{"id":3697,"date":"2020-04-26T18:53:10","date_gmt":"2020-04-26T16:53:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/?p=3697"},"modified":"2020-05-28T09:34:06","modified_gmt":"2020-05-28T07:34:06","slug":"melanie-unger-dmitrij-schostakowitsch-in-der-suedwestdeutschen-philharmonie-konstanz-2019-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2020\/04\/26\/melanie-unger-dmitrij-schostakowitsch-in-der-suedwestdeutschen-philharmonie-konstanz-2019-20\/","title":{"rendered":"Melanie Unger \u2013 Dmitrij Schostakowitsch in der S\u00fcdwestdeutschen Philharmonie Konstanz 2019\/20"},"content":{"rendered":"<h3>Melanie Unger \u2013 Dmitrij Schostakowitsch in der S\u00fcdwestdeutschen Philharmonie Konstanz: Spielzeit 2019\/2020<\/h3>\n<p>Als einer der wenigen Komponisten hat Dimitri Schostakowitsch in fast allen Genres von der Kammermusik \u00fcber Sinfonien und Opern bis hin zur Unterhaltungsmusik imposante Werke verfasst. Kaum ein anderer Musiker verdeutlicht so intensiv und begreiflich, welchen gesellschaftlichen Anspruch und Wert Musik erf\u00fcllen kann. Wie seine Werke ein Spiegel der wechselhaften Geschichte des 20. Jahrhunderts insbesondere der Sowjetunion sein k\u00f6nnen, wurde im Seminar zu Schostakowitschs Arbeiten <em>Sozialistisches Wohnungsgl\u00fcck <\/em>vermittelt.<\/p>\n<p>Schwerpunkt des Seminars: <em>Moskau, Tscherjomuschki<\/em>. Auch die S\u00fcdwestdeutsche Philharmonie Konstanz nahm f\u00fcr ihr Konzert <em>Alles Walzer <\/em>St\u00fccke aus Schostakowitschs einziger Operette in den Blick. Die musikalische Kom\u00f6die, die 1962 auch verfilmt wurde, spielt in der titelgebenden Trabantenstadt Novye Tscherjomuschki am Rande Moskaus. Das Neubauviertel Tscherjomuschki galt als sowjetisches Vorzeigeprojekt und die Operette sollte mit popkulturellen Mitteln auch die dem \u00fcppigen und kostenspieligen Stalinschen Ampir (Sozialistischen Klassizismus) entgegengesetzte schlichte Typenbauweise ohne Prunkfassaden propagieren. Denn eigentlich sollen die standardisierten Gro\u00dfblockgeb\u00e4ude im St\u00fcck die Rettung der an der Wohnungsnot verzweifelnden Menschen sein, die hier eine neue Heimat finden sollen. Doch Schostakowitsch kritisiert mit wilder Lust an Satire in seiner Musik Korruption, Funktion\u00e4rsgehabe und Neid, die mit der Wohnungsfrage und dem vermeintlichen Wohnungsgl\u00fcck einhergehen. Deutlich h\u00f6rbar ist es, wie sich der Komponist einen Spa\u00df daraus machte, das Gerangel um die Wohnungen zu schildern. Die Musik ist eing\u00e4ngig und im Film wird viel mitgerissen und getanzt. Wie sooft in seinen Werken, nutzt Schostakowitsch auch hier musikalische Zitate, um mehrere Bedeutungsebenen zu \u00f6ffnen. Er zitiert eigene fr\u00fchere Kompositionen und bespickt das St\u00fcck mit ironischen Anspielungen auf g\u00e4ngige Schlager, aber auch auf klassische St\u00fccke wie <em>Schwanensee <\/em>von Tschaikowski oder Borodins <em>F\u00fcrst Igor<\/em>.<span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Vgl. R\u00fcthers, Monica (2006): Moskau bauen von Lenin bis Chru\u0161\u010dev. \u00d6ffentliche R\u00e4ume zwischen Utopie, Terror und Alltag. Wien\/K\u00f6ln\/Weimar: B\u00f6hlau Verlag, S. 247.\"><sup>1<\/sup><\/span> Zum popul\u00e4rsten St\u00fcck avancierte der Tscherjomuschki-Walzer, der auch Teil des Philharmonie Konzerts ist.