„Tag des Stolzes mit einer Träne in den Augen“

Das jährliche Gedenken ans Ende des Zweiten Weltkrieges findet in der Schweiz wenig, bis kaum Beachtung. Dieser Umstand ist hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass die Schweiz während den Jahren 1939-45 fast gänzlich vom Krieg verschont blieb. In einem extremen Gegensatz dazu stand die damalige Sowjetunion. Hitlers Vernichtungskrieg gegen Russland, der mit dem Unternehmen Barbarossa am 22. Juni 1941 seinen Anfang nahm, brachte unvorstellbares Leid für die Bevölkerung mit sich. Als in der Nacht vom 8./9. Mai 1945 die Bedingungslose Kapitulation unterzeichnet wurde endete auf dem in Schutt und Asche liegenden europäischen Kontinent der schrecklichste aller Kriege.

73 Jahre nach dem Kriegsende laufe ich entlang des Nevskij Prospektes, dem Hauptboulevard in Sankt Petersburg. Die jährlichen Feierlichkeiten zum Sieg über Nazideutschland am 9. Mai stehen kurz bevor. Überall in der Stadt wehen sowjetische Fahnen von Strassenlaternen, auf Brücken und an Gebäuden. Zuhause bei meiner Gastfamilie erzählt mir die Grossmutter Tatjana vom Unsterblichen Regiment, einem Gedenkmarsch der im Anschluss an die Siegesparade stattfinden wird und legt mir aufdringlich nahe, diesen anzusehen. Ich höre zum ersten Mal davon, verspüre aber eine grosse Neugierde und beschliesse dem Gedenkmarsch als Zuschauer beizuwohnen.

Бессмертный Полк – Das Unsterbliche Regiment – wurde 2012 von einigen Journalisten als Gedenkmarsch ins Leben gerufen. Als Grundlage dienten ihnen ähnliche Gedenkveranstaltungen früherer Jahre, von denen sie sich jedoch abgrenzen wollten. Ihr Ziel war eine von der staatlich orchestrierten Erinnerungspolitik weitgehend unabhängige Gedenkveranstaltung, die keinen Personenkult und keine politische Ideologie oder anderweitige Vereinnahmungen dulden sollte. Im Mittelpunkt des Regiments steht das Individuum, dessen Geschichte sowie deren Erinnerung. Das Unsterbliche Regiment besteht aus jenen Millionen Menschen, die während des Krieges kämpften, fielen, verwundet oder verschleppt wurden, zuhause an der Heimatfront schufteten, in den belagerten Städten um ihr Leben kämpften oder sich im Untergrund gegen die Besatzer organisierten. Deren Geschichten sollten erzählt, jenen selbst gedacht und gedankt werden. Das Regiment repräsentiert sich in Märschen von alten Veteranen, deren Töchtern und Söhnen, Enkel und Enkelinnen sowie Nachfahren die Bilder ihrer verstorbenen Verwandten mit sich tragen.

Die gesamte Bevölkerung Sankt Petersburgs scheint sich auf den geschmückten Strassen und Gassen der Stadt zu befinden. Es ist der 9. Mai und Russland feiert День Победы – den Tag des Sieges. Teil dieser Menschenmasse ströme ich einfach mit und lasse Eindrücke auf mich wirken. Tags zuvor waren schon viele Gassen rund um den Schlossplatz gesperrt und mit militärischem Gerät vollgestopft, die nun zum Einsatz an der Siegesparade auf dem zentralen Schlossplatz kommen. Heute sind es zusätzlich noch unendliche Menschenmengen. Es ist unmöglich von der Parade irgendetwas mitzubekommen, geschweige denn zu sehen. Einzig das Gedröhn der Panzer das von Hurrarufen begleitet wird, hallt durch die Strassen. Mir fällt ein, wie mir Tatjana belustigt über mein Vorhaben, die Parade sehen zu wollen, mit „du kannst es ja versuchen“ entgegnete. Während der fast 900 Tage andauernde Blockade von Leningrad erlebte sie als Kind selbst alle Entbehrungen des Krieges. Heute feiert sie den Tag des Sieges bei ihren Verwandten auf der Krim.

Mittlerweile ist Nachmittag und die Menschenmengen verteilen zu beiden Seiten des Nevskij Prospektes, auf welchem die Prozession der Unsterblichen stattfinden wird.

Nebst den vielen sowjetischen und russischen Flaggen ist ein Symbol allgegenwärtig: das orange-schwarz gestreifte Georgsbändchen (Георгиевская Ленточка). An allen Strassenecken und Metrostationen werden die kleinen Schleifen von freiwilligen Helfern verteilt. Von einer wichtigen militärischen Kriegsauszeichnung entlehnt, dient es nun als Zeichen des Kriegsgedenkens und wird schon Tage vor dem eigentlichen Gedenktag mit Stolz getragen.

