Группа молодых исследователей и исследовательниц, студенток и активисток разработала проект передвижной выставки, где будет показан практически забытый сегмент истории феминизма в России. Ровно сорок лет назад в 1979 г. несколько ленинградских женщин – писательниц, художниц, диссиденток – положили начало новому медиальному явлению советского андеграунда: женскому самиздату. В первом выпуске (альманах «Женщина и Россия») обсуждались проблемы быта, с которыми сталкивалась советская женщина: грубое и опасное для здоровья обращение в родильных домах и абортариях, тяготы коммунального быта, насилие в семье, специфика женских тюрем, в которых нечеловеческое обращение принимало сексуальные формы. Кроме того, представительницы женского андеграунда искали новые фигуры идентефикации, создавая в философских, художественных и религиозных статьях образы женскости, на которые им представлялось возможным равняться. Поиски велись с нуля, за железным занавесом, и сконструированные образы могут показаться сегодняшним феминисткам странными и причудливо-наивными. Одновременно на страницах женских альманахов («Женщина и Россия», «Мария») рождался новый язык, на котором системные преступления против женщин назывались своими именами, а боль описывалась без прикрас – с кровью и рвотой. «Нечистоплотность» ленинградских феминисток порицалась не только со стороны КГБ, но и в диссиденских кругах, в которых тоже царила атмосфера патриархата.

На Западе, однако, первый женский альманах диссиденток вызвал мощный интерес и поддержку – уже в 1980-м г. статьи были переведены на французский и немецкий языки, был организован комитет солидарности с ленинградками. КГБ в свою очередь не намерен был пустить вещи на самотек: уже в 1980 г. редакционную команду первого альманаха выслали за границу, а в 1982 г. в Ленинграде начался процесс против одной из писательниц. Документы ее уголовного дела показывают, с какой систематичностью КГБ взялся за «искоренение» женской инициативы. Процесс завершился приговором к 5 годам лагерного заключения. Судьбы эмигрировавших писательниц тоже сложились по-разному.

Наш проект стремится реконструировать историю ленинградского самиздата и биографии его создательниц. Выставка представляет собой путешествие во времени: публике будут представлены семь разделов – ключевых пунктов истории женского ленинградского самиздата. К каждой теме подготовлены короткие видеосюжеты из интервью, проведенных в Париже, Берлине, Зальцбурге и Санкт Петербурге, где слово передается самим создательницам альманаха и их современницам. Коммуникативный характер проекта – не случайность, а закономерность: в хронике нашего проекта на fb (leningradski feminism 1979: ZHABA, где ЖАБА расшифровывается как Женское Авторство, Быт, Активизм) мы не только информируем о планах/находках/перспективах проекта, но и призываем всех желающих присоединиться к нашей инициативе.

Выставку курирует Центр по изучению истории и культуры стран Восточной Европы (GWZO, Лейпциг); материалами и контактами нам помогает Фонд Иофе (НИЦ Мемориал, Санкт-Петербург). Выставка откроется 10.12.2019 г. в Санкт Петербурге и отправится в путешествие по городам России, Германии и Австрии. Если вам захочется увидеть ее в своем городе, просто свяжитесь с нами: через группу в fb https://www.facebook.com/kulturwerkstatt.zhaba/ или по е-мэйл zhaba@posteo.de

 

Мы рады любым идеям-соображениям и формам взаимодействия!

 

Олеся Бессмельцева,

со-кураторство проекта и модерация группы ЖАБА на fb

 

 

Leningradski feminizm 1979: ein Ausstellungsprojekt stellt sich vor

 

„Wenn nicht alle diese Geschichte erfahren, was sind wir dann wert!“

Julia Wosnessenskaja: Pismo is Novosibirska (Brief aus Novosibirsk). In: Zhentschina i Rossia (Frau und Russland), Leningrad 1979, Samisdat[i].

Übersetzung: Courage 1980/3, S. 31.

 

Женщина и Россия: 1979 fanden sich ein paar Frauen in einer Leningrader Küche zusammen. Im Samisdat stellten sie den Almanach Женщина и Россия (Die Frau und Russland) her. 2019, 40 Jahre danach wollen wir daran erinnern und junge Menschen zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte einladen. In “Die Frau und Russland” berichten Frauen, wie es ihnen in den sowjetischen Kommunalwohnungen, Straflagern und Geburtskliniken ergeht und setzen dem ein weibliches Philosophieren und Dichten entgegen. Die Zeitschrift wurde in den Westen geschmuggelt und stieß bei der dortigen Frauenbewegung auf großes Interesse. Die Autorinnen wurden vom KGB verfolgt, zur Emigration gezwungen oder zu Lagerhaft verurteilt. Trotzdem trafen sich weiter Frauen in Leningrad und im Exil und gaben die Zeitschriften Россиянка (Die Russin) und Мария (Maria) heraus.

Exposé der Ausstellungsinitiative, S. 1.

 

Eine Gruppe von jungen Forscher_innen, Aktivist_innen, Student_innen aus Russland und Deutschland mit einem feministischen Schwerpunkt engagiert sich seit Frühling 2018 fürs Weitererzählen eines im öffentlichen Narrativ beinah vergessenen Ereignisses der spätsowjetischen Geschichte. Ein Frauensamisdat kam nämlich in Leningrad der Berzhnew-Ära zustande – eine Zeitschrift von Frauen und für Frauen mit der feministischen Agenda. Diese sorgte zu den Zeiten des eisernen Vorhangs für viel mehr Aufsehen, als es nun – in einer längs und quer vernetzten Welt mit der behaupteten Entindoktrinierung der Geschichtsschreibung – der Fall zu sein scheint. Indem wir – die Initiator_innen des Projekts – uns um ein fundiertes Wissen rund um die Frauenzeitschrift aus Leningrad 1979 und ihrer Verfasserinnen bemühten, wurde uns bewusst, dass sich die Ignoranz des Allgemeindiskurses über diesen Abschnitt der Frauengeschichte nicht mit wissenschaftlichen Publikationen beheben lässt, denn diese werden ja bekanntlich nur von einigen wenigen gelesen. Daher zielt die Initiative von vorne auf ein allgemein zugängliches, mobiles und kommunikatives Format einer Wanderausstellung ab.

