{"id":7412,"date":"2021-12-10T15:51:29","date_gmt":"2021-12-10T14:51:29","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/?p=7412"},"modified":"2023-07-06T09:44:35","modified_gmt":"2023-07-06T07:44:35","slug":"dostojewskis-russische-idee-michail-shishkin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2021\/12\/10\/dostojewskis-russische-idee-michail-shishkin\/","title":{"rendered":"Dostojewskis \u00abrussische Idee\u00bb \u2013 Michail S\u0441his\u0441hkin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>DOSTOJEWSKIS \u00abRUSSISCHE IDEE\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Beginn ein kurzes Quiz. Woher stammt das folgende Zitat?<\/p>\n<p>\u201eRussland braucht keine Predigt (davon hat es genug geh\u00f6rt), keine Gebete (auch davon gab es genug), sondern das Erwachen eines Gef\u00fchls der Menschenw\u00fcrde, die viele Jahrhunderte durch den Dreck gezogen wurde, des Rechts und des Gesetzes, nicht wie die Kirche es vorschreibt, sondern gem\u00e4\u00df dem gesunden Menschenverstand und der Gerechtigkeit, und eine strenge Ausf\u00fchrung dieser Gesetze. Stattdessen bietet Russland den schrecklichen Anblick eines Landes, wo es nicht nur keinerlei Pers\u00f6nlichkeitsrechte gibt, keinerlei Garantien f\u00fcr Ehre und Eigentum, sondern nicht einmal eine polizeiliche Ordnung; es gibt nur einen riesigen Zusammenschluss von Dieben und R\u00e4ubern.\u201c<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen die Antwort aus zwei Optionen w\u00e4hlen:<\/p>\n<ol>\n<li>Aus dem Blog des russischen Oppositionsf\u00fchrers Alexej Navalny;<\/li>\n<li>Aus dem Brief Wissarion Belinskis an Nikolai Gogol.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die richtige Antwort ist die: Die russische Zeit ist eine Schraubenmutter mit gerissenem Gewinde. Die Zeit Russlands dreht seit Jahrhunderten durch, und jede neue Generation sieht sich mit den gleichen Problemen und den gleichen \u201eewigen verfluchten russischen Fragen\u201c konfrontiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Vorlesen dieses verbotenen Briefes von Belinski vor einem Kreis junger Leute wurde Dostojewski zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1849 vor das Erschie\u00dfungskommando gef\u00fchrt, aber in letzter Minute begnadigt. So begann sein Leidensweg nach Sibirien und weiter zu seinen Romanen der Weltliteratur.<\/p>\n<p>Seine \u201ef\u00fcnf Elefanten\u201c erst\u00fcrmten Europa in k\u00fcrzester Zeit und brachten dem Autor unz\u00e4hlige Bewunderer. Der Erfolg war \u00fcberw\u00e4ltigend, es gibt wohl keine anderen Romane mit einem vergleichbaren Bekanntheitsgrad wie \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c oder \u201eDie Br\u00fcder Karamasow\u201c \u2013 bis heute.<\/p>\n<p>Was vermochte westliche Leser in diesen tausendseitigen W\u00e4lzern so zu fesseln? Sicher die Spannung eines Krimis. Dostojewski versteht es, die Spannung ins Unertr\u00e4gliche zu zerdehnen, Leser und M\u00f6rder zusammenzuschwei\u00dfen. Der Autor zielt skrupellos auf mitrei\u00dfende Wirkung, nichts bleibt unversucht: unz\u00e4hlige Skandale, endlose Eklat-Kaskaden, Verleumdungen, b\u00f6sartige Entlarvungen, verf\u00fchrerische Femmes fatales mit hysterischen Anf\u00e4llen, Geldverbrennung, Vatermord, blutige Verschw\u00f6rungen, Kindersch\u00e4ndung. Die Durchschnittstemperatur der handelnden Personen liegt au\u00dferhalb der Skala, jeder ist gekr\u00e4nkt, l\u00e4uft mit entz\u00fcndeten Nerven umher, pendelt zwischen Wut und Demut. In diesen Romanen stinken verwesende Heilige, gute Menschen schlagen mit \u00c4xten alten Weibern Sch\u00e4del ein, aus S\u00fcndern werden Erleuchtete, man zelebriert die Selbsterniedrigung, man k\u00fcsst am Ende nicht die Frau, sondern die Erde. Man badet im Pathos, in einer explosiven Mischung aus engelhafter Erhabenheit und satanischer Niedrigkeit, in der psychologischen Raffinesse des B\u00f6sen. Literaturwissenschaftler w\u00fcrden zur Entr\u00e4tselung der ungeheuren Wirkungskraft dieser Prosa noch die Polyphonie hinzuf\u00fcgen, einen durch Michail Bachtin eingef\u00fchrten Begriff. In den Romanen von Dostojewski gibt es kein allsehendes und allwissendes Autorenauge, hier ist alles unklar, zerknittert, falsch und verd\u00e4chtig. Es gibt keine zuverl\u00e4ssigen Quellen, jeder erz\u00e4hlt die eigene Wahrheit oder L\u00fcge und die Leser m\u00fcssen das Chaos aller m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Spekulationen, Ger\u00fcchte, Vermutungen, L\u00fcgen entwirren.<\/p>\n<p>Und das alles wird trotzdem nicht reichen, um den kolossalen Eindruck zu ergr\u00fcnden, welchen Dostojewski auf die westlichen Leser hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Da gibt es noch etwas. Auf jeder Seite atmet eine unsichtbare, doch zwischen den Zeilen \u00e4u\u00dferst sp\u00fcrbare und tastbare handelnde Person, die in keinem westlichen Roman des 19. Jahrhunderts so lebendig und greifbar erscheint. Gott.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte Satz \u201eGott ist tot\u201c \u2013 ist keine Beschw\u00f6rung oder Verzweiflung, blo\u00df pure Analyse der europ\u00e4ischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Einen der zahlreichen Totenscheine hat bereits der junge Hegel ausgestellt, indem er schrieb, die Religion der neuen Zeit beruhe auf diesem Gef\u00fchl: \u201eGott selbst ist tot\u201c. Da verbirgt sich die eigentlich schockierende Wirkung Dostojewskis auf aufgekl\u00e4rte westliche Leser:\u00a0 Er lie\u00df sie in seinen Romanen auf eine verzweifelte, leidenschaftliche Suche nach dem lebendigen Glauben los. Darin liegt die Magie des gro\u00dfen russischen Schriftstellers: Dostojewski lie\u00df Christus auferstehen.<\/p>\n<p>Alle Romane von Dostojewski haben nur ein Sujet: Der Schriftsteller zeigt Menschen, die zum Glauben an Christus kommen. F\u00fcr ihn ist es das Einzige, was z\u00e4hlt. Alle handelnden Personen laufen auf ihren Irrwegen herum, aber in eine Richtung.<\/p>\n<p>Dostojewski und seine Avatare in den Romanen leben in der Vorahnung einer Katastrophe. Der blutige russische B\u00fcrgerkrieg begann nicht erst nach dem bolschewistischen Umsturz 1917, sondern mehrere Generationen fr\u00fcher. Er tobte mit voller Wucht auf den Barrikaden der russischen Gem\u00fcter und es war nur eine Frage der Zeit, wann der erbitterte Ideenkampf zu Geiselerschie\u00dfungen eskalieren wird.<\/p>\n<p>Bereits die \u201efortschrittlichen\u201c Zeitgenossen Gogols riefen das Volk zur Revolution auf. Gogol fragte Russland in seinem Poem: \u201eRussland-Troika, wohin treibst du, gib Antwort!\u201c Und er ahnte bereits, dass die Troika nicht der gl\u00fccklichen Zukunft zu-, sondern in den Abgrund fliegt.<\/p>\n<p>Gogol sah die einzige Rettung im Glauben. Der russische Mensch, sei er auch so nichtig und widerlich wie Tschitschikow, kann in sich Christus finden und durch Demut und Leiden zu neuem Leben geboren werden. Und das ist der einzige Weg, Russland umzugestalten. Das war der Sinn der \u201eToten Seelen\u201c, die christliche Wiedergeburt des Menschen zu zeigen. Gogol hat sich selbst daf\u00fcr geopfert, das wichtigste Buch seines Lebens zu schreiben, er sp\u00fcrte in sich die Berufung, seinen Landsleuten eine lebendige Seele einzuhauchen. Seine Feder sollte das Tote lebendig machen, den Weg zur L\u00e4uterung zeigen. Der Schurke und Gauner Tschitschikow sollte im dritten, ungeschriebenen Band der \u201eToten Seelen\u201c durch die Leiden in der sibirischen Katorga zu seiner Neugeburt in Christo kommen und durch die Umkehr zu Gott Gnade finden.<\/p>\n<p>Dostojewski folgt Gogol: nur die christliche Wiedergeburt eines jeden kann Russland retten &#8211; keine Verfassung, keine demokratische Umgestaltung, keine Revolution. \u00dcber die menschliche Substanz gab sich Gogol keinen falschen Einbildungen hin, er glaubte deshalb nicht an Bildung, weder an technische noch soziale Innovationen, sondern nur an die Wirkung der Glaubensgnade. Das \u00f6ffentliche B\u00f6se kann nur in christlicher Demut besiegt werden. Zuerst Christus in der eigenen Seele finden, erst dann kann die Gesellschaft verbessert werden. Ohne innere Verkl\u00e4rung wird es keine soziale Transformation geben. Gogol schrieb an Belinski: \u201eDas G\u00e4ren im Inneren wird von keiner Verfassung gel\u00f6st werden. Die Gesellschaft entwickelt sich selbst, die Gesellschaft besteht aus Einzelnen. Es ist n\u00f6tig, dass jeder Einzelne seine Pflicht erf\u00fcllt&#8230; Wir m\u00fcssen den Menschen daran erinnern, dass er kein Vieh ist, sondern der hohe B\u00fcrger eines himmlischen Reiches. Solange er nicht das Leben eines himmlischen B\u00fcrgers lebt, wird auch auf der Erde keine Ordnung einkehren.\u201c Diese Erkenntnis wurde zum Eckstein von Dostojewskis \u201erussischer Idee\u201c.