{"id":240,"date":"2021-09-06T15:19:32","date_gmt":"2021-09-06T15:19:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?p=240"},"modified":"2022-01-31T14:54:44","modified_gmt":"2022-01-31T14:54:44","slug":"industrialisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/","title":{"rendered":"Industrialisierung &#8211; Stalins Umbau des Agrarstaates"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p><em>Die Bolschewiki \u00fcbernahmen 1917 einen Agrarstaat, dessen Bev\u00f6lkerung zu rund 85% auf dem Land lebte und in der Landwirtschaft t\u00e4tig war. Der Industrialisierung des ehemaligen Zarenreiches massen sie eine zentrale Bedeutung bei. In ihr sahen sie die einzige M\u00f6glichkeit, sich in einem kapitalistischen internationalen Umfeld behaupten zu k\u00f6nnen.<\/em><br \/>\n<em>Die russische Industrie lag zwar bez\u00fcglich Produktivit\u00e4t und technischer Innovation weit hinter der westeurop\u00e4ischen zur\u00fcck, entwickelte sich aber seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in grossen Schritten. Ausl\u00e4ndische Investitionen und enorme Getreideexporte beg\u00fcnstigten die Kapitalbeschaffung und damit den industriellen Aufschwung, der sich vorwiegend auf die Schwerindustrie konzentrierte. Verglichen mit dem \u00fcbrigen Europa war das Russische Reich 1913 nach wie vor auf einem mittleren Entwicklungsstand, konnte aber bereits grosse Erfolge erzielen. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung j\u00e4h, und erst ein knappes Jahrzehnt nach der Macht\u00fcbernahme der Bolschewiki befand sich das Wachstum wieder auf dem Vorkriegsniveau. Unter Stalin erfuhr die industrielle Entwicklung einen gewaltigen Schub und erfolgte gleichzeitig mit der Kollektivierung der Landwirtschaft. Grosse Entbehrungen und Opfer in der Bev\u00f6lkerung wurden dabei in Kauf genommen.<\/em><\/p>\n<h3><strong>Der erste F\u00fcnfjahresplan<\/strong><\/h3>\n<p>Noch w\u00e4hrend der liberaleren <span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/neue-oekonomische-politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Wirtschaftsphase<\/strong> der NEP<\/a><\/span> wurden die zentrale Planung der Industrie und der ihr zugrundeliegende F\u00fcnfjahresplan ausgearbeitet. Die angestrebte Planwirtschaft sollte damit auch das Ende der NEP bedeuten. Eine Parteikonferenz verabschiedete den ersten F\u00fcnfjahresplan (1928-1933) im April 1929, wobei dieser Plan mit dem urspr\u00fcnglichen, gem\u00e4ssigteren Wachstumsplan nicht mehr viel zu tun hatte. Den entscheidenden Unterschied erkl\u00e4rt Kirstein: \u00ab\u2026 Planung [bedeutete] ausdr\u00fccklich nicht \u2018Vorhersage auf der Basis vorhandener statistischer Erkenntnis \u00fcber die k\u00fcnftige Entwicklung der Wirtschaft\u2019, sondern Planung war, losgel\u00f6st von den Beschr\u00e4nkungen des Marktes, Zielsetzung in die Richtung einer sozialistischen Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft.\u00bb((Kirstein, Die Bedeutung von Durchf\u00fchrungsentscheidungen, S. 14.))<br \/>\nDer F\u00fcnfjahresplan war also nicht mehr nur auf die Steigerung der Wirtschaftsleistung ausgelegt, sondern verfolgte auch das Ziel einer Transformation der Sozialstruktur. Da sich der Sozialismus \u00fcberwiegend auf ein Proletariat st\u00fctzte, musste sich ein solches in der Sowjetunion erst noch richtig entfalten und gleichzeitig der Zentrale unterworfen werden. Ebenso sollten nun konsequent alle \u00dcberbleibsel der kapitalistischen Ordnung, die w\u00e4hrend der NEP noch in gewissen Z\u00fcgen Bestand hatte, beseitig werden. Dazu z\u00e4hlte auch das Geldsystem, dessen Substitution durch Arbeitseinheiten angeregt wurde.