Die Katastrophe von Tschernobyl und die nach dem Atomunfall errichtete Sperrzone lösten lange Zeit eine gewaltige Neugierde in mir aus. Diese Neugierde entwickelte sich während zweier Besuchen eben jener Sperrzone in eine demütige Faszination, die bis heute nicht minder anhält. Stein des Anstosses war eine Fotografie des Reporters Igor Kostin, auf die ich zufällig gestossen war. Es zeigt lediglich einen Milizionär hinter einer Barrikade. An dem Bild wäre weiter nichts ungewöhnliches, hätte er zu seiner unscheinbaren Uniform keine Schutzmaske an. Sein strenger Blick ist von einer Traurigkeit geprägt, die mich fesselte. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich kaum etwas über die Hintergründe des Fotos. So stiess ich auf die schreckliche Tragödie: die Katastrophe von Tschernobyl. Kostin selbst war der erste Reporter vor Ort. Seine Bilder gelangten erst einige Tage nach dem Unfall an die aufgeschreckte Weltöffentlichkeit und zeigten ein Reaktorgebäude, in dessen Dach ein riesiges Loch klaffte.

Das Unglück nahm am 26. April 1986 um 01:23 Uhr in der Nacht seinen Lauf. Im Reaktorblock Nr.4 kam es zu einer Explosion aufgrund einer unkontrollierten Kettenreaktion. Ursache war ein miss-glücktes Experiment am Reaktor selbst. Menschliches sowie technisches Versagen führten gleicher-massen zur Katastrophe. Durch die Detonation und das anschliessende Feuer in der Kraftwerkshalle wurden Unmengen an radioaktivem Material freigesetzt, die auch Gebiete in der Schweiz und im übrigen Westeuropa verseuchten. Am schlimmsten betroffen waren aber die umliegenden Bevölkerungen in der Ukraine sowie im angrenzenden Weissrussland und Russland. Betroffen waren schätzungsweise fünf Millionen Menschen und die Folgen selbst sind auch heute noch spür- und messbar.

Schnell waren mir die Bilder und Informationen, die ich über das Thema sammelte, nicht mehr genug, ich wollte es mit eigenen Augen sehen. Tatsächlich kam es in der Ukraine zu ebenjener Zeit zu einer vermehrten touristischen Erschliessung der Sperrzone. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis ich meinen Plan verwirklichen konnte. Mitten im Höhepunkt des Bürgerkrieges in der Ostukraine – die Proteste auf dem Maidan waren noch kein Jahr alt – reiste ich nach Kiew. Diese Umstände lösten in meinem Umfeld massenhaftes Kopfschütteln über mein Reisevorhaben aus. „Dort herrsche Krieg“, war der Grundtenor. Dieses Unverständnis steigerte sich fast ins unermessliche, als ich über den bevorstehenden Besuch in Tschernobyl erzählte; „Dort sei alles verstrahlt.“ Die Reaktionen liessen mich kalt.

Es war ein kühler und wolkenverhangener Herbstmorgen, als unser Bus den ersten Kontrollpunkt passierte. Die Sperrzone umfasst ein Gebiet, welches knapp jenem des Kantons Tessin entspricht, und war zur Zeit der Katastrophe Heimat von 116’000 Menschen.

