{"id":181,"date":"2021-09-02T15:52:09","date_gmt":"2021-09-02T15:52:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?p=181"},"modified":"2022-01-31T16:28:58","modified_gmt":"2022-01-31T16:28:58","slug":"tschechoslowakei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/tschechoslowakei\/","title":{"rendered":"Die Tschechoslowakei in Stalins Bann 1945\u20131953"},"content":{"rendered":"<p><em>Nach dem Zweiten Weltkrieg \u00f6ffnete sich f\u00fcr Stalin eine v\u00f6llig neue Welt. Viele Staaten wie Polen, Ungarn, die Slowakei und B\u00f6hmen\/M\u00e4hren, die vorher ganz oder teilweise von Nazi-Deutschland beherrscht worden waren, wurden von der Roten Armee \u201cbefreit\u201d und gelangten so in die sowjetische Einflusssph\u00e4re. Die kommunistischen Parteien dieser L\u00e4nder stiegen nun zu den dominierenden politischen Akteuren auf.<br \/>\nIn der rekonstituierten tschechoslowakischen Republik erlebten die sozialistischen Kr\u00e4fte ebenfalls einen rasanten Aufstieg. Obwohl Stalin diese Kr\u00e4fte vordergr\u00fcndig nur indirekt f\u00f6rderte, wies die Tschechoslowakei bald schon selbst Aspekte des Stalinismus auf. <\/em><\/p>\n<h3><strong>Die Situation nach dem Krieg bis\u00a01948<\/strong><\/h3>\n<p>Nach der deutschen Annexion des Sudetenlandes 1938 und dem Einmarsch der Wehrmacht zerfiel die 1918 gegr\u00fcndete Tschechoslowakische Republik. Es wurde ein formal autonomer, faktisch aber von Deutschland abh\u00e4ngiger slowakischer Staat ausgerufen; und aus dem tschechischen Landesteil entstand das Reichsprotektorat B\u00f6hmen und M\u00e4hren, das unter deutscher Verwaltung stand.((Vgl. \u010eurica, Dejiny Slovenska a Slov\u00e1kov, S.370\u2013371.))<br \/>\nIn den letzten Kriegsjahren formierte sich immer gr\u00f6sserer Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Nach der Eroberung der Slowakei und sp\u00e4ter Tschechiens durch die Rote Armee wurde letzte als \u00abBefreierin\u00bb gefeiert.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S.22.)) Gleichzeitig herrschte in der Tschechoslowakei Entt\u00e4uschung \u00fcber die westlichen Alliierten, da diese im Zuge ihrer <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Europ\u00e4ische Politiker machten Hitler weitgehende Zugest\u00e4ndnissse, in der Hoffnung den Frieden in Europa wahren zu k\u00f6nnen.\"><span style=\"color: #ff0000\">Appeasement-Politik<\/span><\/span> im M\u00fcnchner Abkommen von 1938 Hitler das von Sudetendeutschen bewohnte tschechische Grenzgebiet zugestanden hatten.<br \/>\nStalin seinerseits nahm bereits im M\u00e4rz 1945 Kontakt mit der Exil-Regierung der Tschechoslowakei auf und lud deren Vertreter sowie diejenigen des slowakischen Staates nach Moskau ein. Bei den Gespr\u00e4chen hinter verschlossenen T\u00fcren ging es um die politische Ausgestaltung eines wiederhergestellten tschechoslowakischen Gesamtstaates.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S.36.)) Das Parlament wurde so zusammengesetzt, dass innerhalb einer Grossen Koalition auch die kommunistischen Parteien, die <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Komunistick\u00e1 strana \u010ceskoslovenska\"><span style=\"color: #ff0000\">KS\u010c<\/span> <\/span> und die <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Komunistick\u00e1 strana Slovenska\"><span style=\"color: #ff0000\">KSS<\/span><\/span> vertreten sein sollten. Faktisch war die slowakische KSS der KS\u010c untergeordnet, bildete aber eine eigene Partei. Innerhalb der neu gebildeten Regierung erhielten die Vertreter beider Parteien die einflussreichsten Ministerposten, wie jenen f\u00fcr Bildung und Kultur oder auch f\u00fcr Arbeit und Information. Bei den Wahlen im M\u00e4rz 1946 wurde die KS\u010c zur st\u00e4rksten Partei mit 40% der Stimmen im tschechischen, aber nur 30% der Stimmen im slowakischen Landesteil. Der Erfolg bei den Wahlen spiegelte sich auch in den Mitgliederzahlen wider. Z\u00e4hlte die Partei bis anhin nur etwa 25\u2018000 Mitglieder, waren es 1946 bereits \u00fcber eine Million.