((Vgl. Haumann, Geschichte und Gesellschaftssystem der Sowjetunion, S.52.))<br \/>\nMit der administrativen Planung wurde <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Staatliche Plankommission beim Rat f\u00fcr Arbeit und Verteidigung.\"><span style=\"color: #ff0000\">GOSPLAN<\/span><\/span> betraut. GOSPLAN entstand 1921 als Suborganisation der <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Staatliche Kommission zur Elektrifizierung Russlands.\"><span style=\"color: #ff0000\">GOELRO<\/span><\/span>, die f\u00fcr die Neustrukturierung der Volkswirtschaft und die Elektrifizierung der Sowjetunion zust\u00e4ndig war. Deren T\u00e4tigkeit erachtete Lenin als elementar f\u00fcr den Sozialismus und propagierte einst: \u00abKommunismus &#8211; das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.\u00bb<sup><a href=\"#footnote_1_240\" id=\"identifier_1_240\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Vgl. Haumann, Glossar, S.31f.\">1<\/a><\/sup> Der technischen Modernisierung des Staates wurde demnach der h\u00f6chste Wert beigemessen. Nach der Herrschaftsstabilisierung der Bolschewiki konnte nun also mit dem Umbau der Wirtschaft begonnen werden.<br \/>\nTrotz der allgemeinen Zustimmung f\u00fcr eine zentralisierte Wirtschaft herrschte innerhalb der bolschewistischen Elite Uneinigkeit \u00fcber die Umsetzung. W\u00e4hrend die als Genetiker bezeichneten Wissenschaftsexperten den ersten F\u00fcnfjahresplan als utopisch erachteten und einen langsamen \u00dcbergang aus der NEP propagierten, setzten sich die \u00abPartei-Teleologen\u00bb f\u00fcr den schnellen Umbruch ein. Ganz im Sinne von Marx erachteten die Letztgenannten die sozialistische Planwirtschaft als vorbestimmt und wollten keine Zeit mehr verlieren.((Vgl. Hildermeier, Sowjetunion 1917-1991, S.32.))<\/p>\n<figure id=\"attachment_551\" aria-describedby=\"caption-attachment-551\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-551 size-full\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041a-15-\u043b\u0435\u0442\u0438\u044e-\u041e\u043a\u0442\u044f\u0431\u0440\u044f-ruphoto.jpg\" alt=\"https:\/\/russiainphoto.ru\/search\/photo\/years-1922-1949\/?tag_tree_ids=14666&amp;page=3&amp;paginate_page=3&amp;index=10\" width=\"800\" height=\"537\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041a-15-\u043b\u0435\u0442\u0438\u044e-\u041e\u043a\u0442\u044f\u0431\u0440\u044f-ruphoto.jpg 800w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041a-15-\u043b\u0435\u0442\u0438\u044e-\u041e\u043a\u0442\u044f\u0431\u0440\u044f-ruphoto-350x235.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/\u041a-15-\u043b\u0435\u0442\u0438\u044e-\u041e\u043a\u0442\u044f\u0431\u0440\u044f-ruphoto-768x516.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-551\" class=\"wp-caption-text\">Propagandaplakat zum 15. Jahrestag der Oktoberrevolution von 1932; russianphoto.ru.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Die Schrecken der forcierten Industrialisierung<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr die nachholende Industrialisierung der Sowjetunion ben\u00f6tigten Stalin und sein Planungskomitee Devisen, die sie gr\u00f6sstenteils mit dem Export von Getreide einnahmen. Stalin rechnete damit, dass die UdSSR, \u00e4hnlich wie das russische Zarenreich bereits zuvor, wieder zu einem zentralen Spieler auf dem globalen Getreidemarkt werden w\u00fcrde. Vor diesem Hintergrund wurden Exportquoten festgelegt, die angesichts der tiefen Produktionsleistungen unrealistisch hoch waren. Die geplanten Einnahmen konnten trotz Requirierungsz\u00fcgen und Exportsteigerung (von 1,3 Mio. Tonnen 1929 auf 4,8 Mio. Tonnen 1930) nicht generiert werden, auch weil sich gleichzeitig der weltweite Getreidepreis im Fall befand.