{"id":1429,"date":"2019-02-28T22:04:41","date_gmt":"2019-02-28T21:04:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/?p=1429"},"modified":"2023-07-06T09:45:35","modified_gmt":"2023-07-06T07:45:35","slug":"der-richtige-ton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/","title":{"rendered":"Der richtige Ton \u2013 Innokentij Urupin"},"content":{"rendered":"\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00a0<\/h2>\r\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Ilma Rakusa \u2013 zu Gast bei SlavicumPress<\/strong><\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Ilma Rakusa ist \u2013 in biographisch-chronologischer Reihenfolge \u2013 Slavistin, Lyrikerin, \u00dcbersetzerin, Prosaautorin und Literaturkritikerin. Russisch, Franz\u00f6sisch, Serbokroatisch und Ungarisch sind die Sprachr\u00e4ume, in denen sich die in Z\u00fcrich lebende und Deutsch schreibende Literatin \u00fcbersetzerisch und editorisch seit den 1980er Jahren sehr fruchtbar \u2013 aber auch sehr differenziert \u2013 bewegt. SlavicumPress ver\u00f6ffentlicht Fragmente aus dem fast dreist\u00fcndigen Gespr\u00e4ch, in dem sowohl von poetologischen Konstanten als auch von neuen Buchprojekten die Rede war. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Im etwas d\u00e4mmerigen Raum \u2013 hinter dem Fenster Februar, bew\u00f6lkt, m\u00e4\u00dfig Schnee \u2013 spricht Ilma Rakusa zu uns auf Deutsch, irgendwann wird f\u00fcr eine Weile ins Russische umgeschaltet. Zwei erlernte Sprachen? <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich kann mich nicht daran erinnern, wie es ablief, als ich die ersten Sprachen im fr\u00fchen Kindesalter gelernt habe, weil Kinder sehr spontan lernen, ohne B\u00fccher. Ungarisch war die Muttersprache, dann kam Slowenisch, dann kam ein bisschen Italienisch in Triest, danach Deutsch und Schwyzerd\u00fctsch. Wie Kinder halt Sprachen lernen: Ich hab\u2019s einfach gesprochen. Nur beim Slowenischen \u2013 da war ich drei Jahre alt \u2013 habe ich lange nur zugeh\u00f6rt und kein Wort gesagt. Alle haben sich gewundert. Dann aber habe ich in kompletten S\u00e4tzen gesprochen, perfekt. Offenbar hatte ich bei dieser zweiten Sprache eine gewisse Scham, <em>falsch<\/em> zu sprechen, Fehler zu machen. Deshalb habe ich so lange gewartet, bis die S\u00e4tze stimmten. Alle waren wieder sehr erstaunt: Jetzt spricht das Kind perfekt, und vorher wollte es den Mund nicht aufmachen! Italienisch habe ich nicht so viel gelernt, wir waren auch nicht so lange in diesem Sprachraum. Und mit dem Deutschen ging das sehr schnell, ich kam bald in die Schule und habe dann vor allem viel gelesen \u2013 sofort gelesen-gelesen-gelesen&#8230; Bewusst erinnere ich mich an das Erlernen des Russischen. Das war viel sp\u00e4ter, eigentlich erst im Studium. Da war ich mir auch der Probleme bewusst. Und einige davon sind bis heute Probleme geblieben \u2013 die Aspekte zum Beispiel. Die beherrsche ich immer noch nicht perfekt. Ich glaube, das muss man mit der Muttermilch mitbekommen, sonst ist das wahnsinnig schwer, man hat ja nie Zeit zu \u00fcberlegen: Ist es der perfektive oder der imperfektive Aspekt? Also das war ein sehr bewusster Lernvorgang.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Ein Lernvorgang, der zu der Liebe ihres Lebens f\u00fchrte: Marina Cvetaeva. <\/em><\/p>\r\n\n\t\t\t<div id=\"1429-1\" class=\"gallery gallery-1429 gallery-col-2 gallery-columns-2 gallery-size-full\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/ImageGallery\">\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3586\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3586-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3597\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3597-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<\/div><!