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S.37.))<br \/>\nAus den Reden des damaligen Parteivorsitzenden Klement Gottwald geht hervor, dass er nach diesem Wahlerfolg mit dem Gedanken spielte, eine sozialistische Revolution durchzuf\u00fchren, notfalls mittels Waffengewalt. Stalin pfiff Gottwald jedoch zur\u00fcck, indem er sich f\u00fcr den parlamentarisch-demokratischen und somit legitimen Weg zum Sozialismus aussprach, der ohne Blutvergiessen vonstatten gehen sollte. Dabei wollte er einerseits die ohnehin kriegsm\u00fcde Bev\u00f6lkerung nicht gegen sich aufzubringen und andererseits den R\u00fcckhalt der Sozialisten in der Bev\u00f6lkerung nicht nachhaltig schaden.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S.38f.)) Vor diesem Hintergrund definierte Klement Gottwald Anfang 1947 das Ziel, 51% der Stimmen bei den n\u00e4chsten Wahlen im Mai 1948 zu erreichen. Die Folge war eine Radikalisierung der politischen Positionen. Die Kommunisten warfen den Liberalen vor, das Land wieder in den Kapitalismus f\u00fchren zu wollen, w\u00e4hrend die Liberalen umgekehrt die Kommunisten bezichtigten, lediglich Marionetten des Kremls zu sein.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S.56f.)) Eine Entspannung war nicht mehr absehbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_193\" aria-describedby=\"caption-attachment-193\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/benes-v-moskwy.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-193\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/benes-v-moskwy.png\" alt=\"https:\/\/www.rusyn.sk\/protest-proti-ceskoslovensko-sovetske-smlouve\/\" width=\"739\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/benes-v-moskwy.png 794w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/benes-v-moskwy-350x242.png 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/benes-v-moskwy-768x532.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-193\" class=\"wp-caption-text\">Edvard Bene\u0161 (rechts) mit Kalinin (vorne) und Stalin, sowie Marschall der SU Woroschilow bei der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrageszwischen der Sowjetunion und der Tschechoslowakischen (Exil) Republik 1943; rusyn.sk.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Der Februarumsturz\u00a01948<\/strong><\/h3>\n<p>Im Februar 1948 nahm die Eskalation ihren Lauf. Innenministers Vaclav Nosek beschloss, acht nicht-kommunistische Beamte der inneren Sicherheit durch kommunistische Parteimitglieder zu ersetzen. Die Entscheidung sollte von allen Ministern abgesegnet werden, da jedoch Nosek selbst nicht auf der Sitzung erschien, wurde diese verschoben. V\u00f6llig \u00fcberraschend besuchte der stellvertretende Aussenminister der UdSSR Walerian Sorin gleichzeitig die Tschechoslowakei, um sich angeblich \u00fcber Getreidelieferungen der UdSSR zu erkundigen. Sorin sicherte Gottwald angesichts des Widerstands der demokratischen Minister milit\u00e4rische Hilfe der UdSSR zu, was Gottwald aber ablehnte.((Vgl. \u010eurica, Dejiny Slovenska a Slov\u00e1kov, S.599f.))<br \/>\nAm 20. Februar 1948 sollten die Minister \u00fcber das Vorhaben von Innenminister Nosek beraten. Diesmal waren jedoch die nicht-kommunistischen Minister abwesend und legten noch am selben Tag ihr Amt nieder. Damit verlor die Regierung einen Grossteil ihrer Minister und somit ihre Handlungsf\u00e4higkeit.<br \/>\nDie KS\u010c nutzte die Gunst der Stunde. Gem\u00e4ss Verfassung w\u00e4ren Neuwahlen zur Regierungsbildung n\u00f6tig gewesen. Die KS\u010c warf den anderen Parteien jedoch antidemokratisches Verhalten vor und erachtete die Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Gottwald auch ohne die demokratischen Minister f\u00fcr rechtm\u00e4ssig. Um den Druck zu erh\u00f6hen, mobilisierte die Partei ihre Anh\u00e4nger in den wichtigsten Zentren des Landes. Tausende gingen auf die Strasse. Pr\u00e4sident Edvard Bene\u0161 wurde mit Briefen aus der Bev\u00f6lkerung \u00fcberflutet. Sie alle forderten den Verbleib der Regierung unter Gottwald.