{"id":1100,"date":"2018-11-04T23:26:08","date_gmt":"2018-11-04T22:26:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/slavicumpress\/?p=1100"},"modified":"2025-11-17T19:07:44","modified_gmt":"2025-11-17T18:07:44","slug":"und-immer-die-katzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2018\/11\/04\/und-immer-die-katzen\/","title":{"rendered":"Und immer die Katzen \u2013 Anja R\u00f6misch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>UND IMMER DIE KATZEN<\/strong><\/p>\n<p>Du bist eben erst angekommen in Petersburg und nach all dem Neuen, das du siehst und schmeckst \u2013 das Sauerkraut, der Dill, dein erster mit kyrillischen Lettern bedruckter Fahrschein, die Fahrt von Plattenbau zu Klassizismus, ein grosses Wien ist es in seinem Stadtkern, ein pastellfarbenes, von Pilaster und S\u00e4ulen gest\u00fctztes \u2013 und nach all dem Neuen, das du siehst und schmeckst, bleibst du stehen vor einem Strassenstand; bei deiner Ankunft wars noch warm, aber die Nacht zieht Dunkel \u00fcber den Himmel und eine G\u00e4nsehaut \u00fcber deine Arme, und du bleibst stehen vor einem Strassenstand, der Schals verkauft, und du wunderst dich.<\/p>\n<p>\u0421\u0430\u043d\u043a\u0442-\u041f\u0435\u0442\u0435\u0440\u0431\u0443\u0440\u0433 \u043a\u043e\u0448\u0435\u043a \u2013 Sankt Petersburg der Katzen. Auf Magneten und auf Tassen, mit Zeichnungen von Pfoten und Schnurrbarthaaren und von Tieren, eng beieinandersitzend, unter einem Regenschirm. Du hast viel Neues gesehen seit deiner Ankunft, aber darunter keine Katzen.<\/p>\n<p>Die Stadt hat dich, und die Nacht verschreibt dich ihr. Ein bisschen fiebrig f\u00fchlst du dich, das Dunkel wirkt unbekannter als sonst und die Lichter gl\u00fchender. Du l\u00e4ufst nicht, du wandelst, \u00fcber Br\u00fccke und \u043f\u0440\u043e\u0441\u043f\u0435\u043a\u0442 und dunkle Gasse heller Platz, deine ganze kleine Heimatstadt h\u00e4tte Raum in diesem Platz, und auf ihm stehen vereinzelt die Panzer wie H\u00e4uschen. Daneben Tumult; zwei Strassenmusiker spielen \u043a\u0438\u043d\u043e, um sie herum tanzen die Leute, springen, drehen sich, lachen und pfeifen, \u0438 \u043d\u0430\u043c \u043d\u0435\u0437\u0430\u0447\u0435\u043c \u0435\u0445\u0430\u0442\u044c, \u043c\u044b \u0433\u0443\u043b\u044f\u0435\u043c \u043e\u0434\u043d\u0438, \u043d\u0430 \u043d\u0430\u0448\u0435\u043c \u043a\u0430\u0441\u0441\u0435\u0442\u043d\u0438\u043a\u0435, und endlich siehst du die Katzen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wachst du auf, zum ersten Mal wachst du auf in Sankt Petersburg, zum ersten Mal l\u00e4ufst du die Strassen ab auf der Suche nach einem geeigneten Ort f\u00fcr deinen morgendlichen Kaffee, und die Strassen sind ges\u00e4umt von Flaggen und M\u00e4nnern in Matrosenkost\u00fcmen und Rufen: \u0420\u043e\u0441\u0441\u0438\u044f! Massenauflauf an der \u041d\u0435\u0432\u0430. Du dr\u00e4ngst dich nach vorn zum Flussufer, siehst Kriegsschiffe vorbeifahren, die Bombentr\u00e4ger ziehen \u00fcbers Wasser. \u0423\u0440\u0430! \u0423\u0440\u0430! Es werden Flyer verteilt, die benennen, was du siehst. Die Parade der Russischen Marine. Metall und Motoren und Antriebe werden bejubelt, und ganz besonders ein im Vergleich recht kleines Motorboot. \u00a0\u041f\u0443\u0442\u0438\u043d! \u041f\u0443\u0442\u0438\u043d! erkl\u00e4ren die Rufe.