Erste Station war unsere Herberge in der namensgebenden Ortschaft Tschernobyl. Heute wohnen dort etwa 3000 Menschen, vorwiegend Arbeiter, die auf dem Reaktorgelände arbeiten. Noch schien alles mehr oder weniger nicht ungewöhnlich, bis auf die Tatsache, dass viele Gebäude einen unbewohnten Eindruck hinterliessen, doch menschenleer war dieser Ort keineswegs. Das Gefühl änderte sich schlagartig, als wir den zweiten Kontrollpunkt zur inneren Sperrzone hinter uns liessen. Diese umfasst ein Gebiet im Radius von 10km rund um das Reaktorgelände welches stark radioaktiv verseucht worden war. Zerfallene Gebäude säumten die holprige Strasse. Unser Guide Sergeji zeigte aus dem Autofenster auf eine unebene Wiesenfläche. Hier hatte einst eine kleine Siedlung gestanden, die abgerissen und vergraben worden war. Dieses Schicksal hatte viele solcher Siedlungen getroffen. Die Wälder hatten bereits ihr Blattwerk verloren und das Herbstlaub bildete einen melancholischen aber dennoch farbigen Kontrast zum tristen grauen Himmel. Manchmal ragte schief zwischen den Ästen eine knallgelbe Warntafel hervor, die stärker radioaktiv-verseuchte Gebiete kennzeichnete. Angst vor Strahlung hatte ich nie, dennoch breitete sich in mir ein unbehagliches Gefühl aus, wenn der Geigerzähler mit jedem Schritt in Richtung einer solchen Tafel immer mehr ausschlug. Ansonsten blieb das Dosimeter erstaunlich ruhig.

Ganz in der Nähe des Unglücksreaktors trafen wir auf eine Weggabelung mit einem grossen ver-witterten Ortsschild – Pripjat’ 1970. Die Stadt wurde für die Arbeiter und spätere Kraftwerksbelegschaft erbaut und beheimatete 50’000 Menschen. Heute ist es eine Geisterstadt. Wir entschieden uns für die Abzweigung Richtung Stadt, die andere führt direkt zum Kernkraftwerk.

Pripjat’ liegt in unmittelbarer Nähe zum Kraftwerksgelände. Die Reaktorexplosion am frühen Morgen des 26. Aprils 1986 riss die Bevölkerung aus dem Schlaf, doch beunruhigen liess sie sich nicht. Am nächsten Tag sprachen die Bewohner lediglich über einen Brand im Reaktorgebäude und gingen ihren Tätigkeiten nach. Erst am folgenden Tag, den 27. April, begannen die Behörden mit der gesamten Evakuierung der Stadt. Im Gedanken, bald wieder nach Hause gehen zu können, und nur mit den nötigsten Habseligkeiten ausgestattet, stiegen die Bewohner in die Busse. Sie konnten nie wieder zu-rückkehren.

Mit dem Gedanken an die früheren Bewohner streifte ich durch die Wohnungen in den Beton-blocks. Überall blätterte die Farbe von den Wänden, Leuchten hingen meist nur noch an einem Kabel von der Decke und der Boden war teils mit Moos überwachsen oder mit Scherben übersät. Die meisten Wohnungen waren leergeräumt, die Türen und Fenster oft eingeschlagen. Die Liquidatoren, so wurden die Soldaten genannt, die mit den Aufräumarbeiten beschäftigt waren, räumten die Wohnungen und vergruben das Mobiliar, den Rest holten Plünderer und verschacherten verstrahlte Gegenstände auf dem Schwarzmarkt. Es herrschte eine beklemmende Atmosphäre, bis auf das knirschende Glas unter den Schuhen war nichts zu hören.

Auf dem Dach eines Gebäudes überblickte ich die gesamte Stadt. Hinter einigen Gebäuden entdeckte ich das ikonische Riesenrad mit den gelben Kabinen, der Vergnügungspark hinter dem Haus der Kulturen wurde nie offiziell eröffnet. Im Hintergrund und weithin sichtbar überragte wie ein monströses Mahnmal der Unglücksreaktor mit seiner im Bau befundenen neuen Schutzhülle alles. Es war ein trauriger Anblick. Zusätzlich verstärkte das triste Herbstwetter meinen Eindruck von einer dystopischen Szene. Doch es ist Realität. Pripjat’ ist ein trauriges Beispiel für die Konsequenzen von entarteter, zivil genutzter Atomenergie.

Eine ganze Stadt, die einst Heimat von tausenden Menschen war, die dank dem Kernkraftwerks-park zu den aufstrebenden Orten in der Sowjetunion zählte, zerfällt nun am Fusse des havarierten Reaktors Nr.4. Sergeji erzählte von seinen Eltern, die früher hier gewohnt hatten. Er selbst wurde erst später geboren, fühlt sich aber verbunden mit diesem Ort, der seine Heimat hätte sein können.

