{"id":10441,"date":"2022-08-09T10:31:31","date_gmt":"2022-08-09T08:31:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/?p=10441"},"modified":"2022-08-09T13:16:46","modified_gmt":"2022-08-09T11:16:46","slug":"das-veilchen-marina-zwetajewa-ludmila-marchesin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/2022\/08\/09\/das-veilchen-marina-zwetajewa-ludmila-marchesin\/","title":{"rendered":"Das Veilchen \u00abMarina Zwetajewa\u00bb \u2013 Ludmila Marchesin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>DAS VEILCHEN \u00abMARINA ZWETAJEWA\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Man muss zuerst den Dichter lieben, bevor man das Recht hat, Gedichte zu lieben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>\u00a0<\/em><em>Ariadna Sergejewna Efron<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\u00abUnd das Wichtigste \u2013 ich wei\u00df, wie ich geliebt werden werde &#8230; in hundert Jahren\u00bb, schrieb Marina Zwetajewa in einem Brief an Kolbasina-Tschernowa. Genies antizipieren die Zukunft. Zwetajewas Gedichte ber\u00fchren sogar unser modernes Herz, und ihre poetischen Feuer der Liebe und Erinnerung lodern heute nicht nur in Tarussa, sondern auch in entlegenen Winkeln der Welt &#8230; Sie entflammen in unseren Herzen und vereinen heute Enthusiasten in der Rue Jean-Baptiste Potin an dem Haus, in dem von 1934 bis 1938 die Familie Efron lebte. \u00abIn einer sch\u00f6nen Kastanienstra\u00dfe \u2026\u00bb, so nannte Marina diese gr\u00fcne Ecke von Vanves. Sie liebte dieses keltische Wort, das in der \u00dcbersetzung an einen \u00abDamm\u00bb am Bach zum Fischen erinnert. Leider verschwand der Bach unter dem Ansturm des Asphalts, aber die Riesen <strong>\u2013<\/strong> die Kastanien, denen sie ihre Gedichte widmete, waren immer noch eine Freude f\u00fcr das Auge. Immer wieder lesen wir ihre poetischen Zeilen auf der Gedenktafel:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Mein Leben und mein Quartier<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Ersetzt durch eine Kastanie<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Da ist mein Fenster \u2026<\/p>\n<figure id=\"attachment_10470\" aria-describedby=\"caption-attachment-10470\" style=\"width: 203px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10470 size-medium\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-1-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-1-203x300.jpg 203w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-1-372x550.jpg 372w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-1-338x500.jpg 338w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-1.jpg 554w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10470\" class=\"wp-caption-text\">Marina Zwetajewa. Portr\u00e4t von Vladimir Kouptsov \u00a9 Boris Guessel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit zur\u00fcckgeneigten K\u00f6pfen k\u00f6nnen wir die Erwartung in den Augen der Fenster Zwetajewas sehen. Als Schwarm von Fr\u00fchlingsv\u00f6geln fliegen wir in die ehemalige Wohnung der Dichterin, in der noch immer die Willk\u00fcr g\u00f6ttlicher Poesie regiert. Es ist schwierig, mit Marina Iwanownas Gedichten zu streiten, wie auch mit einem Kind. Man stimmt sofort allem zu, was sie anbieten, andeuten, behaupten. Denn ihr Atem der reinen Wahrheit fesselt, und es scheint, als w\u00fcrde man in der n\u00e4chsten Zeile das finden, wonach man sein ganzes Leben lang gesucht hat.<\/p>\n<p>Der heutige Besitzer der Wohnung, Florent Delporte, hat seine T\u00fcren und seine Seele weit ge\u00f6ffnet. Seine Liebe und sein Dienst im Namen der Dichterin Marina Zwetajewa sind bewundernswert. Ich dachte immer, es gibt keine Nation auf der Welt, f\u00fcr die Poesie so wichtig ist wie f\u00fcr uns. Wir atmen mithilfe der Poesie und werden sie auch weiterhin atmen. Aber die Bekanntschaft mit Florent hat alle Klischees ersch\u00fcttert. Am 9. August 1975 im Norden Frankreichs geboren, lebt er die Musik der Poesie im wahrsten Sinne des Wortes. Der Musiker und Komponist Florent tr\u00e4gt Marinas Gedichte zu der von ihm geschriebenen Musik vor und erreicht so eine Bezwingung der Realit\u00e4t, in der Zwetajewa nicht zu einer Erinnerung, sondern zu einer Pr\u00e4senz wird. Hier, in dieser Wohnung, tauchen wir ein in die Atmosph\u00e4re eines gl\u00fchenden und unermesslichen Gef\u00fchls f\u00fcr&#8230; Humor:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px;text-align: left\">Wir alle werden nicht an COVID sterben,<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px;text-align: left\">Viel eher an Gl\u00fcck und Poesie!