((Vgl. Luks, Geschichte Russlands und der Sowjetunion, S. 266.)) Die Konsequenz der Exportpolitik war, dass sich der Lebensstandard und die Versorgungslage der russischen Bev\u00f6lkerung dramatisch verschlechterte. Besonders in der Ukraine und Kasachstan f\u00fchrte dieses Vorgehen, das mit der <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/kollektivierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kollektivierungspolitik <\/a><\/span><\/strong>und der Rekrutierung von Arbeitern in den Kolchosen einherging, zu Hungersn\u00f6ten mit vielen Todesopfern.((Vgl. Luks, Geschichte Russlands und der Sowjetunion, S. 267.)) Bei all dem wurde die Industrialisierung zus\u00e4tzlich mit \u00abg\u00fcnstigen\u00bb Zwangsarbeitern vorangepeitscht. Besonders in den unwirtlichen Gegenden Sibiriens wurden h\u00e4ufig <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/archipel-gulag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">politische H\u00e4ftlinge eingesetzt<\/a><\/span><\/strong>, die unter widrigsten Bedingungen Pionierarbeit leisteten.<\/p>\n<p>Von Beginn an lagen die geplanten Produktionsquoten und die Entwicklung der Industrie, die sich vorwiegend auf die sehr arbeitsintensive Schwerindustrie konzentrierte, hinter den Zielen zur\u00fcck. Dies war auch der Tatsache geschuldet, dass der Startpunkt r\u00fcckwirkend auf Oktober 1928 festgelegt wurde. Mangel an Rohstoffen und Fachwissen taten ihr \u00dcbriges. Hildermeier meint dazu: \u00abZweifellos schuf Stalins neuer Kurs in kurzer Zeit wichtige Grundlagen f\u00fcr die Industrialisierung der Sowjetunion, aber der Preis von Hast und Zwang war hoch.\u00bb((Hildermeier, Sowjetunion 1917-1991, S,33.))<br \/>\nUm dem Arbeitermangel entgegenzutreten und die Produktionsleistung zu steigern, f\u00fchrte die Regierung die ununterbrochene Arbeitswoche ein, um so einen Produktionsstillstand zu verhindern. Auf f\u00fcnf Arbeitstage folgte jeweils ein (nach Belegschaftsgruppen gestaffelter) Ruhetag. Dies vergr\u00f6sserte den Widerstand der Arbeiterschaft, die bereits \u00fcber die mangelhafte Konsumg\u00fcterversorgung murrte.((Vgl. Loren, Sozialgeschichte der Sowjetunion, S.222f.)) Die Partei schenkte diesem Umstand wenig Beachtung. Zudem f\u00fchrte der von oben ausge\u00fcbte Druck zu einem regelrechten \u00dcberbietungskampf um die h\u00f6chsten Zuwachsraten. Die Statistiken wurden dabei h\u00e4ufig an die Pl\u00e4ne angepasst, was zu noch unrealistischeren Zielvorgaben f\u00fchrte.((Vgl. Kirstein, Die Bedeutung von Durchf\u00fchrungsentscheidungen, S.14.)) Stalin bef\u00f6rderte diese verzerrten Wahrnehmung zus\u00e4tzlich, als er 1932 kurzerhand erkl\u00e4rte, dass der erste F\u00fcnfjahresplan schon nach vier Jahren erf\u00fcllt worden sei \u2013 und gleichzeitig den zweiten verk\u00fcndete.<\/p>\n<p><em>[vc_toggle title=&#8220;<\/em>Quelle: <strong>Stalins Bericht \u00fcber d<\/strong><strong>ie Ergebnisse des ersten F\u00fcnfjahrplans von Januar 1933<\/strong><em>&#8220; custom_font_container=&#8220;tag:h3|text_align:left&#8220; custom_use_theme_fonts=&#8220;yes&#8220; use_custom_heading=&#8220;true&#8220;] Gehen wir nun zur Frage des F\u00fcnfjahrplans selbst \u00fcber.<br \/>\nWas ist der F\u00fcnfjahrplan?<br \/>\nWorin bestand die grundlegende Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans?<br \/>\nDie grundlegende Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans bestand darin, unser Land mit seiner r\u00fcckst\u00e4ndigen, mitunter mittelalterlichen Technik auf die Bahnen der neuen, der modernen Technik \u00fcberzuleiten.