{"id":3485,"date":"2022-02-10T14:44:35","date_gmt":"2022-02-10T14:44:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/?p=3485"},"modified":"2022-03-05T21:04:39","modified_gmt":"2022-03-05T21:04:39","slug":"nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/nichts\/","title":{"rendered":"<em>Nichts<\/em> &#8211; Das Ende einer Konsumkultur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\" style=\"font-style:normal;font-weight:700\">In Janne Tellers Roman <em>Intet<\/em>, zu Deutsch <em>Nichts was im Leben wichtig ist<\/em>, erz\u00e4hlt die etwa vierzehn Jahre alte Agnes, was in der fiktiven d\u00e4nischen Kleinstadt T\u00e6ring passiert, als ihr Klassenkamerad Pierre Anthon die Schule verl\u00e4sst und sich dann auf einen Pflaumenbaum setzt, weil nichts von Bedeutung ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Pierre Anthon gik ud af skolen den dag han fandt ud af, at det ikke var v\u00e6rd at g\u00f8re noget n\u00e5r intet alligevel bet\u00f8d noget.<\/p><p>Pierre Anthon verliess an dem Tag die Schule, als er herausfand, dass nichts etwas bedeute und es sich deshalb nicht lohnte, irgendetwas zu tun.<\/p><cite>Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 6.  \/ Teller, Janne. <em>Nichts &#8211; Was im Leben wichtig ist. <\/em>Carl Hanser Verlag, 2010. S. 8.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Agnes und ihre Mitsch\u00fcler:innen versuchen daraufhin Pierre Anthon vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen; sie beginnen in einem alten S\u00e4gewerk der Stadt, Dinge von Bedeutung zu sammeln. Es f\u00e4ngt mit kleineren, f\u00fcr die Klasse entt\u00e4uschend unbedeutsamen Gegenst\u00e4nden an, und entwickelt sich immer mehr zu einem gef\u00e4hrlichen gegenseitigen Rachespiel. Wer selbst bereits eine pers\u00f6nlich bedeutsame Sache abgegeben hat, fordert daraufhin eine:n Klassenkamerad:in auf. Der ,Berg aus Bedeutung\u2018 besteht erst noch aus Objekten, wie einem neuen Rennrad oder einem Gebetsteppich, bald schon finden sich aber auch der abgehackte Zeigefinger eines Gitarrenspielers, die geopferte Unschuld einer Klassenkameradin, dann ein Sarg mitsamt des darin bestatteten Kindes oder auch ein toter Hund unter den ,Opfergaben\u2018.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"616\" height=\"599\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/616px-Boy_Scouts_Pick_Fruit_For_Jam-_Life_on_a_Fruit-picking_Camp_Near_Cambridge_England_UK_1943_D16222-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3521\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/616px-Boy_Scouts_Pick_Fruit_For_Jam-_Life_on_a_Fruit-picking_Camp_Near_Cambridge_England_UK_1943_D16222-1.jpg 616w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/616px-Boy_Scouts_Pick_Fruit_For_Jam-_Life_on_a_Fruit-picking_Camp_Near_Cambridge_England_UK_1943_D16222-1-300x292.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 616px) 100vw, 616px\" \/><figcaption> Ein Junge, vielleicht Pierre Anthon, auf einem Pflaumenbaum. <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Boy_Scouts_Pick_Fruit_For_Jam-_Life_on_a_Fruit-picking_Camp_Near_Cambridge,_England,_UK,_1943_D16222.jpg\">\u201eBoy Scouts Pick Fruit For Jam &#8211; Life on a Fruit-picking Camp Near Cambridge, England, UK 1943\u201c<\/a> von Wildman Shaw im Auftrag des<a href=\"https:\/\/www.iwm.org.uk\/collections\/item\/object\/205200387\"> Imperial War Museums<\/a> lizenziert unter <a href=\"https:\/\/www.iwm.org.uk\/corporate\/policies\/non-commercial-licence\">IWM Non-Commercial Licence<\/a>. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es wird schnell klar: die ,Gr\u00f6sse\u2018 der Opfer w\u00e4chst mit dem Berg. Ein anf\u00e4nglich harmloses Unterfangen einer Gruppe Jugendlicher droht zu eskalieren. Egal was auf den ,Berg aus Bedeutung\u2018 kommt, Agnes und die restlichen Sch\u00fcler:innen k\u00f6nnen Pierre Anthon von dessen \u00dcberzeugung nicht abbringen. Er h\u00e4lt weiter an seiner nihilistischen Aussage fest: \u201eDet er intet der betyder noget, der har jeg vidst i lang tid. S\u00e5 det er ikke v\u00e6rd at g\u00f8re noget, [&#8230;]\u201c<sup><a href=\"#footnote_1_3485\" id=\"identifier_1_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Teller Janne. Intet. Danskl&aelig;rerforeningens Forlag, 2000. S. 5.