Wer sich in St.Petersburg die Paläste aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert von Innen anschaut, ist auf das Erste überwältigt von dem zur Schau gestellten Reichtum. Es glänzt, funkelt und glitzert überall (Bild: Kamin mit Spiegel und neoklassizistischen Standlüstern im Jussupov-Palast). Die verschwenderische Verwendung von Blattgold paart sich mit Kristallen an Wänden, reiche Schnitzereien zieren die Decken, üppig verzierte Möbel füllen die Räume. Doch bald schleicht sich Unbehagen beim Anblick dieses bombastischen Reichtums ein. Klar, die Kunstfertigkeit der Inneneinrichtung und die architektonische Ästhetik stellen eine sehr hohe Qualität dar. Bekanntlich hat die gesellschaftliche Elite im 18. und 19. Jahrhundert aus ganz Europa grosse Künstler nach St.Petersburg berufen, um diese Werke zu schaffen. Doch wie kam dieser Reichtum zu Stande?
Wer sich im Russischen Museum dagegen die Bilder mit Szenen des Landlebens im 19. Jahrhundert genauer anschaut und sich bewusst ist, dass die Maler dem Zeitgeist entsprechend realistisch malten, dem muss der bombastische Kontrast zwischen der Armut in diesen Landszenen und dem Reichtum der Paläste ins Auge springen. Der obszönen Opulenz der Paläste stehen in Lumpen gehüllte, allenfalls mit Bastschuhen ausgerüstete, meistens jedoch barfuss im Schlamm oder Schnee steckende Kinder, Bäuerinnen und Landarbeiter gegenüber. Warum lebten diese Menschen in Armut, während die Bewohner der Paläste in Saus und Braus lebten?
Eine Antwort lässt sich in der Geschichte Russlands finden, einer Geschichte, die heute noch die gesellschaftliche Realität prägt. Jahrhunderte lang überfielen russische Fürsten die Ländereien ihrer Nachbarn, weil sie ihre Daseinsberechtigung nur in aggressiver Expansion sahen. Begünstigt wurde dieses Verhalten durch die Regeln der Erbteilung, wodurch die Söhne des verstorbenen Fürsten den Besitz zu gleichen Teilen erbten. Dadurch konnte sich immer einer benachteiligt fühlen, weil er den weniger fischreichen See erhielt und einen Wald, der weniger hergab als der Wald des Bruders. So brachen immer wieder Verteilkämpfe aus, welche auf den Buckeln der Bauern ausgetragen wurden. Ihre Dörfer und Felder wurden verwüstet, um ihrem Herren Schaden zuzufügen. Als um 1240 die Mongolen einfielen, durften die Bauern zweierlei Herren dienen, welche sich gegenseitig in ihrer tyrannischen Willkür zu übertreffen versuchten. Erst als Iwan III. ab 1490 feststellte, dass die Mongolen faul und gefrässig geworden waren, stellte er als Grossfürst von Moskau die Tributzahlungen einfach ein und ging selbst zur Politik der aggressiven Expansion über, um sein Grossfürstentum zu erweitern. Für die Bevölkerung änderte sich nicht viel: die tyrannische Willkür blieb. Wer wollte in solch einer Situation noch gross in die Zukunft investieren, wenn Mächtigere das Erarbeitete aus fadenscheinigen Gründen für sich reklamierten und reich gewordene Bauern oder Kaufleute enteigneten, wenn nicht gleich umbrachten? Da war es wohl besser, wenn man sich nicht allzu fest anstrengte, in den Tag hinein lebte und sich überall als unschuldiges Opfer ausgab. Denn das Land war grundsätzlich reich, natürliche Ressourcen umfassend vorhanden – wie noch heute (Erdöl, Gas und andere Rohstoffe sind auch heute noch die einzigen nennenswerten Exportprodukte Russlands). Auf solche Weise konnten Reichtümer für die Paläste zusammengerafft werden.
Eine andere Antwort findet sich wohl auch im russischen Charakter, wie man ihn einerseits in der Literatur kennen lernt, aber auch im heutigen Strassenbild St. Petersburgs trifft. Aus der Literatur fallen einem die Figuren aus Dostojewskis Romanen ein wie etwa der Fürst Myschkin, der sich immer wieder falsch entscheidet, die Brüder Karamasow, besonders Dimitrij und Iwan mit ihren absonderlichen Hakenschlägen, Nikolaj Stawrogin, dessen Zeuseln an einem Umsturz ihm letztlich endglitt, der schizophrene Goljadkin mit seinem Doppelgänger oder der grüne Junge Dolgorukij. Hinzufügen liesse sich hier auch der Meister aus Bulgakows Meister und Margarita oder Hermann aus Puschkins Pique Dame sowie etliche mehr. Spontanes Wenden, abrupte Spurwechsel, überhöhte Geschwindigkeiten prägen den Strassenverkehr. Anfängliches Misstrauen, dann überschwängliche Freundschaftsbekun­dun­gen, aber auch plötzliche Planänderungen prägen die zwischenmenschlichen Beziehungen. Das soll man als West- oder Mitteleuroper noch verstehen! So kann man doch langfristig nichts Vernünftiges aufbauen. Diese Willfährigkeit einerseits und die bereits erwähnte tyrannische Willkür andererseits ergeben eine unglückliche Mischung: einige wenige nützen ihre gesellschaftliche Position zur Bereicherung aus, während die übrigen sich mehr oder weniger treiben lassen.
Einen Lichtblick bieten uns heute die jungen Leute in St.Petersburg, welche im Universitätsquartier in umfunktionierten Markthallen einen Imbisstand betreiben, in dem sie exotische Esswaren und Getränke zubereiten sowie verkaufen und damit augenscheinlich auf grossen Widerhall treffen. Jedenfalls trieb sich dort immer sehr unterschiedliches Publikum herum. Dasselbe liess sich auch im Zentrum St.Petersburgs beobachten, wo junge Leute moderne Cafés und Restaurants betreiben mit Angeboten, welche genauso gut in New York oder Singapur zu finden wären. Hier blüht offenbar eine Unternehmenskultur auf, welche sich von den historischen Altlasten Russlands entfernt, indem sie kundenorientiert Neues ausprobiert und damit hoffentlich Erfolg hat. Geben wir ihnen noch 15 oder 20 Jahre und warten wir ab, ob diese Keimzellen einer neuartigen Lebensauffassung sich mit der Zeit über das ganze Land erstrecken.
Andreas Ludwig, Zürich
Fotos ©Andreas Ludwig