{"id":13491,"date":"2023-03-15T21:15:07","date_gmt":"2023-03-15T20:15:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/?p=13491"},"modified":"2023-03-16T14:16:13","modified_gmt":"2023-03-16T13:16:13","slug":"wo-faengt-eine-geschichte-an-aleksa-trifunovic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2023\/03\/15\/wo-faengt-eine-geschichte-an-aleksa-trifunovic\/","title":{"rendered":"Wo f\u00e4ngt eine Geschichte an? \u2013 Aleksa Trifunovi\u0107"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>WO F\u00c4NGT EINE GESCHICHTE AN?<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte, welche ich Ihnen erz\u00e4hlen m\u00f6chte, ist eine derjenigen, die sich an der Schwelle des Realen und des Irrealen befindet, schwerlich glaubw\u00fcrdig und doch zu real, um missachtet zu werden. Wie jede Erz\u00e4hlung hat auch diese einen Protagonisten, aber um seine Errungenschaften zu schildern, m\u00fcssen wir zuerst den Ursachen nachgehen, welche seine Existenz in solch einer schweren Lage erzwungen haben. Da sie jedoch so vielz\u00e4hlig sind, wie selbst die Tentakel des Krakens oder die K\u00f6pfe der Hydra, soll es dem Leser nicht an Mut und Geduld fehlen, sie alle in Angriff zu nehmen. Wenn Sie sich trotz der Warnung f\u00fcr das Weiterlesen entschieden haben, stellt sich nun die Frage, wie diese Geschichte anzufangen sei. Vielleicht an einem sonnigen Strand auf Kreta, wo das Meer den Farben des Paradieses \u00e4hnelt und wo einst der K\u00f6nig Minos den wirren D\u00e4dalus einen Irrgarten zu bauen beauftragte. Auf einer der Olivenplantagen an der K\u00fcste arbeitete ein junger Ausl\u00e4nder und ehemaliger Boxer, welcher nicht, wie sonst f\u00fcr Sportler \u00fcblich, seine Karriere wegen dem Alter oder einer Verletzung aufgegeben hatte, sondern sich daf\u00fcr br\u00fcsk und \u00fcber Nacht entscheiden musste. Nicht dass er nicht erfolgreich gewesen w\u00e4re, ganz im Gegenteil, an seiner Technik gab es nichts auszusetzen, sein Uppercut war makellos, der Jab dynamisch und auch an Lob und Medaillen fehlte es nicht, und dann, wie aus dem heiteren Himmel kam der K\u2026 Ich bitte um Verzeihung, aber vielleicht sollten wir den Anfang doch auf einen fr\u00fcheren Zeitpunkt verlegen, um etwas weiter weg vom eigentlichen Protagonisten zu kommen und uns damit einen besseren \u00dcberblick \u00fcber seine jetzige Situation zu verschaffen.<\/p>\n<p>In einem erstarrenden Winter des vergangenen Jahrhunderts, zitterte ein Haufen junger hauchender Soldaten in einer versteckten Schanze zwischen den von Schnee \u00fcberzogenen T\u00e4lern und Bergen. Teils zitterten sie vor K\u00e4lte und teils aus Furcht vor dem bevorstehenden Angriff des Feindes. Die meisten von ihnen waren Bauernkinder, welche ihren Feldern und Familien entrissen wurden und ihre Pfl\u00fcge und Spaten mit Kanonen und Gewehren ersetzen mussten. Einer von ihnen, kaum sechszehn, beachtete als erster einen feindlichen Soldaten auf dem gegen\u00fcberliegenden Ufer. Er hatte es noch nie getan, aber er wusste, dass er nun den Feind vernichten musste, um nicht selbst umzukommen. Also streckte er sein Gewehr entschieden und zielte auf ihn, als seine Knie weich wurden und sein Finger am Abzug erzitterte.<\/p>\n<p>Der feindliche Soldat schien ihn dagegen gar nicht erblickt zu haben und drehte ihm sogar den R\u00fccken zu. Demzufolge senkte auch der junge Bauer erleichtert sein Gewehr und suchte in der Jackentasche seinen Talisman; eine im Stoff eingehn\u00e4hte Nuss, welche ihm seine Mutter bei der Verabschiedung mitgab. Er dr\u00fcckte sie in der Faust und blickte zum grauen Fluss unterhalb der Schanze hinab; einem irdischen Acheron, wild und unbarmherzig, verseucht vom Gestank der Leichen und des Schiesspulvers.