<\/p>\n<p>\u201eSie wollen eine zweite Bibel schreiben\u201c, sagte ein Bekannter zu Gogol. Er scheiterte, verbrannte sein Buch. Dostojewski wagte einen neuen grandiosen Versuch. Dostojewski f\u00fchlte in sich die ungeheure Sch\u00f6pferkraft und die Berufung, sein Evangelium zu erschaffen und Russland vor dem Abgrund zu retten. Die \u201ef\u00fcnf Elefanten\u201c sind der kaum bewusste Versuch, den dritten Band der \u201eToten Seelen\u201c zu schreiben. Seine B\u00fccher sollten den Weg zu Christus, zum wahren Glauben zeigen, sie sollten neues Leben in die toten Seelen einhauchen.<\/p>\n<p>Dabei geht Dostojewski einen entscheidenden Schritt weiter. Das richtige, vom \u00dcbel gereinigte Christentum soll nicht nur Russland, sondern die ganze Welt retten. Es stellt sich nun die Frage: wenn nur Christus die Menschheit erl\u00f6sen wird, dann welcher Christus? Was tun mit den verschiedenen Christent\u00fcmern?<\/p>\n<p>In seinem ber\u00fchmten \u201ePhilosophischen Brief\u201c aus dem Jahr 1837 schrieb Peter Tschaadajew, der als erster russischer Philosoph gilt: \u201eWir sind ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Isoliert von der \u00fcbrigen Menschheit, fehlt uns jede eigene Entwicklung, jeder wirkliche Fortschritt. Von den Ideen der Pflicht, der Gerechtigkeit und der Ordnung, welche die Atmosph\u00e4re des Westens ausmachen, sind wir ganz unber\u00fchrt [\u2026] Die Vorsehung scheint uns v\u00f6llig \u00fcbergangen zu haben. Wir besitzen ein riesengro\u00dfes Land \u2013 aber geistig sind wir vollst\u00e4ndig unbedeutend, eine L\u00fccke in der Weltordnung.\u201c Das \u201everh\u00e4ngnisvolle Schicksal\u201c Russlands sei auf die Abschottung vom Westen durch die Spaltung der Kirche zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Orthodoxie habe Russland von Europa getrennt und in eine geistige und intellektuelle Sackgasse getrieben. Mit dem Anschluss an das tote byzantinische Christentum habe das Land den Kontakt zum lebendigen Westen Europas verloren. \u201eEin unheilvolles Geschick trieb uns, im elenden Byzanz [\u2026] die geistige Ordnung zu suchen, die die Grundlage unserer Erziehung sein sollte.\u201c<\/p>\n<p>Der orthodoxen Monarchie stie\u00df er damit heimt\u00fcckisch einen Dolch in den R\u00fccken. Nach der Ver\u00f6ffentlichung dieses Briefes wurde Tschaadajew von Nikolaus I. offiziell f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt. Das war der eigentliche Beginn der Spaltung im russischen Selbstbewusstsein. Die Westler haben im Orthodoxen Christentum B\u00fcrde und Schicksalsfluch gesehen, die Slawophilen \u2013 gl\u00fcckliche Eigenartigkeit und Chance.<\/p>\n<p>Dostojewski war \u00fcberzeugt, nur der orthodoxe Glaube bewahre das wahre Bild Christi, nur das russische Volk habe die Reinheit des Glaubens \u2013 die Orthodoxie \u2013 auch unter den Leiden der Tatarenherrschaft gerettet. Seiner \u00dcberzeugung nach lag das Heil der Welt im unverf\u00e4lschten, urt\u00fcmlichen Glauben der einfachen russischen Bauern. Christus habe sich nur in der Ostkirche erhalten, denn der Katholizismus habe die Ideale des Christentums um der irdischen Macht willen verraten.<\/p>\n<p>Dostojewski war nicht der erste, der auf diese \u201erussische Idee\u201c kam.<\/p>\n<p>\u201eDas zerfallene Europa braucht ein Zentrum, das kann nur das russische Volk sein, das politisch und geistig \u00fcber die andern herrscht.\u201c \u2013 schrieb Iwan Kirejewski, der Autor des 1852 erschienenen Essays \u201e\u00dcber das Wesen der europ\u00e4ischen Kultur und ihr Verh\u00e4ltnis zur russischen\u201c. Der Autor dieses Nachrufs auf den Westen, wie auch andere Slawophile, hatte selbst lange Jahre seines Lebens in den Hauptst\u00e4dten Westeuropas zugebracht, war bestens vertraut mit deren Sprachen, Literaturen und ihrer Geisteswelt. Kirejewski hatte nach Studienjahren bei Hegel in Berlin und Schelling in M\u00fcnchen die Zeitschrift \u201eDer Europ\u00e4er\u201c herausgegeben und sich durchaus als Westler ge\u00e4u\u00dfert. Der deutsche philosophische Genius weckte die schlummernde russische Seele. Bald wurde ein Minderwertigkeitskomplex junger russischer Philosophen an den deutschen Universit\u00e4ten in einer Art Kompensation von russischem Grandiosit\u00e4t- und \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl abgel\u00f6st. Die russische Philosophie entstand als Opposition zum \u00abfremdl\u00e4ndischen\u00bb Denken.<\/p>\n<p>Denken kann jeder f\u00fcr sich allein, nicht aber glauben. Kirejewski betonte den Unterschied zwischen westlicher und russischer Philosophie: \u00abDort Spaltung der Kr\u00e4fte des Verstandes &#8211; hier Streben nach einer lebendigen Vereinigung\u00bb. Diesen Glaubensbegriff haben die Slawophilen zur Vorstellung der \u00absobornost\u00bb weiterentwickelt.<\/p>\n<p>Kirijewski, Absolvent der besten deutschen Universit\u00e4ten, sah den westlichen Ungeist mit Schrecken in Russland einziehen. Alles, was einer vollst\u00e4ndigen Entfaltung der Orthodoxie entgegenstehe, behindere auch die Entfaltung des russischen Volkes sowie dessen Wohlergehen, es verletze die Seele Russlands, es zerst\u00f6re seine moralische, gesellschaftliche und politische Gesundheit.<\/p>\n<p>Dostojewski entwickelt die \u201erussische Idee\u201c bis zu ihrer logischen Schlussfolgerung (zu der eigentlich bereits der M\u00f6nch Filofei, Starez des Pskower Klosters im 16. Jahrhundert in seinen Briefen an den Zaren kam): Die historisch bedingte Aufbewahrung des wahren Glaubens ausschlie\u00dflich in Russland, im \u201edritten Rom\u201c, macht die Russen zum neuen von Gott auserw\u00e4hlten Volk. Dessen Mission ist es nun, die Menschheit zu erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Der Protopope Awwakum, F\u00fchrer der russischen Altgl\u00e4ubigen wurde nach Sibirien verbannt und 1682 schlie\u00dflich auf dem Scheiterhaufen verbrannt, seine Aufzeichnungen sind ein Manifest des christlichen Leidensweges und der Bereitwilligkeit ihn bis zum Ende zu gehen: \u201eM\u00f6gen die Erbarmenswertesten um Christi willen leiden! Mag es unter dem Beistand Gottes geschehen! So ist es ja bestimmt: Um des Christenglaubens willen m\u00fcssen wir wieder und wieder leiden. Hast du, Protopope, einst den Umgang mit gro\u00dfen Herren gesucht, so dr\u00fccke dich jetzt auch nicht vor dem Leiden und halte aus bis zum Ende. Denn es steht ja geschrieben: Nicht der Anfang ist selig, sondern das Ende.\u201c<\/p>\n<p>Wie ein einzelner Mensch zu Christus nur durch Leiden komme, meint Dostojewski, so komme auch die Nation, so habe auch das russische Volk es durch seine Leiden \u201everdient\u201c, den wahren Christus der Welt gegen\u00fcber zu vertreten. Das Leiden als bewusste Hinwendung zum Jenseits stelle einen Weg der L\u00e4uterung dar. Die blutige erbarmungslose Geschichte Russlands ist f\u00fcr Dostojewski ein wichtiger Beweis f\u00fcr die Auserw\u00e4hltheit der Russen. \u201eIch glaube, das wichtigste, das wesentlichste geistige Bed\u00fcrfnis des russischen Volkes ist das Bed\u00fcrfnis, immer und unaufh\u00f6rlich, \u00fcberall und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infiziert zu sein. Der Strom der Leiden flie\u00dft durch seine ganze Geschichte; er kommt nicht nur von \u00e4u\u00dferen Schicksalsschl\u00e4gen, sondern entspringt der Tiefe des Volksherzens. Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss.\u201c (Aus \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c, 1873).<\/p>\n<p>Die \u201erussische Idee\u201c Dostojewskis entsteht und entfaltet sich w\u00e4hrend seiner erzwungenen Europareise 1867-1871 (er fl\u00fcchtete vor seinen Gl\u00e4ubigern). Der Schriftsteller sucht nun seine Ideen literarisch zu verarbeiten. Ihm schwebt ein gewaltiges Werk vor, ein gro\u00dfes Romanprojekt mit dem Arbeitstitel \u201eAtheismus\u201c. In den Briefen aus Europa hebt er immer wieder hervor: Er versteht dieses Projekt als seine Lebensaufgabe. Es soll ein Werk werden, \u201evor dem meine ganze bisherige literarische Karriere nur Schund und eine Einleitung ist und dem ich mein ganzes weiteres Leben widmen werde.\u201c Das grandiose Werk zerf\u00e4llt in einzelne Texte. Als erster erscheint \u201eDer Idiot\u201c (1868).