\">1<\/a><\/sup> (\u201eNichts bedeutet irgendetwas, das weiss ich seit Langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.\u201c)<sup><a href=\"#footnote_2_3485\" id=\"identifier_2_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Teller, Janne. Nichts &ndash; Was im Leben wichtig ist. Carl Hanser Verlag, 2010. S. 7.\">2<\/a><\/sup> F\u00fcr seine Mitsch\u00fcler:innen und deren \u201aBerg aus Bedeutung\u2018 hat er nur Spott \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit wird der Roman in erster Linie als nihilistisches Werk diskutiert (siehe dazu <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2010-08\/janne-teller?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F\">Artikel in <em>Zeit Online<\/em><\/a>). Allerdings hat dieses Buch noch mehr zu bieten, als nur diese eine Betrachtungsweise. In diesem Blogbeitrag dient das Nihilismusmotiv, welches in <em>Nichts<\/em> durch Pierre Anthons Proklamation des totalen Bedeutungsverlusts sowie dem daraufhin entstehenden \u201aBerg aus Bedeutung\u2018 dargestellt wird, als direkter Bezug zu einem weiteren Thema: der Untergang von Konsumkulturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gruppe Jugendlicher in Janne Tellers Roman ist eine Konsumgesellschaft. Allerdings nicht gerade eine im klassischen Sinn, in welcher Waren gekauft, ge- und verbraucht oder verzehrt werden.<sup><a href=\"#footnote_3_3485\" id=\"identifier_3_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Schramm. Manuel. &bdquo;Konsumgeschichte.&rdquo; Docupedia-Zeitgeschichte, vol. 3, 2020. Docupedia, https:\/\/docupedia.de\/zg\/Schramm_konsumgeschichte_v3_de_202. Stand: 10.02.22.\">3<\/a><\/sup> Stattdessen erhofft sich diese jugendliche Konsumgesellschaft, durch ihre Beitr\u00e4ge zum ,Berg aus Bedeutung\u2018, Bedeutung zu generieren oder sich gar zu ,erkaufen\u2018. Einfach gesagt, so folgt diese jugendliche Konsumgesellschaft dem Prinzip: Opfergabe im Austausch gegen Bedeutung. Die Jugendlichen werden zu Bedeutungskonsumenten. Bald wird ihnen jedoch klar, dass die kleinen Opfer wie die kopflose Puppe, das alte Gesangsbuch, der kaputte Kamm oder die tonlose Beatles-Kassette als Bedeutungs-Erzeuger nicht ausreichen:<sup><a href=\"#footnote_4_3485\" id=\"identifier_4_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Teller Janne. Intet. Danskl&aelig;rerforeningens Forlag, 2000. S. 21.\">4<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Dyngen voksede og voksede. [\u2026]. Alligevel var det lidt tyndt med betydningen. Vi vidste jo godt alle sammen at intet af det, vi samlede ind, i virkeligheden bet\u00f8d noget for os, s\u00e5 hvordan skulle vi kunne overbevise Pierre Anthon om at det var noget?&nbsp;<\/p><p>Der Berg wuchs und wuchs. [\u2026]. Allerdings fehlte es ihm an tats\u00e4chlicher Bedeutung. Schliesslich wussten wir doch alle, dass nichts von dem Eingesammelten einem von uns etwas bedeutet. Wie also sollten wir Pierre Anthon damit \u00fcberzeugen?<\/p><cite>Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 22. \/ Teller, Janne. <em>Nichts &#8211; Was im Leben wichtig ist. <\/em>Carl Hanser Verlag, 2010. S. 27.<br><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Schlussfolgerung: es m\u00fcssen gr\u00f6ssere Opfer her. Die Gruppe beschliesst deshalb, solche gegenseitig zu erzwingen: nur noch Dinge, die von tats\u00e4chlicher pers\u00f6nlicher Wichtigkeit sind, sollen geopfert werden \u201eOg s\u00e5 var det at vi blev n\u00f8dt til at indr\u00f8mme at der rent faktisk var nogle ting der bet\u00f8d noget for os, [\u2026].