{"id":699,"date":"2022-01-06T21:42:46","date_gmt":"2022-01-06T21:42:46","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital1\/?page_id=699"},"modified":"2022-02-20T21:10:24","modified_gmt":"2022-02-20T21:10:24","slug":"stalinismusforschung-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/stalindigital\/stalinismusforschung-2\/","title":{"rendered":"STALINISMUSFORSCHUNG"},"content":{"rendered":"<p>Wie in der Geschichtswissenschaft \u00fcblich, blieb auch die Forschung zur stalinistischen \u00c4ra nicht frei von Kontroversen und anhaltenden Diskussionen, die sich in den letzten Jahrzenten durch mehrere Paradigmenwechsel manifestierten. Als grundlegendes Untersuchungsobjekt galt vorwiegend das Verh\u00e4ltnis zwischen Staat und Gesellschaft. Die Konzeption dieses Verh\u00e4ltnisses pr\u00e4gte schliesslich die historischen Forschungsans\u00e4tze ausserhalb der Sowjetunion und wirkte sich nicht zuletzt auf die Begriffsdefinitionen von \u00abStalinismus\u00bb aus.<\/p>\n<h3><strong>Begriffsdefinition \u201eStalinismus\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>Eine aktuelle Begriffsdefinition, die vor allem in der deutschsprachigen Forschung gel\u00e4ufig ist und auch diesem Projekt zu Grunde lag, lieferte J\u00f6rg Baberowski. Dieser hat den Stalinismus als \u00abeine Form personalisierter, terroristischer Herrschaft totalit\u00e4ren Anspruchs\u00bb beschrieben, \u00abdie unter den Bedingungen sozio-\u00f6konomischen Wandels, ethnisch-kultureller Konflikte, institutioneller Unterentwicklung und gesellschaftlicher Mobilisierung entstand\u00bb.<sup><a href=\"#footnote_1_699\" id=\"identifier_1_699\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Vgl. Baberowski, Wandel und Terror, S.128f.\">1<\/a><\/sup> Damit sind zugleich die wesentlichen Fragen der j\u00fcngeren Stalinismusforschung benannt:<br \/>\n&#8211; Wie l\u00e4sst sich das sowjetische Herrschaftssystem unter Stalin charakterisieren?<br \/>\n&#8211; Welche Rolle spielte die Person Stalins, welche Bedeutung kommt bestimmten Techniken der Macht zu (Bsp. Terror)?<br \/>\n&#8211; Welche gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Entwicklungen erm\u00f6glichten den Stalinismus oder resultierten aus ihm?<br \/>\n&#8211; Wie ver\u00e4nderte sich der Alltag der Menschen und welche Formen des kulturellen Wandels sind fassbar?<\/p>\n<p>Diese Fragen dienten den Beitr\u00e4gen auf Stalindigital als Leitlinien und sollten den Studierenden helfen, das Ph\u00e4nomen des Stalinismus in manchen seiner Teilaspekte zu ergr\u00fcnden.<\/p>\n<h3><strong>Forschungsans\u00e4tze im Wandel der Zeit<\/strong><\/h3>\n<p>Auch wenn die Forschungsans\u00e4tze sich \u00fcber die letzten sechs Jahrzehnte \u00e4nderten, enth\u00e4lt jedes Paradigma zutreffende Erkenntnisse. Eine isolierte Betrachtungsweise behinderte bisweilen aber den Blick auf den ganzen Komplex des Stalinismus. Erst die aktuell gel\u00e4ufige Kombination dieser Erkenntnisse vermag es, die verschiedenen Teilaspekten zu erkl\u00e4ren und damit das Ph\u00e4nomen im Ganzen \u2013 wenn auch lange nicht abschliessend.<\/p>\n<p>Besonders in der vorsowjetischen Russlandhistorie fand der Staat h\u00e4ufig eine Repr\u00e4sentation in Form einer uneingeschr\u00e4nkt herrschenden Pers\u00f6nlichkeit. Diesem Zaren stand eine breite, passive Masse gegen\u00fcber, die sich vergleichsweise sp\u00e4t und wenig erfolgreich zu emanzipieren versuchte. Dieser Umstand pr\u00e4gte dann auch einen Teil der Forschenden, die in Stalins Herrschaft eine direkte Kontinuit\u00e4t zur zarischen Herrschaft erblickten (Robert Tucker).