<\/p>\n<p>Was Dostojewski durch einen seiner Romanprotagonisten aussprechen l\u00e4sst, findet sich oft beinahe wortw\u00f6rtlich auch in seiner Publizistik und ist mithin als sein pers\u00f6nliches Bekenntnis zu lesen. Zum ersten Mal in einem literarischen Text verk\u00fcndet der Schriftsteller seine \u201erussische Idee\u201c urbi et orbi, indem er F\u00fcrst Myschkin mit messianischem Eifer in den Kampf schickt: \u201eDer r\u00f6mische Katholizismus ist sogar schlimmer als der Atheismus [\u2026] Der Atheismus verk\u00fcndet nur die Null, der Katholizismus aber geht weiter: Er verk\u00fcndet den entstellten Christus, den er selbst verleugnet und gesch\u00e4ndet hat, den Gegen-Christus! Er verk\u00fcndet den Antichrist, ich schw\u00f6re es Ihnen! [\u2026] Meine Meinung ist, dass der Katholizismus sogar nicht einmal eine Religion, sondern ganz eindeutig die Fortsetzung des Westr\u00f6mischen Imperiums und dass alles an ihm von dieser Idee beherrscht ist, vom Glauben angefangen. Der Papst hat sich des Erdballs bem\u00e4chtigt, des irdischen Throns, und das Schwert ergriffen; und seither ist alles so geblieben, nur hat sich zum Schwert die L\u00fcge gesellt, Intrige, Betrug, Fanatismus, Aberglaube, b\u00f6ser Wille, das Spiel mit den heiligsten, echtesten, aufrichtigsten, feurigsten Gef\u00fchlen des Volkes und alles, alles wurde gegen Geld, gegen niedrige irdische Macht eingetauscht.\u201c<\/p>\n<p>Dostojewski kommt dahin, die r\u00f6mische Kirche vollst\u00e4ndig zu verwerfen. Er betrachtet das Papsttum als die gr\u00f6\u00dfte destruktive Kraft des Westens, da Rom Christus um des Besitzes irdischer Macht willen verraten und Gott machtpolitisch missbraucht habe.<\/p>\n<p>Der Rationalismus, der Vorl\u00e4ufer des Atheismus sei aus einer \u201eunheiligen\u201c Verbindung des Christentums mit der r\u00f6mischen Staatsidee hervorgegangen. Der Atheismus sei eine Folgeerscheinung des Katholizismus, &#8211; mit diesen Thesen ersch\u00fcttert F\u00fcrst Myschkin die Grundlagen des westlichen Universums: \u201eDer Atheismus ist aus ihm hervorgegangen, aus dem r\u00f6mischen Katholizismus selbst! [\u2026] Er ist die Ausgeburt ihrer Verlogenheit und geistigen Ohnmacht! Atheismus! Bei uns haben erst die h\u00f6heren St\u00e4nde den Glauben verloren [\u2026] die Entwurzelten; aber dort, in Europa, dort beginnen schon gewaltige Massen des Volkes den Glauben zu verlieren \u2013 fr\u00fcher aus Unwissenheit und Verlogenheit und jetzt aus Fanatismus, aus Hass gegen die Kirche und das Christentum.\u201c<\/p>\n<p>Alle rationalen Gesellschaftstheorien, die aus dem Westen nach Russland kommen, w\u00fcrden Russland nur ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzen. Positivismus, Sozialismus, Kapitalismus, Rationalismus, Materialismus seien nur verschiedene Kehrseiten der einen Medaille \u2013 des Atheismus. Immer noch in den Worten Myschkins: \u201eDer Materialismus triumphiert, die blinde, gefr\u00e4\u00dfige Begierde nach pers\u00f6nlicher materieller Versorgung, die Gier nach pers\u00f6nlichem Zusammenscharren des Geldes, und &#8211; der Zweck heiligt die Mittel -: all das wird als h\u00f6chstes Ziel anerkannt, als das Vern\u00fcnftige, als Freiheit, an Stelle der christlichen Idee der Rettung einzig durch engste ethische und br\u00fcderliche Vereinigung der Menschen.\u201c<\/p>\n<p>Im Roman \u201eDer Idiot\u201c wie auch in seiner Publizistik nennt Dostojewski die Idee des Sozialismus in einem Atemzug mit dem Katholizismus und er lehnt sie als menschenverachtende, auf L\u00fcge und Gewalt basierende Herrschaftsideologie vehement ab. \u201eAuch der Sozialismus ist eine Ausgeburt des Katholizismus und des katholischen Wesens!\u201c, predigt weiter der Romanprotagonist. \u201eAuch er ist, wie sein Bruder, der Atheismus, der Verzweiflung entsprungen, um als Antithese, im sittlichen Sinne, zum Katholizismus, die verlorene sittliche Macht der Religion zu ersetzen, um den geistigen Durst der darbenden Menschheit zu stillen und sie nicht durch Christus, sondern ebenfalls durch Gewalt zu erl\u00f6sen! Auch dort ist Freiheit durch Gewalt, Einigung durch Schwert und Blut! \u201eUntersteh dich, an Gott zu glauben! Untersteh dich, Eigentum zu haben! Untersteh dich, eine Pers\u00f6nlichkeit zu sein, Fraternit\u00e9 ou la mort, zwei Millionen K\u00f6pfe!\u201c\u201c<\/p>\n<p>Atheismus und Sozialismus bergen besondere Gefahren f\u00fcr den russischen Menschen. Die Russen mit ihrer Leidenschaft und ihrem \u201egeistigen Durst\u201c seien besonders anf\u00e4llig f\u00fcr diese westlichen Versuchungen. Die Orthodoxie in der russischen Seele l\u00e4sst sich nur durch einen anderen st\u00e4rkeren Glauben ersetzen. F\u00fcrst Myschkin: \u201eWenn einer von uns zum katholischen Glauben \u00fcbertritt, dann muss er gleich Jesuit werden und noch dazu einer von den ganz fanatischen; wird er Atheist, fordert er unbedingt die Ausrottung des Gottesglaubens mit Gewalt, das hei\u00dft, mit dem Schwert. Woher das kommt? [\u2026] Wir werden nicht einfach Atheisten, sondern wir beginnen, an den Atheismus zu glauben, er wird zu einer neuen Religion, und wir merken nicht, dass wir nun an eine Null glauben. So stark ist unser Durst!\u201c<\/p>\n<p>Der wahre Glauben, nach Dostojewski, muss gerettet und verteidigt werden. Den Auserw\u00e4hlungsglauben des alten Israel \u00fcbertr\u00e4gt Dostojewskij auf das russische Volk als dem neuen Israel. Denn das russische Volk habe sein B\u00fcndnis mit Gott geschlossen und sei berufen, dem wahren Christus zu folgen und die Menschheit zu erl\u00f6sen. Auch diesen Gedanken legt Dostojewski in Myschkins Mund: \u201eWir m\u00fcssen Widerstand leisten, und zwar auf das schnellste, auf das schnellste! Unser Christus muss als Schild dem Westen entgegenstrahlen, unser Christus, den wir uns bewahrt und den sie nicht gekannt haben!\u201c F\u00fcrst Myschkin eilt den Schlachtplan darzulegen, bevor er die chinesische Vase zerbricht und seine emphatische Rede in einen epileptischen Anfall m\u00fcndet: \u201eWir d\u00fcrfen nicht sklavisch den Jesuiten an die Angel gehen, sondern wir m\u00fcssen uns ihnen in den Weg stellen und ihnen unsere russische Zivilisation entgegenhalten [\u2026] Weist den d\u00fcrstenden\u00a0 und fiebernden Gef\u00e4hrten des Columbus das Gestade der \u201eNeuen Welt\u201c, weist den russischen Menschen die russische \u201eWelt\u201c, lasst ihn dieses Gold heben, diesen Schatz, der verborgen in der Erde ruht! Weist ihm die k\u00fcnftige Erneuerung und Auferstehung der ganzen Menschheit, vielleicht allein dank der russischen Idee, des russischen Gottes und Christus, und Ihr werdet sehen, welcher Riese, kraftvoll und wahrhaftig, weise und sanft, sich vor der staunenden Welt aufrichten wird, einer staunenden und erschrockenen Welt, weil man von uns nur das Schwert erwartete, das Schwert und die Gewalt, weil man sich uns nach dem eigenen Bilde nicht anders vorstellen kann, denn als Barbaren.\u201c<\/p>\n<p>Der heilige Krieg, der hier erkl\u00e4rt wird, richtet sich gegen den Nihilismus. Dabei gilt dieser Begriff f\u00fcr Dostojewski als Synonym sowohl f\u00fcr den Unglauben als auch f\u00fcr einen anderen Glauben. Unter Nihilismus wird alles verstanden, was vom Westen kommt und der Entfaltung des wahren (das hei\u00dft orthodoxen) Glaubens im Wege steht.<\/p>\n<p>Der westlichen Vorstellung von den Russen als Barbaren setzt Dostojewski die \u201eGott-tragende Mission\u201c des russischen Volkes entgegen. Zum ersten Krieger gegen den Nihilismus macht der Schriftsteller den weisen Starez Sossima in den \u201eBr\u00fcdern Karamasow\u201c, der die russische Welt Christi, eine Welt der Liebe und der Hingabe, des Mitleidens und des Verzeihens repr\u00e4sentiert. Sossima erf\u00fcllt die sehr wichtige Aufgabe, ein Verk\u00fcnder der Idee vom Gott-tragenden Volk zu sein: \u201eVom Volk kommt Russlands Rettung. Und das russische Kloster hat von jeher in enger Beziehung zum Volk gestanden. Wenn das Volk isoliert ist, so sind wir es auch. Das Volk ist auf unsere Art gl\u00e4ubig; ein ungl\u00e4ubiger Weltverbesserer wird bei uns in Russland doch nichts erreichen, mag er es noch so aufrichtig meinen und einen noch so genialen Verstand besitzen. Behaltet das gut im Ged\u00e4chtnis! Das Volk wird den Atheisten entgegentreten und sie niederringen, und es wird ein einiges, rechtgl\u00e4ubiges Russland erstehen! Beh\u00fctet das Volk, bewahrt sein Herz vor allem \u00dcbel! Erzieht es in der Stille! Das ist das gro\u00dfe Werk, das ihr als M\u00f6nche auszuf\u00fchren habt, denn dieses Volk ist der Tr\u00e4ger des g\u00f6ttlichen Glaubens!\u201c<\/p>\n<p>In Dostojewskis Weltbild erscheint Russland als \u201eChristus der V\u00f6lker\u201c. Um die anderen V\u00f6lker zu erl\u00f6sen, muss man sie bekehren, sie werden zum echten Glauben an Gott konvertieren, der nur in der orthodoxen Kirche wirklich gegenw\u00e4rtig ist. Die Bestimmung Russlands sei es, als Licht aus dem Osten Richtung Westen zu fluten, zu der erblindeten Menschheit, die Christus verloren hat. \u201eHat denn nicht die Orthodoxie allein das g\u00f6ttliche Antlitz Christi in seiner ganzen Reinheit bewahrt? Vielleicht liegt auch die wichtigste vorbestimmte Bedeutung des russischen Volkes f\u00fcr die Schicksale der ganzen Menschheit nur darin, dass es das g\u00f6ttliche Antlitz Christi in seiner ganzen Reinheit bewahrt, und wenn die Zeit kommt, der Welt, die ihre Wege verloren hat, offenbart!