\u201c<sup><a href=\"#footnote_5_3485\" id=\"identifier_5_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Teller Janne. Intet. Danskl&aelig;rerforeningens Forlag, 2000. S. 22\">5<\/a><\/sup> (\u201eUnd da mussten wir schliesslich zugeben, dass es schon Sachen gab, die uns tats\u00e4chlich etwas bedeuteten, [\u2026].\u201c)<sup><a href=\"#footnote_6_3485\" id=\"identifier_6_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Teller, Janne. Nichts &ndash; Was im Leben wichtig ist. Carl Hanser Verlag, 2010. S. 27.\">6<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Um hier anzukn\u00fcpfen m\u00f6chte ich gerne auf einen weiteren interessanten Punkt eingehen. Annette Wannamaker, Professorin f\u00fcr englische Literatur an der Eastern Michigan University, diskutiert in ihrem Artikel \u201eA \u2018Heap of Meaning\u2019: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in Janne Teller\u2019s Y.A. Novel <em>Nothing<\/em>\u201d &nbsp;den Namen des Schauplatzes der Geschichte, T\u00e6ring.<sup><a href=\"#footnote_7_3485\" id=\"identifier_7_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Wannamaker, Annette.&nbsp; &bdquo;A &lsquo;Heap of Meaning&rsquo;: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in Janne Teller&rsquo;s Y.A. Novel Nothing.&rdquo; The Lion and the Unicorn, Bd. 39 Nr. 1, 2015, S. 82-99. &nbsp;Project MUSE, doi:10.1353\/uni.2015.0000. Stand: 10.02.22.\">7<\/a><\/sup> Sie bezieht sich dabei auf eine Bemerkung des \u00dcbersetzers, Martina Aitkin , derzufolge der Begriff T\u00e6aring von dem nicht Eins-zu-Eins \u00fcbersetzbaren d\u00e4nischen Verb ,t\u00e6re\u2018 komme. ,T\u00e6re\u2018bedeutet ungef\u00e4hr \u201e<em>to gradually consume, corrode, or eat through, for example in the way rust may eat through metal<\/em>.\u201c<sup><a href=\"#footnote_8_3485\" id=\"identifier_8_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Wannamaker, Annette.&nbsp; &bdquo;A &lsquo;Heap of Meaning&rsquo;: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in Janne Teller&rsquo;s Y.A. Novel Nothing.&rdquo; The Lion and the Unicorn, Bd. 39 Nr. 1, 2015, S. 82-99. &nbsp;Project MUSE, doi:10.1353\/uni.2015.0000. Stand: 10.02.22. S. 83. Bezug auf: Teller, Janne. Nothing. &Uuml;bs. Martin Aitkin. Antheneum, 2010. S. 229.\">8<\/a><\/sup> Demnach argumentiert Wannamaker, dass die jugendlichen Protagonisten des Romans sich in einer nach und nach zerfallenen und korrodierten Umgebung bewegen.<sup><a href=\"#footnote_9_3485\" id=\"identifier_9_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Wannamaker, Annette.&nbsp; &bdquo;A &lsquo;Heap of Meaning&rsquo;: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in &nbsp; Janne Teller&rsquo;s Y.A. Novel Nothing.&rdquo; The Lion and the Unicorn, Bd. 39 Nr. 1, 2015, S. 82-99. &nbsp;Project MUSE, doi:10.1353\/uni.2015.0000. Stand: 10.02.22. S. 83.\">9<\/a><\/sup> Ziehen wir hier eine direkte Verbindung zur zuvor genannten Konsumgesellschaft, wird schnell klar, dass dieser Prozess des Zerfalls oder der Korrodierung mittels des Opfergaben-Prinzips stattfindet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Janne Teller selbst sagte in einem Interview mit der ZEIT ONLINE:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich finde am wichtigsten, dass Literatur ihre eigene Logik hat.<\/p><cite>Gaschke, Susanne. \u201eLehrer sagten, dieses Buch ist sch\u00e4dlich.\u201d&nbsp; <em>Zeit Online<\/em>, 2010.&nbsp; <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2010-08\/janne-teller?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F\">https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2010-08\/janne-teller?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F<\/a>. Stand: 10.02.22.<br><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In ihrem Werk <em>Nichts<\/em> zeigt sich eine ,Logik der \u00dcberbietung\u2018. Die Jugendlichen versuchen sich gegenseitig in der Schrecklichkeit der von ihnen gew\u00e4hlten Opfer zu \u00fcberbieten. Diese ,\u00dcberbietungslogik\u2018 weist dystopische Z\u00fcge auf, da sie am Ende zur totalen Eskalation und dem darauf folgenden Kollaps der jugendlichen Konsumgesellschaft f\u00fchrt. Pierre Anthon, der den restlichen Jugendlichen unerl\u00e4sslich die Bedeutung ihres erstellten Berges abspricht, wird schliesslich von seinen Klassenkamerad:innen zu Tode gepr\u00fcgelt und der ,Berg aus Bedeutung\u2018 brennt kurz darauf nieder.