((Vgl. \u010eurica, Dejiny Slovenska a Slov\u00e1kov, S.600.)) Zwischen dem 20. und 25. Februar fanden intensive Diskussionen zwischen der KS\u010c und Bene\u0161 statt. Schlussendlich best\u00e4tigte der Staatspr\u00e4sident Gottwalds neue kommunistische Regierung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_186\" aria-describedby=\"caption-attachment-186\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/slansky-KSC_1948.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-186\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/slansky-KSC_1948.png\" alt=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Marie_%C5%A0vermov%C3%A1_tribuna_%C3%9AV_KS%C4%8C_1948.png\" width=\"730\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/slansky-KSC_1948.png 944w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/slansky-KSC_1948-350x210.png 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/slansky-KSC_1948-768x460.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/slansky-KSC_1948-200x120.png 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-186\" class=\"wp-caption-text\">Sl\u00e1nsk\u00fd (2.v.l) und Gottwald (3.v.l.) auf der Tagung des Zentralkomittees der KS\u010c 1948; commons.wikimedia.org.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><strong>Die Verfassung von 1948<\/strong><\/h3>\n<p>Mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung wurde bereits nach den Wahlen von 1946 begonnen. Die Verfassungskommission bestand aus 36 Abgeordneten aus allen Parteien. Am 9. Mai 1948 wurde die Verfassung schliesslich der Nationalversammlung vorgelegt und einstimmig angenommen. Es waren nur 246 von den 300 Abgeordneten anwesend.((Vgl. Lammich, Die Verfassung der Tschechoslowakei, S. 13.)) Pr\u00e4sident Edvard Bene\u0161 verweigerte die Unterschrift und trat am 2. Juni 1948 zur\u00fcck. Sein Nachfolger wurde Klement Gottwald, der sich nun daran machte, in der Tschechoslowakei ein stalinistisches System einzuf\u00fchren und sich ganz im Sinne des Personenkultes zu pr\u00e4sentieren wusste.((Vgl. \u010eurica, Dejiny Slovenska a Slov\u00e1kov, S.608.))<\/p>\n[vc_toggle title=&#8220;Quelle: Deklaration zur Verfassung der Tschechoslowakischen Republik 1948&#8243; custom_font_container=&#8220;tag:h3|text_align:left&#8220; custom_use_theme_fonts=&#8220;yes&#8220; use_custom_heading=&#8220;true&#8220;]\n<p><em>Wir, das tschechoslowakische Volk, erkl\u00e4ren, dass wir fest entschlossen sind, unseren befreiten Staat als Volksdemokratie aufzubauen, die uns den friedlichen Weg zum Sozialismus sichert.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir sind entschlossen, die Errungenschaften unserer nationalen und demokratischen Revolution mit all unseren Kr\u00e4ften gegen alle Machenschaften der in- und ausl\u00e4ndischen Reaktion zu verteidigen, wie wir es durch unser Auftreten zur Verteidigung der volksdemokratischen Ordnung im Februar 1948 vor der ganzen Welt aufs Neue bewiesen haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir geloben einander, dass unsere beiden Nationen gemeinsam und Hand in Hand an diesem gro\u00dfen Werk arbeiten und damit an die fortschrittlichen und humanistischen Traditionen unserer Geschichte ankn\u00fcpfen werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Tschechen und Slowaken, zwei Brudernationen, Mitglieder der gro\u00dfen Familie des Slawentums, haben bereits vor einem Jahrtausend gemeinsam in einem Staat gelebt und gemeinsam aus dem Osten die h\u00f6chste Sch\u00f6pfung der damaligen Kultur aufgenommen \u2014 das Christentum. Als erste in Europa haben sie in der Hussitischen Revolution die Ideen der Meinungsfreiheit, der Volksherrschaft und der sozialen Gerechtigkeit an ihre Fahnen geheftet.