{"id":1355,"date":"2019-02-04T17:54:49","date_gmt":"2019-02-04T16:54:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/?p=1355"},"modified":"2022-08-07T20:03:45","modified_gmt":"2022-08-07T18:03:45","slug":"wie-man-die-zeit-stillstehen-lasst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/04\/wie-man-die-zeit-stillstehen-lasst\/","title":{"rendered":"Wie man die Zeit stillstehen l\u00e4sst \u2013 Anja R\u00f6misch"},"content":{"rendered":"\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00a0<\/h2>\r\n<p style=\"text-align: center\"><strong>WIE MAN DIE ZEIT STILLSTEHEN L\u00c4SST<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Portrait der makedonischen K\u00fcnstlerin Raina Dangova<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich komme aus einem Ort, in dem das Anderssein auff\u00e4llt. Es wird gesehen und geh\u00f6rt. Gesehen: Jugendliche, die keine teuren Skimarken tragen, Kinder mit allzu abgetretenen Schuhen, zu viel Buntes an Textilien, Haar und auf der Haut, der Durchschnitt h\u00e4lt sich gern bedeckt. Geh\u00f6rt: an Geschichten. An <em>hast du das gemerkt<\/em> und <em>tr\u00e4gt die nun tats\u00e4chlich<\/em> und <em>tut denn der schon wieder<\/em>. Man darf sich entscheiden, ob man lieber Brei wird oder Thema. Der Brei ist vorherrschend und dennoch gehen ihm die Themen nie aus, denn man kennt sich immer an diesem Ort, und wenn man sich doch fremd ist, dann nur \u00fcber drei Ecken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Raina Dangova wird gesehen und geh\u00f6rt. Meine erste Erinnerung an sie: Nicht ein Kennenlernen, sondern ein Bild. Wie sie durch unsere Kleinstadt spaziert zusammen mit ihrem Mann Jean-Pierre Pellet, denn sie spaziert gern, eine schlanke Frau mit schwarzem Haar, das sie auf dem Kopf zusammengebunden und zu einem schmalen Zopf geflochten hat, rote Lippen und Wangen, Farbe im Gesicht, farbig auch die Gestalt, farbig und mit dreissig Quadratmetern Radius an Kraft. Ihr Bild hat mir immer etwas abgegeben von dieser Kraft, wenn der Brei mich zu ersticken drohte. Und seit dem tats\u00e4chlichen Kennenlernen, seitdem sie auch Person ist f\u00fcr mich und nicht l\u00e4nger nur Bild, gibt sie mir stets W\u00e4rme.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auch heute. Das Interview findet bei ihr zuhause statt, klingeln, kurzes Warten, die Haust\u00fcr \u00f6ffnet sich: W\u00e4rme. Sie umarmt mich, ich trete ein. Sie beginnt zu erz\u00e4hlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Raina Dangova ist in Bitola, Makedonien aufgewachsen. Ihr Vater ist Bulgare, die Mutter Makedonierin. Zum Zeitpunkt des Kriegsendes befindet sich der Vater in seinem Heimatland, und als die Grenzen geschlossen werden, kann er nicht mehr zur\u00fcck zu seiner Familie. Er schafft es zu Fuss bis nach Skopje, wird hier allerdings gefangen genommen und nach Bulgarien zur\u00fcckgebracht. Ein erneutes Durchkommen bis nach Makedonien ist nicht m\u00f6glich, die Familie wird getrennt. Raina, ihre Mutter und ihre Schwester bleiben in Bitola. Der Vater lebt gezwungenermassen in Bulgarien, baut sich hier eine neue Existenz auf mit neuer Familie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Was nach einschneidendem Zerw\u00fcrfnis und tiefer Trauer klingt, beschreibt Raina lediglich als Rahmenhandlung. \u00abMan muss stark sein, neutral und ganz pr\u00e4sent\u00bb, sagt sie. \u00abWir alle sind einig im Verschiedenen. Und f\u00fcr Traurigkeit bleibt keine Zeit.