<sup><a href=\"#footnote_10_3485\" id=\"identifier_10_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Teller Janne. Intet. Danskl&aelig;rerforeningens Forlag, 2000. S. 111 &amp; 112.\">10<\/a><\/sup> Gem\u00e4ss Meurer-Bongardt in \u201eDie Kunst auf einem besch\u00e4digten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als Erz\u00e4hlform des Anthropoz\u00e4ns am Beispiel nordeurop\u00e4ischer Literatur\u201d &nbsp;ist eine Dystopie die \u201eschlechteste aller denkbaren Welten.\u201c<sup><a href=\"#footnote_11_3485\" id=\"identifier_11_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Meurer-Bongardt, Judith. &bdquo;Die Kunst auf einem besch&auml;digten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als Erz&auml;hlform des Anthropoz&auml;ns am Beispiel nordeurop&auml;ischer Literatur.&rdquo; Diegesis, Bd. 9, Nr. 2, Bergische Universit&auml;t Wuppertal, 2020, S. 96-121. S. 101.\">11<\/a><\/sup> Und genau in solch einer denkbar schlechten Welt endet <em>Nichts<\/em>. Eine Welt, in der sich die Aussage von Pierre Anthon, dass nichts von Bedeutung sei, wie ein Virus in den K\u00f6pfen seiner Mitsch\u00fcler:innen festgesetzt hat und sie in die krankhafte, schliesslich katastrophal endende Suche nach Bedeutung treibt. <em>Nichts <\/em>widerspiegelt zudem, zu einem gewissen Grad, was Meuer-Bongardt als \u201eanthropoz\u00e4nes Bewusstsein\u201c eines dystopischen Romans bezeichnet.<sup><a href=\"#footnote_12_3485\" id=\"identifier_12_3485\" class=\"footnote-link footnote-identifier-link\" title=\"Meurer-Bongardt, Judith. &bdquo;Die Kunst auf einem besch&auml;digten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als Erz&auml;hlform des Anthropoz&auml;ns am Beispiel nordeurop&auml;ischer Literatur.&rdquo; Diegesis, Bd. 9, Nr. 2, Bergische Universit&auml;t Wuppertal, 2020, S. 96-121. S. 116.\">12<\/a><\/sup> Von <em>Brave New World<\/em> und <em>Nineteen-Eighty-Four<\/em> \u00fcber <em>Mad Max<\/em> bis hin zu N. K. Jemisins <em>The Fifth Season<\/em> und jetzt <em>Nichts<\/em>? Warum faszinieren uns dystopische Erz\u00e4hlungen so sehr? Was macht sie wichtig? Judith Meurer-Bongardt befasst sich genau mit diesem Thema. Ihr zufolge hat das mit unserem Zeitalter, dem Anthropoz\u00e4n zu tun:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>[\u2026] Dystopischer Literatur ist ein Oszillieren zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu eigen, womit neue Perspektiven er\u00f6ffnet und damit auch alternative Formen des Miteinanders hervorgebracht werden k\u00f6nnen. Gerade die Verbindung zwischen Gesellschaftskritik und utopischem M\u00f6glichkeitsdenken macht die [\u2026] Dystopie zu einer popul\u00e4ren Gattung in Zeiten radikalen Wandels.<\/p><cite>Meurer-Bongardt, Judith. \u201eDie Kunst auf einem besch\u00e4digten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als Erz\u00e4hlform des Anthropoz\u00e4ns am Beispiel nordeurop\u00e4ischer Literatur.\u201d <em>Diegesis<\/em>, Bd. 9, Nr. 2, Bergische Universit\u00e4t Wuppertal, 2020, S. 96-121. S. 98.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die jugendliche Konsumgesellschaft im Zentrum des Werks wird also gewissermassen durch das Anthropoz\u00e4n gen\u00e4hrt. Mit ihrer ,\u00dcberbietungslogik\u2018, den damit verbundenen Opfergaben&nbsp; und dem daraus entstehenden ,Berg aus Bedeutung\u2018, richten die Jugendlichen am Ende eine Zerst\u00f6rung an. Sie scheitern in ihrer Suche nach Bedeutung, der Berg brennt ab, der Sch\u00f6pfer des ,Virus\u2018 wird ausgel\u00f6scht und die Sch\u00fcler:innen gehen ihre getrennten Wege. \u00dcbrig bleibt lediglich ein Haufen Asche, eine Verw\u00fcstung, die einer dystopischen Welt auffallend \u00e4hnlich scheint:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Vi brugte &nbsp;h\u00e6nderne til at skovle asken sammen med. Beholderne blev lukket omhyggeligt til over den gr\u00e5lige masse der var alt hvad vi havde tilbage af betydningen.