<\/p>\n<p>Wie aus dem Nichts schoss dann jemand vom gegen\u00fcberliegenden Ufer und traf den Bauer in die Brust, wonach sein verh\u00e4rteter K\u00f6rper wie ein Stein im Fluss versank. Anf\u00e4nglich rang er noch mit den Wellen und versuchte sich an einem Felsen festzuhalten, vergeblich, weil er seinen linken Arm nicht mehr sp\u00fcrte. Er rief auch nach Hilfe, jedoch wurden seine Schreie von weiteren Sch\u00fcssen und Schreien \u00fcbert\u00f6nt und schliesslich wurde sein ohnm\u00e4chtiger Leib von der Str\u00f6mung weggetragen.<\/p>\n<p>Dies sollte aber kein Kriegsbericht werden, weswegen wir den Anfang doch etwas weiter in die Zukunft und n\u00e4her zum Protagonisten verlegen m\u00fcssen. Falls Sie sich trotzdem noch fragen, was mit dem jungen Soldaten geschehen ist, kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen, dass er aufgrund des Schusses erst f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter umkam.<\/p>\n<p>Stellen wir uns ein zerfallenes Land nach einem blutigen Krieg vor, ein im Elend ertrinkender Staat, in welchem <span class=\"ui-provider ke b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z ab ac ae af ag ah ai aj ak\" dir=\"ltr\">verwandtschaftliche Beziehungen<\/span> und trostlose Armut die Bev\u00f6lkerung plagen und Hunderttausende aus der Heimat vertreiben. Einer der Auswanderer, zuf\u00e4llig auch ein ehemaliger Boxer, entscheidet nach drei Jahren fleissiger Arbeit auf dem Schiffsbau \u00fcber die Ferien, in die Heimat zu fahren. Dabei wird er noch kurz vor der Abreise von einem Freund, auch einem Auswanderer, den wir hier bloss D nennen werden, gebeten, seiner Freundin ein Parf\u00fcm mitzubringen.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter machte er einen fl\u00fcchtigen Abstecher bei Ds Freundin, um ihr das Parf\u00fcm zu \u00fcbergeben. Er klingelte und noch bevor die T\u00fcr aufgemacht wurde, fing er hastig an zu erkl\u00e4ren, dass er tats\u00e4chlich keine Zeit f\u00fcr ein Kaffee h\u00e4tte, dass er zwar gern mit ihr geplaudert h\u00e4tte, aber es sehr eilig h\u00e4tte und es ihm leidt\u00e4te, aber nein, f\u00fcr einen Kaffee h\u00e4tte er gar keine Zeit, weshalb er sicherlich ein anderes Mal vorbeigekommen w\u00e4re und sie sich dann so richtig ausgesprochen und zusammen einen Kaffee getrunken h\u00e4tten. W\u00e4hrend er dies vorgetragen hatte, hatte er alle seine Hosen- und Jackentaschen nach seinem Autoschl\u00fcssel betastet und nachdem er sie endlich gefunden hatte, streckte er die Hand mit dem Parf\u00fcm aus und erhob seinen Blick, als er erschreckt erkannte, dass es gar nicht Ds Freundin, sondern deren beste Freundin war. Wieder folgten ged\u00e4mpfte Sch\u00fcsse, auch dieses Mal in die Brust, aber das Mal keine Feuerwaffen, sondern Pfeile, Pfeile des Amors.<\/p>\n<p>Er versuchte noch etwas zu sagen, doch kam aus ihm nichts Vern\u00fcnftiges heraus, weil ihn ihre unendlich blauen Augen davon abhielten. Sie nickte ihm dagegen nur zu und grinste zufrieden, als w\u00e4re das Parf\u00fcm ein Geschenk. Ein Geschenk, von ihm f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Trotz den Unannehmlichkeiten, welche ich Ihnen damit bereiten k\u00f6nnte, sehe ich es einmal mehr als eine Notwendigkeit, auch diesen Anfang zu verwerfen. Nicht weil wir jetzt zu nahe oder zu weit weg am Protagonisten sind, ganz im Gegensatz, sondern, weil es nicht zu bestreiten ist, dass heute die wenigsten noch an die Liebe glauben, also muss auch dieser kitschige Anfang zwingend verworfen werden. Wie weit soll man \u00fcberhaupt in die Vergangenheit eintauchen, um die Verflechtung eines Schicksals zu ergr\u00fcnden? Versuchen wir uns doch in die Gegenwart zu versetzen.