Eine Reise nach St. Petersburg, Kronstadt und Weliki Nowgorod

 

Samstag Morgen, 5:30. Die Reise beginnt. Noch ahne ich nicht, was mir bevorsteht.

 

Samstag Nachmittag, 13:45: Landung auf dem Pulkowo Flughafen in St. Petersburg.

 

Schon beim Anflug bemerkt man aus der Luft gewaltige Unterschiede hinsichtlich Landschaft und Architektur zwischen der Schweiz und Russland. Nach dem Aussteigen sehe ich mit faszinierten Augen die ersten russisch beschriebenen Texttafeln und ein Flughafenmitarbeiter in schicker Uniform leitet in sympathischem Englisch mit russischem Akzent den Strom der ankommenden Menschen. Hier dämmert es mir langsam: ich bin wirklich in der russischen Föderation angekommen! Auf der Fahrt vom Flughafen zur Stadt kommen wir kaum aus dem Staunen heraus. Die schiere Größe von allem, die kyrillischen Lettern, die Werbetafeln und Hausfassaden, Denkmäler und monumentale Bauten zieren… Der bereits hier spürbare Kontrast aus Tradition und Moderne üben eine ungeheure Faszination aus und geben einem das Gefühl in einer völlig neuen Welt zu sein, nach gerade einmal drei Stunden Flugzeit. Aber das alles ist erst der Anfang.

Nach der Ankunft in der Gastfamilie bekomme ich zunächst eine kleine persönliche Stadtführung um die Wassiljewski-Insel herum. Zu Fuß wird mir hier nochmal die geradezu erschlagende Dimension dieser Stadt mit knapp 5 Millionen Einwohnern klar. Neben den Monumentalbauten und prächtigen Kirchen, die sich überall finden, den riesigen Schiffen am Hafen und dem regen Betrieb schlichtweg überall, entdeckt man immer wieder große und kleine Überraschungen. So wird das Ufer der Newa beispielsweise auch von ägyptisch anmutenden Steinskulpturen bewacht. Meine Gastmutter gibt sich währenddessen große Mühe mir mit meinem begrenzten russischen Wortschatz möglichst viel von der Geschichte der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten, die uns auf dem Weg begegnen, nahezubringen. Meinen häufig fragenden Blick kontert sie geschickt mit einem herzlichen Lachen und erklärt es nochmal bis ich es verstanden habe, danke für Deine Geduld, Marina. Langsam neigt sich der Tage dem Ende zu und taucht die Stadt in orange-rote Farben. Vom östlichsten Ende der Wassiljewski-Insel sieht man sowohl die Peter-und-Paul-Festung, die den Grundstein für die Stadt gelegt hat und das historische Zentrum darstellt, als auch das neue Лахта-Центр (liebevoll Gazprom Tower genannt) wo sich wieder der Kontrast aus historischer Stadt und Moderne in einem absolut atemberaubendem Ausblick wiederspiegelt.

Ab der neuen Woche erkunden wir jeden Tag eine andere Ecke der Stadt, wobei die Ecken kein Ende zu nehmen scheinen. Egal wo man sich befindet, es gibt geradezu immer etwas zu sehen. Und überall herrscht geschäftiges Treiben, insbesondere dort wo sich viele Touristen aufhalten. Was aber definitiv immer auffällt sind die prunkvoll ausgestatteten Kirchen und Kathedralen, bei denen einem wirklich schwer fällt zu entscheiden wo man zuerst hinschauen soll. Darüber hinaus gibt es eine schier endlose Menge an interessanten Museen, auch neben der weltberühmten Eremitage und es ist wirklich jeden etwas dabei. Es gibt auch einige Museen, die man so wohl nicht erwarten würde. Ein besonderes Highlight war hier für uns z.B. auch das Museum für sowjetische Spielautomaten, die sogar noch funktionieren und gepflegt werden und an denen man mit 15-Kopeken-Münzen aus Zeiten der Sowjetunion, die im Eintritt enthalten sind, sogar noch spielen kann! Außerdem gibt es auch ein Museum der modernen Kunst, Erarta, das durch viele „interaktive“ Kunstwerke definitiv auch Kunstbanausen wie mich begeistern konnte.