<\/p>\n<p>Die schmissige Operette ist, so hei\u00dft es in der Forschung, auch eine sowjetische Antwort auf Leohard Bernsteins 1957 uraufgef\u00fchrte <em>WestSideStory<\/em>, die Musik erinnert allerdings auch an Johann Strauss.<span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Vgl. R\u00fcthers, Monica (2006): Moskau bauen von Lenin bis Chru\u0161\u010dev. \u00d6ffentliche R\u00e4ume zwischen Utopie, Terror und Alltag. Wien\/K\u00f6ln\/Weimar: B\u00f6hlau Verlag, S. 248.\"><sup>2<\/sup><\/span> \u00a0Eine \u00c4hnlichkeit zwischen den Arbeiten der Komponisten war nach Intendantin Insa Pijanka auch Ausgangspunkt der Programmwahl f\u00fcr <em>Alles Walzer<\/em>. Mit dem Ziel, den neuen Paukensatz der Philharmonie breit zu pr\u00e4sentieren, sollten Pauken ins Zentrum des Konzerts gestellt werden. F\u00fcr das Schlaginstrument gibt es allerdings nur wenig solistische Literatur. Eines der wenigen Werke ist Richard Strauss\u2018 <em>Burleske<\/em>, welches ebenfalls Teil des Konzerts ist. \u201eMit diesem Werk haben wir angefangen zu denken\u201c,<span class=\"tooltips \" style=\"\" title=\"Alle Aussagen Insa Pijankas sind aus einer pers\u00f6nlichen Kommunikation entnommen. F\u00fcr die Antworten bedankt sich die Autorin ganz herzlich.\"><sup>3<\/sup><\/span> erz\u00e4hlt Pijanka \u00fcber die Programmplanung. Der spielerische und ironische Charakter des St\u00fccks habe dann zur Auswahl der weiteren Werke gef\u00fchrt. Also eine Auswahl an Komponisten, die auch in einem direkten inhaltlichen Zusammenhang miteinander stehen. Die Komponisten des Programms \u2013 Strauss, Korngold und Schostakowitsch \u2013 waren Meister der Instrumentation und haben immer wieder in ihrer Musik mit ironischen Doppelb\u00f6digkeiten gespielt. Zudem hatten alle eine Affinit\u00e4t zur Unterhaltungsmusik.<\/p>\n<p>\u201eDaher resultiert der zweite Gedanke des Programms. Eine Berechnung dessen, was Unterhaltungsmusik eigentlich ist\u201c, erkl\u00e4rt Pijanka. Der Titel <em>Alles Walzer <\/em>hat den Bezug im Inbegriff der Unterhaltungsmusik in Wien um die Jahrhundertwende. Es war der Slogan der Kapelle von Johann Strauss und ist bis heute der Auftakt des Wiener Opernballs. Doch nicht nur reine Unterhaltungsmusik sind die Walzer: \u201eSie haben immer auch etwas melancholisches, ironisches und sind gerade im Kontext der Wiener Moderne Ausdruck einer morbiden, eigentlich im Vergehen befindlichen Gesellschaft.\u201cDiese Ambivalenz wird mit dem Programm aufgegriffen. Moskau-Tscherjomuschkis Part l\u00e4sst die Pauke knallen, wechselt rasant zwischen den Tempi und Temperamenten, gezupften und gestrichenen Walzern. Es sind \u00dcberzeichnungen ins Absurde mit Poesie und Aufbruchsstimmung, die der Tscherjomuschki-Walzer entfaltet.<\/p>\n<p>Die Idee seiner Operette konnte Schostakowitsch erst 1958 umsetzen, nachdem er sich jahrelang vom Komponieren f\u00fcr das Musiktheater ferngehalten hatte. Aus gutem Grund: Als junger Mann hatte er sich bei Stalin mit seiner gesellschaftskritischen Oper <em>Lady Macbeth von Mzensk <\/em>unbeliebt gemacht, und geriet in Lebensgefahr. Unter der \u00dcberschrift \u201eChaos statt Musik\u201c hatte das Sowjetregime 1936 den musikalischen Satiriker bedrohend kritisiert. Seitdem hatte Schostakowitsch keine Note mehr f\u00fcr Theater geschrieben, sondern sich im Wesentlichen auf Sinfonien, Kammer- und Filmmusik beschr\u00e4nkt. Von der Zeit seines pers\u00f6nlichen und des politischen