<\/p>\n<p>Vor der Gelateria eines italienischen Einkaufszentrums sitzen ein Vater und dessen Sohn auf einer Bank, w\u00e4hrend sie auf die Mutter warten. Der Vater bl\u00e4ttert in einer Autozeitschrift und der kleine Junge schwingt seine Beine, w\u00e4hrend er sein Zitroneneis isst und die Pflanze neben sich betrachtet.<\/p>\n<p>\u00abPapa ist das eine k\u00fcnstliche Pflanze?\u00bb<\/p>\n<p>Aber der Vater h\u00f6rt die Frage nicht, weil er konzentriert ein neues Volkswagen-Modell bewundert. Der Junge zuckt die Schultern, l\u00e4sst seine Beine wieder schwingen und isst unbesorgt sein Eis weiter. Obwohl er das Eis auf Italienisch geniesst, weiss er noch gar nicht, dass er eines Tages davon in zwei Sprachen denken, in drei tr\u00e4umen, in vier sprechen und in f\u00fcnf lieben wird.<\/p>\n<p>Handelte es sich eigentlich hierbei um dasselbe Kind, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Granate im Bach unterhalb seines Hauses fand, welche ihn sein Bein kostete? Oder war es das Kind, welches mit den Eltern vor Jahrhunderten die geb\u00fcrtigen Berge der Cri\u0219ana verliess, wegen eines selbst von der Zeit l\u00e4ngst vergessenen \u00dcbels?<\/p>\n<p>Nicht auszuschliessen ist, dass es eines der Sachsenkinder war, welche sich im 13. Jahrhundert, vor den Tataren fliehend, in jener Gegend ansiedelten, um Bergbau zu betreiben und in welcher sich sp\u00e4ter auch die rum\u00e4nischen Sch\u00e4fer ansiedelten. Es k\u00f6nnte aber eines der Kinder gewesen sein, welche auf der Anh\u00f6he hinter dem Familienhaus von den Faschisten erschossen wurden.<\/p>\n<p>Wie am Anfang bereits erw\u00e4hnt, hat diese Hydra noch viele weitere K\u00f6pfe und auch der Busfahrer in den Alpen, die Begegnung eines Rentners in einer Kafana, eine kaputte Lada vor einer westeurop\u00e4ischen Botschaft in einer osteurop\u00e4ischen Grossstadt und der verirrte t\u00fcrkische Winzer, w\u00e4ren vermutlich gleichermassen gute, wenn nicht sogar bessere Anf\u00e4nge als die bereits Geschilderten. Jedoch bleiben alle diese Leben und Schicksale weiterhin dermassen verflochten und verknotet, dass es schwer zu sagen ist, inwiefern sie das Schicksal des Protagonisten beeinflusst haben und wo, dass ihre Geschichten enden und die eigentliche Geschichte \u00fcber den Protagonisten anzufangen sei. \u00dcber ihn werden wir jedoch ein anderes Mal ausf\u00fchrlicher reden, da nun mein Zug gekommen ist und dementsprechend die Zeit daf\u00fcr nicht mehr ausreicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/tag\/aleksa-trifunovic\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><span style=\"color: #3366ff\">Aleksa Trifunovi\u0107<\/span><\/strong><\/a>, University of Zurich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Edited by: Tijana Simi\u0107, University of Zurich and Juliana Wiemer, University of Konstanz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte, welche ich Ihnen erz\u00e4hlen m\u00f6chte, ist eine derjenigen, die sich an der Schwelle des Realen und des Irrealen befindet<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2023\/03\/15\/wo-faengt-eine-geschichte-an-aleksa-trifunovic\/\">Read More &rarr;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":709,"featured_media":13496,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[8],"tags":[364,115],"class_list":["entry","author-olga","has-excerpt","post-13491","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-prose","tag-aleksa-trifunovic","tag-german"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/709"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13491"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13504,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13491\/revisions\/13504"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}