((Vgl. Emeliantseva, Einf\u00fchrung in die Osteurop\u00e4ische Geschichte, S.266.)) In manchen Aspekten wies der Stalinismus durchaus gewisse, wenn auch nicht intendierte, Parallelen zur Zarenzeit auf.<\/p>\n<p>In dieses Paradigma, das die Gesellschaft gesamthaft als absent erachtete und damit den Fokus auf die herrschende Nomenklatura legte, reihten sich bisweilen auch die Vertreter der Totalitarismustheorie ein. Diese Herrschaftstypologie hatte vor allem nach der Niederlage Nazideutschlands Hochkonjunktur. Gleichzeitig wurde versucht, Stalins Sowjetunion in das Totalitarismusparadigma einzuordnen, wobei f\u00fcr die Forscher das Sowjetsystem sogar noch eher dem totalit\u00e4ren Idealtypus entsprach als das Dritte Reich.(( Vgl. Vollnhals, Totalitarismusbegriff im Wandel.))<br \/>\nIn der Theorie gr\u00fcndete der totalit\u00e4re Herrschaftsstil auf dem Machtmonopol eines kleinen F\u00fchrungszirkels. Dabei erhebt die ideologisch basierte Herrschaft die volle Verf\u00fcgungsgewalt auf das gesamte gesellschaftliche Leben und duldete weder Abweichungen noch individuelle Entfaltung (Richard Pipes, Hannah Arendt, Zbigniew Brzezinski). Besonders f\u00fcr Arendt wurde das Mittel des Terrors zum zentralen Instrument des totalit\u00e4ren Stalinismus, mit dem es w\u00e4hrend des \u201eGrossen Terrors der 30er-Jahren\u201c gelang, die Gesellschaft in eine apathische Masse zu spalten (\u201eAtomisierung der Gesellschaft\u201c). Arendt verband das Totalit\u00e4re direkt mit der Person Stalins. Der Tod des Diktators 1953 und den Unwillen der neuen F\u00fchrung, Stalins Kurs beizubehalten, unterstrich Arendts Ansichten und bedeutete dann konsequenterweise auch das Ende des totalit\u00e4ren Sowjetregimes, das sich in eine repressive Diktatur wandelte.(( Vgl. Vollnhals, Totalitarismusbegriff im Wandel.))<br \/>\nGem\u00e4ss Baberowski \u00fcbte das Regime nie eine totalit\u00e4re Kontrolle der Gesellschaft aus. Oftmals zerbrachen die Vorstellungen an der Realit\u00e4t, die nicht zuletzt auch der gering wurzelnden Sowjetherrschaft in entlegenen Gebieten geschuldet war. In diesem Sinne kann eher von \u201etotalit\u00e4rem Anspruch\u201c gesprochen werden, der mit einer brutalen Erziehungsdiktatur und Terror einherging. Eine komplette Umsetzung in Form eines totalit\u00e4ren Systems vermochte aber der Stalinismus nicht zu bewerkstelligen.(( Vgl. Baberowski, Terror und Wandel, S.9 und S.14.))<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gesellschaftlichen Dynamiken blieben im totalit\u00e4ren Forschungsansatz weitgehend ausser Acht. Erst nach 1960 gerieten diese Dynamiken als determinierend f\u00fcr den Stalinismus in den Fokus der sogenannten Revisionisten (Sheila Fitzpatrick, Moshe Levin). Die Revisionisten erkannten einen \u201eStalinismus von unten\u201c, einen Stalinismus, der auf lokalen Initiativen basierte. Dabei wurde die ausufernde Gewalt zu einer Begleiterscheinung, die es den tieferen Ebenen erm\u00f6glichte, eine gewisse Macht auf die Herrschaftselite auszu\u00fcben und diese zu einer anerkennenden Reaktion zwang. Damit wurde eine Atmosph\u00e4re der Gewalt und Denunziation geschaffen, in der sich profitorientierte Mitl\u00e4ufer zu bewegen, und die ihnen offenbarten Aufstiegsm\u00f6glichkeiten zu nutzen wussten. Ein grosses Problem dieser Konzeption war, dass Stalins Wirken nachtr\u00e4glich als nicht direkt auf seine Person zur\u00fcckzuf\u00fchrend, sondern als Reaktion auf bestehendes, relativiert wurde.