\u201c (Aus \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c, 1873).<\/p>\n<p>Immer wieder betont Dostojewski in verschiedenen Texten, die Aufgabe Russlands erscheine wie eine prophetische Mission zur Errettung ganz Europas vor den zuk\u00fcnftigen Katastrophen: \u00abDas abhanden gekommene Bild Christi hat sich in seiner ganzen leuchtenden Reinheit in der Orthodoxie erhalten. Vom Osten wird nun das neue Wort an die Welt dem nahenden Sozialismus entgegent\u00f6nen, und dieses Wort wird vielleicht die europ\u00e4ische Menschheit wieder retten. Das ist die Bestimmung des Ostens\u201c (aus \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c, November 1877). Es geht so weit, dass der Schriftsteller einen seiner \u201ePressesprecher\u201c, Schatow in den \u201eD\u00e4monen\u201c, ausrufen l\u00e4sst: \u201eIch glaube, dass die Wiederkunft Christi in Russland geschehen wird.\u201c<\/p>\n<p>Unter diesem messianischen Blickwinkel sieht Dostojewski auch die russische Geschichte und die bahnbrechenden Reformen Peters I. Im \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c (Juni 1876) schreibt er, dass das alte, vor Europa verschlossene Russland in der Zeit vor Peter I. das orthodoxe Christentum aus Byzanz wie ein Juwel aufbewahrte. Es sei jedoch unm\u00f6glich gewesen, dieses \u201eJuwel\u201c nur f\u00fcr sich selbst zu behalten \u2013 man musste sich \u00f6ffnen, den Reichtum mit der Welt teilen. Die russische Mission bestand in der Offenbarung und in der selbstlosen Vergabe des aufbewahrten christlichen Schatzes an alle anderen V\u00f6lker.<\/p>\n<p>Die von Peter getriebene \u00d6ffnung sollte nach Dostojewskis Lesart nicht der Verbreitung westlicher Errungenschaften in den Wissenschaften, Technologien, Ideen in Russland dienen, sondern sollte es vielmehr erm\u00f6glichen, das gottverlassene Europa mit dem Licht des wahren Christentums von Osten zu beleuchten. Der Sinn des \u201eFensters nach Europa\u201c liege darin, dass Russland seine Bestimmung erf\u00fcllen k\u00f6nne: \u201edie br\u00fcderliche endg\u00fcltige Einigung aller V\u00f6lker nach dem Gesetze Christi und des Evangeliums\u201c zu erlangen.<\/p>\n<p>Dieser \u201eendg\u00fcltigen Einigung aller V\u00f6lker\u201c sollten die Russen als \u201eDiener\u201c verhelfen. Dostojewski verwendet ein geringsch\u00e4tzendes Wort und verleiht ihm einen hohen Wert in der Bedeutung des Dienens an Christus: \u201eDas ist unsere wirkliche und in der Tat fast br\u00fcderliche Liebe zu den anderen V\u00f6lkern, eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten mit ihnen gewonnen haben; das ist unser Bed\u00fcrfnis, der ganzen Menschheit zu dienen, zuweilen sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und n\u00e4chsten Interessen; [\u2026] Wir erkannten unsere Weltbestimmung, unsere Pers\u00f6nlichkeit und unsere Rolle in der Menschheit, und mussten einsehen, das diese Bedeutung und diese Rolle grundverschieden sind von denen der anderen V\u00f6lker; denn dort lebt jede nationale Pers\u00f6nlichkeit einzig f\u00fcr sich und in sich, wir aber werden, wenn unsere Zeit kommt, gerade damit beginnen, dass wir die Diener aller werden, um der allgemeinen Vers\u00f6hnung willen.\u201c (Aus \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c, Juni 1876).<\/p>\n<p>Als Instrument zur Verwirklichung der russischen Mission, zur Erhaltung und Verbreitung des orthodoxen Glaubens dient der Staat: das orthodoxe Zarentum, das diesen rechten Glauben verk\u00f6rpert. In einem Brief an seinen Freund Maikow schreibt Dostojewski aus Genf im M\u00e4rz 1868: \u201eUnsere Verfassung ist die gegenseitige Liebe des Volkes zum Monarchen und des Monarchen zum Volk. Ja, die mit Liebe verbundene und nicht die kriegerische Grundlage unseres Staates (was offenbar als erste die Slawophilen erkannt haben) ist der ganz gro\u00dfe Gedanke, auf dem man aufbauen kann. [\u2026] Hier im Ausland bin ich f\u00fcr Russland endg\u00fcltig zum \u00fcberzeugten Monarchisten geworden.\u201c<\/p>\n<p>Dostojewski war davon \u00fcberzeugt, eine solch tiefe Verbundenheit wie die zwischen dem orthodoxen Zaren und seinem Volk h\u00e4tte es im Westen nie gegeben, und k\u00f6nne es nicht geben dort, wo \u201ealles von den Lagerhallen der Bourgeoisie und der Willf\u00e4hrigkeit des Proletariats abh\u00e4ngig ist\u201c.<\/p>\n<p>Die Beziehungen zwischen der Macht und der Bev\u00f6lkerung sollen, nach Dostojewski, nicht auf einem gesellschaftlichen Vertrag basieren, nicht auf der Verfassung und dem Parlamentarismus, sondern auf der \u201eSobornost\u2018\u201c, einer br\u00fcderlichen Gemeinschaft in Christo, was den Staat zur Verk\u00f6rperung der eigentlichen Idee des Volkes macht.<\/p>\n<p>Die Ideale Entwicklung des Staatswesens sieht Dostojewski in einer Theokratie. Ein theokratisches Reich wurde ja in der Offenbarung des Johannes geweissagt: eine kommende Weltregierung der Gerechten unter der Herrschaft Christi. Iwan Karamasow vertritt den Standpunkt seines Autors, wenn er sagt, der Staat m\u00fcsse in die Kirche umgewandelt werden, damit das Zivilgericht dem Gericht Gottes unterliegt. Wo Staat und Kirche vereint sind, wird es keinen Unterschlupf f\u00fcr den T\u00e4ter geben. Er wird diesseits und jenseits bestraft werden, was zum Ende allen Verbrechens f\u00fchren wird. \u201eNach der russischen Vorstellung und Zuversicht soll sich jedoch nicht die Kirche in den Staat umwandeln wie aus der niederen in eine h\u00f6here Form, sondern der Staat muss im Gegenteil zuletzt dahin kommen, dass er sich w\u00fcrdig erweist, einzig und allein Kirche zu werden und nichts anderes.\u201c<\/p>\n<p>Dostojewski tr\u00e4umte ganz aufrichtig davon, dass sich alle V\u00f6lker der Erde, die von Sem, Ham und Jafet kommen, zu einer harmonischen Einheit vereinigen w\u00fcrden. Sein Grundgedanke war der Traum von einer harmonischen Vereinigung der Zukunftsv\u00f6lker. Die einzige Voraussetzung sah er in der Vereinigung in Christus, jedoch in einem russisch-orthodoxen Christus.<\/p>\n<p>Auf der metaphysischen Karte der \u201erussischen Idee\u201c sind die Grenzen des orthodoxen Glaubens und des russischen Reiches identisch. \u201eUngl\u00e4ubige\u201c aller Art umzingeln die rechtgl\u00e4ubige Hochburg und gieren nach christlichem Blut, indem der Zar und seine Bauern (auf Russisch klingen die W\u00f6rter f\u00fcr Bauern und Christen gleich: \u043a\u0440\u0435\u0441\u0442\u044c\u044f\u043d\u0435 und \u0445\u0440\u0438\u0441\u0442\u0438\u0430\u043d\u0435) bereit sind, in seelischer Einheit auf Leben und Tod f\u00fcr ihre orthodoxe Heimat zu k\u00e4mpfen und alles zu opfern. Mit den russischen Siegen w\u00e4chst das Territorium des wahren Christentums, mit Niederlagen schrumpft es. Die \u201eungl\u00e4ubigen\u201c L\u00e4nder hindern Russland daran, seine uneigenn\u00fctzige christliche Politik auf Europa und Asien auszudehnen und damit seine Sendung zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>So interpretierte Dostojewski die Au\u00dfenpolitik der zaristischen Regierung als eine christliche und moralische Politik. Die europ\u00e4ischen Staaten, die Russland trotzten, meinte er, schadeten damit letztlich sich selbst und gef\u00e4hrdeten ihre eigene Zukunft.<\/p>\n<p>Mit dem Beginn des Balkankriegs im Jahre 1876 er\u00f6ffneten sich Aussichten auf die Verwirklichung der \u201erussischen Idee\u201c. Die Tr\u00e4ume Dostojewskis schienen wahr zu werden. Die Zarenregierung unterst\u00fctzte den Befreiungskampf der slawischen Balkanv\u00f6lker und erkl\u00e4rte dem osmanischen Reich den Krieg. Das Ziel war klar gesetzt: Es war an der Zeit, die Wiege des rechten Glaubens zu befreien \u2013 Konstantinopel.<\/p>\n<p>Der Krieg l\u00f6ste in der russischen \u00d6ffentlichkeit eine Welle st\u00fcrmischer Begeisterung aus. Freiwillige str\u00f6mten aus Russland nach Serbien, um ihren orthodoxen Br\u00fcdern beizustehen. Dostojewski, von der messianischen Hochstimmung ergriffen, hielt die Ereignisse f\u00fcr Vorzeichen einer unmittelbar bevorstehenden historischen Wende zu einer neuen christlichen \u00c4ra. Seine \u201erussische Idee\u201c, von vielen Russen mit liberalen \u201ewestlichen\u201c Einstellung als Utopie betrachtet und verp\u00f6nt, wurde Realit\u00e4t. Das orthodoxe Reich zog in den \u201eheiligen Krieg\u201c gegen die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c, in seiner historischen Bestimmung als gro\u00dfchristliche Schutzmacht s\u00e4mtlicher Slawenv\u00f6lker. Das auserw\u00e4hlte russische Volk kam seinen Br\u00fcdern in Christo zu Hilfe.<\/p>\n<p>F\u00fcr Dostojewski war die Befreiung Konstantinopels eine direkte Fortsetzung der gro\u00dfen Tat Peters I. Der russische Weg f\u00fchrte das \u201eGottestr\u00e4gervolk\u201c von Moskau \u00fcber Sankt-Petersburg und Konstantinopel weiter in die Zukunft zur christlichen br\u00fcderlichen V\u00f6lkerfamilie unter F\u00fchrung des orthodoxen Zaren.