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter sitzt du im Gras eines Parks, der es dir ansonsten nicht erlaubt, in seinem Gras zu sitzen. Und du trinkst den Kaffee, den du endlich gefunden hast, im Kofferraum eines Wagens mit offener Heckklappe hat der Verk\u00e4ufer seine Kolbenmaschine verstaut, mit der er die Bohnen frisch mahlt und dir die Milch aufsch\u00e4umt.<\/p>\n<p>Und immer die Katzen.<\/p>\n<p>Du bist bereits seit einiger Zeit in der Stadt. Hast dir dein Eclair salzig geweint, als du im \u041c\u0430\u0440\u0438\u0438\u043d\u0441\u043a\u0438\u0439 \u0442\u0435\u0430\u0442\u0440 Schwanensee gesehen hast, du hattest kein Taschentuch dabei und die Tr\u00e4nen kullerten \u00fcber deine Wangen und l\u00f6sten sich von deinem Kinn und fielen aufs Geb\u00e4ck. Hast das \u00c4usserste herausgeholt aus deiner Lunge beim Aufstieg auf den Turm der \u0418\u0441\u0430\u0430\u043a\u0438\u0435\u0432\u0441\u043a\u0438\u0439 \u0441\u043e\u0431\u043e\u0440, Stufe um Stufe, Atemzug um Atemzug, der tiefste ein Ausdruck der Bewunderung, als du endlich die Aussichtsplattform erreicht hast. Hast dich im \u0434\u043e\u043c \u041c\u0430\u0442\u044e\u0448\u0438\u043d\u0430 versehentlich auf ein Ausstellungsst\u00fcck gesetzt und gelernt, dich auf Russisch zu entschuldigen. Hast dich an das Klicken und Klacken der hohen Hacken gew\u00f6hnt, die scheinbar alle Frauen tragen. Hast einer Studentin zugeh\u00f6rt, die dich durch die Universit\u00e4t gef\u00fchrt, dir die B\u00fccherkatakomben und die vom Universit\u00e4tspark beherbergten Statuen gezeigt hat, hast nur Stimme geh\u00f6rt bei ihr und keine Hacken,<\/p>\n<p>und immer die Katzen.<\/p>\n<p>Alles ist gr\u00f6sser und l\u00e4nger in Sankt Petersburg, alles ist weiter weg von dir, auch die D\u00e4cher. Und auf einem von ihnen ein Mann in kaputter Hose, der sich herunterbeugt \u00fcber die Regenrinne und den Taubendreck wegkratzt, der unmittelbar unter der Rinne Striemen \u00fcber die pastellene Fassade zieht. Der Mann tr\u00e4gt keinen Helm, und ein wenig sp\u00e4ter wird er sich vom Dach herabseilen mit einem Strick, der zweckm\u00e4ssig wirkt, aber nicht auf Dauer haltend. Er wird mit Pastellfarbe \u00fcbermalen, was von der Spachtel verkratzt und der H\u00e4userwand ansonsten zugef\u00fcgt wurde vom Dreck, den Stadt und Wetter mit sich bringen, was sich nicht gut macht auf dem Pastell.<\/p>\n<p>Und immer die Katzen.<\/p>\n<p>Du stehst lange schon in einer Schlange vor der Hermitage, dein Gem\u00fct ist ganz sediert vom Warten, und pl\u00f6tzlich stehst du vor der breiten F\u00fcrstentreppe und nach der F\u00fcrstentreppe ein Saal aus Gold; und nach dem Gold ein Saal in rot und nach dem Rot ein Saal in blau, und wenn es nicht die Farbe ist, die dich einnimmt, dann ein Kronleuchter, und wollte man den Kronleuchter beh\u00e4ngen wie einen Weihnachtsbaum, dann br\u00e4uchte man daf\u00fcr Puppen in der