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Raina absorbiert. Sie absorbiert ihr Umfeld, die zwischen drei Seen liegende Stadt Bitola, sie absorbiert die in Textilien verwebten folkloristischen Muster, f\u00fcr die die Stadt bekannt ist, sie absorbiert die Unbedarftheit der dortigen Lebensart \u2013 \u00abdie Menschen waren nett und gut im Verstand, Industrie und Wirtschaft waren gross, das Leben gut. Es gab genug Nahrung und kaum Komplikationen. Zweiundzwanzig Jahre lang lebte ich in Bitola.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In der Schule ist sie aufmerksam, schreibt gute Noten. St\u00e4rker als die in den B\u00fcchern enthaltenen faktischen Informationen faszinieren sie allerdings die Bilder, die das Wissen veranschaulichen. Die Landkarten im Geografieunterricht, die mit Beschriftungen versehenen Querschnitte von Blumen und menschlichen K\u00f6rpern in den Biologiestunden. \u00abDer Mensch ist die Welt. Sein Kosmos sind die Venen, die Arterien, die innerliche k\u00f6rperliche Substanz. Und deshalb m\u00fcssen wir Verst\u00e4ndnis haben f\u00fcr die restliche Welt, weil wir n\u00e4mlich selbst eine sind, entstanden aus der Erde.\u00bb Farben und Formen aller Art pr\u00e4gen sie, das Gegenst\u00e4ndliche und Organische der Lehrmittel genauso wie die bunte Abstraktion der makedonischen Folklore. Ihr Grossvater ist Ikonenmaler, sie l\u00e4chelt, als sie von ihm spricht: \u00abEr hat nicht viel geredet und oft gefastet. Durch das Malen der Ikonen hat er versucht, Gott kennenzulernen und den inneren Analphabetismus der Menschheit zu \u00fcberwinden.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Raina lernt \u00fcber das Malen die Welt kennen. Sie verkleidet sich als Bettlerin, setzt sich an Strassenr\u00e4nder und beobachtet. Die Menschen, die H\u00e4user, die Bewegungen der Schatten. Manchmal zeichnet sie vor Ort das Gesehene nach, manchmal ruft sie erst zuhause einzelne Bildfunken aus dem Ged\u00e4chtnis auf und bringt sie auf Papier. \u00abFarbe ist Licht und Schatten. Ich spreche mit der Farbe, und dann kommt ein Bild.\u00bb Sie arbeitet mit Zeitungspapier, fertigt \u00d6lgem\u00e4lde an und Skulpturen. Schliesslich, sie ist zweiundzwanzig, wird es Zeit f\u00fcr etwas Neues, sie will gehen, zieht in die Schweiz, arbeitet hier im Gastgewerbe. Lernt ihren Mann, Jean-Pierre Pellet kennen. Auch hier ein L\u00e4cheln, ein L\u00e4cheln so gross, dass es ihr Gesicht \u00fcbersteigt. \u00abJean-Pierre. Neue Liebe. Neue Kunst.\u00bb Die Kunst ist f\u00fcr sie ein nat\u00fcrliches Geschenk, eine Gabe. \u00abDie Realit\u00e4t besteht daraus, Menschen zu treffen. Dann: Absorbieren, Malen. Wer malen will, der findet.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Raina findet so einiges. Sie findet dreiunddreissig m\u00f6gliche Transformationen von Rimbauds Kopf. Sie findet Schriften, die die Welt noch nicht kennt, reist spontan f\u00fcr einige Zeit nach \u00c4gypten und beginnt, eigene Zeichensysteme zu entwickeln, die stark inspiriert sind von den Hieroglyphen, die die Grabst\u00e4tten der Pharaonen schm\u00fccken. Sie findet weibliche K\u00f6rper in Pastell, weibliche K\u00f6rper in \u00d6l. Sie findet Bilder, die Fl\u00e4chen decken, sie findet Striche, die mit weissen Leerstellen spielen. Sie findet und findet. \u00abSo kann man die Zeit stoppen. So bleibt die Zeit stehen. Nur, wenn es nichts zu tun gibt, geht die Zeit vor\u00fcber. Und nur mit Arbeit kann man die Zeit stoppen, und das heisst leben. Jeder darf sterben, nur tot sein darf er nicht.