<\/p>\n<p>\u00abRussland ist sich mit seinem Volke und seinem Zaren an dessen Spitze schon bewusst, dass es nur die Tr\u00e4gerin der Idee Christi ist, dass das Wort der Orthodoxie in ihm zu einer gro\u00dfen Tat wird, dass diese Tat mit dem jetzigen Kriege schon begonnen hat und dass ihm in der Zukunft noch Jahrhunderte von Selbstaufopferung, Verbreitung von Br\u00fcderschaft unter den V\u00f6lkern und eines hei\u00dfen m\u00fctterlichen Wirkens f\u00fcr sie, als f\u00fcr seine teuren Kinder bevorstehen.\u00bb (aus \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c, 1877).<\/p>\n<p>Die K\u00e4mpfe auf dem Balkan dauerten noch an, da stritten sich in Moskau bereits die Publizisten, wem die symbolische Stadt am Bosporus geh\u00f6ren soll. Dostojewski emp\u00f6rte sich \u00fcber den Wunsch, Konstantinopel solle an der Spitze der slawischen Konf\u00f6deration, allen V\u00f6lkern gleicherma\u00dfen geh\u00f6ren: \u201eKonstantinopel muss unser werden, weggenommen den T\u00fcrken von uns, den Russen, und unser bleiben auf ewige Zeiten.\u201c<\/p>\n<p>Der vielversprechende Anfang der Verwirklichung der \u201erussischen Idee\u201c wurde bald schon zu ihrem schnellen Ende. Zwar zerschmetterte die russische Armee die T\u00fcrken, doch die lang ersehnte Errichtung des orthodoxen Kreuzes auf der Kuppel der Hagia Sophia hat nicht stattgefunden. Der Frieden wurde In San Stefano, in Sichtweite der Hagia Sophia unterzeichnet, doch Konstantinopel wurde weder zum neuen Jerusalem noch zur russischen Hauptstadt der Welt. Der Zar und seine Minister f\u00fchrten die Au\u00dfenpolitik des Reiches nicht nach den Leitlinien der \u201erussischen Idee\u201c eines Schriftstellers, sondern in diplomatischen Gefechten mit England, Frankreich, Deutschland und \u00d6sterreich. Die westlichen Gro\u00dfm\u00e4chte retteten das Osmanische Reich auf dem Berliner Kongress 1878. Russland f\u00fchlte sich um die Fr\u00fcchte des Sieges betrogen.<\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschung Dostojewskis war gro\u00df. Der siegreiche Zug der Orthodoxie in die weite Welt, mit dem das rechtgl\u00e4ubige Russland seine welthistorische Mission erf\u00fcllen sollte, verschob sich auf unbestimmte Zeit.<\/p>\n<p>Die russische Idee hatte noch einen Feind, der viel heimt\u00fcckischer und gef\u00e4hrlicher war als das Osmanische Reich und die Westm\u00e4chte: die Revolution\u00e4re.<\/p>\n<p>Nach Dostojewski besteht die h\u00f6chste Gabe Gottes an den Menschen in der Freiheit &#8211; der Freiheit, zu Christus zu kommen. Der Mensch ist frei, zwischen dem B\u00f6sen und Guten zu w\u00e4hlen. Dostojewskis Lehre von der Freiheit der Wahl macht es verst\u00e4ndlich, warum er mit gro\u00dfer Energie gegen die revolution\u00e4ren Ideen vorgeht: Er sah im Befreiungskampf gegen den Zarismus die Freiheit bedroht, den Weg der Orthodoxie zu w\u00e4hlen. Doch anders, als Dostojewski hoffte, entschied sich jede neue russische Generation bis zur Katastrophe der Revolution frei f\u00fcr den Kampf gegen die Despotie und nicht seine \u201erussische Idee\u201c.<\/p>\n<p>Mit der epochalen Leibeigenen-Befreiung 1861 entschied sich Russland f\u00fcr den gleichen Weg, den die westlichen L\u00e4nder in Ihrer sozialen Entwicklung eingeschlagen hatten. Die von Zar Alexander II eingeleiteten Reformen h\u00f6ren sich an wie aus dem Musterbuch einer demokratischen Gesellschaftsordnung: Gleichheit aller vor dem Gesetz, Trennung von Gericht und Administration, Unabh\u00e4ngigkeit und Unabsetzbarkeit der Richter, Bildung eines Geschworenengerichts, \u00d6ffentlichkeit der Verhandlungen. F\u00fcr die Provinzverwaltung wurde die sogenannte &#171;Landschaftsvertretung&#187; (Semstwo) errichtet, die aus Vertretern aller St\u00e4nde gew\u00e4hlt wurde. F\u00fcr die St\u00e4dte gab es Selbstverwaltungsorgane, wie die gew\u00e4hlte Stadtduma. Im Bildungswesen erhielten die Universit\u00e4ten Autonomie. Im Milit\u00e4r wurde die allgemeine Wehrpflicht eingef\u00fchrt, die Pr\u00fcgelstrafe abgeschafft. Das Land bewegte sich in Siebenmeilenschritten auf eine Verfassung zu. Das war die Zeit der ersten russischen \u201ePerestrojka\u201c, des gro\u00dfen Umbruchs und der gro\u00dfen Hoffnungen, die Zeit der gro\u00dfen Romane Dostojewskis.<\/p>\n<p>Einen D\u00e4mpfer bekam der Reformprozess allerdings von der \u201eprogressiven\u201c Flanke der Gesellschaft. Ungeduldig strebten die Revolution\u00e4re, das verhasste Zarenregime zu st\u00fcrzen. Da Alexander II., der \u201eZar-Befreier\u201c, das bestehende System symbolisierte, wurde er zu ihrem zentralen Hassobjekt. Die gebildete Klasse \u2013 die Intelligenzija \u2013 erkl\u00e4rte der Regierung den Krieg. \u201eSturz der Autokratie\u201c und \u201eRevolution\u201c wurden zu Zauberw\u00f6rtern, welche die Seelen und Herzen der belesenen jungen M\u00e4nner und Frauen erf\u00fcllten. Sie belagerten das autokratische Regime wie eine Festung.<\/p>\n<p>Die nach Idealen d\u00fcrstende russische Seele hatte wieder ein Ziel, ein so wichtiges, dass man daf\u00fcr sein Leben opfern konnte \u2013 die Revolution, die Befreiung des eigenen Volkes und der ganzen Menschheit.<\/p>\n<p>Die gebildete Gesellschaft war v\u00f6llig auf der Seite der Revolution\u00e4re und unterst\u00fctze sie mit allen Mitteln im Krieg gegen das Zarenregime. Selbst der Terrorismus stie\u00df bei der Intelligenzija auf Verst\u00e4ndnis. Bezeichnend war in dieser Hinsicht der ber\u00fchmte Prozess der Terroristin Vera Sassulitsch. Am 24. Januar 1878 schoss die Studentin Sassulitsch mit einem Revolver auf Fjodor Trepow, Gouverneur von Sankt Petersburg, und verwundete ihn schwer. Dostojewski wohnte dem aufsehenerregenden Gerichtsprozess bei. Die \u201egebildete Gesellschaft\u201c, die Intelligenzija, unterst\u00fctzte die Terroristin vehement, und sie wurde unter dem Jubel des begeisterten Publikums freigesprochen. Dostojewskis \u00f6ffentliche Verurteilung dieses Freispruchs glich einer verzweifelten Stimme in der W\u00fcste.<\/p>\n<p>Am Ende des Romans \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c tr\u00e4umt Rodion Raskolnikoff von einer die Welt verheerenden Seuche: \u201eIhm tr\u00e4umte in der Krankheit, dass die ganze Welt dazu verurteilt war, einer schrecklichen, unerh\u00f6rten und nie dagewesenen Pestilenz, die aus den Tiefen Asiens \u00fcber Europa kam, zum Opfer zu fallen. [\u2026] Es waren seltsame Trichinen aufgetaucht, mikroskopische Lebewesen, die sich in den Menschenleibern einnisteten. [\u2026] Die Menschen, die sie in sich aufgenommen hatten, geb\u00e4rdeten sich sofort wie Besessene und Wahnsinnige. Aber noch nie, noch nie hatten Menschen sich f\u00fcr so klug gehalten und f\u00fcr so unersch\u00fctterlich in der Wahrheit, wie es diese Angesteckten taten. Nie hatten sie ihre Urteile, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse, ihre sittlichen \u00dcberzeugungen und Glaubenss\u00e4tze f\u00fcr unumst\u00f6\u00dflicher gehalten. Ganze Ortschaften, ganze St\u00e4dte und V\u00f6lker wurden angesteckt und geb\u00e4rdeten sich wie Wahnsinnige. Alle waren in Aufregung und verstanden einander nicht, ein jeder meinte, nur er allein sei im Besitz der Wahrheit. Hier und da liefen Menschen zu Haufen zusammen, einigten sich \u00fcber etwas, schwuren, einander nicht zu verlassen \u2013 aber gleich danach begannen sie etwas ganz anderes zu tun, als was sie soeben beschlossen hatten, begannen sie einander zu beschuldigen, wurden handgemein, fochten und schlugen sich gegenseitig tot. Hungersnot trat ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest schwoll an und verbreitete sich weiter und weiter.\u201c<\/p>\n<p>Wie man so sch\u00f6n sagt: Jegliche \u00c4hnlichkeit mit realen Personen und Ereignissen w\u00e4re rein zuf\u00e4llig. Dostojewski ist kein Nostradamus, um alle Plagen, die die Menschheit heimsuchen, auf das Jahr genau zu prophezeien. Der Schriftsteller meinte selbstverst\u00e4ndlich nicht Covid19, sondern den Virus der ideologischen Intoleranz, der die Welt und besonders die russische \u00d6ffentlichkeit von damals bereits infiziert hatte. Dostojewski meinte den Virus, der im blutigen 20. Jahrhundert Revolutionen und Kriege mit bis dahin nie vorstellbaren Opfern verursachte. In dieser Bereitschaft, in Namen h\u00f6herer Ideale zu zerst\u00f6ren, zu vernichten, zu t\u00f6ten sah er den Keim der unweigerlich drohenden Katastrophe. Die Ursache war f\u00fcr ihn die zunehmende Entfremdung der russischen Oberschicht vom \u201eBoden\u201c (\u201e\u043f\u043e\u0447\u0432\u0430\u00bb), vom Bauernvolk, von der Religion, von Christus.