Die Stadt ist menschenleer, doch nicht ausgestorben. Durch die Abwesenheit der Menschen hat sich die Natur ihren Platz zurück erobert. Zwischen den Wohnhäusern ragen Bäume in die Höhe, auf den Dächern und sogar in den Gebäuden selbst wachsen Pflanzen und kleine Bäume. Die zer-fallende Stadt fügt sich immer mehr ins Naturbild ein. Es war ein faszinierender Anblick. Auch beim Streifzug durch die Stadt kam schnell das Gefühl auf, irgendwo im Wald zu spazieren, ob-wohl es der Boulevard zum Stadtzentrum war. Es war bedächtig still bis auf das regelmässige Knarzen des eingeschalteten Dosimeters und der im Wind wehenden Ästen. Zwischen dem Gestrüpp ragten verrostete Sterne, die Strassenlaternen zieren, hervor. Auf einem Gebäude erhebt sich ein riesiges stählernes Staatswappen der ehemaligen Sowjetunion und an manchen Mauern liessen sich noch Überreste von Wandbildern erkennen, die das damalige Stadtbild in allen sowje-tischen Städten prägten. Und genau dieser Umstand ist ein zentrales Element meiner Faszination für die Sperrzone rund um Tschernobyl. Die Zeit im Aspekt des Lebens war hier stehen geblieben. Während sich viele Städte in Russland und den ehemaligen Unionsrepubliken veränderten, in jüngster Zeit besonders in der Ukraine, bleibt Pripjat’ als Freilichtmuseum unverändert – abgesehen vom langsamen aber stetigen Zerfall. Der Zahn der Zeit nagt an der Stadt, doch ist die Zeit hier stehen geblieben.

In den ersten Stunden nach der Explosion versuchten Feuerwehrmänner – kaum gegen radioaktive Strahlung geschützt – den Brand in der Reaktorhalle einzudämmen. Die meisten waren so hohen Strahlenwerten ausgesetzt, dass sie in den folgenden Wochen starben. Noch immer entwich Radioaktivität aus der Reaktorruine und das Reaktorgelände war mit strahlenden Bruchstücken übersät. Aus der gesamten UdSSR wurden Armeeangehörige nach Tschernobyl beordert, um als Liquidatoren die Schäden zu beseitigen und das Gebiet zu dekontaminieren. Diese Männer wurden als Helden gefeiert, viele erlitten aber schwere Strahlenschäden, an denen sie heute noch leiden, wurden verges-sen und im Stich gelassen.

Es begann zu dämmern, als wir ein ehemaliges Krankenhaus aufsuchten, in dem die Feuerwehrmänner und Liquidatoren nach ihrem Einsatz behandelt worden waren. Im Eingang lag das Innenfutter eines Feuerwerhelmes, den ein solcher Liquidator bei den Aufräumarbeiten getragen hatte. Auch aus der Distanz von mehreren Schritten, schlug der Geigerzähler wegen dem strahlenden Gegenstand aus.

Es herrschte eine düstere und unheimliche Stimmung. Überall lagen zerstreut zerbrochene Apothekergläser und Ampullen und von den Decken tropfte Wasser. Draussen wurde es so schnell dunkel, dass Sergeji beschloss aufzubrechen, denn in der Finsternis sei es kein Vergnügen, aus der bewucherten Stadt zu fahren. Und tatsächlich war der Weg zum Bus ohne Lampen mühsam. In der Dämmerung wurde mir bewusst, was es bedeutet, in einer Geisterstadt zu sein. Jetzt würden überall Strassenbeleuchtungen und erleuchtete Fenster die Dunkelheit beleben. Doch Licht gab es in dieser toten Stadt nicht.

 

Lesetipps:

Kostin, Igor: Tschernobyl – Nahaufnahmen, Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2006. Alexeijewitsch, Swetlana: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Bloomsbury Verlag GmbH, Berlin 2011.

Florian Wiedemann, Universität Zürich

 

Bilder © Florian Wiedemann