<br \/>\nDie grundlegende Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans bestand darin, die UdSSR aus einem Agrarland, einem machtlosen, von den Launen der kapitalistischen L\u00e4nder abh\u00e4ngigen Land in ein Industrieland, in ein m\u00e4chtiges, v\u00f6llig selbst\u00e4ndiges und von den Launen des internationalen Kapitalismus unabh\u00e4ngiges Land zu verwandeln.<br \/>\nDie grundlegende Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans bestand darin, durch Verwandlung der UdSSR in ein Industrieland die kapitalistischen Elemente restlos zu verdr\u00e4ngen, die Front der sozialistischen Wirtschaftsformen zu erweitern und die \u00f6konomische Basis f\u00fcr die Aufhebung der Klassen in der UdSSR, f\u00fcr die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft zu schaffen.<br \/>\nDie grundlegende Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans bestand darin, in unserem Lande eine Industrie zu schaffen, die imstande sein w\u00fcrde, nicht allein die ganze Industrie, sondern auch das Verkehrswesen und die Landwirtschaft auf der Grundlage des Sozialismus neu auszur\u00fcsten und zu reorganisieren.<br \/>\nDie grundlegende Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans bestand darin, die kleine und zersplitterte Landwirtschaft auf die Bahnen des kollektiven Grossbetriebs \u00fcberzuleiten, dadurch die \u00f6konomische Basis des Sozialismus im Dorfe sicherzustellen und auf diese Weise die M\u00f6glichkeit der Wiederherstellung des Kapitalismus in der UdSSR zu beseitigen.<br \/>\nSchliesslich bestand die Aufgabe des F\u00fcnfjahrplans darin, im Lande alle notwendigen technischen und \u00f6konomischen Voraussetzungen zu schaffen, um die Verteidigungskraft des Landes maximal zu heben und so die Organisierung der entschiedenen Abwehr aller und jeglicher Versuche einer milit\u00e4rischen Intervention von aussen, aller und jeglicher Versuche eines milit\u00e4rischen \u00dcberfalls von aussen zu erm\u00f6glichen.<br \/>\n[\u2026]\nDie Verwirklichung eines solchen grandiosen Plans kann jedoch nicht aufs Geratewohl in Angriff genommen werden. Um einen solchen Plan zu verwirklichen, musste man vor allem das Hauptkettenglied des Plans finden, denn erst als das Hauptkettenglied gefunden und erfasst worden war, konnten auch alle \u00fcbrigen Kettenglieder des Plans nachgezogen werden.<br \/>\nWorin bestand das Hauptkettenglied des F\u00fcnfjahrplans?<br \/>\nDas Hauptkettenglied des F\u00fcnfjahrplans bestand in der Schwerindustrie mit ihrem Herzst\u00fcck, dem Maschinenbau. Denn nur die Schwerindustrie ist imstande, sowohl die gesamte Industrie als auch das Verkehrswesen und die Landwirtschaft zu rekonstruieren und auf die Beine zu stellen.<br \/>\nDie Verwirklichung des F\u00fcnfjahrplans musste denn auch mit der Schwerindustrie begonnen werden. <\/em><\/p>\n<p>&#8211; Stalin, Josef: Die Ergebnisse des ersten F\u00fcnfjahrplans, S.145-192.<\/p>\n[\/vc_toggle]\n<p><a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><\/a><\/p>\n<h3><strong>Die sowjetische Industrialisierung als Erfolgsgeschichte?<\/strong><\/h3>\n<p>Stalin versuchte, die forcierte Industrialisierung und ihre Entbehrungen mit dem Verweis auf eine feindlich gesinnte Umwelt zu legitimieren. Dem ist entgegenzuhalen, dass die Sowjetunion am Ende der 1920er-Jahre stabilisierte Beziehungen zu vielen Staaten Westeuropas unterhielt. Die internationale Intervention w\u00e4hrend des Russischen B\u00fcrgerkriegs und die folgende internationale Isolation Sowjetrusslands geh\u00f6rten l\u00e4ngst der Vergangenheit an, und der Aussenhandelsumsatz war 1929 dreimal so gross wie 1924.