-- .gallery -->\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich habe mich in meinem Leben komplette zehn Jahre nur mit Cvetaeva besch\u00e4ftigt! Auch jetzt schon wieder ein halbes Jahr, und n\u00e4chstes Jahr wieder. Und ich bin mit ihr in einem permanenten Gespr\u00e4ch. Da ich sie nicht fragen kann, weil sie nicht lebt, schaue ich immer zum Himmel und sage: Marina, hilf mir bitte! diese Stelle, sie ist so wahnsinnig schwer zu \u00fcbersetzen!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Von Ilma Rakusa wird gerade bei Suhrkamp eine neue vierb\u00e4ndige Cvetaeva-Edition herausgebracht. Den ersten, \u00fcber 700 Seiten umfassenden Band mit Cvetaevas Prosa nimmt Rakusa w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs einige Mal in die Hand.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Meine Aufgabe f\u00fcr diesen Band war, die \u00dcbersetzungen (auch meine eigenen), die in ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden sind, alle durchzugehen und redaktionell ein bisschen zu schleifen. Auch auf die Richtigkeit zu \u00fcberpr\u00fcfen und zu sehen, dass der Ton nicht zu sehr differiert. Heute haben wir eine ganz neue Situation: Als ich zum Beispiel in den 1980er Jahren die Erz\u00e4hlungen f\u00fcr die Sammlung \u201eMutter und die Musik\u201c \u00fcbersetzte, gab es noch keine russische kritische Gesamtausgabe von Cvetaeva. Die erscheint seit den fr\u00fchen 1990er Jahren bei Ellis Lak, und zwar mit Kommentaren und philologisch exakt. F\u00fcr unsere Ausgabe st\u00fctzen wir uns auf diese kritische Gesamtausgabe, was enorm wichtig ist. In meiner \u00e4lteren \u00dcbersetzung fehlten zum Beispiel gewisse Stellen, weil die Vorlage zensiert war. Jetzt konnte ich diese Stellen erg\u00e4nzen. \u2013 Zur Ausgabe: der zweite Band bringt Dichterportr\u00e4ts sowie poetologische Essays, der dritte wird eine Auswahl aus Cvetaevas unver\u00f6ffentlichten Notizb\u00fcchern enthalten, der vierte Band schlie\u00dflich wird der Lyrik gewidmet sein. Auch hier werden sich mehrere \u00dcbersetzer beteiligen, weil es um viele und sehr schwierige Texte geht. Es werden sechs-sieben Dichter und Dichterinnen \u00fcbersetzen, und da habe ich vor, alle Beteiligten zu einem oder zwei Workshops einzuladen, wo wir \u00fcber \u00dcbersetzungsprinzipien diskutieren werden, damit einigerma\u00dfen <em>ein<\/em> Ton entsteht. Wir werden uns treffen und zwei Tage arbeiten und nach einem halben Jahr wieder zwei Tage, so dass man die Entw\u00fcrfe vorliest und gemeinsam diskutiert. Ich kenne einen \u00dcbersetzer von Cvetaeva, er hat ein Gedicht so \u00fcbersetzt, dass da ein Smartphone vorkommt, und das geht nat\u00fcrlich nicht. Man kann das Gedicht aus den drei\u00dfiger Jahren nicht so modernisieren, vor allem ist das keine \u00dcbersetzung, das ist eine Adaption, eine Paraphrase, und das geht nicht f\u00fcr eine solche Ausgabe.<\/p>\r\n\n\t\t\t<div id=\"1429-2\" class=\"gallery gallery-1429 gallery-col-2 gallery-columns-2 gallery-size-full\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/ImageGallery\">\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3603\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3603-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3605\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3672\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605.jpg 3672w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3605-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3672px) 100vw, 3672px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<\/div><!-- .gallery -->\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Was tun mit den russischen Reimen?