<\/p>\n<p>Ein Scherz von jemandem, der freundliches Gel\u00e4chter hervorrief, erinnerte uns an das Misanthropen-Virus. \u00abLassen Sie sich nur nicht anstecken von&#8230; Gleichg\u00fcltigkeit\u00bb, sagte die sonnenblonde Lena, und alle lachten wieder. Wenn Zwetajewa im 20. Jahrhundert die \u00abgeheime Schwermut\u00bb von Paris empfunden hatte, so legt sich jetzt die wahre Schwermut \u00fcber die Stadt, beraubt sie des gl\u00fccklichen Geschmacks des Pariser Alltags. Krise &#8230; \u00dcbrigens, das Wort \u00abKrise\u00bb besteht im Chinesischen aus zwei Ideogrammen: \u00abGefahr\u00bb und \u00abg\u00fcnstige Gelegenheit\u00bb. Also nutzten wir diese Gunst der Stunde, um den Tag der Poesie zu feiern, der in Frankreich seit M\u00e4rz 1999 begangen wird.\u00a0 Florent strahlte und leuchtete. Dies ist seine beseelte Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr den Klang des Fr\u00fchlings und der Freundschaft. Wie gl\u00fccklich sind wir dar\u00fcber, die Dichterin nach einer langen Pause wieder zu besuchen. Es ist ein echter Festtag mit \u00dcberraschungen. Lesya Tyschkowskaja, Dichterin, Komponistin, S\u00e4ngerin, Schriftstellerin, schenkte Florents \u00abMuseum\u00bb ihre Monografie \u00abMythen der Marina Zwetajewa\u00bb, die vor Kurzem vom Aletheia Verlag in St. Petersburg ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10478\" aria-describedby=\"caption-attachment-10478\" style=\"width: 265px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-10478\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-2-265x300.jpg\" alt=\"\" width=\"265\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-2-265x300.jpg 265w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-2-465x527.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-2-441x500.jpg 441w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-2.jpg 526w\" sizes=\"auto, (max-width: 265px) 100vw, 265px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10478\" class=\"wp-caption-text\">Ludmila Marchesin \u00a9 Boris Guessel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Ergebnis der literarisch-linguistischen Analyse von Zwetajewas Gedichten hat die Autorin des Buches das mythopoetische Modell ihrer Welt rekonstruiert und gezeigt, wie die semantische Realit\u00e4t im Leben verk\u00f6rpert wird. Die sprachliche Anatomie des Wortes half, in das sch\u00f6pferische Laboratorium der Dichterin einzudringen, und bewies einmal mehr, dass \u00abZwetajewas Wortsch\u00f6pfertum ein Wandern auf der Spur des Geh\u00f6rten ist, von Volk und Natur\u00bb (Olga Kolbasina-Tschernowa), und Zwetajewa selbst behauptete: \u00abDas Wort ist der Schl\u00fcssel zu meiner Seele &#8211; und zu all meiner Poesie!\u00bb Zwetajewas Wohnung in Vanves ist ein Ort, an dem sich die Erinnerung mit der Realit\u00e4t verkn\u00fcpft. Ihre unh\u00f6rbaren Schritte sind hier wahrnehmbar, und im Kamin scheint ein Feuer zu brennen &#8230; Vergessen Sie nicht, dass dies die letzte Unterkunft ist, die letzte Wohnung, in der die Familie Efron vor ihrer Ausreise in die Sowjetunion lebte. Den Aikanows, russischen Nachbarn aus der unteren Etage, \u00fcberlie\u00df Zwetajewa ihre M\u00f6bel und Haushaltsgegenst\u00e4nde &#8211; \u00abKrempel\u00bb. Es gelang, Marinas Lieblingstruhe aufzusp\u00fcren und an ihren Platz zur\u00fcckzubringen, und ihr treuer Schreibtisch wurde ans Museum in Moskau geschickt. Aber das Wichtigste ist, dass meine Bekanntschaft mit den Nachkommen der Familie Aikanow es erm\u00f6glicht hat, neue Details \u00fcber das Leben der Dichterin in Vanves herauszufinden. Davon handelt meine Geschichte \u00abIn einer wunderbaren Kastanienstra\u00dfe\u00bb, die in der Zeitschrift \u00abSmena\u00bb ver\u00f6ffentlicht wurde. Florent nahm die \u00abSmena\u00bb als Geschenk freudig entgegen, w\u00e4hrend Marina Zwetajewa uns neugierig vom Deckblatt aus anschaute. Mit charmantem franz\u00f6sischen Akzent las er ihre Zeilen unter dem Portr\u00e4t:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px;text-align: left\">Sie und ich sind verschieden, welche Gnade!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px;text-align: left\">Wir erg\u00e4nzen uns wunderbar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px;text-align: left\">Was kann uns die Gleichartigkeit geben?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px;text-align: left\">Nur das Gef\u00fchl eines geschlossenen Kreises.