<\/p>\n<p>Die \u201egebildete Gesellschaft\u201c forderte Aufkl\u00e4rung f\u00fcr die analphabetische Bev\u00f6lkerung, neue Schulen, Krankenh\u00e4user. Dostojewski sah in der Aufkl\u00e4rung westlicher Pr\u00e4gung einen Schritt in die falsche Richtung. Er verstand unter der Volksaufkl\u00e4rung etwas ganz anderes: \u201eErhellung, also das geistige Licht, das die Seele erhellt, im Herzen Klarheit schafft, den Geist lenkt und ihm den Weg des Lebens weist\u201c (aus \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c, 1880).<\/p>\n<p>Man warf ihm seine politischen konservativen Anschauungen vor, doch Dostojewski war keineswegs r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt. Er sah nicht zur\u00fcck, sondern nach vorne. Er erahnte Wirren und Katastrophen. Er wollte seinen Landsleuten die gef\u00e4hrdete Zukunft erhalten. Er verteidigte hingebungsvoll jene Werte, ohne die von einer Zukunft keine Rede mehr sein konnte.<\/p>\n<p>Ein Vorfall in einem revolution\u00e4ren Zirkel in Moskau (ein Student wurde von seinen Mitstreitern ermordet) gab dem Schriftsteller den Anlass, den Roman \u201eDie D\u00e4monen\u201c zu schreiben. Der Titel geht auf Christi Austreibung der D\u00e4monen zur\u00fcck, die er aus Menschen, die von ihnen besessen waren, in Schweine fahren lie\u00df. Der Sinn liegt auf der Hand: Dostojewski vergleicht die russischen Revolution\u00e4re mit b\u00f6sen Geistern, die die Schweineherde in den Abgrund treiben. So trieben sie die russische Gesellschaft in die Katastrophe. Die totale Besessenheit von einer Idee treibt sie zur Gewalt. In ihrer ideologischen Blindheit sehen sie weder sich selbst noch andere.<\/p>\n<p>(In Klammern bemerkt: Die von b\u00f6sen D\u00e4monen besessenen Schweine ertranken offensichtlich nicht im See, sondern begaben sich direkt zur Animal Farm von George Orwell.)<\/p>\n<p>Die Ironie der russischen Trag\u00f6die: In Wirklichkeit erwiesen sich die \u201evon b\u00f6sen Geistern Besessenen\u201c oft als die besten T\u00f6chter und S\u00f6hne des Volkes, die im Namen ihrer Ideale zu Kerker und Todesstrafe bereit waren. Sie gingen massenweise nach Sibirien in die Katorga, aber sie b\u00fc\u00dften nicht und kamen zu keiner Neugeburt in Christo. In ihrer Bereitschaft zu leiden waren junge Revolution\u00e4re direkte Nachfolger Awwakums. Sie wurden gequ\u00e4lt, gefoltert, aber ihr Leiden f\u00fchrte sie nicht zur Gnade durch Umkehr zu Gott. Vor der Hinrichtung lehnten sie die Beichte ab. Ihr Mut konnte nur Respekt und Bewunderung wecken, die Revolution\u00e4re waren M\u00e4rtyrer, aber keine M\u00e4rtyrer Christi, sondern M\u00e4rtyrer der Leere. Sie suchen nach dem wahren Glauben, aber fanden den falschen. Sie waren gute Menschen, aber vermehrten das B\u00f6se auf der Erde. Warum kommt das B\u00f6se nach Russland immer wieder von guten Menschen?<\/p>\n<p>In einem Artikel aus dem Jahre 1873 bemerkte Dostojewski, dass Terroristen keineswegs Monster sind; entsetzlich ist, dass sie die ungeheuerlichsten Dinge tun k\u00f6nnen, ohne schlechte Menschen zu sein. \u201eDie F\u00e4higkeit, sich selbst als keinen Misset\u00e4ter zu betrachten und manchmal sogar fast tats\u00e4chlich keiner zu sein, obwohl man eine offensichtliche und unbestreitbare Abscheulichkeit begeht &#8211; das ist unsere moderne Not!\u201c<\/p>\n<p>Eine alarmierende Warnung durchzieht seine Werke: Ein R\u00fcckfall in die blutige Barbarei ist jederzeit m\u00f6glich. Dostojewskij wollte durch sein Wort an der Heilung Russlands von der gef\u00e4hrlichen Krankheit mitwirken, die es befallen hatte.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch zwischen dem wiedergekehrten Christus und dem Gro\u00dfinquisitor, die ber\u00fchmte Legende, erz\u00e4hlt von Iwan Karamasow in den \u201eBr\u00fcdern Karamasow\u201c, ist nicht nur ein Pamphlet gegen die verhasste katholische Kirche, sondern eine Zukunftsparabel: Alle Ideologien, die Freiheit, Br\u00fcderlichkeit, Gleichheit, Liebe versprechen, enden gleicherma\u00dfen in einer gottlosen Welt. Bereits im 20. Jahrhundert hat die Menschheit die tragische Verwirklichung der besten sozialen Utopien erlebt.<\/p>\n<p>Mit Raskolnikow, mit seinen \u201eD\u00e4monen\u201c wollte Dostojewski verdeutlichen, dass die von einer Ideologie besessenen \u201eWeltverbesserer\u201c unvergleichlich schrecklicher als banale T\u00e4ter sind. Die beste Idee wird zum Greuel, wenn sie das Recht zum Verbrechen im Namen des Guten verleiht.<\/p>\n<p>In einem Brief schrieb er: \u201eWenn mir jemand bewiesen h\u00e4tte, dass Christus au\u00dferhalb der Wahrheit steht, und wenn die Wahrheit tats\u00e4chlich au\u00dferhalb Christi st\u00fcnde, so w\u00fcrde ich es vorziehen, bei Christus und nicht bei der Wahrheit zu bleiben.\u201c Dostojewski blieb bei seinem Christus, Russland folgte der anderen Wahrheit, der Wahrheit der \u201eD\u00e4monen\u201c.<\/p>\n<p>Auf den Seiten seiner Romane bek\u00e4mpft Dostojewski alle Ideen, Personen, Religionen, Nationen, soweit er sie f\u00fcr die Verwirklichung seiner \u201erussischen Idee\u201c gef\u00e4hrlich findet. Alle, die in den Rahmen dieses Konzepts aus irgendeinem Grund nicht hineinpassen, werden negativ dargestellt: Katholiken, Nihilisten, Polen, Juden, T\u00fcrken, Deutsche. Wenn der heutige Leser beim Lesen der menschenverachtenden Beschreibungen Dostojewskis angesichts ihrer \u201epolitical uncorrectness\u201c zuckt, w\u00e4re es keine erkl\u00e4rende Rettung, zu behaupten, dass seine Eskapaden gegen \u201eJidden\u201c oder \u201eschmutzige Polacken\u201c damals nicht so beleidigend wirkten, wie heute. Sie waren auch damals beleidigend genug. Und das war seine bewusste Geste. Das war sein Kampf, sein Gefecht, sein \u201eheiliger Krieg\u201c. Das, was ihm am teuersten war, verteidigte er mit allen Mitteln seiner virtuosen Rhetorik vor seinen Feinden.<\/p>\n<p>Der Hass Dostojewskis auf die Revolution\u00e4re ist fast fanatisch: Der leidenschaftliche Glaube an die Revolution in ihrer \u00dcberh\u00f6hung zu einer Art monotheistischer Religion schlie\u00dft das Christentum in der Form der orthodoxen \u201erussischen Idee\u201c, also eine andere monotheistische Religion, aus, und umgekehrt. Das gleiche gilt f\u00fcr die messianische Religion des auserw\u00e4hlten Volkes \u2013 den Judaismus. Der Antisemitismus von Dostojewski ist nicht pers\u00f6nlich, sondern ideologisch.<\/p>\n<p>In seinem gro\u00dfen Welterl\u00f6sungsmonolog in den \u201eD\u00e4monen\u201c spricht Schatow dem Autor aus dem Herzen: \u201eEin wahrhaft gro\u00dfes Volk kann sich niemals mit einer zweitrangigen Rolle innerhalb der Menschheit begn\u00fcgen und nicht einmal mit einer erstrangigen, sondern unbedingt und ausschlie\u00dflich mit der ersten.\u201c Diese Worte wiederholt Dostojewski auch in seinem Tagebuch.<\/p>\n<p>Im j\u00fcdischen Messianismus erkannte Dostojewski eine Bedrohung f\u00fcr seine \u201erussische Idee\u201c. Die Herausforderung liegt in der Frage: Wie k\u00f6nnen zwei von Gott auserw\u00e4hlte V\u00f6lker koexistieren? Es kann nur eins geben.<\/p>\n<p>Dieses Problem scheint f\u00fcr Dostojewski unl\u00f6sbar zu sein, und so endet alles bei Ihm in der krampfhaften Verdammung der Juden bei jeder Gelegenheit. Aus einem Brief des Schriftstellers an seine Frau aus Bad Ems vom 9. August 1879: \u201eDie Sachen sind schrecklich teuer, nichts kann man kaufen, alles Juden. Ich habe Schreibpapier gekauft und ganz widerliche Schreibfedern, gezahlt habe ich der Teufel wei\u00df was. [\u2026] Hier sind alles Juden!\u201c Dabei verwendet Dostojewski fast immer das grobe Schimpfwort \u201e\u017eid\u201c, das im Russischen im Gegensatz zu \u201ejewrej\u201c einen herabsetzenden, beleidigenden Charakter hat.<\/p>\n<p>In einem Brief an den Journalisten Arkadi Kowner schreibt der Schriftsteller: \u201eIch kann Ihnen sagen, dass ich keineswegs ein Feind der Juden bin und es nie gewesen bin! Aber die blo\u00dfe Tatsache ihrer 40 Jahrhunderte alten Existenz, wie Sie es ausdr\u00fccken, zeigt, dass es sich um ein Volk handelt, das eine au\u00dferordentlich starke Lebenskraft besitzt, die sich im Laufe seiner gesamten Geschichte nur in verschiedenen Formen des Staates im Staate manifestieren konnte.\u201c<\/p>\n<p>Bei seinen inbr\u00fcnstigen Ausbr\u00fcchen gegen das Judentum \u00fcberkommt einen unweigerlich die schleichende Vermutung, dass Dostojewski den Juden gegen\u00fcber etwas wie verborgenen Neid versp\u00fcrte. Der Gedanke musste f\u00fcr ihn unertr\u00e4glich sein: wenn die Juden das auserw\u00e4hlte Volk sind, was sind dann wir, die Russen, \u201e\u0441\u0430\u043c\u043e\u0437\u0432\u0430\u043d\u0446\u044b\u201c? \u201e\u0421\u0430\u043c\u043e\u0437\u0432\u0430\u043d\u0435\u0446\u201c \u2013 Usurpator, Betr\u00fcger, so wurden in Russland die selbsternannten Zaren w\u00e4hrend der Zeit der Wirren im 17. Jahrhundert genannt.<\/p>\n<p>Dostojewski hegt auch gegen andere Nationalit\u00e4ten Groll, eigentlich gegen alle au\u00dfer dem \u201egottesf\u00fcrchtigen russischen Volk\u201c.