<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich \u00fcbersetze kaum Lyrik, auch nicht von Cvetaeva. Ich finde das so extrem schwierig, dass ich lieber poetische Prosa \u00fcbersetze. Es ist aus vielen Gr\u00fcnden schwer, russische Lyrik zu \u00fcbersetzen. Zum Beispiel Brodskij, der ja komplizierte Metren benutzt und sehr komplizierte Reime \u2013 das ist so schwer wiederzugeben, zumal das Deutsche immer l\u00e4nger ausf\u00e4llt. Ich habe einmal ein Versdrama von Marina Cvetaeva \u00fcbersetzt, es wurde an der Berliner Schaub\u00fchne aufgef\u00fchrt. Und dort habe ich die Entscheidung getroffen, das Metrum sehr streng beizubehalten, auch wenn das Metrum wechselt, aber statt der Reime meistens nur Assonanzen zu nehmen. Weil im Deutschen, wenn das jemand nicht wirklich sehr-sehr gut kann, klingt es epigonal. Es klingt einfach nicht gut. So gibt es auch schlechte Pu\u0161kin-\u00dcbersetzungen, schlechte Achmatova-\u00dcbersetzungen. Es klingt nach gar nichts, es klingt wirklich epigonal. Deswegen ist es die allerschwierigste Aufgabe.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>\u00dcbersetzungslehre, \u00dcbersetzervorbilder? Hier gilt bleistiftbewaffnete Skepsis. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u00dcbersetzungstheorien habe ich etliche gelesen, es gibt ja dieses Standardwerk von Ji\u0159\u00ed Lev\u00fd \u00fcber das \u00dcbersetzen, ich habe darin zwar Anstreichungen gemacht, aber nie davon profitiert. Weil Theorie und Praxis sich \u00fcberhaupt nicht decken. Man muss sich wirklich reinknien <em>in medias res<\/em>, und die Probleme tauchen sofort auf, aber k\u00f6nnen nicht theoretisch gel\u00f6st werden. Noch in Leningrad w\u00e4hrend meines Studiums und sp\u00e4ter in Paris hatte ich viel Kontakt mit Efim Grigor\u2019evi\u010d \u0116tkind, der unter anderem ein bekannter \u00dcbersetzer und \u00dcbersetzungstheoretiker war. Ich habe mich mit ihm \u00fcber \u00dcbersetzung ausgetauscht \u2013 da habe ich schon Cvetaeva \u00fcbersetzt und einiges von Achmatova \u2013 und wir haben uns \u00fcber konkrete Textstellen unterhalten, aber ich war mit seiner \u00dcbersetzungs\u00e4sthetik eigentlich nicht einverstanden, denn er meinte immer, aus dem Russischen m\u00fcsse man Gedichte eins zu eins \u00fcbersetzen, das hei\u00dft auch mit allen Reimen. Und ich habe ihm immer gesagt: Efim Grigor\u2019evi\u010d, Sie sind kein deutscher Muttersprachler; ich glaube, Sie k\u00f6nnen nicht ganz beurteilen, wie das klingt auf Deutsch; und ich kann Ihnen sagen: Wenn man es eins zu eins versucht, klingt es f\u00fcrchterlich, n\u00e4mlich epigonal. Da waren wir uns also nie einig. Er konnte gut Deutsch, er konnte sehr gut Franz\u00f6sisch, aber das reicht nicht, um wirklich diese Finessen zu beurteilen.<\/p>\r\n\n\t\t\t<div id=\"1429-3\" class=\"gallery gallery-1429 gallery-col-2 gallery-columns-2 gallery-size-full\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/ImageGallery\">\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3631\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3631-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3630\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3630-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<\/div><!-- .gallery -->\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Die Gefahr eines epigonalen Klangs ist aber nicht allein bei der Lyrik st\u00e4ndig in der N\u00e4he. Das Schreiben, f\u00fcr das sich die \u00dcbersetzerin Ilma Rakusa entscheidet, ist nur f\u00fcr jemanden mit perfektem Geh\u00f6r. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es gibt Autoren, die sehr stark in Bildern arbeiten, in Metaphern. Und es gibt andere, die die Sprache sehr stark als Klang behandeln. Cvetaeva ist eindeutig Klang. Sie ist ein Ohrenmensch. Auch in der Prosa: Ihre Art mit der Interpunktion umzugehen \u2013 das ist wie eine musikalische Partitur. Ich selber bin auch ein Ohrenmensch, dass hei\u00dft ich bin in der Beziehung eher ein Cvetaeva-affiner Mensch als ein Flaubertscher Mensch. Flaubert ist ja eher Auge, Cvetaeva ist mehr Ohr. Und das muss man beim \u00dcbersetzen ber\u00fccksichtigen. Flaubert hat nat\u00fcrlich auch unglaubliche S\u00e4tze gebaut, diese S\u00e4tze sind auch sehr rhythmisch, aber: Wo liegen die Akzente? Ist der Akzent auf dem Bild oder ist er eher auf der Stimme, dem Ton? Der Autor gibt einem das vor, was wichtig ist. Und mir f\u00e4llt es tats\u00e4chlich etwas leichter, \u201eOhrmenschen\u201c zu \u00fcbersetzten. Dabei spricht man im Deutschen ja auch vom Ton, davon, ob der \u00dcbersetzer den Ton richtig getroffen hat. Der Ton setzt sich aber aus vielerlei zusammen. Es gibt einen hohen Ton und einen niedrigen Ton. Ob jemand mit einem eher gehobenen Wortschatz oder mehr mit Umgangssprache und Alltagssprache arbeitet \u2013 das geh\u00f6rt alles zum Ton. Und das muss man nat\u00fcrlich unbedingt wiedergeben. Auch der <em>skaz<\/em> ist etwas Orales, diese Wiedergabe oraler Rede, die aber verfremdet ist, das alles muss man ber\u00fccksichtigen, sonst ist es gar keine \u00dcbersetzung. Aber es ist gerade etwas vom Schwierigsten, den Ton richtig zu treffen. Wenn man sich nur ein bisschen vertut, auch in der Lexik, indem man zum Beispiel zu gehobene W\u00f6rter verwendet, kann man einen Text komplett zerst\u00f6ren, der eher auf einer mittleren Ebene angesiedelt ist oder sogar umgangssprachlich, alltagssprachlich angelegt ist. Das muss man unglaublich genau erfassen und sehr genau wiedergeben. Wie Marguerite Duras einmal sagte: Die schlimmsten Fehler sind die musikalischen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Die Musik hat aber lange, stille Zeit des bedruckten Papiers. Mit kiloschweren B\u00fcchern sei Ilma Rakusa bereit, herumzulaufen, um Bildschirme zu vermeiden. Sie ist emp\u00f6rt \u00fcber die fl\u00fcchtige Literaturkritik. Und kann sich mit dem schnellen Austausch auf Literaturplattformen im Internet \u2013 \u201eDaumen rauf, Daumen runter\u201c \u2013 nicht anfreunden, sich umso weniger daran beteiligen, erst gar nicht als Autorin.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Autor darf sich nie einmischen! Er darf nie reklamieren! Man darf nie den Mund auftun, wenn man findet, dass jemand etwas missverstanden hat. Beim eigenen Buch ist man nat\u00fcrlich sehr empfindlich, aber ich habe noch nie den Mund aufgetan und gesagt: Sie haben das komplett missverstanden.<\/p>\r\n\n\t\t\t<div id=\"1429-4\" class=\"gallery gallery-1429 gallery-col-2 gallery-columns-2 gallery-size-full\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/ImageGallery\">\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3647\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3647-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3629\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3629-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<\/div><!-- .gallery -->\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Vom eigenen \u00dcbersetzter missverstanden zu werden ist aber wieder etwas anderes \u2013 hier ist Wachsamkeit geboten. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mein Buch \u201eMehr Meer\u201c, das 2009 erschienen ist, wurde inzwischen in dreizehn Sprachen \u00fcbersetzt, auch ins Japanische und Arabische. Und in fast alle slawischen Sprachen \u2013 Russisch, Ukrainisch, Polnisch, Tschechisch, Kroatisch, Slowenisch. Ich war bei vielen \u00dcbersetzungen sehr aktiv beteiligt. Nicht dass ich die \u00dcbersetzer ausgesucht h\u00e4tte, aber ich habe ihnen sofort gesagt: Ich m\u00f6chte im Austausch sein und ich m\u00f6chte, dass sie mich fragen, wo sie Probleme haben, und ich m\u00f6chte alles sehen, also das ganze Manuskript. Und so habe ich sicher ein Jahr meines Lebens