<\/p>\n<p>Der Fotograf Boris Davidovitch Guessel hielt diesen Moment f\u00fcr Florents Archiv fest, das alle Zeugnisse der Liebe zur Dichterin Marina Zwetajewa und zu ihrem Werk sammelt. Und pl\u00f6tzlich, zum ersten Mal in dieser Wohnung, erklang die Gusli hell und nachklingend! Dieses Instrument ist auf wunderbare Weise mit dem Geist von Zwetajewas Gedicht \u00abMolodets\u00bb verbunden. Die Gusli-Spielerin Alexandra Lumel, die extra aus Toulouse angereist war, um Florent zu \u00fcberraschen, faszinierte uns von den ersten T\u00f6nen an. Sie erz\u00e4hlte uns, dass der Name \u00abgusli\u00bb vom altrussischen \u00abgusla\u00bb &#8211; Bogensehne &#8211; kommt. Wenn man einen Pfeil abschie\u00dft, erzeugt er ein charakteristisches Ger\u00e4usch, in dem die Russen Musik wahrgenommen haben. Um die Saiten \u00abklingend\u00bb und rostfrei zu machen, wurden sie fr\u00fcher aus Gold mit einem Kupferzusatz hergestellt. Aber das Bemerkenswerteste ist, dass die Noten des ersten Liedes f\u00fcr die Darbietung auf der Gusli von dem franz\u00f6sischen Komponisten Fran\u00e7ois Boieldieu im Jahre 1803 in St. Petersburg aufgeschrieben wurden. So eng sind unsere Kulturen miteinander verwoben.<\/p>\n<p>Alexandra Lumel, die wusste, dass Zwetajewa Veilchen vor allen anderen Blumen bevorzugte, brachte ihre Lieblingsblumen aus Toulouse mit. Aber warum Veilchen? So einfach ist das nicht. Echte Poesie ist Rebellion, und bei Marina ist es nicht nur die Poesie: Leben und Tod sind Rebellion. Seit ihrer Kindheit war sie eine \u00abRebellin mit einem Wirbelwind im Blut\u00bb und liebte immer denjenigen, der verlor. Sie w\u00e4hlte die Besiegten und Verbannten. \u00abSeit dem Alter von elf Jahren habe ich Napoleon geliebt, in ihm, in seinem Sohn liegt meine ganze Kindheit, Jugend und Adoleszenz &#8230; Es l\u00e4sst mich nicht gleichg\u00fcltig, wenn ich seinen Namen sehe\u00bb, schrieb Zwetajewa. Sie lebte von B\u00fcchern (ihr Vater hatte sie aus Paris abonniert) und hatte gelesen, dass Napoleon vor seiner Verbannung auf die Insel Elba seinen Gef\u00e4hrten versprochen hatte, in der Jahreszeit der Veilchen zur\u00fcckzukehren. Diese Blume wurde zum Emblem der Bonapartisten, die als Erkennungszeichen Ringe mit emaillierten Veilchen trugen, auf denen eingraviert war: \u00abEs bl\u00fcht im Fr\u00fchling.\u00bb Diejenigen, die in das Geheimnis eingeweiht waren, nutzten den Trinkspruch \u00abAuf den Korporal der Veilchen!\u00bb. Die R\u00fcckkehr Napoleons im M\u00e4rz 1815 bereicherte die Blumenverk\u00e4ufer. Man zahlte exorbitante Summen f\u00fcr die unscheinbaren Veilchen und bereute es am 15. Juli, nachdem Napoleon festgenommen wurde. Verbannt und von allen vergessen, starb er am 5. Mai 1821 auf der unwirtlichen britischen Insel St. Helena. Nat\u00fcrlich wurden die Veilchen f\u00fcr Marina zum Symbol einer naiv-romantischen Verehrung f\u00fcr Napoleon und untermalten ihren Wunsch, \u00absich allen zu widersetzen\u00bb.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4lligerweise bewunderte auch einer von Zwetajewas Lieblingsdichtern, Heinrich Heine, die Fr\u00fchlingsveilchen \u00abunter dem lachenden Tau\u00bb. Die schnellf\u00fc\u00dfige Marina brachte Blumen auf den Friedhof von Montmartre und las das von Heine selbst verfasste Epitaph: \u00abWo wird einst des Wanderm\u00fcden letzte Ruhest\u00e4tte seyn?\u00bb Damals wusste sie noch nicht, dass es einen so schrecklichen Ort auf der Erde gibt wie &#8230; Jelabuga.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10483\" aria-describedby=\"caption-attachment-10483\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10483 size-medium\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/Photo-3-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/Photo-3-217x300.jpg 217w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/Photo-3-398x550.jpg 398w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/Photo-3-362x500.jpg 362w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/Photo-3.jpg 517w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10483\" class=\"wp-caption-text\">Florent Delporte und Lela Migirov \u00a9 Boris Guessel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es war einmal (bis er erschossen wurde) ein anderer Veilchenliebhaber &#8211; der ber\u00fchmte Schriftsteller Isaak Babel. Sein Freund, Sergej Eisenstein, hatte urspr\u00fcnglich eine Szene mit Veilchen im Nachttopf eines Kindes inszeniert und sie Babels Tochter zum Geburtstag geschenkt. So versch\u00f6nerten kleine Blumen das Leben von bedeutenden Menschen mit tragischen Schicksalen. Meine Veilchengeschichte fesselte Florent, aber er wusste nicht, dass das Wichtigste unerwartet eintritt. Bis zum heutigen Treffen hatte ich es geheim gehalten, dass Alexandra Bassenina zum 125. Geburtstag der Dichterin eine neue Sorte gez\u00fcchtet hatte: die Veilchen \u00abMarina Zwetajewa\u00bb \u2013 eine lilafarbene Bl\u00fcte mit goldgr\u00fcnen (wie Marinas Augen) Bl\u00fctenblattspitzen. Die