<\/p>\n<p>Seit der polnischen Teilung geh\u00f6rte ein gro\u00dfer Teil Polens zu Russland. Dostojewski betrachtete Polen als den \u00f6stlichen Au\u00dfenposten einer feindlichen westlichen Zivilisation. Die Tatsache, die katholische Kirche dass im bewaffneten Aufstand der Polen von 1863 eine f\u00fchrende Rolle spielte, war f\u00fcr Dostojewski wie \u00d6l ins Feuer.<\/p>\n<p>Die Rebellion der Polen gegen die zaristische Unterdr\u00fcckung \u201ef\u00fcr Eure und unsere Freiheit\u201c verstand Dostojewski aus seiner Sicht: Auf seiner geopolitischen Karte lag Polen an der Grenze des slawischen und der europ\u00e4ischen Welten, f\u00fcr ihn war das ein Konflikt nicht der Nationen, sondern der Ideen. \u201eDer Polenkrieg ist ein Krieg zwischen zwei Christenheiten &#8211; das ist der Beginn eines zuk\u00fcnftigen Krieges zwischen Orthodoxie und Katholizismus, also dem slawischen Genie gegen die europ\u00e4ische Zivilisation.\u201c (Aus dem Notizbuch, 1863).<\/p>\n<p>Der polnische Katholizismus war f\u00fcr Dostojewski besonders widerlich, da er dieses Volk als Bruder und Verr\u00e4ter in der slawischen Familie empfand. F\u00fcr ihn war der polnische Aufstand ein Verrat an der gemeinsamen Sache, bei der Russland die Vereinigung der Slawen anstrebte.<\/p>\n<p>In jedem Roman wird Dostojewski nicht m\u00fcde, sich an den \u201eVerr\u00e4tern\u201c zu r\u00e4chen. Auf der Skala der widerlichen Charaktere liegen die Polen in F\u00fchrung: \u201eelende Polackchen\u201c, immer unreinlich gekleidet, Poseure, Betr\u00fcger, unversch\u00e4mte Frechlinge, Hochstapler, falsche Adlige und ebenso falsche Leidtragende, die zwar mit allen anderen auf Polen, aber nicht auf Russland trinken. Den Gnadensto\u00df versetzt der Schriftsteller den Polen in den \u201eBr\u00fcdern Karamasow\u201c: Pan Musialovi\u010d und Pan Vrublevski sind so dumm, dass sie sich selbst in ihrem Zimmer des Gasthofs einschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfrussische Patriotismus schlug damals auch viele Kritiker des Zarismus mit Blindheit. Nur Alexander Herzen, der Anf\u00fchrer der damaligen Opposition in Russland, unterst\u00fctzte aus der Emigration den Unabh\u00e4ngigkeitskampf der Polen gegen das Zarenimperium. Als er den Aufstand der Polen begr\u00fc\u00dfte, verlor der revolution\u00e4re Vordenker in der russischen \u201eprogressiven\u201c \u00d6ffentlichkeit schlagartig seine enorme Popularit\u00e4t.<\/p>\n<p>Gelegentlich bekamen auch andere Nationalit\u00e4ten die Br\u00fcderlichkeit der \u201erussischen Idee\u201c von Dostojewski zu sp\u00fcren. Zum Beispiel die Tataren. Im Jahre 1876 wurde zum ersten Mal er\u00f6rtert, ob man die Tataren von der Krim vertreiben sollte, eine Frage, die in den Zeitungen heftig debattiert wurde. Im \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c (Juli-August 1876) nimmt Dostojewski Stellung dazu: \u201eK\u00fcrzlich habe ich in den \u201eMoskauer Nachrichten\u201c einen Artikel \u00fcber die Krim gefunden. Dort wird der k\u00fchne Gedanke formuliert, dass man die Tataren nicht schonen sollte, sie sollen abgeschoben werden, und an ihrer Stelle sollen Russen die Halbinsel kolonisieren, [\u2026] ein Gedanke, dem ich von ganzem Herzen zustimme. [\u2026] Auf jeden Fall, wenn die Russen nicht an ihre Stelle treten, werden die Juden mit Sicherheit die Krim angreifen und den Boden der Region zerst\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Schweizer blieben nicht verschont. In Genf erlebte Dostojewski schwierige Zeiten, die Erniedrigung der Geldnot nach seinen katastrophalen Verlusten beim Roulette, die Trag\u00f6die des Todes: sein erstes Kind Sonja starb im Alter von drei Monaten. An diesem Tod gab Dostojewski der Schweiz die Schuld, in einem Brief schreibt er: \u201eUnd dazu kommt noch der Gedanke, dass Sonja ganz sicher leben w\u00fcrde, wenn wir in Russland gewesen w\u00e4ren!\u201c<\/p>\n<p>Besonders aber kann Dostojewski der Schweiz die so genannten \u201eGenfer Ideen\u201c nicht verzeihen. In seinem Weltbild verk\u00f6rpert jedes Land bestimmte Ideen. Die Schweiz ist der Ort, wo die westeurop\u00e4ische Geisteswelt ausgetragen und geboren wurde. Die \u201eGenfer Ideen\u201c werden im Roman \u201eDer J\u00fcngling\u201c angeprangert, und der Autor steht vollkommen hinter seinen Charakteren. Das war, nach Dostojewski, der Irrweg der westlichen Zivilisation: Tugendhaftigkeit ohne Christus. Die gr\u00f6\u00dfte T\u00e4uschung der Menschheit sei die Idee, dass Gott und Religion f\u00fcr das Erlangen des Gl\u00fccks entbehrlich sind. Der Mensch wird gl\u00fccklich, frei und freundlich geboren, behauptete Rousseau. Dostojewski erwiderte: \u201eDer Mensch ist nicht geboren, um gl\u00fccklich zu sein. Der Mensch verdient sein Gl\u00fcck und immer durch Leiden\u201c. (in den Materialien zu \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c)<\/p>\n<p>Die Schweizer haben als Dankesch\u00f6n f\u00fcr die Jahre, die der Schriftsteller in der Schweiz verbrachte, folgende Zeilen bekommen: \u201eOh wenn Sie nur eine Ahnung h\u00e4tten, wie entsetzlich ein andauernder Aufenthalt im Ausland ist, wenn Sie eine Ahnung h\u00e4tten, wie unehrlich, gemein unglaublich dumm und unentwickelt die Schweizer sind! Gewiss sind die Deutschen noch schlimmer, aber diese hier sind auch ihr Geld wert. Der Ausl\u00e4nder wird hier als reines Ausbeutungsobjekt angesehen, alle ihre Gedanken sind darauf ausgerichtet, wie sie einen betr\u00fcgen und ausrauben k\u00f6nnen. Das Schlimmste ist aber ihre Unsauberkeit! Der Kirgise in seiner Jurte wohnt sauberer! [\u2026] Ich hasse sie aufs \u00e4u\u00dferste.\u201c (Aus dem Brief an Majkow vom 4. Juli 1868 aus Vevey).<\/p>\n<p>Nikolai Strachow, Freund und Biograf Dostojewskis, erinnerte sich in einem Brief an Lew Tolstoi: \u201eIn der Schweiz, in meiner Gegenwart, hat er den Diener so herumgeschubst, dass dieser beleidigt war und zu ihm sagte: \u00abIch bin ja auch ein Mensch\u00bb. Ich erinnere mich, wie verbl\u00fcffend es mir zugleich war, dass dies dem Prediger des Humanismus gesagt wurde und dass die Vorstellungen der freiheitsliebenden Schweiz \u00fcber die Menschenrechte hier aufgingen.\u201c<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmte Puschkin-Rede wurde zum letzten Versuch, seine \u201erussische Idee\u201c der breiten \u00d6ffentlichkeit n\u00e4her zu bringen. Am 8. Juni 1880 wurde in Moskau ein Puschkin-Denkmal enth\u00fcllt. Dostojewskis Worte waren mehr als eine Rede aus feierlichem Anlass, sie wurden zu seinem Testament. Er ahnte nicht, dass dies sein letzter \u00f6ffentlicher Auftritt war. Wenige Monate sp\u00e4ter starb er.<\/p>\n<p>In der Puschkin-Rede wiederholt Dostojewski die Grundprinzipien seiner \u201erussischen Idee\u201c: Der Russe sollte \u201ein seiner russischen, allmenschlichen und allseienden Seele mit br\u00fcderlicher Liebe alle unsere Br\u00fcder umfangen, und er sollte vielleicht auch das letzte Wort der gro\u00dfen allgemeinen Harmonie, der endlichen br\u00fcderlichen Eintracht aller St\u00e4mme nach dem evangelischen Gesetz Christi aussprechen\u201c.<\/p>\n<p>Puschkin wird zur Galionsfigur der \u201erussischen Idee\u201c, zum Symbol f\u00fcr das Sendungsbewusstsein der orthodoxen Nation, zur Verk\u00f6rperung der besonderen russischen F\u00e4higkeiten, die f\u00fcr die Erf\u00fcllung der christlichen Erl\u00f6sungsmission unabdingbar sind: Allmenschlichkeit und &#8211; der kaum \u00fcbersetzbare Begriff &#8211; \u201e\u0432\u0441\u0435\u043c\u0438\u0440\u043d\u0430\u044f \u043e\u0442\u0437\u044b\u0432\u0447\u0438\u0432\u043e\u0441\u0442\u044c\u00bb. Die \u00dcbersetzer haben es mit verschiedenen Varianten probiert: \u201eallgemeine Resonanzf\u00e4higkeit und Allvers\u00f6hnlichkeit\u201c, \u201euniversale Empf\u00e4nglichkeit\u201c, \u201eweltweite Offenheit und Vers\u00f6hnungsbereitschaft\u201c. Dostojewski erkl\u00e4rte Puschkin zum Propheten des russischen Volksgeistes und entwickelte anhand von Werken Puschkins seine Idee von der allmenschlichen und allseienden Seele des russischen Menschen. Puschkins Genie sollte als ein wichtiger Beweis f\u00fcr die Auserw\u00e4hltheit Russlands zur br\u00fcderlichen Rettung anderer V\u00f6lker dienen.<\/p>\n<p>Dostojewski wollte mit seiner Rede den ewigen Streit zwischen den Slawophilen und den Westlern beenden, sie miteinander vers\u00f6hnen, indem er die beiden Parteien auf die gemeinsame Mission in Europa verpflichtete: \u201eJa, die Bestimmung des russischen Menschen ist zweifellos alleurop\u00e4isch und allweltlich. Ein wirklicher Russe, ganz Russe sein, hei\u00dft vielleicht nur (letzten Endes, ich bitte das zu unterstreichen) ein Bruder aller Menschen sein, ein Allmensch, wenn man so will. Unser ganzes Slawophilentum und Westlertum ist nur ein gro\u00dfes, wenn auch historisch notwendiges Missverst\u00e4ndnis. Dem echten Russen ist Europa und das Los des gro\u00dfen arischen Stammes ebenso teuer wie Russland selbst, wie das Los seiner heimatlichen Erde, denn unser Los ist die Allweltlichkeit, und zwar keine mit dem Schwerte erk\u00e4mpfte, sondern eine durch die Kraft der Br\u00fcderlichkeit und des br\u00fcderlichen Strebens nach einer Vereinigung der Menschen erworbene.