investiert, nur um diese viele Fragen zu beantworten, die Manuskripte zu lesen, sogar Korrektur zu lesen. Ich habe mich daf\u00fcr unglaublich interessiert, weil ich selber \u00dcbersetzerin bin und weil es mir sehr, sehr wichtig ist, dass \u00dcbersetzungen gut sind. Fr\u00fcher habe ich mich nicht darum gek\u00fcmmert, und es sind furchtbare \u00dcbersetzungen entstanden. Die slowenische \u00dcbersetzerin meines Erz\u00e4hlungsbandes \u201eMiramar\u201c hat zum Beispiel \u201edie Kiefer\u201c mit \u201eder Kiefer\u201c verwechselt. Den Baum hat sie als den Kiefer \u00fcbersetzt, und es ist was v\u00f6llig Surrealistisches entstanden. Ich habe dieses Buch nie mehr angeschaut, ich habe es in die Ecke geschmissen, das existiert f\u00fcr mich nicht. Und kein Lektor dort hat das \u00fcberpr\u00fcft oder gegengelesen. Dann habe ich mir geschworen: Ab jetzt schaue ich jede Zeile an, wirklich jede Zeile \u2013 nat\u00fcrlich nur da, wo ich einigerma\u00dfen die Sprache kann. Aber ich habe auch im Japanischen einen wunderbaren \u00dcbersetzer, er hat mir seitenweise Fragen gestellt und hat auch gefragt, wie man was ausspricht.<\/p>\r\n\n\t\t\t<div id=\"1429-5\" class=\"gallery gallery-1429 gallery-col-2 gallery-columns-2 gallery-size-full\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/ImageGallery\">\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/titelfoto\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/\u00b4TITELFOTO-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/20190205-dsc_3626\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"3671\" height=\"2451\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626.jpg 3671w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626-768x513.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2019\/02\/20190205-DSC_3626-695x464.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 3671px) 100vw, 3671px\" itemprop=\"thumbnail\" \/><\/a><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<\/div><!-- .gallery -->\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Diesen Titel \u2013 \u201eMehr Meer. Erinnerungspassagen\u201c \u2013 hatte ich sofort. Es hat damit zu tun, dass ich am Meer aufgewachsen bin in Triest und dass ich hier in der Schweiz vom Meer weit entfernt bin, das hei\u00dft ich m\u00f6chte mehr Meer, es ist der Wunsch nach mehr Meer. Den Titel hatte ich ganz fr\u00fch, aber er ist wahnsinnig schwer zu \u00fcbersetzen. Die Russen haben daraus \u201eMera morja\u201c gemacht, damit das irgendwie klingt, das ist aber nat\u00fcrlich ein bisschen was anderes. Kroatisch hei\u00dft es \u201eMnogo mora\u201c, slowenisch \u201eMorje modro moje\u201c, \u201emein blaues Meer\u201c. Polnisch hei\u00dft es \u201eMa\u0142o morza ma\u0142o\u201c, sie haben dieses \u201ema\u0142o\u201c wiederholt. Ukrainisch klingt es sehr sch\u00f6n, \u201eMore morja\u201c. Ungarisch ist es \u201eRengeteg tenger\u201c, das bedeutet nat\u00fcrlich auch nicht ganz dasselbe, denn \u201erengeteg\u201c hei\u00dft auf Ungarisch \u201esehr viel\u201c. Nicht einfach \u201eviel mehr\u201c, sondern \u201esehr viel mehr Meer\u201c. Franz\u00f6sisch ist es \u201eLa mer encore\u201c, also jeder hat versucht, irgendetwas zu machen, was ein bisschen den Klang wiedergibt \u2013 das war schon a priori ein schwer zu \u00fcbersetzendes Buch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Als Autorin bleibt nun Ilma Rakusa der deutschen Sprache treu, den \u00dcbersetzenden nimmt sie die Feder nicht aus der Hand \u2013 auch bei Sprachen, bei denen es vielleicht nicht undenkbar w\u00e4re. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich bin die Autorin des Buches, das hei\u00dft ich wei\u00df, warum ich was gemacht habe und warum ich es auch in einer bestimmten Weise haben m\u00f6chte. Und dann kommt ein \u00dcbersetzer, eine \u00dcbersetzerin. Es geht nicht nur um die eklatanten Fehler, \u00fcber die man schnell diskutiert, wie der Kiefer und die Kiefer, sondern es geht auch um Finessen, um musikalische Sachen. Diese Arbeit war sehr intensiv gewesen, auch mit meiner russischen \u00dcbersetzerin, Vladislava Agafonova, die jetzt gerade einen Erz\u00e4hlungsband von mir \u00fcbersetzt, einen Erz\u00e4hlungsband mit dem schwierigen Titel \u201eEinsamkeit mit rollendem r\u201c. Mal sehen, vielleicht machen wir einen andern Titel. Immer wenn es um Gedichte geht in meinen Prosatexten, dann \u00fcbersetzt es Elizaveta Sokolova, eine Germanistin, die ein sehr gutes Ohr hat. Sie hat auch die Gedichte in meinem Band \u201ePere\u010derknutyj mir\u201c \u00fcbersetzt. So habe ich diese zwei \u00dcbersetzerinnen, mit denen ich sehr gut kommuniziere, und die haben auch Spa\u00df an diesem Austausch. In Moskau sitzen wir nat\u00fcrlich zusammen, und dann k\u00f6nnen wir das auch m\u00fcndlich besprechen. Es ist manchmal schwierig per E-Mail, weil ich muss dann sehr lange Listen machen und manchmal sehr lange Erkl\u00e4rungen liefern, warum etwas nicht geht, und ich will das ja begr\u00fcnden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich kann h\u00f6ren, wenn etwas rhythmisch nicht stimmt, auch syntaktische M\u00e4ngel und lexikalische \u2013 aber ich \u00fcberlasse die f\u00fchrende Rolle den \u00dcbersetzern und \u00dcbersetzerinnen. Die m\u00fcssen die L\u00f6sungen finden. In den meisten F\u00e4llen, wenn das Potenzial da ist, bin ich sehr motivierend und lobend. Nur da, wo ich merke, die Person ist eigentlich nicht ganz qualifiziert, da wird es schwierig, denn ich m\u00f6chte die Person nicht beleidigen und bin gleichzeitig sehr unzufrieden. Aber ich hatte bis jetzt meistens Gl\u00fcck mit den \u00dcbersetzern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Es ist das Erinnerungsbuch, das wohl die meisten Leser gefunden hat \u2013 nicht die Erz\u00e4hlungen und nicht die Lyrik. Aber am Ende ist es doch das Gelingen einer poetischen Form, einer Vielfalt von Formen. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das ist ein Buch, das irgendwie Zugang \u00f6ffnet \u2013 zu meinen Welten, sagen wir mal so, biographischen und anderen. Ich glaube, es ist auch ansprechend geschrieben, weil es sehr unterschiedliche Kapitel hat \u2013 essayistische, poetische, manchmal ein Gedicht, ein kurzes St\u00fcck. Viele kurze Kapitel. Und ja \u2013 da habe ich sofort den Schweizer Buchpreis daf\u00fcr bekommen, ich war auch erstaunt. Meine Erz\u00e4hlungsb\u00e4nde, die sind etwas hermetischer. Dieses Buch aber, vielleicht weil es ein pers\u00f6nliches Buch ist, ist offener. Die Leser und Leserinnen haben sich auch entsprechend ge\u00e4u\u00dfert. Ich habe sehr viele Briefe bekommen und E-Mails \u2013 von Lesern, die gesagt haben, warum ihnen das gefallen hat und dass sie selber dadurch sehr inspiriert waren, sich mit der eigenen Vergangenheit, mit ihrem eigenen Leben zu besch\u00e4ftigen. B\u00fccher k\u00f6nnen ja etwas ausl\u00f6sen, auch solche Prozesse, Erinnerungsprozesse. Bei diesem Buch war es der Fall, dass sich sehr viele Leute quasi identifiziert haben mit gewissen Passagen und gesagt haben, sie sind jetzt pl\u00f6tzlich dabei, ihre eigene Biographie wieder aufzurollen, und sie h\u00e4tten sogar die Idee, etwas zu schreiben \u2013 selber. Also das Buch hatte so eine Trigger-Funktion. Das hat mich enorm gefreut. Es geht ja darum, glaube ich, dass man B\u00fccher schreibt, um etwas so mitzuteilen, dass sich der Leser auch darin wiederfindet. Ich will ihn nicht nur mit einer Welt konfrontieren, die ihm total fremd ist, sondern er soll einen Zugang finden irgendwie. Und bei keinem Buch wei\u00df man, ob das gelingt und wie das gelingt. Gerade bei Gedichtb\u00e4nden