((Vgl. Lorenz, Sozialgeschichte der Sowjetunion, S.217.)) Vor allem der Sieg im Zweiten Weltkrieg verlieh dann aber dem Industrialisierungsprozess eine nachtr\u00e4gliche Legitimationsgrundlage, die auch in der Forschung weitgehend Anerkennung findet.((Vgl. Haumann, Geschichte und Gesellschaftssystem der Sowjetunion, S.43f.))<br \/>\nObwohl die Vorgaben des ersten F\u00fcnfjahresplans vorwiegend auf dem Papier erf\u00fcllt wurden und die Produktionsqualit\u00e4t tief blieb, war die ganze Kampagne nicht erfolglos. Tats\u00e4chlich gelang es innert kurzer Zeit, einen modernen industriellen Produktionsapparat mit gigantischen Industriekomplexen zu errichten, der sich bald schon mit jenen in den kapitalistischen L\u00e4ndern messen konnte. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg \u00fcberstieg der Produktionsumfang in der Sowjetunion jenen in den anderen L\u00e4ndern Europas.((Vgl. Lorenz, Sozialgeschichte der Sowjetunion, S.234f.)) Die industrielle Produktion verdr\u00e4ngte schliesslich die agrarische als f\u00fchrenden Produktionszweig. Maschinenbau und Rohstoffverarbeitung \u00fcberwogen deutlich und konnten die innere Nachfrage vorl\u00e4ufig decken. Doch diese kostenintensive, irrationale und ressourcenverschwenderische Entwicklung ging stark zu Lasten der Leichtindustrie und f\u00fchrte zu einer mangelhaften Versorgung der Bev\u00f6lkerung mit Konsumg\u00fctern.((Vgl. Lorenz, Sozialgeschichte der Sowjetunion, S.226f.))<\/p>\n<div id='gallery-1' class='czr-gallery row flex-row czr-gallery-style gallery galleryid-240 gallery-columns-2 gallery-size-medium'><figure class='gallery-item col col-auto'>\r\n                        <div class='gallery-icon portrait czr-gallery-icon'>\r\n                              <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"275\" height=\"350\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_-275x350.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"\" sizes=\"auto, (min-width: 1200px) 540px, (min-width: 992px) 450px, (min-width: 768px) 330px, (min-width: 576px) 240px, calc( 50vw - 30px )\" aria-describedby=\"gallery-1-555\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_-275x350.jpg 275w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_-805x1024.jpg 805w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_-768x977.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_-1207x1536.jpg 1207w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_.jpg 1440w\" \/><div class=\"post-action btn btn-skin-dark-shaded inverted\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/The-Soviets-and-the-electrification-are-the-base-of-the-new-world.-redavantgarde.com_.jpg\" class=\"icn-expand\" data-lb-type=\"grouped-gallery\" title=\"Sowjets und Elektrifizierung sind die Basis der neuen Welt, 1924; redavantgarde.com.\"><\/a><\/div>\r\n                        <\/div>\r\n                              <figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-555'>\r\n                              Sowjets und Elektrifizierung sind die Basis der neuen Welt, 1924; redavantgarde.com.\r\n                              <\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item col col-auto'>\r\n                        <div class='gallery-icon portrait czr-gallery-icon'>\r\n                              <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"275\" height=\"350\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Bundesarchiv_Bild_183-R85625_Sowjetunion_Huettenkombinat_in_Magnitogorsk-e1641131170670-275x350.