Eine besondere Faszination geht auch von der Metro aus. Aufgrund der Bodenbeschaffenheit und der Tatsache, dass die Linien unter der Newa hindurch gebaut werden mussten, sind die Metrostationen bis zu 80 Meter unter der Erde, erreichbar über Rolltreppen, so lang wie man sie vermutlich noch nie gesehen hat. Allein der Weg von der Oberfläche zum Bahnhof, den jeden Tag zahllose Menschen zurücklegen, um zu den alle 90 Sekunden fahrenden Zügen zu gelangen, dauert mehrere Minuten. Und der Weg lohnt sich. Viele, besonders die älteren Stationen sind wunderschön gestaltet, mit Mosaiken, Kronleuchtern, Fresken, Ornamenten. Teilweise, so wie an der Station Пушкинская gibt es auch Statuen, die über die Station wachen. Darüber hinaus komme ich nicht umhin zu bemerken, dass von den doch vergleichsweise betagt wirkenden Zügen und Schienen ein gewisser Eisenbahncharme ausgeht und das Fahren schlichtweg einfach Spaß macht und mehr ist als nur von A nach B zu kommen.

Bei all dem geschäftigen Treiben laden zahlreiche Restaurants in der ganzen Stadt zum Verweilen und dem Genuss russischer Köstlichkeiten ein. Von Pelmeni über Borsch oder Bliny zu Buchweizengerichten, alles gerne mit einer nicht unerheblichen Menge Сметана (Schmand) dazu und in zahlreichen Varianten. Die russische Küche ist geschmacklich meiner Meinung nach über jeden Zweifel erhaben. Und auch sonst gibt es viel Abwechslung und Restaurants mit allem was man sich nur wünschen könnte.

Ebenso zum Entspannen laden die verschiedenen Parks in der Stadt ein, welche eine angenehme Abwechslung zum Leben in der russischen Metropole darstellen, insbesondere auch der Sommergarten oder der unglaublich riesige Park des Katharinenpalastes etwas außerhalb der Stadt in Puschkin.

Ebenso ist es sehr zu empfehlen auch das Umland noch ein wenig zu erkunden, besonders hervorzuheben sind dort finde ich Kronstadt und Weliki-Nowgorod. Ersteres ist eine frühere Festungsstadt, welche über einen ausgesprochen schönen Marine-Dom verfügt, welcher ganz im Stil der Seefahrt verziert ist. Aber auch sonst gibt es einiges zu sehen und zu erkunden, inklusive einer kleinen Rundfahrt mit dem Schiff „Reeperbahn“.

Aber nicht nur Schiffe haben es von „zu Hause“ nach Russland geschafft. Es ist schon faszinierend, was man beim Verreisen so alles zu Gesicht bekommt, insbesondere, wenn man überhaupt nicht damit rechnet. So auch in diesem Fall vor einem Kunstmuseum in Weliki Nowgorod, wo wir nicht schlecht staunten, als uns wie aus dem nichts ein bayerischer Postbriefkasten entgegen strahlte. In Russland. In seiner ältesten Stadt Weliki Nowgorod. Knappe zweitausend Kilometer entfernt von München. Solch kleine, wenn auch nicht immer solch heimatverbundene Entdeckungen macht man häufig, weshalb es sich immer lohnt die Augen offen zu halten.

Weliki-Nowgorod ist insbesondere noch einmal ein Juwel von Russland. Ein wunderbar erhaltener Kreml in dem sonntags noch von Hand die Glocken geläutet werden, zahlreiche Kirchen, wovon es in einem Viertel der Stadt sicher mindestens 5-10 Stück fast direkt nebeneinander gibt, sowie ein Freilichtmuseum mit wunderschönen, alten, russischen Holzhäusern. Diverse andere schöne Fleckchen und der Blick auf den Kreml bei Sonnenuntergang machen auch Nowgorod zu einem ganz besonderen Ort, bei dem einem wie so oft in Russland schlicht der Atem stockt.

Insgesamt bin ich froh vier Wochen in St. Petersburg verbracht zu haben und möchte diese Erfahrungen keinesfalls missen. Im Laufe der Zeit dort ist auch der russische Lebensalltag eingekehrt, was sehr interessant war, da man so Dinge mitbekommt, die einem sonst nie auffallen würden und auch wirklich Einheimische kennenlernen kann. Man beginnt den „russianwayoflife“ kennenzulernen und erkennt dass Russen nur in erster Instanz etwas kühl und grimmig wirken, obwohl sie doch eigentlich sehr herzliche und gastfreundliche Menschen sind, insbesondere wenn sie erkennen, dass man sich bemüht ihre Sprache zu sprechen.

Nach Hause kommen nach Deutschland fühlt sich dadurch aber auch merkwürdig an. Plötzlich versteht man wieder welche Produkte man im Supermarkt kauft und versteht alles was um einen herum gesprochen wird. Das war beinahe schon fremd geworden.

Ich bin mir sicher Russland wieder zu besuchen. Denn alles gesehen habe ich noch lange nicht…

 

Mathias Höfler, Universität Konstanz