Schreckens zeugt auch das Schostakowitsch St\u00fcck, welches bei dem Philharmoniekonzert <em>Im Schutz der Nacht <\/em>zu h\u00f6ren ist. In seiner 10. Sinfonie aus dem Jahr 1953 hat er mit enormer Kraft und gro\u00dfer Verletzlichkeit \u201eeine Sprache f\u00fcr das Unsagbare\u201c, wie es im Konzertprogrammheft hei\u00dft, gefunden. Erst mit dem Tod Josef Stalins hat er seiner dynamischen Musik den n\u00f6tigen Spielraum f\u00fcr die Auff\u00fchrung geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier herrscht von Beginn an eine Atmosph\u00e4re der Beklemmung und der Bedrohung. Brutal klingen die Marschrhythmen, Trommelschl\u00e4ge und dissonante Blechbl\u00e4serakkorden. Ein musikalisches Portr\u00e4t des Diktators Josef Stalin scheint hier nicht fern. Doch neben diesen vielen aggressiven, sarkastischen und trostlosen Momenten werden die H\u00f6rer mit einem Happy End \u00fcberrascht. Nach Schostakowitschs Manier wohl eine Karikatur der positiven Botschaft des Sozialismus, die das Regime im Zeitalter des Sozialistischen Realismus immer als Zweck von Kunst abverlangte. Doch auch in die Jetztzeit \u00fcbertragbar ist die Stimmung seiner Musik.<\/p>\n<p>\u201eDiese Werke sind ein wichtiger Beitrag zur geschichtlichen Reflexion, welche auch f\u00fcr unsere heutigen Entscheidungen unverzichtbar ist\u201c, erz\u00e4hlt Insa Pijanka. Bei den aktuellen Tendenzen von Politik und Gesellschaft zeigen sich schon Parallelen zu den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. \u201eUnd gerade die Kunst dieser Zeit war sehr sensibel f\u00fcr die negativen Tendenzen in der Gesellschaft.\u201c Die Intendantin r\u00e4t bei der Reflexion einen Blick zur\u00fcck zu wagen. Denn gerade Schostakowitschs Musik mache auch emotional die grausamen Exzesse des 20. Jahrhunderts mit seinen zwei Weltkriegen und dem Terror der beiden gro\u00dfen Diktaturen nachvollziehbar und k\u00f6nne und solle eine Lehre sein.<\/p>\n<p><strong>Melanie Unger, Universit\u00e4t Konstanz<\/strong><\/p>\n<p><strong>Literatur:<br \/>\n<\/strong>R\u00fcthers, Monica (2006): <em>Moskau bauen von Lenin bis Chru\u0161\u010dev. \u00d6ffentliche R\u00e4ume zwischen Utopie, Terror und Alltag. <\/em>Wien\/K\u00f6ln\/Weimar: B\u00f6hlau Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Melanie Unger \u2013 Dmitrij Schostakowitsch in der S\u00fcdwestdeutschen Philharmonie Konstanz: Spielzeit 2019\/2020 Als einer der wenigen Komponisten hat Dimitri Schostakowitsch in fast allen Genres von der Kammermusik \u00fcber Sinfonien und<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2020\/04\/26\/melanie-unger-dmitrij-schostakowitsch-in-der-suedwestdeutschen-philharmonie-konstanz-2019-20\/\">Read More &rarr;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":484,"featured_media":3701,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":null,"_FSMCFIC_featured_image_hide":null,"footnotes":""},"categories":[81],"tags":[115,241],"class_list":["entry","author-flowie","post-3697","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-review","tag-german","tag-schostakowitsch"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/484"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3697"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3787,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3697\/revisions\/3787"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}