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_Bild_183-R85625,_Sowjetunion,_H%C3%BCttenkombinat_in_Magnitogorsk.jpg\" sizes=\"auto, (min-width: 1200px) 540px, (min-width: 992px) 450px, (min-width: 768px) 330px, (min-width: 576px) 240px, calc( 50vw - 30px )\" aria-describedby=\"gallery-1-554\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Bundesarchiv_Bild_183-R85625_Sowjetunion_Huettenkombinat_in_Magnitogorsk-e1641131170670-275x350.jpg 275w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Bundesarchiv_Bild_183-R85625_Sowjetunion_Huettenkombinat_in_Magnitogorsk-e1641131170670.jpg 526w\" \/><div class=\"post-action btn btn-skin-dark-shaded inverted\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Bundesarchiv_Bild_183-R85625_Sowjetunion_Huettenkombinat_in_Magnitogorsk-e1641131170670.jpg\" class=\"icn-expand\" data-lb-type=\"grouped-gallery\" title=\"Die Hochofenabteilung des Magnitogorsker H\u00fcttenkombinats, 1929; wikimedia.\"><\/a><\/div>\r\n                        <\/div>\r\n                              <figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-554'>\r\n                              Die Hochofenabteilung des Magnitogorsker H\u00fcttenkombinats, 1929; wikimedia.\r\n                              <\/figcaption><\/figure>\r\n                  <\/div>\n\n<h3><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n<p>Den Bolschewiki verfolgten mit der zentralisierten Planwirtschaft das Ziel, jegliche kapitalistische Organisation zu liquidieren, eine neue Gesellschaft zu bilden und den industriellen und technologischen R\u00fcckstand gegen\u00fcber den westeurop\u00e4ischen Staaten aufzuholen. Inwiefern diese Organisationsform aus \u00f6konomischer Sicht die beste L\u00f6sung war, ist eine Frage, die auch heute noch umstritten ist. Es ist zu erw\u00e4hnen, dass die NEP nur eine langsame Entwicklung der Wirtschaft mit sich brachte, die Kapitalfrage auf dem Land nicht l\u00f6ste und damit auch die Entwicklung der Industrie negativ beeinflusste. Als alternativlos darf die stalinistische Industrialisierung jedoch nicht gelten, da schon in der damaligen Debatte andere wirtschaftliche Organisationsformen zur Diskussion standen.<br \/>\n\u00d6konomisch sind das schnelle Tempo und die drastischen Massnahmen zur Durchf\u00fchrung des ersten F\u00fcnfjahresplans kaum zu rechtfertigen. Das quotenbasierte Vorgehen mutet oftmals irrational, unkontrolliert und wenig nachhaltig an.<br \/>\nTrotz all diesen Unzul\u00e4nglichkeiten kann die forcierte Industrialisierung in manchen Aspekten aber durchaus als Erfolg gewertet werden \u2013 ein Erfolg freilich, dessen ungeheure Kosten letzten Endes die Bev\u00f6lkerung der Sowjetunion trug. Diese bezahlte die \u00f6konomische Entwicklung und den Quotenwahn der Partei mit Entbehrung, Zwang und nicht selten auch mit dem Tod. Die M\u00e4chtigen verf\u00fcgten im Stalinismus r\u00fccksichtslos \u00fcber die Arbeiter, um die Entwicklung in einem gewaltigen Kraftakt voranzutreiben. In einem demokratischen System w\u00e4re eine solche brachiale Transformation undenkbar.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">[vc_row][vc_column][vc_message message_box_style=&#8220;solid-icon&#8220; message_box_color=&#8220;grey&#8220; icon_type=&#8220;openiconic&#8220; icon_openiconic=&#8220;vc-oi vc-oi-book&#8220;]<strong>Literaturtipp:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000\">Scott, John: Jenseits des Urals. Die Kraftquelle der Sowjetunion, Stockholm 1944. <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000\"><a style=\"color: #000000\" href=\"https:\/\/archive.org\/details\/B-001-014-131\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier online verf\u00fcgbar<\/a>[\/vc_message][\/vc_column][\/vc_row][vc_column][\/vc_column]<\/span><\/p>\n<h3>von Johannes Leu<\/h3>\n<p>\u00dcberarbeitung: Florian Wiedemann<br \/>\nTitelbild: Stalinsche metallurgische Fabrik in Donezk, 1927; russianhoto.ru<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><br \/>\nHaumann, Heiko: Geschichte und Gesellschaftssystem der Sowjetunion. Eine Einf\u00fchrung, K\u00f6ln 1977.