<\/em><\/p>\n<p><em>Jahrhundertelang haben das tschechische und das slowakische Volk gegen die feudalen Ausbeuter und gegen die deutsche Dynastie der Habsburger f\u00fcr ihre soziale und nationale Befreiung gek\u00e4mpft. Die Ideen der Freiheit, des Fortschritts und der Humanit\u00e4t waren die leitenden Ideen unserer beiden Nationen, als sie im 19. Jahrhundert dank dem gemeinsamen Wirken der aus dem Volk hervorgegangenen slowakischen und tschechischen Aufkl\u00e4rer zu neuem Leben auferstanden. Unter der gleichen Fahne f\u00fchrten beide Nationen auch im Ersten Weltkriege den gemeinsamen Abwehrkampf gegen den deutschen Imperialismus und errichteten, begeistert von der Gro\u00dfen Oktoberrevolution, nach jahrhundertelanger Unterjochung am 28. Oktober 1918 ihren gemeinsamen Staat, die demokratische Tschechoslowakische Republik.<\/em><\/p>\n<p><em>Bereits damals, w\u00e4hrend dieses ersten Freiheitskampfes, sehnte sich unser Volk, geleitet von dem gro\u00dfen Vorbild des revolution\u00e4ren Kampfes der russischen Arbeiter und Bauern, nach einer besseren Gesellschaftsordnung, nach dem Sozialismus. Diese fortschrittlichen, an unsere besten Traditionen ankn\u00fcpfenden Bestrebungen wurden aber nach kurzer Zeit dadurch vereitelt, da\u00df es nach der Spaltung der Arbeiterbewegung im Dezember 1920 einer zahlenm\u00e4\u00dfig kleinen Schicht von Kapitalisten und Gro\u00dfgrundbesitzern gelang, der demokratischen Verfassung zum Trotz die fortschrittliche Entwicklung in unserer Republik r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem mit allen seinen \u00dcbeln, namentlich mit den Schrecken der Arbeitslosigkeit, zum Siege zu verhelfen.<\/em><\/p>\n<p><em>Als unseren beiden Nationen dann durch die neue imperialistische Expansion in Gestalt des verbrecherischen deutschen Faschismus wiederum Verderben drohte, beging \u2014 wie einst in der\u00a0 <span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Bennant nach dem b\u00f6hmischen Kirchenreformer Jan Hus, der die tschechische Liturgiesprache einf\u00fchrte und 1415 auf dem Konzil von Konstanz zum Tode verurteilt wurde. In der Folge brachen die Hussitenkriege aus, die sich gegen den katholischen Adel richteten.\"><span style=\"color: #ff0000\">Hussitischen Revolution<\/span><\/span> der Herrenadel \u2014 nunmehr die Bourgeoisie als die herrschende Klasse Verrat am Volk. Im Augenblick der h\u00f6chsten Gefahr verb\u00fcndete sie sich mit dem Feind gegen das eigene Volk und erm\u00f6glichte es damit dem Weltimperialismus, seine Widerspr\u00fcche durch das sch\u00e4ndliche \u00dcbereinkommen von M\u00fcnchen auf Kosten unserer beiden Nationen vor\u00fcbergehend auszugleichen.<\/em><\/p>\n<p><em>So wurde dem alten Feind der Weg zum heimt\u00fcckischen \u00dcberfall auf unseren friedliebenden Staat frei gemacht, wobei ihm die Nachfahren der fremden Kolonisten, die unter uns ans\u00e4ssig waren und nach unserer Verfassung alle demokratischen Rechte im gleichen Ma\u00dfe wie wir genossen, eifrig halfen. W\u00e4hrend der furchtbaren Ereignisse des zweiten Weltkrieges erhoben sich unsere beiden Nationen zum Befreiungskampf, der nach ungez\u00e4hlten Opfern unserer Besten und dank der Hilfe der Verb\u00fcndeten, vor allem der slawischen Gro\u00dfmacht, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, mit dem slowakischen und tschechischen Aufstand der Jahre 1944 und 1945 in der nationalen und demokratischen Revolution unseres Volkes seinen H\u00f6hepunkt erreichte und mit der Befreiung Prags durch die Rote Armee am 9. Mai 1945 sein siegreiches Ende\u00a0fand.