Gr\u00f6sse wohlgen\u00e4hrter, strammer Kinder, alles andere w\u00e4re ein Suchen nach Saturn im Himmel, ohne Fernrohr. Und du verstehst nicht nur, zum allerersten Mal f\u00fchlst du auch, warum Revolution gemacht werden wollte, und du l\u00e4ufst weiter von Saal zu Saal und bist ganz klein unter den hohen Decken, bist Saturn im Himmel, ohne Fernrohr, und all die Bilder hast du betrachtet und kein Bild davon gesehen, nur Goldenes und rot und blau und dazwischen \u00d6l auf Leinwand.<\/p>\n<p>Und immer die Katzen.<\/p>\n<p>Am Abend davor warst du in einem Club etwas ausserhalb der Stadt, wo nicht mehr kleines Wien ist in Pastell, sondern Plattenbau in Weiss mit Taubenexkrementen und dem Dreck, den Stadt und Wetter mit sich bringen. Hier verlassen morgens M\u00e4nner ihre Wohnung, in kaputten Hosen, ohne Helm und mit einem Seil \u00fcber der Schulter, und gehen zur Arbeit.\u00a0 Der Club ist in einer ehemaligen Eisenbahnstation aus Sowjetzeiten untergebracht, und wer nicht nach ihm sucht, der wird ihn niemals finden. Die W\u00e4nde seines Inneren sind grau, aber nicht karg. Stundenlang hast du dagesessen und die Bilder angesehen, die auf sie gemalt und an sie geh\u00e4ngt wurden, die Puppen, die von den Eisenbalken baumeln, die selbstgen\u00e4hten Vorh\u00e4nge an den Fenstern. Und getanzt hast du, und auch tanzend gesehen. Wie ein fast zwei Meter grosser Typ, breitschultrig, mit Vollbart, die Hosen herunterzog und das Hemd herauf und seine Vagina entbl\u00f6sste; wie wieder Menschen ihre M\u00fcnder \u00f6ffneten f\u00fcr Rufe: \u0423\u0440\u0430! \u0423\u0440\u0430; wie M\u00e4nner ihren Lippenstift nachzogen und Frauen Frauen k\u00fcssten: \u0423\u0440\u0430! \u0423\u0440\u0430; wie sie tanzten, wie sie lachten, \u0423\u0440\u0430! \u0423\u0440\u0430! Auf das Innere einer ehemaligen Eisenbahnstation etwas ausserhalb der Stadt, wo die Z\u00fcge der Freiheitssuchenden ein- und ausfahren.<\/p>\n<p>Und immer die Katzen. Sie lauern in den Hinterh\u00f6fen, hinter Gittern. Sie tanzen zu der Musik von \u0412\u0438\u043a\u0442\u043e\u0440 \u0426\u043e\u0439, brauen Kaffee in Kofferr\u00e4umen, kein Klick und kein Klack h\u00f6rt man von ihren Pfoten. Sie zeigen ihre abnormen Genitalien und k\u00fcssen sich mit lippenstiftverschmiertem Schnauzbart. Ihre zarten K\u00f6rper schleichen durch die Stadt, bewegen sich geschmeidig durch die Seitengassen, und wenn sie vom einen Hinterhof fortgejagt werden, dann lassen sie sich im n\u00e4chsten nieder; es gibt immer einen n\u00e4chsten, wo sie dasitzen k\u00f6nnen, wo dich ihre Blicke durch die St\u00e4be treffen, wo sie mausen mit Mutter Russland und schnurren, wenn die Stadt sie krault.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/tag\/anja-roemisch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #3366ff;\">Anja R\u00f6misch<\/span><\/a>, <\/strong>University of Zurich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0421\u0430\u043d\u043a\u0442-\u041f\u0435\u0442\u0435\u0440\u0431\u0443\u0440\u0433 \u043a\u043e\u0448\u0435\u043a \u2013 Sankt Petersburg der Katzen. 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