wei\u00df man es auch nicht, weil manche Leute sich sperren gegen Gedichte. Trotzdem, ich mache was ich kann, ich kann ja keine Romane schreiben. Ich habe einen Kurzroman geschrieben, russisch w\u00fcrde man vielleicht <em>povest\u2019<\/em> sagen, \u201eDie Insel\u201c, <em>ostrov<\/em>. Aber sonst bin ich eher Lyrikerin, Erz\u00e4hlerin, oder schreibe eine autofiktionale Prosa, die sich aus vielen k\u00fcrzeren Teilen zusammensetzt. Ich habe nicht so einen langen Atem, f\u00fcr Romane reicht es bei mir nicht. Weder den Atem noch die Vorstellungskraft, weil ein Roman ist wie eine Architektur, da muss man wirklich ein ganzes Haus bauen. Und ich schaffe meistens nur gerade das Erdgeschoss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Das t\u00e4gliche Wirken: Was hat Ilma Rakusa heute vor diesem Gespr\u00e4ch gemacht?<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eigentlich stimmt das f\u00fcr mich: <em>nulla dies sine linea<\/em>. Ich habe zum Beispiel heute eine Seite im Tagebuch geschrieben, heute ist der 20. Todestag meines Vaters. Ich habe ein paar E-Mails geschrieben und gelesen, aber nicht \u00fcbersetzt. Ich habe gerade ein Buch zu Ende geschrieben, \u201eMein Alphabet\u201c, und ich mache vielleicht noch winzige kleine Retuschen, aber eigentlich ist es schon fertig. Gedichte entstehen immer wieder, es ist nicht so, dass man wie in einem Roman Kapitel nach Kapitel schreibt, sondern Gedichte entstehen wenn sie wollen, spontan, ungeplant. Was die \u00dcbersetzung angeht, werde ich jetzt f\u00fcr den zweiten Band \u00fcbersetzen, den Essay von Cvetaeva \u00fcber Boris Pasternak \u2013 \u201eSvetovoj liven\u2019\u201c. Und wie gesagt das Schreiben, das t\u00e4gliche Schreiben ist f\u00fcr mich immer eher Freude als Pflicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><br \/><em>Das Gespr\u00e4ch mit Ilma Rakusa fand am 5. Februar 2019 im Slavischen <br \/>Seminar der Universit\u00e4t Z\u00fcrich statt. Demn\u00e4chst wird eine erweiterte Videofassung auf unserer Plattform zug\u00e4nglich sein. Die Fragen wurden gestellt von: Innokentij Urupin, Anja R\u00f6misch, Diliara Fruehauf, Marina Okhrimovskaya, Maria Zhukova, Agnieszka Gerber, Olga Burenina-Petrova<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Alle Fotos: \u00a9 Innokentij Urupin<\/p>\r\n<h2>\u00a0<\/h2>\r\n<p><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/tag\/innokentij-urupin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><span style=\"color: #3366ff;\">Innokentij Urupin<\/span><\/strong><\/a>, University of Konstanz<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><\/figure>\r\n<figure>\r\n<figcaption><\/figcaption>\r\n<figure>\r\n<figcaption><\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n<\/figure>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>lma Rakusa ist \u2013 in biographisch-chronologischer Reihenfolge \u2013 Slavistin, Lyrikerin, \u00dcbersetzerin, Prosaautorin und Literaturkritikerin<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/28\/der-richtige-ton\/\">Read More &rarr;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":474,"featured_media":9028,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[174],"tags":[115,391],"class_list":["entry","author-","has-excerpt","post-1429","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-interview","tag-german","tag-innokentij-urupin"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1429","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/474"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1429"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1429\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14144,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1429\/revisions\/14144"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}