<\/em><\/p>\n<p><em>Nunmehr haben wir beschlossen, dass unser befreiter Staat ein Nationalstaat sein soll, der, ledig aller feindlichen Elemente, in enger Verbundenheit mit der Familie der slawischen Staaten und in Freundschaft mit allen friedliebenden Nationen der Welt leben wird. Wir wollen, dass es ein Staat der Volksdemokratie sei, in dem sich das Volk nicht nur durch seine Vertreter die Gesetze gibt, sondern in dem es diese durch seine Vertreter auch selbst vollzieht. Wir wollen, dass es ein Staat sei, in dem die gesamte Wirtschaft dem Volke dient und so geleitet wird, dass der allgemeine Wohlstand st\u00e4ndig w\u00e4chst, dass es keine Wirtschaftskrisen gibt und dass das Nationaleinkommen gerecht verteilt wird. Auf diesem Wege wollen wir zu einer Gesellschaftsordnung gelangen, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen v\u00f6llig beseitigt sein wird \u2014 zum Sozialismus.<\/em><\/p>\n<p><em>In diesem Sinne setzen wir im zweiten Teil dieser Verfassung die Grundartikel fest, legen deren Einzelheiten im dritten Teil dar und gedenken, auf diese Weise der Rechtsordnung unserer Volksdemokratie eine feste Grundlage zu\u00a0geben.<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Tschechoslowakisches Informationsministerium (Hg.): Die Verfassung der Tschechoslowakischen Republik, Prag 1948, (\u00fcbersetzt von Dr. E. Kleinschnitz).<\/p>\n[\/vc_toggle]\n<h3><strong>Repression und Terror \u2014 tschechoslowakischer Stalinismus von 1948\u20131953<\/strong><\/h3>\n<p>Nach dem 9. Mai 1948 entwickelte sich die Tschechoslowakische Republik allm\u00e4hlich zu einem Ein-Parteien-Staat. De jure galt sie weiterhin als Demokratie, jedoch sahen sich die nicht-kommunistischen Parteien Verfolgung und Repression ausgesetzt. Nicht nur in der Politik wurden potenzielle Feinde beseitigt oder mundtot gemacht. In den Jahren von 1948 bis 1954 wurden rund 90\u2018000 Zivilisten vor Gericht gestellt und rund 22\u2018000 in eines der 107 Arbeitslager im Land deportiert.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S. 65.)) Die staatliche Sicherheit StB war das wichtigste Instrument beim Aufsp\u00fcren von Klassenfeinden und Erzwingen von Gest\u00e4ndnissen. In diesen Belangen stand die Sowjetunion unter Stalin beziehungsweise der <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/07\/schauprozesse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grosse Terror der 30er-Jahren<\/a><\/span><\/strong> nicht nur Pate, sondern entsandte auch \u00abSpezialisten\u00bb. Diese hatten weitgehende Befugnisse und brachten den tschechoslowakischen Agenten effektivere Verh\u00f6rmethoden bei.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S. 67.)) Verfolgt wurden nun auch eigene Parteigenossen. \u00c4hnlich wie in Moskau, kam es in Prag zu politischen Schauprozessen. Ein ber\u00fchmtes Opfer dieser Prozesse wurde der vormalige Generalsekret\u00e4r und stellvertretende Ministerpr\u00e4sident Rudolf Sl\u00e1nsk\u00fd. Die Anklage und das Urteil sollen sogar von Stalin selbst abgesegnet worden sein. Sl\u00e1nsk\u00fd wurde zusammen mit 14 weiteren Parteimitgliedern des Hochverrats angeklagt; er selbst und ein Grossteil der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt.((Vgl. McDermott, Communist Czechoslovakia, S. 67f.)) Das Interesse der Bev\u00f6lkerung wie auch der internationalen Medien war gross, wobei viele den Prozess als politisch motiviert betrachteten.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_189\" aria-describedby=\"caption-attachment-189\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-189\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101-1024x879.jpg\" alt=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Letna-park._Eur%C3%B3pa_legnagyobb,_30_m%C3%A9teres_Szt%C3%A1lin_szobra_volt_(%C3%A1llt_1962-ig)._Ma_egy_25_m%C3%A9teres,_m%C5%B1k%C3%B6d%C5%91_metron%C3%B3m_van_a_hely%C3%A9n._Fortepan_7365.jpg?uselang=de\" width=\"800\" height=\"687\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101-1024x879.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101-350x301.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101-768x659.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101-1536x1319.