 

Unsere Ausstellung lädt die Besucherschaft auf eine Zeitreise durch 7 Stationen des Frauensamisdats – eine Reise voller Spannungen, Widersprüche und Missverständnisse, die wir nicht vertuschen wollen. Themen wie Geburtskliniken und Abtreibungshäuser, Kommunalka[ii]-wohnungen und Frauengefängnisse werden einer/m auf dieser Reise begegnen, aber auch die theoretischen Konstruktionen einzelner Autorinnen, die über „Hermaphroditismus“ des „homo sowjetikus“ nachdenken und eine „christliche“ Theorie des Feminismus entwerfen, die man/frau nicht ohne weiteres hinnehmen muss.

 

Als der Frauensamizdat die sozialen Missverhältnisse, denen sowjetische Frauen erlagen, direkt und ungeschminkt ansprach, stieß er in seinem dissidentischen Milieu nur unter wenigen männlichen Akteuren auf Interesse und/oder Verständnis. Dafür schlug die Frauenzeitschrift – dieses Fenster in Leningrader Alltag, welcher im Westen nur über sowjetischen Propaganda-Medien bekannt war, – breite Wellen durch feministische Gruppen in Europa. Die Übersetzungen erschienen schon 1980 in französischer (Editions des femmes) und deutscher (Courage) fem-Presse. Diese Weltresonanz auf Schriften von Dissidentinnen ging nicht am KGB[iii] vorbei: der Redaktionskern der Frauenzeitschrift wurde aus der UdSSR verbahnt; eine der bewegten Leningraderinnen sollte ein schlimmeres Schicksal erfahren und 4 Jahre Lagerhaft absitzen. Im Ermittlungsdossier sind Dokumente erhalten, die zeigen, wie akribisch das Tausendfüßler-KGB alle die Knoten des Netzwerks rund um die kleine Gruppe Leningrader Feministinnen abtastet, um alle Protestkeime auszurotten. Die Herausgabe der Frauenzeitschrift wurde 1982 eingestellt, die Schicksale ihrer Initiatorinnen liefen zentrifugal auseinander. Ihren Spuren nachzugehen und mit Akteurinnen von damals ins Gespräch zu kommen, wurde die erste Aufgabe unserer Projektgruppe.

 

Aus diesen Treffen ergab sich die Idee der medialen Vielfalt und Partizipation – zwei Parolen, die wir auf die Fahne unserer Initiative schrieben. Videointerviews, die u.A. in Paris, Berlin, Salzburg und St. Petersburg gedreht wurden, begleiten die 7 Ausstellungsstationen mit kurzen Videokommentaren der Zeitzeug_innen und Protagonistinnen. Unsere ZHABA[iv]-Werkstatt auf fb informiert über unsere Aktivitäten/Funde/Begleitprogramm und lädt alle, die sich vom Thema angesprochen fühlen, ein, mitzumachen – so soll ein polyphonisches Endprodukt und eine Vernetzung über Länder- und Generationsgrenzen entstehen.

 

Die Ausstellung feiert die Eröffnung am 10.12.2019 in Sankt Petersburg und tourt dann weiter über mehrere Städte Russlands, Deutschlands und Österreichs. Institutionell sind wir an GWZO Leibniz[v] angebunden und kooperieren eng mit dem Forschungszentrum Memorial / Iofe-center in Sankt Petersburg[vi].

 

Wollt ihr die Ausstellung auch in euerer Stadt haben, so setzt euch mit uns in Kontakt: auf fb-Gruppe https://www.facebook.com/kulturwerkstatt.zhaba/ oder per Mail zhaba@posteo.de

 

Olessja Bessmeltseva,

Co-Kuratorin der Ausstellungsinitiative und der ZHABA-Werkstatt

 

[i] Samisdat heißt soviel wie Selbstverlag und bezeichnet eine Reihe handgetippter und von Hand zu Hand verbreiteter Bücher, Zeitschriften, Aufsätze etc., die im öffentlichen Medienfeld der Sowjetunion verboten oder keinen Platz gefunden haben und die des öfters eine kritische Stellungnahme zur offiziellen sowjetischen Propaganda bezogen.

[ii] Kommunalkas sind Mehrfamilienwohngemeinschaften („Zweck“- und „Zwangs“WGs), die wegen dem Wohnungsmangel in sowjetischen Zeiten sehr verbreitet waren.

[iii] KGB – Komitee für Staatssicherheit, die Bezeichnung für den Geheimdienst im sowjetischen Staat.

[iv] ZHABA oder die Kröte ist eine Abbreviatur: zu russisch ZHenskoje Awtorstwo Byt Aktivism (weibliche Autorschaft, Alltag und Aktivismus).

[v] https://www.leibniz-gwzo.de/de/transfer/ausstellungen/leningradski-feminism-eine-wanderausstellung?fbclid=IwAR24dDFG8isPs00wef6H6LPYcNhjxwWoLSarXswudLwMdUpzQCCTRiwGATc

[vi] http://iofe.center/

http://arch.iofe.center/