K\u00fcnstlerin Lela Migirov hielt deren Zartheit auf Leinwand fest und schenkte sie Florent, mit dem sie seit vielen Jahren gut befreundet ist. Wenn das Schreiben f\u00fcr Zwetajewa dem \u00d6ffnen von Venen gleichkommt, aus denen Gedichte flie\u00dfen, sprudelnd wie das Leben selbst, so verlaufen f\u00fcr Lela, eine Medizinprofessorin, die das Skalpell durch einen Pinsel ersetzt hat, alle Operationen mit Farben auf der Leinwand. Es scheint ihr, dass die Farben Zwetajewas, ihre Gedichte eine unber\u00fchrte Palette von Licht\/Farben sind, mit denen man seine eigene Vision der Vergangenheit und der Zukunft realisieren kann. Lela ist Gewinnerin vieler internationaler Wettbewerbe, aber es ist unn\u00f6tig, ihre zahlreichen Auszeichnungen aufzuz\u00e4hlen, denn die Hauptsache ist, dass sie ihren einzigartigen Stil gefunden hat, der unverkennbar ist. Ihre philosophischen Reflexionen in Farbe laden den Betrachter ein, zum Komplizen und Sch\u00f6pfer zu werden.<\/p>\n<p>Beim Anblick der malerischen Veilchen \u00abMarina Zwetajewa\u00bb freute sich Florent und sagte: \u00abDie ungewisse Gegenwart ist von wirklich angenehmen \u00dcberraschungen gepr\u00e4gt\u00bb, womit er alle zum Lachen brachte und eine Reihe von Witzen und literaturgeschichtlichen Anekdoten anstimmte. Es ist \u00fcberliefert, wie Z\u00f6llner an der Grenze Majakowski mit ihren Fragen nach dem Vorhandensein von Schmuck \u00e4rgerten. \u00abHier\u00bb, zeigte er seinen \u00abHammer- und Sichel\u00bb-Pass. \u00abUnd f\u00fchren Sie irgendwelche Kunstwerke mit sich?\u00bb, setzte der Beamte sein Verh\u00f6r fort. Wladimir Wladimirowitsch lie\u00df sich nicht einsch\u00fcchtern und antwortete scharfz\u00fcngig: \u00abNur mein Genie.\u00bb In Paris, bei einem Treffen mit Vertretern der russischen Emigration, war es sogar noch Majakowski bemerkte, dass er unter Russen ein Russe, unter Franzosen ein Franzose war. Eine Stimme aus dem Publikum: \u00abUnd unter Dummk\u00f6pfen?\u00bb Der Dichter lachte: \u00abUnter Dummk\u00f6pfen bin ich zum ersten Mal!\u00bb Hier \u00e4u\u00dferte sich anmutiger Scharfsinn in einer lebendigen Sprache. In dieser Wohnung atmeten wir Zwetajewa ein, ihre Gedichte, ihr Leben, in dem sich pers\u00f6nliches Leid mit der Trag\u00f6die des Jahrhunderts vermischte. Eine R\u00fcckkehr in die Sowjetunion als anerkannte und freudig erwartete Dichterin war nicht m\u00f6glich. Das gleichg\u00fcltige Schicksal erlaubte es Marina nicht, das Meer des Lebens bis zum Ende auszukosten. Auch das biblische Diktum \u00abUnd er starb alt und lebenssatt\u00bb beruhigt uns nicht. Zwetajewa besa\u00df kein \u00dcberma\u00df an Sein, und der Tod reimte sich nicht auf ihre lebensbejahenden Verse. Alles missachtend, dichtete die rebellische Marina aus freien St\u00fccken und trieb damit nicht nur die Poesie, sondern auch ihr Schicksal auf die Spitze. Und doch h\u00e4tte alles anders kommen k\u00f6nnen, wenn Ariadna nur ein einziges Wort gesagt h\u00e4tte: \u00abJa.\u00bb Es ist eine geheimnisvolle, mystische Geschichte. Eine unwahrscheinliche Wahrheit.<\/p>\n<p>Ariadna\/Alya Efron wuchs erstaunlich lebhaft, ausgelassen und wissbegierig auf und steckte jeden mit ihrer Fr\u00f6hlichkeit und ihrem Humor an. Ihr widerfuhren die unwahrscheinlichsten Begebenheiten. Sie liebte das Gute und empfand die Sch\u00f6nheit der Dinge. In der Geologie gibt es nur ein Nugget unter einer Million Funden, in der Gesellschaft ist es noch seltener. Ariadna war eine \u00abbl\u00fchende Tochter\u00bb, der Marina all ihre Lieblingsb\u00fccher, Gedichte, Musik, Malerei und die Liebe zur Natur vermittelte. Es war harte Arbeit, die Perlen einer verstreuten (nicht systematisierten) Kette von Wissen zu sammeln. An sie wurden \u00fcberh\u00f6hte Anforderungen gestellt. Ihr Vorbild war Maria Baschkirzewa, die in ihr Tagebuch schrieb: \u00abIch muss nur noch wenige Pinselstriche meinem Bild hinzuf\u00fcgen, um das Recht zu haben, es zu zerrei\u00dfen.\u00bb Die Tageb\u00fccher von Baschkirzewa sind weit bekannt, ihr Portr\u00e4t hing im Zimmer der jungen Marina. Leider wird \u00fcber die Tageb\u00fccher von Alya Efron fast nie gesprochen, jedoch sind sie voller brillanter Anmerkungen, die ihre ausgepr\u00e4gte Pers\u00f6nlichkeit und ihren eigenwilligen Charakter erkennen lassen.