<\/p>\n<p>Haumann, Heiko: Glossar. Grundlinien und Grundbegriffe der Geschichte Russlands, 2. Erweiterte Fassung, Basel 2002.<\/p>\n<p>Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917-1991, Oldenburg 2016.<\/p>\n<p>Kirstein, Tatjana: Die Bedeutung von Durchf\u00fchrungsentscheidungen in dem zentralistisch verfassten Entscheidungssystem der Sowjetunion; eine Analyse des stalinistischen Entscheidungssystems am Beispiel des Aufbaus von Magnitogorsk (1928-1932), Wiesbaden 1984.<\/p>\n<p>Luks, Leonid: Geschichte Russlands und der Sowjetunion; von Lenin bis Jelzin, Regensburg 2000.<\/p>\n<p>Lorenz, Richard: Sozialgeschichte der Sowjetunion 1, 1917-1945. Frankfurt am Main 1976.<\/p>\n<p>Stalin, Josef: Die Ergebnisse des ersten F\u00fcnfjahrplans. In: Stalin Werke Band 13, Berlin 1955, S.145-192.<\/p>\n<p><strong>Onlineressourcen:<\/strong><br \/>\nNeue \u00d6konomische Politik \u2014 Theoretisches Material. Geschichte, 11. Schulstufe., &lt;<a href=\"https:\/\/www.yaclass.at\/p\/geschichte\/11-schulstufe\/die-zwischenkriegszeit-17827\/russland-18639\/re-d7235011-30b6-4b7f-9353-2ee68573015e\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.yaclass.at\/p\/geschichte\/11-schulstufe\/die-zwischenkriegszeit-17827\/russland-18639\/re-d7235011-30b6-4b7f-9353-2ee68573015e<\/a>&gt; [Stand: 19.10.2020].<\/p>\n<p>Story of cities, The Guardian &lt;<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/cities\/2016\/apr\/12\/story-of-cities-20-the-secret-history-of-magnitogorsk-russias-steel-city\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.theguardian.com\/cities\/2016\/apr\/12\/story-of-cities-20-the-secret-history-of-magnitogorsk-russias-steel-city<\/a>&gt; [Stand: 19.10.2020].<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_240\" class=\"footnote\">Vgl. Haumann, Glossar, S.31f.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_240\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bolschewiki \u00fcbernahmen 1917 einen Agrarstaat, dessen Bev\u00f6lkerung zu rund 85% auf dem Land lebte und in der Landwirtschaft t\u00e4tig war. Der Industrialisierung des ehemaligen Zarenreiches massen sie eine zentrale Bedeutung bei. In ihr sahen sie die einzige M\u00f6glichkeit, sich in einem kapitalistischen internationalen Umfeld behaupten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDie russische Industrie lag zwar bez\u00fcglich Produktivit\u00e4t und technischer Innovation weit hinter der westeurop\u00e4ischen zur\u00fcck, entwickelte sich aber seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in grossen Schritten.<\/p>\n","protected":false},"author":484,"featured_media":552,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,27,25],"tags":[],"class_list":{"0":"post-240","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesellschaft","8":"category-politik","9":"category-stalinismus","10":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/users\/484"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=240"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":981,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions\/981"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media\/552"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}