<\/p><p>Zum Schaufeln der Asche benutzten wir die H\u00e4nde. Die Beh\u00e4ltnisse wurden sorgf\u00e4ltig \u00fcber der gr\u00e4ulichen Masse verschlossen, dem, was uns von der Bedeutung geblieben war.<\/p><cite>Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 115.&nbsp;\/ Teller, Janne. <em>Nichts &#8211; Was im Leben wichtig ist. <\/em>Carl Hanser Verlag, 2010. S. 139<br><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"533\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/White_Desert_Rock_formations_in_desert_landscape_2_Egypt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3502\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/White_Desert_Rock_formations_in_desert_landscape_2_Egypt.jpg 800w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/White_Desert_Rock_formations_in_desert_landscape_2_Egypt-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/files\/2022\/02\/White_Desert_Rock_formations_in_desert_landscape_2_Egypt-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Eine W\u00fcste als Sinnbild der Dystopie. <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:White_Desert,_Rock_formations_in_desert_landscape_2,_Egypt.jpg\">White Desert, Rock formations in desert landscape 2, Egypt<\/a> von <a href=\"http:\/\/www.vascoplanet.com\/\">Vyacheslav Argenberg<\/a> lizenziert unter <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0\/deed.en\">CC BY 4.0<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Nothing_is_nothing.jpg\">\u201eNothing is nothing\u201c<\/a> von <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/people\/53611153@N00\">Darwin Bell<\/a> lizenziert unter&nbsp; <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/\">CC BY 2.0<\/a>, via <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Hauptseite\">Wikimedia Commons<\/a>.<\/p>\n<ol class=\"footnotes\"><li id=\"footnote_1_3485\" class=\"footnote\">Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 5.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_1_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_2_3485\" class=\"footnote\">Teller, Janne. <em>Nichts &#8211; Was im Leben wichtig ist. <\/em>Carl Hanser Verlag, 2010. S. 7.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_2_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_3_3485\" class=\"footnote\">Schramm. Manuel. \u201eKonsumgeschichte.\u201d <em>Docupedia-Zeitgeschichte<\/em>, vol. 3, 2020. <em>Docupedia<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.docupedia.de\/zg\/Schramm_konsumgeschichte_v3_de_2020\">https:\/\/docupedia.de\/zg\/Schramm_konsumgeschichte_v3_de_202<\/a>. Stand: 10.02.22.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_3_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_4_3485\" class=\"footnote\">Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 21.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_4_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_5_3485\" class=\"footnote\">Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 22 <span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_5_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_6_3485\" class=\"footnote\">Teller, Janne. <em>Nichts &#8211; Was im Leben wichtig ist. <\/em>Carl Hanser Verlag, 2010. S. 27.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_6_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_7_3485\" class=\"footnote\">Wannamaker, Annette.&nbsp; \u201eA \u2018Heap of Meaning\u2019: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in Janne Teller\u2019s Y.A. Novel <em>Nothing<\/em>.