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/files\/2021\/09\/Letna-park._Europa_legnagyobb_30_meteres_Sztalin_szobra_volt_allt_1962-ig._Ma_egy_25_meteres_mukoedo_metronom_van_a_helyen._Fortepan_7365-e1641384964101.jpg 1571w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-189\" class=\"wp-caption-text\">Stalin-Monument im Prager Letna-Park. Das Denkmal wurde 1962 gesprengt; commons.wikimedia.org.<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n<p>Offiziell mischte sich Stalin fast nie in die inneren Angelegenheiten der Tschechoslowakei ein &#8211; und wenn, dann eher m\u00e4ssigend. Trotzdem ist offensichtlich, dass sich die tschechoslowakische Regierung unter der KS\u010c sehr stark an Stalins Politik und an den Interessen Moskaus orientierte. Der deutsche Historiker Dietmar Neutatz verglich die Verh\u00e4ltnisse in der Tschechoslowakei mit jenen in der UdSSR und kam zum Schluss, dass im Falle der \u010cSSR nicht von einem hundertprozentigen Stalinismus auszugehen ist. Es habe sich vielmehr um eine partielle Stalinisierung gehandelt. So liessen sich mit Blick auf den Personenkult, Schauprozesse und regelm\u00e4ssigen S\u00e4uberungen in der Partei klare Parallelen zum sowjetischen Vorbild finden. Im Bereich der Wirtschaft seien die tschechoslowakischen Kommunisten eine gem\u00e4ssigtere Linie gefahren, auch weil das Land &#8211; <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/industrialisierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">im Gegensatz zur Sowjetunion<\/a><\/span><\/strong> &#8211; bereits im Besitz einer funktionierenden Industrie war und<strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/06\/kollektivierung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> die Kollektivierung der Landwirtschaft<\/a><\/span><\/strong> kaum umsetzbar war.((Vgl. Neutatz, Klartext, S. 108\u2013110.))<br \/>\nDie Tschechoslowakei war f\u00fcr die UdSSR als Industrieland wichtig, ebenso in strategischen und sicherheitspolitischen Belangen. Wie die anderen Satellitenstaaten bildete sie eine Pufferzone zu den Westm\u00e4chten. So hatte Moskau jederzeit ein Interesse an einer stabilen kommunistischen Regierung. Eine Abweichung vom Kurs wurde nicht toleriert, wie etwa die Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings f\u00fcnfzehn Jahre nach Stalins Tod, <strong><span style=\"color: #ff0000\"><a style=\"color: #ff0000\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/2021\/09\/02\/tschechoslowakei\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">trotz der folgenden Periode der Entstalinisierung<\/a><\/span><\/strong>, noch einmal schmerzhaft verdeutlichte.<\/p>\n<h3>von Vincent Arnold<\/h3>\n<p>\u00dcberarbeitung: Florian Wiedemann<br \/>\nTitelbild: Gottwald und Stalin auf einem Propagandaplakat von 1953; muzeum20stoleti.cz.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><strong>Literaturangaben:<\/strong><\/p>\n<p>\u010eurica, Milan S.: Dejiny Slovenska a Slov\u00e1kov. V \u010dasovej n\u00e1slednosti faktov dvoch tis\u00edcro\u010d\u00ed, Bratislava 2003.<\/p>\n<p>Lammich, Siegfried: Die Verfassung der Tschechoslowakei. In: Quellen zur Rechtsvergleichung; Die Gesetzgebung der sozialistischen Staaten 20, Berlin 1981.<\/p>\n<p>McDermott, Kevin: Communist Czechoslovakia, 1945\u201389. A Political and Social History, London 2015.<\/p>\n<p>Neutatz, Dietmar: Stalinismus in der Tschechoslowakei? In: Ruzicka, Thomas (Hg.): Mensch und Medizin in totalit\u00e4ren und demokratischen Gesellschaften. Beitr\u00e4ge zu einer tschechisch-deutschen Tagung der Universit\u00e4ten Prag und D\u00fcsseldorf, Essen 2001, S. 101\u2013110.<\/p>\n<p>Tschechoslowakisches Informationsministerium (Hg.): Die Verfassung der Tschechoslowakischen Republik, Prag 1948, (\u00fcbersetzt von Dr. E. Kleinschnitz).<\/p>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg \u00f6ffnete sich f\u00fcr Stalin eine v\u00f6llig neue Welt. 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