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ihre Bilder werden international ausgestellt, zwei Galerien kaufen ihr Hauptwerk auf. Eine davon ist die Galerie Dijkstra, die andere die Fondation Vallet in Rainas gew\u00e4hltem Heimatkanton, dem Wallis. Die Fondation Edouard Vallet besitzt rund 20&#8217;000 Bilder von ihr und bringt in einer Zusammenarbeit mit Raina und ihrem Mann Jean-Pierre ein Buch heraus, zu welchem Raina bildnerische und Jean-Pierre sprachliche Kunst beisteuert: Hier stehen ihre Bilder neben Gedichten, die er teils sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt, teils selbst verfasst hat. Sie zeigt mir ihr Arbeitszimmer, wo das Hauptwerk weiter expandiert. Bilder stapeln sich in den Regalen. Bilder in Kisten. Die neuesten Werke sind ausgebreitet auf Tisch und Bett. Sie experimentiert weiter mit Schriftsystemen, daneben eine Reihe mit Bildern von Frauen, deren runde Formen ein wenig an Niki de Saint Phalle erinnern, durch die daf\u00fcr verwendeten Pastellkreiden aber weicher sind, zarter. \u00abAlles kommt zuf\u00e4llig, und man nimmt es selbstverst\u00e4ndlich\u00bb, sagt sie. \u00abUnd wer malen will, der findet ein Geschenk.\u00bb<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Draussen wird es dunkel, Jean- Pierre deckt den Tisch. \u00abFertig?\u00bb, fragt Raina, legt die H\u00e4nde auf die Oberschenkel, strahlt mich an. \u00abFertig\u00bb, sage ich. Was urspr\u00fcnglich als Interview geplant war, ist vielmehr zur Geschichte geworden, denn Raina Dangova muss man keine Fragen stellen, um Wichtiges herauszuh\u00f6ren. Ihre Kunst und sie selbst sprechen f\u00fcr sich. Sie sprechen von einer Frau, die es versteht, die Zeit zu stoppen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich komme aus einem Ort, an dem das Anderssein auff\u00e4llt. Und zum Gl\u00fcck tut es das, denn so konnte ich Raina Dangova sehen. Und durfte <em>sie<\/em> h\u00f6ren. Deshalb ein Dank an meine Kleinstadt. Und ein noch gr\u00f6sserer Dank an Jean-Pierre Pellet und an Raina Dangova, f\u00fcr ihre Gastfreundschaft, f\u00fcr ihre sch\u00f6nen Worte und Bilder. Ich mag euch zuf\u00e4lligerweise getroffen haben, aber euch kennen zu d\u00fcrfen, ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Es ist die Art von Realit\u00e4t, die zu absorbieren am sch\u00f6nsten ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/tag\/anja-roemisch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #3366ff\"><strong>Anja R\u00f6misch<\/strong><\/span><\/a>, University of Zurich<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><\/figure>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\n\t\t\t<div id=\"1355-1\" class=\"gallery gallery-1355 gallery-col-2 gallery-columns-2 gallery-size-large\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/ImageGallery\">\n\t\t\t\t\t<figure class='gallery-item col-2' itemprop='associatedMedia' itemscope itemtype='https:\/\/schema.org\/ImageObject'>\n\t\t\t\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'><a href='https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2019\/02\/04\/wie-man-die-zeit-stillstehen-lasst\/attachment\/3\/' itemprop=\"contentURL\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" 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