<\/p>\n<p>Charles De Costers \u00abThyl Ulenspiegel\u00bb war ein Lieblingsbuch aus ihrer Jugendzeit. Alya war \u00fcberrascht, als sie erfuhr, dass Madame De Coster an der \u00c9cole du Louvre, wo sie studierte, Kunstgeschichte lehrte. Mit der ihr \u00fcblichen Direktheit fragte sie die Dozentin, ob sie mit dem Schriftsteller verwandt sei. Madame De Coster strahlte vor Freude. Zum ersten Mal las eine Sch\u00fclerin, noch nicht mal Franz\u00f6sin, sondern Tochter armer russischer Emigranten, ihren bekannten Verwandten aus dem XIX. Jahrhundert und bewunderte ihn. Von diesem Moment an empfand die Dozentin eine besondere Sympathie f\u00fcr sie. Die Kunsthochschule im Louvre hatte einen englischen M\u00e4zen, dessen verstorbene Frau einst ebenfalls dort studiert hatte. In Erinnerung an sie bezahlte Mr. Waddington die Studiengeb\u00fchren f\u00fcr einige begabte, aber mit begrenzten Mitteln ausgestattete Studenten. Gelegentlich lud er sie sogar nach S\u00fcdfrankreich ein, wo er den Sommer in seiner Luxusvilla verbrachte. Sein G\u00e4rtner, der Chauffeur, die Haush\u00e4lterin und die K\u00f6chin, die seine charmante Frau gekannt haben, gaben sich alle M\u00fche, das Leben des Witwers aufzuhellen, aber der ehemalige britische Marineoffizier trug weiterhin Trauer, nicht nur in der Kleidung, sondern auch im Herzen. Als Madame De Coster einen Brief von ihm erhielt, in dem er sie bat, eine talentierte Sch\u00fclerin zu empfehlen, w\u00e4hlte sie ohne zu z\u00f6gern die sch\u00f6ne und intelligente Ariadna Efron. In der Tat war das M\u00e4dchen so h\u00fcbsch, dass die M\u00e4nner ihr in die schmerzhaft-sch\u00f6nen Augen schauten und ihr auf den Fersen folgten. Eines Tages beschwerte sie sich bei einem Gendarmen und deutete auf einen jungen Mann, der sie seit einer Stunde verfolgte. Der Gendarm seufzte und sagte: \u00abIch verstehe ihn. Wenn ich nicht im Dienst gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich dasselbe getan.\u00bb<\/p>\n<p>Alya nahm Mr. Waddingtons Einladung begeistert an, bestieg den Zug und machte sich auf den Weg, um der Sonne und dem Azurblau zu begegnen. Als sie an dem kleinen Bahnhof ausstieg und auf den Chauffeur wartete, strahlte sie, im Angesicht der Sonne. Der Wind bl\u00e4tterte in den Falten ihres blauen Rocks wie in einem Buch. Die Zikaden zirpten unaufh\u00f6rlich. Der Chauffeur, der erschien, nahm ihren Koffer, und der Wagen fuhr Ariadna ins Ungewisse. Sie bemerkte, dass der Fahrer sie seltsam und mit einer Art von Unrast ansah, aber nichts sagte. Bald kamen sie an die Tore eines gepflegten Parks, hinter dem ein zweist\u00f6ckiges Haus zu sehen war, imposant und Ehrfurcht gebietend. Die Bediensteten, die Alya an der Veranda trafen, waren \u00e4u\u00dferst verwirrt, als sie sie sahen. Die verunsicherte Haush\u00e4lterin f\u00fchrte Alya verlegen in die dem Gast zugewiesenen Zimmer und bat sie, in einer Stunde im Salon zu erscheinen, um Mr. Waddington zu treffen.<\/p>\n<p>Die verbl\u00fcffte Ariadna blieb allein. Helle Sonnenstrahlen str\u00f6mten durch die halb geschlossenen Fensterl\u00e4den. Sie \u00f6ffnete die Fenster und begann neugierig ihre vor\u00fcbergehende Wohnst\u00e4tte zu untersuchen, in der alles zum Ausruhen und Arbeiten vorhanden war: ein B\u00fccherregal, ein gro\u00dfer Eichentisch, Kisten mit Aquarellfarben, Pinsel, Gouache, Stapel von verschiedenen Papiersorten. Frisch geschnittene Blumen posierten in Vasen, und ungewohnte Ger\u00fcche brachten den Kopf zum Schwirren. Trotz ihres Verlangens zu malen, zwang die unerbittliche Zeit Alya, in das ger\u00e4umige Kaminzimmer hinabzusteigen. Ein gro\u00dfes Portr\u00e4t an der Wand fiel ihr ins Auge. Sie n\u00e4herte sich ihm &#8230; und dann, Efron zitierend: \u00abUnd dieses Portr\u00e4t war von mir. Aber nicht das Ich, das ich gerade im Spiegel gesehen hatte, sondern das Ich in der Zukunft, wenn ich in meinen Drei\u00dfigern war. Ich konnte meine Augen nicht von dem Portr\u00e4t abwenden. In einer Erregung aller Sinne sah ich meine Zukunft, ich las in diesem Gesicht alle Gef\u00fchle, die ich noch nicht erlebt hatte &#8230;\u00bb Ersch\u00fcttert von Ariadnas unglaublicher \u00c4hnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau, verlor Mr. Waddington fast den Verstand. Er glaubte an ein Wunder: Der Himmel hatte ihm eine Tochter geschickt! Ein paar Tage sp\u00e4ter bot er diesem russischen M\u00e4dchen an, die Erbin seines gesamten Verm\u00f6gens zu werden. Seine aufrichtigen Worte strahlten v\u00e4terliche Z\u00e4rtlichkeit aus. Einverstanden? Sich so ihren Traum zu erf\u00fcllen \u2013 Unterricht in der Technik der Radierung bei den besten englischen Meistern zu nehmen, um Marinas Gedichte zu illustrieren, das Leben ihrer Eltern und ihres Bruders zu ver\u00e4ndern, sie aus dem Labyrinth des Alltags mit seinem nutzlosen, sich t\u00e4glich wiederholenden, die Zeit verschlingenden Rhythmus der Sorge herauszuholen. Trotz ihres gl\u00fchenden Temperaments veranlassten der Zwetajewsche Stolz und die nationale Verwaistheit Alya Efron dazu, mit \u00abNein\u00bb zu antworten. Mit bemerkenswerter Beharrlichkeit und Hartn\u00e4ckigkeit strebte sie in die Sowjetunion, in der Hoffnung, dass sich dort all ihre Gedanken, Sehns\u00fcchte und W\u00fcnsche erf\u00fcllen w\u00fcrden. Ihre Weigerung hatte v\u00f6llig unvorhersehbare Folgen: Gef\u00e4ngnisse, inszenierte Erschie\u00dfungen, Lager, Verbannung, ein tragisches Leben mit dem Schmerz t\u00f6dlicher Verluste und Trennungen.