\u201c<\/p>\n<p>Die Rede war ein fulminanter Erfolg, doch die Euphorie war nicht von langer Dauer. Iwan Turgenew, sein Intimfeind und Rivale, der Dostojewski nach dem Vortrag sogar mit Tr\u00e4nen in den Augen umarmt hatte, \u00e4u\u00dferte sich, kaum wieder in Paris, ganz anders \u00fcber die Puschkin-Rede: \u201eL\u00fcge und Falschheit von Anfang bis Ende. [\u2026] Dostojewski hatte schlichtweg die russische Intelligenz verf\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Die Presse griff Dostojewski von links und rechts an, schon am n\u00e4chsten Tag begannen die Kritiker seine Rede auseinanderzunehmen. Er musste im \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c seine russische Id\u00e9e fixe verteidigen, doch seine Predigten fanden in Russland kein Geh\u00f6r.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gebildete Gesellschaft blieben Dostojewskis Visionen von einem orthodoxen Allmenschen und der br\u00fcderlichen Welterl\u00f6sung blo\u00df eine reaktion\u00e4re Utopie, und das analphabetische \u201eGottragende Volk\u201c hat von dieser \u201erussischen Idee\u201c ohnehin nichts erfahren. Die Geschichte hat es mit Russland anders gemeint.<\/p>\n<p>Sein idealer Held, dem die Zukunft Russlands geh\u00f6rt, ist der junge Aljoscha Karamasow, ein orthodoxer Klosternovize. Dostojewskis Bild des \u201esch\u00f6nen Russlands der Zukunft\u201c (ein Meme von Alexei Navalny \u2013 \u00ab\u043f\u0440\u0435\u043a\u0440\u0430\u0441\u043d\u0430\u044f \u0420\u043e\u0441\u0441\u0438\u044f \u0431\u0443\u0434\u0443\u0449\u0435\u0433\u043e\u00bb) sollte allem Anschein nach ein riesiges endloses Kloster darstellen. Doch unausweichlich n\u00e4herte sich die wirkliche Zukunft, und diese Zukunft sah wie ein riesiger endloser Gulag aus.<\/p>\n<p>Mit seinen prophetischen Kassandrarufen versuchte Dostojewski Russland vor dem Abgrund zu bewahren, er wollte auch die liebsten Menschen, seine Familie, seine Frau, die Kinder vor der kommenden Katastrophe retten. Es ist ihm nicht gelungen. Das \u201egotttragende Volk\u201c, das Volk des \u201echristlichen Geistes\u201c vollbrachte die grausamste, gott- und sinnloseste Revolution.<\/p>\n<p>Dostojewskis Witwe Anna Grigorjewna, die ihr ganzes Leben dem Nachlass ihres Mannes widmete, zog nach der Februarrevolution 1917 mit 70 Jahren auf Ihre Datscha bei Adler am Schwarzen Meer, um sich dort vor Unruhen in Sicherheit zu bringen. Ihr G\u00e4rtner erkl\u00e4rte, dass das ganze Gut jetzt ihm, dem \u201eProletarier\u201c, geh\u00f6rte und verjagte die alte Frau. Anna Grigorjewna ging nach Jalta, wo die Familie ein Haus besa\u00df. Kurz vor Ihrer Anreise wurde das Haus ausgeraubt, zwei Frauen, die darin wohnten, wurden brutal mit einer Axt ermordet. Blutspritzer blieben auf der Marmorb\u00fcste des Schriftstellers im Flur zur\u00fcck. Anna Grigorjewna war von diesem Ereignis so ersch\u00fcttert, dass sie bald darauf im Krankenhaus starb.<\/p>\n<p>Dostojewskis Sohn Fiodor war bei seiner geliebten Pferdezucht auf der Krim t\u00e4tig. Sein Lebenswerk wurde zerst\u00f6rt. Er schaffte es nicht, das Land mit den Resten der Wei\u00dfen Armee zu verlassen, er blieb auf der Krim, wurde von Tschekisten verhaftet, zur Erschie\u00dfung verurteilt. Ein Zufall rettete ihm das Leben, aber Krankheiten und Entbehrungen lie\u00dfen ihm keine Chance: Er verhungerte 1922.<\/p>\n<p>Dostojewskis Neffe, der Sohn seines j\u00fcngeren Bruders Andrei, wurde mit 66 Jahren verhaftet und in den Gulag geschickt.<\/p>\n<p>Bald nach der Machtergreifung entwickelten die Bolschewiki einen Plan f\u00fcr eine monumentale Propaganda. 1918 wurde auch ein Dostojewski-Denkmal in Moskau eingeweiht. Am Tag nach der Errichtung tauchte auf dem Denkmal eine Kreideinschrift auf: \u201eF\u00fcr Dostojewski &#8211; von dankbaren D\u00e4monen.\u201c<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte einen irritieren, dass die siegreichen Revolution\u00e4re ihrem Erzfeind mit einem Monument huldigen. Doch seit der Zeit Puschkins war es f\u00fcr den weltlichen Zaren nicht mehr ausreichend, von Gott auserw\u00e4hlt zu sein, die Regierungsgewalt musste auch von der russischen Literatur geweiht werden, der zweiten heiligen russischen Macht. Deswegen bem\u00fchte sich das neue Regime um die Aufrechterhaltung des Ged\u00e4chtnisses an die russischen Klassiker. Indem er \u00fcberall Denkm\u00e4ler f\u00fcr Dichter und Schriftsteller aufstellen lie\u00df, bem\u00fchte sich der Gef\u00e4ngnisstaat, in den Augen des Volkes rechtm\u00e4\u00dfig zu sein. So schien es, als ob auch Puschkin und Tolstoi, Dostojewski und Gogol wenigstens symbolisch mit ihren marmornen Statuen, die Umwandlung des ganzen Landes in ein Arbeitslager hinter Stacheldraht bef\u00fcrworteten. Die rituelle Anbetung der gro\u00dfen Humanisten warf einen Widerschein des Humanismus auf das Regime zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Zaren (auch Generalsekret\u00e4re oder Pr\u00e4sidenten genannt) wechseln sich in Russland ab, doch die Klassiker bleiben, und jedes Regime versucht auf dem Weg der Ehrerbietung f\u00fcr die gro\u00dfen Dichter von ihnen eine \u201egeistige\u201c Legitimation zu erhalten. Jedes neue Regime in Russland wird auch weiterhin Dostojewski und seine Idee von der messianischen Sendung Russlands missbrauchen, da alle Probleme, vor denen mein Land stand, auch heute ungel\u00f6st sind und noch lange auf ihre L\u00f6sung warten werden.<\/p>\n<p>In den ern\u00fcchternden Jahren nach der Revolution von 1905 schrieb der russische Dichter und Philosoph Wjatscheslaw Iwanow: \u201eJetzt sehen wir alle, dass unsere Freiheitsbewegung \u2014 eben die Revolution von 1905 \u2014, die pl\u00f6tzlich nach einem Auftakt zusammenbrach, in unserer damaligen Vorstellung hinsichtlich ihrer Aufgaben zu sehr \u00fcbersch\u00e4tzt wurde. [\u2026] Als die unheimliche Stille der Reaktion eintrat, erkannten wir verwundert, dass die \u00fcber uns waltenden Konstellationen unver\u00e4ndert geblieben waren. Die alten Sphinxe standen unersch\u00fcttert, als h\u00e4tte der Schlamm der \u00dcberschwemmung kaum ihre Sockel zu \u00fcberdecken vermocht.\u201c<\/p>\n<p>Die alten Sphinxe stehen auch im heutigen Russland unersch\u00fcttert, als h\u00e4tte der Schlamm der \u00dcberschwemmung kaum ihre Sockel zu \u00fcberdecken vermocht.<\/p>\n<p>Nicht die russischen Bauern haben die russische Allmenschlichkeit in den Westen gebracht, sondern die russischen Schriftsteller.<\/p>\n<p>Die grandiosen Ziele, die Dostojewski mit seinen Romanen erreichen wollte, hat er verfehlt. Seine Visionen blieben Utopien. Wie Gogol, scheiterte er an Russland und an sich selbst. Er war kein \u201ehoher B\u00fcrger eines himmlischen Reiches\u201c.<\/p>\n<p>Doch auch aus seinem Scheitern wird am Ende wieder nur eins: Weltliteratur.<\/p>\n<p>Der 17-j\u00e4hrige Fjodor Dostojewski schrieb in einem Brief an seinen Bruder Michail: \u201eDer Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es ergr\u00fcnden, und wenn man sein ganzes Leben darauf verwendet, so hat man doch keine Zeit vergeudet; ich besch\u00e4ftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff;\"><a style=\"color: #3366ff;\" href=\"https:\/\/www.petit-lucelle.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Michail Schischkin<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Edited by Olga Burenina-Petrova, University of Zurich&amp;University of Konstanz and Margarita Sch\u00f6nenberger, University of Lausanne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201erussische Idee\u201c Dostojewskis entsteht und entfaltet sich w\u00e4hrend seiner erzwungenen Europareise 1867-1871<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2021\/12\/10\/dostojewskis-russische-idee-michail-shishkin\/\">Read More &rarr;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":709,"featured_media":7441,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[419],"tags":[115,365],"class_list":["entry","author-olga","has-excerpt","post-7412","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-reportage","tag-german","tag-michail-shishkin"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/709"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7412"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7412\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14143,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7412\/revisions\/14143"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}