keineswegs einen R\u00fcckzug der Frauen aus Fabriken und anderen Arbeitsst\u00e4tten zur Folge. Vielmehr wurde von ihnen eine doppelte Funktionalit\u00e4t erwartet.((Vgl. Chatterjee, Soviet Heroines and the Language of Modernity, S.61.))<br \/>\nVon diesen konservativ-rechtlichen R\u00fcckschritten waren \u00fcbrigens nicht nur Frauen betroffen. 1934 wurde auch Homosexualit\u00e4t wieder kriminalisiert und als konterrevolution\u00e4r sowie antisowjetisch diffamiert.((Vgl. Chatterjee, Soviet Heroines and the Language of Modernity, S.3.)) Drei bis f\u00fcnf Jahre Gef\u00e4ngnishaft konnte ein ausgesprochenes Urteil nach sich ziehen.<br \/>\nZu all diesen versch\u00e4rfenden Tendenzen kam hinzu, dass auch sie nicht vom <span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/schauprozesse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Grossen Terror<\/strong><\/a><\/span> verschont blieben. Einerseits haftete das Stigma, eine Angeh\u00f6rige eines verurteilten &#8222;Konterrevolution\u00e4rs&#8220; zu sein, an ihnen, andererseits konnten sie in Sippenhaft genommen werden oder erfuhren im schlimmsten Fall selbst eine Verurteilung. Hinzu kam die st\u00e4ndige Ungewissheit \u00fcber den Verbleib ihrer verhafteten M\u00e4nner, da ihnen von offizieller Seite keine Informationen ausgeh\u00e4ndigt wurden.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Die emanzipatorischen Bestrebungen der vorstalinistischen Sowjetunion sind nicht allein ideologisch, sondern auch ganz klar nutzenorientiert; Frauen wurden durch die erleichterte Zug\u00e4nglichkeit zu Arbeitsm\u00f6glichkeiten nicht nur \u00abbefreit\u00bb, sondern konnten oft auch lediglich als billige Arbeitskr\u00e4fte eingesetzt werden. Bei Fragen der Gleichstellung und der Familienpolitik zeigt sich die reaktion\u00e4re Tendenz des sp\u00e4ten Stalinismus besonders deutlich. Was sich seit der Februarrevolution an (zumindest theoretischen) Frauenrechten etabliert hatte, fiel seit den 1930er-Jahren weitgehend einer wieder zunehmend patriarchalen Sozial- und Machtpolitik zum Opfer.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">[vc_row][vc_column][vc_message message_box_style=&#8220;solid-icon&#8220; message_box_color=&#8220;grey&#8220; icon_type=&#8220;openiconic&#8220; icon_openiconic=&#8220;vc-oi vc-oi-book&#8220;]<strong>Literaturtipp:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000\">Kollontai, Alexandra: Ich habe viele Leben gelebt. Autobiographische Aufzeichnungen, Berlin 1980.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">[\/vc_message][\/vc_column][\/vc_row][vc_column][\/vc_column]<\/span><\/p>\n<h3>von Anja R\u00f6misch<\/h3>\n<p>\u00dcberarbeitung: Florian Wiedemann<br \/>\nTitelbild: Studentinnen am medizinischen Institut in Moskau 1940; russianphoto.ru.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><\/p>\n<p>Attwood, Lynne: Creating the New Soviet Woman. Women\u2019s Magazines as Engineers of Female Identity 1922\u201353, Basingstoke 1999.<\/p>\n<p>Chatterjee, Choi: Soviet Heroines and the Language of Modernity 1930\u201339. In: Ilic, Melanie (Hg.): Women in the Stalin Era, London 2001, S.49-68.<\/p>\n<p>Corigliano, Noonan \/ Nechemias, Carol (Hg.): Encyclopedia of Russian Women\u2019s Movements. Westport 2001.<\/p>\n<p>Davies, Sarah. \u2018A Mother\u2019s Cares\u2019 Women Workers and Popular Opinion in Stalin\u2019s Russia 1934\u201341. In: Ilic, Melanie (Hg.): Women in the Stalin Era, Basingstoke 2001, S.89-109.<\/p>\n<p>Fieseler, Beate: Alexandra Kollontai. In: Dekoder 2019, &lt;<a href=\"https:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/alexandra-kollontai-feminismus-sozialismus-revolution\">https:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/alexandra-kollontai-feminismus-sozialismus-revolution<\/a>&gt; [Stand: 01.01.2022].<\/p>\n<p>Goldman, Weny: Babas at the Bench. Gender Conflict in Soviet Industry in the 1930s, in: Ilic, Melanie (Hg.): Women in the Stalin Era, London 2001, S,69-88.<\/p>\n<p>K\u00f6bberling, Anna. Aktuelle Str\u00f6mungen der russischen Frauenbewegung. In: Osteuropa 44\/6,1994, S.566-577.<\/p>\n<p>Kosterina, Irina: Ist die Genderpolitik in Russland konservativ? In: RUSSLAND-ANALYSEN NR. 338, 07.07.2017, S.2-5.<\/p>\n<p>Petrone, Karen: Between Exploitation and Empowerment. Soviet Women Negotiate Stalinism, in: Lim, Jie-Hyun \/ Petrone, Karen (Hg.): Gender Politics and Mass Dictatorship, Basingstoke 2010.<\/p>\n<p>Reich, Norbert: Oktoberrevolution und Recht. In: Kritische Justiz 4\/2, 1971.<\/p>\n<p>Scheide, Carmen: Frauen und die Revolution. In: Dekoder 2017, &lt;<a href=\"https:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/frauen-revolution-kollontai-bolschewiki\">https:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/frauen-revolution-kollontai-bolschewiki<\/a>&gt; [Stand: 02.01.2022].<\/p>\n<hr \/>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Russland erk\u00e4mpften sich die Frauen 1917 grundlegende Gleichberechtigung. Tats\u00e4chlich brachten \u00fcberwiegend sie die Februarrevolution von 1917 durch ihren Protest am 23. Februar (nach neuer Zeitrechnung am 8. M\u00e4rz, dem Weltfrauentag) ins Rollen.<\/p>\n","protected":false},"author":484,"featured_media":438,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,28,25],"tags":[],"class_list":{"0":"post-316","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesellschaft","8":"category-kultur","9":"category-stalinismus","10":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/users\/484"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=316"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":997,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/316\/revisions\/997"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media\/438"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}