<\/p>\n<p>Ariadna schenkte der Heimat das Wertvollste, was ein Mensch hat &#8211; die Zeit ihres Lebens.<strong>\u00a0<\/strong>Alyas unersch\u00fctterlicher Optimismus, dessen freudige Spuren sogar in der Turuchansker Verbannung wahrnehmbar waren, ihre Geistesgr\u00f6\u00dfe und ihr Pflichtbewusstsein, das Bewusstsein ihrer Verantwortung gegen\u00fcber den kommenden Generationen, als einzige \u00dcberlebende der Familie Efron, als Zeugin des Lebens von Marina Zwetajewa, die F\u00e4higkeit, ihre Erinnerungen talentiert niederzuschreiben, lassen uns die geliebte Dichterin besser kennenlernen.<\/p>\n<p>Wassily Kandinsky sagte mit erstaunlicher Genauigkeit: \u00abEinfachheit ist das, was schwierig ist. Das Einfachste wird immer das Schwierigste sein.\u00bb Alya gelang diese geniale Einfachheit: \u00abMeine Mutter, Marina Iwanowna Zwetajewa, war nicht gro\u00df &#8211; einhundertdreiundsechzig Zentimeter, mit der Figur eines \u00e4gyptischen Jungen.\u00bb<\/p>\n<p style=\"padding-left: 280px\">In jeder\u00a0 Zeile klingt Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Mut, Weltoffenheit, Liebe &#8230;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 280px\">Durch die Jahre hindurch vernehmen wir ihre Stimme.<\/p>\n<p>Florent \u00f6ffnete den Deckel des Klaviers. Seine Finger wanderten \u00fcber die Tasten. Er hatte schon lange nicht mehr gespielt, aber sobald Lesja sich auf Zwetajewas Truhe setzte, half ihnen die retrospektive Energie des \u00abGenies des Ortes\u00bb, Zwetajewas Gedichte zu singen, in denen die Dichterin instinktiv alle Hauptgesetze der Poesie erriet und sie \u00fcberschritt. Ihre Gedichte sind aus dem russischen literarischen Erbe nicht mehr wegzudenken. Versuchen wir, es einfach auszudr\u00fccken: Ohne die Dichtung von Marina Zwetajewa w\u00e4ren wir heute anders.<strong>\u00a0<\/strong>Die Zeiger der Uhr dr\u00e4ngen uns zum Aufbruch. Wir verabschieden uns von Florent und \u00fcberlassen es ihm, das Veilchen \u00abMarina Zwetajewa\u00bb auf Lelas Leinwand und die frischen Blumen auf dem Tisch zu bewundern, ein Symbol des Fr\u00fchlings und unverg\u00e4nglicher Jugend. Haben Sie jemals die Bl\u00fctenbl\u00e4tter von Veilchen mit Ihren Lippen ber\u00fchrt? Haben Sie schon einmal ihre duftende Frische versp\u00fcrt?<\/p>\n<p>P.S. Die Geschichte unserer irdischen Zivilisation wurde fr\u00fcher in zwei Perioden eingeteilt: vor unserer Zeitrechnung und unsere Zeitrechnung. Im 21. Jahrhundert markiert das Auftauchen des Virus in der \u00abKrone\u00bb den Beginn der Pandemie, vor der alle frei und gl\u00fccklich waren, ohne es zu merken, und die aktuelle Epoche, um die es schlecht bestellt ist. Von einer Renaissance k\u00f6nnen wir nur tr\u00e4umen! Die nachfolgend erz\u00e4hlte Geschichte fand zuvor statt. Damals flogen noch Flugzeuge, was Olga erm\u00f6glichte, in einer Stunde von Berlin nach Paris zu kommen. Sie kannte die Stadt wie ihre Westentasche, f\u00fchlte eine tiefe Zuneigung und herzliche Anziehung zu ihr. Olga ist eine ehemalige Dozentin f\u00fcr Mathematik, eine gl\u00fchende Verehrerin der sch\u00f6pferischen Arbeit von Marina Zwetajewa, eine aktive, energische Person, die ihre Ziele erreicht. Sie hat viel Zeit damit verbracht, auf den Spuren der russischen Emigration zu \u00abwandern\u00bb. Schlie\u00dflich begann im Berlin der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts der Weg ins Exil nicht nur f\u00fcr Marina Zwetajewa, sondern auch f\u00fcr viele andere russische Schriftsteller, Dichter, K\u00fcnstler und Musiker. Sie trafen sich im Caf\u00e9 \u00abPrager Diele\u00bb, wo Ilja Ehrenburg einen eigenen Tisch mit einer Schreibmaschine hatte. Seine reizende Frau hat Marina unterst\u00fctzt und darauf bestanden, ein neues Kleid zu kaufen: das blaue, im bayerischen Stil, das wir von den Fotos kennen. Durch die Fenster des Caf\u00e9s bewunderte Zwetajewa den Prager Platz, der mit pr\u00e4chtigen Geb\u00e4uden mit spitzen Ziegeld\u00e4chern bebaut war. Der Krieg hatte sie nicht verschont. Aber auch heute, im Gr\u00fcn der B\u00e4ume und mit dem Pl\u00e4tschern des Brunnens, ist es ein Ort, den Marina geliebt h\u00e4tte, dank der Anwesenheit ihres Freundes Rainer Maria Rilke. Im Jahr 2007 schenkte der tschechische Bildhauer Miroslav Vochta der Stadt eine Stele mit Gedichten von Rilke, als ob sie f\u00fcr sie geschrieben w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Werden weniger. \u00dcberz\u00e4hliges Dasein<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Entspringt mir im Herzen.