((Vgl. Emeliantseva, Einf\u00fchrung in die Osteurop\u00e4ische Geschichte, S.266.)) Tats\u00e4chlich ist diese destruktive Atmosph\u00e4re, in der die Gewalt als profanes und legitimes Mittel erschien, direkt auf Stalin als Urheber zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das Individuum an sich wurde in diesem Umfeld aber zu einem Multiplikator und verlieh der Gewalt eine gewisse Eigendynamik. Die Kontrolle entglitt dem Herrscher aber nie. Als Beleg f\u00fcr Stalins duldende Oberhand dienen die unz\u00e4hligen Erschiessungslisten, die von ihm oder seinen Vertrauten gegengezeichnet wurden.(( Vgl. Baberowski, Terror und Wandel, S.11f.))<\/p>\n<p>Als eine wichtige Einsch\u00e4tzung Baberowskis z\u00e4hlt, dass er in Stalin keinen Zyniker der Macht erkannte. Diese Beurteilung trifft seiner Meinung auch auf Lenin zu. Beide Schreibtischt\u00e4ter glaubten an den heilbringenden Kommunismus. Dem menschlichen Leid, das die Umsetzung ihrer Ideologie forderte, massen sie aber keinerlei Bedeutung zu.<br \/>\nIm Stalinismus erkannte Baberowski sogar eine Inszenierung des permanenten Chaos, um die totalen Anspr\u00fcche der Partei zu begr\u00fcnden und die Umgestaltung der Gesellschaft voranzutreiben.((Vgl. Baberowski, Terror und Wandel, S.10-12.))<\/p>\n<h3><strong>Literaturvorschl\u00e4ge:<\/strong><\/h3>\n<p>Arendt, Hannah: Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft. 3 B\u00e4nde, Frankfurt am Main 1975.<\/p>\n<p>Baberowski, J\u00f6rg: Wandel und Terror. Die Sowjetunion unter Stalin 1928-1941: Ein Literaturbericht, in: Jahrb\u00fccher f\u00fcr Geschichte Osteuropas 43\/1, 1995, S.97-129.<\/p>\n<p>Brzezinski, Zbigniew K.: Totalitarian Dictatorship and Autocracy. Cambridge 1966.<\/p>\n<p>Fitzpatrick, Sheila: Everyday Stalinism. Ordinary Life in Extraordinary Times, Soviet Russia in the 1930s, Oxford 1999.<\/p>\n<p>Levin, Moshe: The Making of the Soviet System. Essays in the Social History of Interwar Russia, London 1985.<\/p>\n<p>Pipes, Richard: Russland vor der Revolution. Staat und Gesellschaft im Zarenreich. M\u00fcnchen 1984.<\/p>\n<p>Tucker, Robert C.: Stalin in Power. The Revolution from Above, 1928\u20131941, New York 1992.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><\/p>\n<p>Baberowski, J\u00f6rg: Wandel und Terror. Die Sowjetunion unter Stalin 1928-1941: Ein Literaturbericht, in: Jahrb\u00fccher f\u00fcr Geschichte Osteuropas 43\/1, 1995, S.97-129.<\/p>\n<p>Emeliantseva, Ekaterina\/Malz, Ari\u00e9\/Ursprung, Daniel: Einf\u00fchrung in die Osteurop\u00e4ische Geschichte. Z\u00fcrich 2008.<\/p>\n<p>Vollnhals, Clemens: Der Totalitarismusbegriff im Wandel. In: Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung &lt;https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/29513\/der-totalitarismusbegriff-im-wandel?p=all&gt;; [Stand: 04.02.2022].<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_699\" class=\"footnote\">Vgl. Baberowski, Wandel und Terror, S.128f.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_699\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in der Geschichtswissenschaft \u00fcblich, blieb auch die Forschung zur stalinistischen \u00c4ra nicht frei von Kontroversen und anhaltenden Diskussionen, die sich in den letzten Jahrzenten durch mehrere Paradigmenwechsel manifestierten. Als grundlegendes Untersuchungsobjekt galt vorwiegend das Verh\u00e4ltnis zwischen Staat und Gesellschaft. 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