\u201d <em>The Lion and the Unicorn<\/em>, Bd. 39 Nr. 1, 2015, S. 82-99. &nbsp;<em>Project MUSE<\/em>, <a href=\"http:\/\/doi.org\/10.1353\/uni.2015.0000\">doi:10.1353\/uni.2015.0000<\/a>. Stand: 10.02.22. <span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_7_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_8_3485\" class=\"footnote\">Wannamaker, Annette.&nbsp; \u201eA \u2018Heap of Meaning\u2019: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in Janne Teller\u2019s Y.A. Novel <em>Nothing<\/em>.\u201d <em>The Lion and the Unicorn<\/em>, Bd. 39 Nr. 1, 2015, S. 82-99. &nbsp;<em>Project MUSE<\/em>, <a href=\"http:\/\/doi.org\/10.1353\/uni.2015.0000\">doi:10.1353\/uni.2015.0000<\/a>. Stand: 10.02.22. S. 83. Bezug auf: Teller, Janne. <em>Nothing<\/em>. \u00dcbs. Martin Aitkin. Antheneum, 2010. S. 229.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_8_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_9_3485\" class=\"footnote\">Wannamaker, Annette.&nbsp; \u201eA \u2018Heap of Meaning\u2019: Objects, Aesthetics and the Posthuman Child in &nbsp; Janne Teller\u2019s Y.A. Novel <em>Nothing<\/em>.\u201d <em>The Lion and the Unicorn<\/em>, Bd. 39 Nr. 1, 2015, S. 82-99. &nbsp;<em>Project MUSE<\/em>, <a href=\"http:\/\/doi.org\/10.1353\/uni.2015.0000\">doi:10.1353\/uni.2015.0000<\/a>. Stand: 10.02.22. S. 83.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_9_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_10_3485\" class=\"footnote\">Teller Janne. <em>Intet. <\/em>Danskl\u00e6rerforeningens Forlag, 2000. S. 111 &amp; 112.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_10_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_11_3485\" class=\"footnote\">Meurer-Bongardt, Judith. \u201eDie Kunst auf einem besch\u00e4digten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als Erz\u00e4hlform des Anthropoz\u00e4ns am Beispiel nordeurop\u00e4ischer Literatur.\u201d <em>Diegesis<\/em>, Bd. 9, Nr. 2, Bergische Universit\u00e4t Wuppertal, 2020, S. 96-121. S. 101.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_11_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><li id=\"footnote_12_3485\" class=\"footnote\">Meurer-Bongardt, Judith. \u201eDie Kunst auf einem besch\u00e4digten Planeten zu leben. Der dystopische Roman als Erz\u00e4hlform des Anthropoz\u00e4ns am Beispiel nordeurop\u00e4ischer Literatur.\u201d <em>Diegesis<\/em>, Bd. 9, Nr. 2, Bergische Universit\u00e4t Wuppertal, 2020, S. 96-121. S. 116.<span class=\"footnote-back-link-wrapper\"> [<a href=\"#identifier_12_3485\" class=\"footnote-link footnote-back-link\">&#8617;<\/a>]<\/span><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Janne Tellers Roman \u201eIntet\u201c, ein ersch\u00fctterndes Werk \u00fcber die verzweifelte Suche nach Bedeutung, welche im Totalkollaps einer jugendlichen Konsumgesellschaft endet. Weist der Roman vielleicht sogar dystopische Z\u00fcge auf? Finde es in diesem Blogbeitrag heraus\u2026<\/p>\n<p> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/nichts\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":636,"featured_media":3505,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,88,90],"tags":[164,161,162,155,163,160],"class_list":{"0":"post-3485","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-blogposts","8":"category-literature","9":"category-society","10":"tag-anthropozaen","11":"tag-dystopie","12":"tag-kollaps","13":"tag-konsumgesellschaft","14":"tag-kosumkultur","15":"tag-virus"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3485","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/636"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3485"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3485\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4090,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3485\/revisions\/4090"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3505"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3485"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/skandinavischekonsumkulturen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}