<\/p>\n<p>Wie sehr fehlt hier eine Skulptur von Zwetajewa, die der Stimme des Freundes lauscht. Das ist Olgas Traum, und auch, dass das jetzige Caf\u00e9 am Prager Platz wieder seinen fr\u00fcheren Namen erh\u00e4lt. \u00dcbrigens werden hier die k\u00f6stlichsten Florentiner Kekse hergestellt, benannt nach Heinrich Heines \u00abFlorentiner N\u00e4chten\u00bb, die Zwetajewa von Abram Wischnjak zur \u00dcbersetzung vorgeschlagen wurden. Ihre Bekanntschaft mit ihm gipfelte in Zwetajewas Meisterwerk der Liebe in Briefen, das sp\u00e4ter \u00abDie Florentiner N\u00e4chte\u00bb genannt wurde. Olga bringt diese Kekse regelm\u00e4\u00dfig nach Vanves mit und verw\u00f6hnt alle Anwesenden gro\u00dfz\u00fcgig. Nat\u00fcrlich nennen wir die Pl\u00e4tzchen Florent-Kekse, was dem Gastgeber ein L\u00e4cheln entlockt. Nicht weit vom Prager Platz entfernt steht das Haus, in dem Marina und ihre neunj\u00e4hrige Alya lebten. Es ist bewegend, dass die Gedenktafel an der Fassade des Hauses mit von Slawistikstudenten gesammelten Mitteln angebracht wurde. Als Olga das erste Mal die Lobby dieses Hauses betrat, blickte sie neugierig und ehrf\u00fcrchtig in die Spiegel aus Venedig, die seither erhalten geblieben sind. In ihnen spiegelten sich Marina Zwetajewa, Ariadna Efron, Ilja Ehrenburg, Vladimir Nabokov, Mark Slonim &#8230; Alyas Notizen wurden bewahrt: \u00abWir wohnten in dem Haus, in dem ein L\u00f6we lebt.\u00bb Die Beobachtungsgabe eines Kindes half, ihre Wohnung im vierten Stock aufzusp\u00fcren, in der ein Buntglasfenster mit der Darstellung eines L\u00f6wen erhalten blieb. Die Wohnung geh\u00f6rt nun au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen, ber\u00fchmten Musikern, die mit den gr\u00f6\u00dften Orchestern der Welt auftreten. Nach der Theorie der Unwahrscheinlichkeit lockt die Musik von Zwetajewas Versen russischsprachige Musiker in ihre \u00abehemaligen Wohnungen\u00bb.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10494\" aria-describedby=\"caption-attachment-10494\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10494 size-medium\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-4-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-4-225x300.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-4-413x550.jpg 413w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-4-375x500.jpg 375w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/photo-4.jpg 505w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10494\" class=\"wp-caption-text\">Marina Zwetajewa. Portr\u00e4t von Margit Gr\u00fcger \u00a9 Boris Guessel<\/figcaption><\/figure>\n<p>David Geringas wurde 1946 in Vilnius geboren und studierte Cello bei Mstislaw Rostropowitsch am Moskauer Konservatorium. Zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Tatjana Geringas, die seine Konzertpartnerin wurde, geh\u00f6rten sie zu den ersten Musikern, die die neusten russischen und litauischen Avantgarde-Komponisten dem westlichen Publikum vorstellten. Trotz ihres engen Tourneeplans folgten sie Olgas Einladung und kamen zur Vernissage der Berliner K\u00fcnstlerin Margit Gr\u00fcger, die ihre Ausstellung Marina Zwetajewa gewidmet hatte, in das Caf\u00e9 am Prager Platz. Dieser ikonische Ort f\u00fcllte sich mit Erinnerungen und ihren Gedichten. Wie bei edlen Weinen &#8211; nun war ihre Zeit gekommen. Apropos Wein. Hier verw\u00f6hnten die Ehrenburgs Zwetajewa mit einem leichten, angenehm s\u00e4uerlichen Riesling. An den Ufern des Rheins wachsen seit dem 15. Jahrhundert Reben, deren dunkle Trauben dem Wein seinen Namen gaben. Aber an diesem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Abend beschloss der Besitzer des Caf\u00e9s, alle zu \u00fcberraschen. Auf den Etiketten der Flaschen stand \u00abRiesling Marina Zwetajewa\u00bb. Tatjana Geringas war ger\u00fchrt und schlug vor, sich bei ihnen, in der ehemaligen Wohnung von Marina Zwetajewa in Berlin, im Jahr 2022 zu versammeln, d. h. zum 100. Jahrestag, mit obligatorischer Anwesenheit von Florent aus Vanves. Sie sagte: \u00abMein Mann und ich sind Musiker und die einzigen geb\u00fcrtigen Russen in diesem Haus. Wir f\u00fchlen uns Marina Zwetajewa verpflichtet und verbunden und m\u00f6chten die russischen musikalischen und poetischen Traditionen fortf\u00fchren.