Alte Lastwagen aus Kriegszeiten, flankiert von Marschierenden, fahren den Prospekt hinab. Auf der Karosserie prangt häufig der Schriftzug „На Берлин!“ Auf den Ladeflächen sitzen in mit Orden dekorierte Veteraneninnen und Veteranen mit ihren Familien und winken der Bevölkerung zu. Die Menge jubelt und klatscht. Manch ein Veteran lässt sich zu einem Hurraruf verleiten, wobei die Zuschauer ebenfalls mit einem Hurra den Ruf erwidern. Ein alter Mann in steht von seinem Sitz auf der Ladefläche auf und ruft mit erhobenen Armen der Menge zugewandt „Мы победили!“. Die begeisterte Reaktion des Publikums lässt nicht auf sich warten. Tosende Euphorie herrscht auf der Strasse, die nun auch von mir Besitz ergreift. Menschen treten aus der Zuschauermenge auf die Strasse und schütteln den Veteranen die Hände. Ich sehe ein Mädchen, das von seinen Eltern umringt einem alten Mann einen Blumenstrauss übergibt und sich bedankt.

Mit dem Unsterblichen Regiment fliesst ein Meer aus Fotografien die Strasse entlang. Fast jeder Teilnehmer hält ein Foto von einem Angehörigen in der Hand. Nicht zu übersehen sind die aufgedruckten Lebensdaten dieser Personen. Das Todesdatum fällt bei vielen in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Nebst der Euphorie ist auch ein Gefühl der Traurigkeit allgegenwärtig. Manche gehen mit trauriger Mine stillschweigend mit dem Bildnis ihrer Vorfahren an der Menge vorbei. Neben mir weint leise eine Frau und vielen Menschen liegen Tränen in den Augen. Der ganze Marsch wird mit unbeschreiblichen Emotionen aller Art begleitet und auch in mir herrscht ein ambivalentes Gemisch aus Hochstimmung und demütiger Betroffenheit. Im Innersten empfinde ich aber auch ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich bin Dankbar, dass mich Tatjana auf diese Parade aufmerksam gemacht hat und ich als Zuschauer hier stehe und dieses unvergessliche Empfinden erlebe.

Epilog

Am Abend erzählt mir mein Gastvater stolz, dass fast hunderttausend Teilnehmer im Unsterblichen Regiment teilgenommen haben. Er fragt mich nach meinen Eindrücken und will wissen, wie bei uns über den russischen Tag des Sieges und das Unsterbliche Regiment berichtet wird. Ich gestehe ihm, dass ich bislang noch nie etwas davon gehört habe. Verwundert entgegnet er mir: „Das ist vielleicht besser so, sonst würdet ihr nur wieder alles verdrehen“. Tatsächlich lese ich nach kurzer Recherche, in einigen älteren Publikationen westlicher Medien, unter anderem auch von „Putins Unsterblichem Regiment“ und „Staatlicher Gedenkinitiative“.

Das Team um Mischa Gabowitsch kommt aber in ihrem Forschungsprojekt „Kriegsgedenken als Event“, bezogen auf Russland zu anderen Schlüssen. Obwohl das Unsterbliche Regiment als politisch unabhängige Veranstaltung ins Leben gerufen wurde und sich die Organisatoren gegen staatliche Instrumentalisierung wappneten, waren sie auf staatliche Hilfe angewiesen, zumal die Bewegung des Unsterblichen Regiments schon im zweiten Jahr nach deren Gründung in zahlreichen russischen Städten Nachahmer fanden und grosse Menschenmassen mobilisierten. Bei der Gedenkpraktik kann aber nicht „von oben gesteuert und an aktuelle politische Anforderungen angepasst“ gesprochen werden. Die Studienautoren sprechen eher von einer dynamischen Beziehung zwischen staatlichen Akteuren und Erinnerungsgemeinschaften, wobei die Initiative vom Volk aus kam. Eine gewisse Instrumentalisierung kann aber nicht abgesprochen werden, da die Initiative ins „Staatliche Repertoire der Erinnerungspolitik“ integriert wurde und im Ausland stattfindende Märsche unweigerlich als Loyalitätsbekundung gegenüber Russland interpretiert werden. Als sich 2015 gleichzeitig noch Vladimir Putin mit einem Bild seines Vaters an die Spitze des Moskauer Regiments stellte, tat er sein Übriges für oben erwähnte Berichterstattung.

Dennoch handelt es sich um authentisches Gedenken und keine staatliche Pflichtveranstaltung. Die Emotionen die ich auf den Strassen von Sankt Petersburg erlebte und selbst verspürte können auch kaum staatlich orchestriert werden.

Florian Wiedemann, Universität Zürich

Bilder ©Florian Wiedemann