\u00bb Olga, \u00fcbervoll mit freudigen und \u00fcberw\u00e4ltigenden Neuigkeiten, flog auf Fl\u00fcgeln (eines Flugzeugs) nach Paris, um an einem Treffen von Freunden bei Florent teilzunehmen, zur Feier des Geburtstags der Dichterin. Sie konnte es kaum erwarten, alles zu erz\u00e4hlen, doch wie h\u00e4tte sie an einem solchen Abend ohne Marinas Lieblingsblumen erscheinen k\u00f6nnen? Mit mathematischer Folgerichtigkeit schritt sie alle Blumenl\u00e4den im Quartier Latin ab, aber die Floristen breiteten nur die H\u00e4nde aus: \u00abEs gibt keine Veilchen. Es ist au\u00dferhalb der Saison.\u00bb Sie antwortete mit deutschem Akzent auf Englisch: \u00abDie Liebe zu Zwetajewa kennt keine Jahreszeiten. Anstatt mit den Schultern zu zucken, z\u00fcchtet Veilchen!\u00bb Olga ging weiter durch die Stra\u00dfen, sie hatte die Hoffnung nicht verloren. Als sie den Alma-Platz erreichte, der zum Gedenken an die tragisch verstorbene Lady Diana zu einem Wallfahrtsort geworden ist, war sie \u00fcberrascht von der gro\u00dfen Menschenmenge, den vielen Blumen, Geschenken und Briefen. Rosen, in verschiedenen Farben und Schattierungen, lagen traurig auf dem B\u00fcrgersteig. Sie f\u00fchlte sich sofort an Rilke erinnert: \u00abRose, oh reiner Widerspruch &#8230;\u00bb In der Tat ist die Rose ein Widerspruch, denn sie ist gleichzeitig ein Symbol des Seins und des Nicht-Seins. Zart, anmutig, duftend, ist sie die Verk\u00f6rperung des Lebens und der Liebe, aber gleichzeitig ist sie die Blume der Trauer und des Kummers. Als wahre Mathematikerin f\u00fchlt sich Olga immer von Zahlen angezogen, in denen sie seltsame Zusammenh\u00e4nge erkennt, die andere nicht einmal erahnen k\u00f6nnen. Dies war auch hier der Fall. Das Sterbedatum der Prinzessin ist der 31. August 1997. Ein weiterer Zufall: Der 31. August 1941 markiert den tragischen Tod von Marina Zwetajewa. Olga betrachtete mit slawischer Wehmut die \u00abreinen Widerspr\u00fcche\u00bb der Rosen, und pl\u00f6tzlich leuchteten unter ihnen lila Veilchen in einem Topf. Sich zur\u00fcckzuhalten und sie nicht f\u00fcr Marina mitzunehmen, war einfach nicht m\u00f6glich. Entschlossen zog sie aus ihrer Tasche einen Gedichtband Zwetajewas und schrieb deutlich auf die Titelseite: Sie beide sind am 31. August tragisch gestorben. M\u00f6gen diese Veilchen Ihre liebevolle Hommage an Marina sein, wie in ihren Gedichten:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Ich geh nach Hause, es gibt der Veilchen Trauer<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Und einen zarten Gru\u00df.<\/p>\n<p>Marina Zwetajewa schenkt Ihnen ihre Gedichte, die sie vor hundert Jahren geschrieben hat:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Im gro\u00dfen und gl\u00fccklichen Paris<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Tr\u00e4um ich von Wiesen und von Wolken<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Und fernem Lachen, nahen Schatten,<\/p>\n<p style=\"padding-left: 360px\">Und wie zuvor ist tief der Schmerz.<\/p>\n<p>Als Olga feierlich mit den raren Veilchen bei Florent erschien, erweckte sie das Erstaunen aller: \u00abEs ist doch nicht die Jahreszeit!\u00bb Was zu beweisen galt: Die Liebe kennt keine Jahreszeiten! Und Florent behauptet, dass unser Leben eine einzige Saison der Liebe ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/tag\/ludmila-marshesin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #3366ff\"><strong>Ludmila Marchesin<\/strong><\/span><\/a>, Paris<\/p>\n<p>Translated from Russian into German: <strong><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/tag\/%d1%82%d0%b0tiana-eichler-ojake\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span style=\"color: #3366ff\">\u0422\u0430tiana Eichler-Ojake<\/span><\/a><\/strong>, Berlin<\/p>\n<p>Edited by: Maria Zhukova, University of Konstanz and Juliana Wiemer, Kunstschule Bodenseekreis in Meersburg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_10649\" aria-describedby=\"caption-attachment-10649\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-10649 size-large\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-1024x676.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"676\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-1024x676.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-300x198.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-768x507.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-1536x1013.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-2048x1351.jpg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-465x307.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/slavicumpress\/files\/2022\/07\/A21-1-695x458.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10649\" class=\"wp-caption-text\">Marina, die Meerjungfrau. 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